Als der Tsunami kam

Online seit dem 02.09.2012

August van Ryn wurde im Mai 1890 in den Niederlanden geboren und wanderte als junger Mann nach Amerika aus. Dort bekehrte er sich im Alter von 20 Jahren. Bereits fünf Jahre später wurde er vollzeitig tätig im Dienst für seinen Herrn. Er verkündigte unter großem Segen das Evangelium und unterwies Gläubige in ganz Amerika. 14 Jahre lang arbeitete er auch auf den Bahamas und den umliegenden Inseln, wo er auch seine Frau Persis Melrose Roberts kennenlernte, mit der er fünf Kinder bekam. Er schrieb viele Bücher, Artikel und Traktate. Am 24.02.1982 ging er in Frieden heim zu seinem Herrn.

Bruder van Ryn hatte eine sehr gute Kenntnis des Wortes Gottes. Da er in jüngeren Jahren befürchten musste, sein Augenlicht zu verlieren, lernte er das ganze Neue Testament und große Teile des Alten Testamentes auswendig. Seiner Meinung nach kostet das Auswendiglernen nicht besonders viel Zeit, da man die oftmals ungenutzten zeitlichen Freiräume (wie Busfahrten etc.) gut dafür verwenden und sich den häufigen Gang zur Konkordanz ersparen kann.

Nun aber zu dem Tsunami-Bericht, der frei übersetzt wurde aus der Autobiografie von August van Ryn („60 Years In His Service“). Die van Ryns erlebten den Tsunami im Jahr 1926 in Marsh Harbour, einer Stadt auf der Insel Abaco, die zu den Bahamas gehört.

Wir hatten wunderbares Wetter im Oktober, so wie es gewöhnlich der Fall auf diesen Inseln ist. Der Abend, bevor alles zerstört wurde, war ein netter, ruhiger Abend. Wir hatten einige Freunde zu Besuch, und als wir zum wunderschönen Vollmond hochschauten und die sanfte Brise des Ozeans spürten, sagten wir zueinander: ,,Heute Nacht wird es bestimmt keinen Hurrikan geben.“ Denn durch irgendjemand hatten wir gehört, dass ein Hurrikan im Anmarsch sei. Wir gingen ruhig zu Bett – wurden jedoch vom Rauschen des Windes gegen Mitternacht aufgeweckt, als die Naturgewalt auf unsere Stadt zurollte. Die Windstärke nahm immer mehr zu, bis der Hurrikan beinahe 130km/h erreicht hatte, wie wir später erfahren sollten. Unser Haus war stabil gebaut (ich hatte es mit meinen eigenen Händen errichtet und wusste, dass es solide war und ein gutes Fundament hatte, so wie fast alle Häuser in der Stadt). Die Leute dort waren an Hurrikans gewöhnt und bauten deshalb ihre Häuser stabil und sicher auf guten, starken Fundamenten. Normalerweise bringt ein Hurrikan immer viel Regen mit sich, und als der Sturm in dieser Nacht anschwoll, peitschte er den Regen durch unser Dach, sodass der oberste Flur und anschließend auch die Räume darunter komplett durchnässt wurden, so dass ich einen Großteil der Nacht damit verbrachte zu retten, was zu retten war. Doch das Haus stand fest.

Morgens erlebten wir eine totale Stille. Es war ein wirklich unheimliches Gefühl – diese völlige Stille nur Sekunden nach diesem tobenden Sturm. Ich sagte zu meinem Schwiegervater, der sein ganzes Leben auf dieser Insel gelebt hatte: ,,Was bedeutet diese plötzliche Stille?“ Und er antwortete: ,,Es bedeutet, dass wir nun genau im Mittelpunkt – im Auge des Sturms – sind. Er bewegt sich ungefähr mit 10km/h oder so vorwärts, und in ein paar Minuten wird er zurückkehren, und zwar aus der entgegengesetzten Richtung.“ Dann sagte ich zu ihm: ,,Wenn der Sturm zurückkehrt, wird er diesmal vom Ozean her kommen (denn bisher kam er vom Land); wird er nicht das Meer mit sich bringen?“ ,,Ach nein,“ antwortete er, ,,wir haben bisher noch nie eine große Überschwemmung erlebt; vielleicht wird es ein paar Zentimeter Wasser geben, aber nicht mehr.“ Doch diesmal sollte er Unrecht behalten. Er hatte bisher noch nie eine Flutwelle kennengelernt, doch an diesem Morgen erlebten wir alle eine.

Unser Haus war nahe am Wasser gebaut, zwar nicht am Meer selbst, aber an einigen Zuflüssen, die zum nur etwa 3 km entfernten Ozean führten. Eben von dort – vom Atlantik her – kam die Flutwelle angerollt und erreichte schließlich unsere Stadt, wie eine Wand aus Wasser, ungefähr 1,80 m hoch. Sie klatschte gegen unser Haus, drängte durch die Haustür und die Fenster und riss einen Anbau des Hauses mit sich fort, den ich erst vor Kurzem gebaut hatte. Nun stand das Wasser ungefähr 60 bis 80 cm in unserem Wohnzimmer. Es war zu tief für uns, um mit unseren kleinen Kindern dort zu bleiben, also gingen wir zusammen auf die Treppe, die in den ersten Stock führte. Da waren wir nun mit unseren vier kleinen Kindern und wussten nicht, was wir tun sollten; doch wir konnten beten und das taten wir auch.

Ich hatte mir das Baby, Pearl Eleanor, aus den Armen einer jungen Frau genommen, die zu dieser Zeit bei uns wohnte, während die anderen drei Kinder zwischen uns standen. Und dann, nur einige Minuten später, brach die wirkliche Flutwelle über uns zusammen. Wir konnten das gefährliche Brausen hören, bevor wir sie überhaupt sahen. Es war eine Wand aus Wasser, die sich etwa sechs Meter hoch vor uns auftürmte. Als meine Frau und ich sahen, wie sie auf uns und unser Heim herunterstürzte, gaben wir uns einen Kuss, und ich sagte zu ihr: „Mach's gut Liebling, wir werden uns in der Herrlichkeit wiedersehen.“ Das war alles, was wir in diesem Moment erwarteten; es schien unmöglich, dass irgendeiner von uns dem Tod entrinnen konnte. Die Welle brach über dem Haus zusammen und zerfetzte es in kleine Stücke. Ich selbst wurde anscheinend durch das Glasfenster bei der Treppe, an der wir standen, geworfen, denn meine Beine wiesen tiefe Schnittwunden auf. Ich erlangte das Bewusstsein wieder, als ich auf einem Stück der Trümmer lag. Offenbar war ich ohnmächtig geworden – und hatte unser geliebtes Baby verloren. Als ich wieder zu Bewusstsein kam, sah ich meine Frau in den tobenden Fluten außerhalb des Hauses, die drei Kinder an sie geklammert. Meine Frau hielt sich an Trümmern und Wrackteilen von Häusern und Booten fest, die um sie herumschwammen. Gott sei Dank; sie waren alle am Leben und schienen unverletzt! Ich ließ mich von dem Trümmerstück gleiten, auf dem ich lag, und wurde von der vom Wind aufgepeitschten See zu ihr getragen – endlich waren wir wieder zusammen.

Dann versuchten wir, so gut wie wir konnten, die Kinder zwischen uns zu bringen. Es ist faszinierend, wie locker Kinder mit einem solchen Unglück umgehen können. Solange wir mit ihnen zusammen waren, wurden sie nicht ein kleines bisschen panisch. Als ich mich später daran erinnerte, wurde mir klar, wie viel mehr wir eigentlich unserem himmlischen Vater vertrauen sollten. Ich betete laut, als wir hin und her geworfen wurden, dass es Gott doch gefallen möge, uns zu verschonen, und wir dankten ihm dafür, wie wunderbar Er uns bis dahin bewahrt hatte. Ich betete, dass es doch vielleicht sein Wille sein würde, uns sicher hindurch zu bringen. Gerade als ich das Gebet beendet hatte, wurde das Dach eines Hauses an uns vorbei geschwemmt. Die Dachsparren des ersten Stocks waren freigelegt – deshalb hob ich ein Kind nach dem anderen darauf und wies sie an, sich flach hinzulegen. Auf diese Weise brachte ich sie mehr oder weniger in Sicherheit vor den ganzen Trümmern, die herumflogen.

Da nun weniger Gefahr bestand, zu ertrinken, fühlten wir uns alle etwas sicherer. Und so sagte unsere älteste Tochter Lorraine: ,,Daddy, bete nochmal, der Herr hat uns diesmal erhört.“ Kurze Zeit später, als wir eigentlich immer noch in Gefahr waren, sagte Elliot: ,,Daddy, wo wirst du das Haus das nächste Mal bauen?“ Kinder werden nicht so schnell entmutigt!

Als wir nun unter dem Dach dieses weggeschwemmten Hauses lagen, merkte ich, wie schlimm die Schnitte in meinem Bein tatsächlich waren. Ich blutete stark; wahrscheinlich waren die heftig blutenden Wunden schuld, dass ich vorher das Bewusstsein verloren hatte. Meine Frau riss ihren Unterrock ab und band ihn so eng wie möglich um mein Bein, um den Blutverlust zu stoppen. Später waren 38 Stiche nötig, um die Schnittwunden zu nähen. Nach einiger Zeit schwemmte der starke Sturm die Trümmer, auf denen wir lagen, auf einige höher gelegene Ebenen und das Dach setzte sich inmitten einer steilen Hügelseite und anderen Trümmern fest.

Während wir zwischen den Dachbalken gefangen waren und hin und her geworfen wurden, begann die Flutwelle weiter zu steigen und wir mussten vom niedrigeren Ende des Daches bis hin zum höheren Ende kriechen, um unsere Köpfe und die unserer Kinder über Wasser halten zu können. Schließlich mussten wir die Köpfe der Kleinen so hoch halten, dass sie direkt unter dem Dach waren und es machte den Anschein, als ob wir jeden Augenblick ertrinken würden. Und dann, als es am Schlimmsten war, hörten wir einen unglaublichen Krach und das Obergeschoss des Hauses meines Schwiegervaters (worin sich die Mutter meiner Frau noch befand) knallte auf das Dach, worunter wir uns befanden. Das Dach brach auseinander und so wurde es uns möglich, heraus zu krabbeln. Jetzt verstanden wir, warum das Wasser ansteigen und uns dazu bringen musste, uns zu dem höheren Ende zu begeben. Wären wir am anderen Ende geblieben, wären wir alle zu Tode gequetscht worden, denn das Haus über uns presste das Dach zusammen, unter dem wir gewesen waren. Mit Erstaunen und Freude begriffen wir an diesem Morgen, dass unser Gott uns zwei Mal vor dem Tod bewahrt hatte – erst vor der See, und nun auf dem Land. Wie haben wir seinen herrlichen Namen gepriesen – damals und auch später noch!

Unsere geliebten Kinder hatten noch nicht einmal eine Prellung abbekommen, doch meine Frau und ich waren damit von Kopf bis Fuß damit bedeckt. Wir hatten die Kinder zwischen uns gehalten, um sie vor jeglicher Gefahr zu schützen. Wir sagen das nicht aus Stolz, sondern in demütiger Dankbarkeit zu unserem Gott.

Bekanntermaßen weichen diese Flutwellen nach einiger Zeit dahin zurück, wo sie hergekommen sind und bringen meistens einen starken Sog mit sich. Diese Flutwelle nun nahm jedes bisschen Besitz mit sich, das wir jemals gehabt hatten; wir sahen niemals auch nur ein Stück davon wieder. Ich hatte das Haus gebaut, hatte Wochen damit verbracht es um- und Teile anzubauen, und nun verschwand alles in zusammengerechnet nur 15 Sekunden!

Diese ungeheuerliche Erfahrung hinterließ einen starken Eindruck auf meine Frau und mich und brachte uns einen reichen geistlichen Segen. Wenn alles, was du jemals besessen hast, in weniger als 15 Sekunden von dir genommen wird (oder du im Fall deines Todes davon weggenommen wirst), was bringt es dir dann, dein Herz an irdische Sachen zu hängen? Wir beschlossen damals – und haben uns seitdem mit seiner Hilfe bemüht, es immer wieder zu tun – mit der Ewigkeit im Blick zu leben und unsere Gedanken auf die himmlischen Dinge zu richten, dort, wo Christus zur Rechten des Vaters sitzt. Natürlich empfanden wir tief den Verlust unserer geliebten Tochter Pearl Eleanor, aber dennoch ist uns all dieses im geistlichen Sinn reichlich zum Segen geworden. Gott hat uns auch die folgenden Jahre auf vielfältige Weise gesegnet. Unser Gott möchte, dass wir unsere Lektionen nicht nur anhand der Bibel, sondern auch durch persönliche Erfahrungen lernen, damit wir wissen, dass es tatsächlich wahr ist, wenn Gott sagt, dass denen, die ihn lieben „alle Dinge zum Guten mitwirken“ (Rö 8,28).

Es ist schon mal gesagt worden, dass das einzig „Materielle“, das du in den Himmel mitnehmen kannst, dein Kind ist. Also zahlt es sich aus, wenn du großzügig in deine Familie investierst und dafür „sorgst“, dass sie die Ewigkeit mit Gott und mit dir verbringen. Wir werden unser geliebtes Baby einmal wiedersehen – in seiner Gegenwart. So versäume es nicht, dein Geld, sowie auch dein Leben und deine Talente, für seinen Dienst zur Verfügung zu stellen. Gottes Wort sagt in Matthäus 6, dass wir uns Schätze im Himmel sammeln sollen, wo weder Motte noch Rost sie zerstören, noch Diebe einbrechen und stehlen ... Die Belohnung wird himmlischer Natur sein – reiche, ewige, tiefe Freude und Ehre und Herrlichkeit. Gott zahlt enorme Zinsen bei Investitionen in seine Bank – hundertfältig. Aber, wie wir bereits gesagt haben, gibt es einen „materiellen“ Schatz auf Erden – deine Kinder. Du kannst ihre Freude im Himmel einmal erleben, wenn du ihnen schon hier auf der Erde den Herrn Jesus vorstellst. Dann werden sie Ihn nach und nach kennen und lieben lernen und in der Zukunft bei Ihm im Himmel sein.

August van Ryn