Der Prophet Haggai - Kapitel 1

Online seit dem 18.12.2012, Bibelstellen: Haggai 1

„Die Zeit ist nicht gekommen, die Zeit, dass das Haus des HERRN gebaut werde.“ Das waren die Überlegungen des Volkes in dem Augenblick, als Haggai zu ihm gesandt wurde (Hag 1,2). Wozu all diese Arbeit, die doch zwecklos ist? Ach, wie oft hört man solche Worte unter den Christen! Sogar diejenigen, die einmal Hand ans Werk gelegt haben, halten ihre Bemühungen für überflüssig. Diese Mutlosigkeit hat ihre Ursachen in unserer Furcht und in unserer Unfähigkeit, die durch die Macht des Feindes aufgebauten Hindernisse zu überwinden. Doch fragen wir uns einmal: Ist diese Mutlosigkeit im Grunde nicht eine Beleidigung für die Macht und Treue unseres Gottes?

Aber der Prophet zeigt uns auch, dass die Mutlosigkeit eigentlich nur ein Vorwand war. Dahinter verbarg sich ein Grundsatz, den der Überrest wohl kaum ahnte, oder dessen ernste Bedeutung er nicht kannte: Selbstsucht und Weltlichkeit. „Ist es für euch selbst Zeit, in euren getäfelten Häusern zu wohnen, während dieses Haus wüst liegt?“ (Hag 1,4). Das Volk Gottes schätzte seine eigenen Angelegenheiten höher als die des Hauses des HERRN. Sie richteten sich bequem ein, lebten im Luxus, indem sie ihre Häuser täfelten – und die Sache des Tempels wurde völlig in den Hintergrund gedrängt.

Kaum sind die Grundlagen gelegt, kehren auch wir, unserer natürlichen Neigung folgend, zu unseren Häusern zurück und denken nur noch daran, dort einen Ruheplatz für uns und die Unsrigen zu finden. Wir hatten in der Nachfolge Dessen begonnen, der hier keinen Platz fand, wo Er Sein Haupt hinlegen konnte – und jetzt behandeln wir Ihn als einen Fremden und räumen Ihm kaum noch einen Platz in der Mitte derer ein, die Er errettet und aus denen Er Sein Haus gebildet hat. Ach, der Eifer um das Haus Gottes hat uns nicht verzehrt, wie es bei Ihm einst der Fall war! Wir lieben die Bequemlichkeit unserer getäfelten Häuser. Aber damit erniedrigen wir, die wir Himmelsbürger sind, uns auf die Ebene derer, „die auf der Erde wohnen“!

Wie ernst und beachtenswert ist das Wort: „Richtet euer Herz auf eure Wege!“ (Hag 1,5). Fünfmal wird es in dieser kurzen Prophezeiung wiederholt. Ja, stehen auch wir einmal still, um über unsere Wege nachzudenken, betrachten wir ihre Folgen. Diese Folgen sind Züchtigungen seitens des Herrn wegen unseres Egoismus und unserer Weltförmigkeit: „Ihr habt viel gesät und wenig eingebracht; ihr esst, aber nicht zur Sättigung; ihr trinkt, aber nicht zur Genüge; ihr kleidet euch, aber es wird keinem warm; und der Lohnarbeiter erwirbt Lohn für einen durchlöcherten Beutel“ (Hag 1,6).

Denken wir an die Worte, die Vorträge, die weite Verbreitung von Wahrheiten zu der Zeit zurück, als Gott uns in Seiner Gnade wieder am Tisch des Herrn vereinte! Wie vermehrte sich der Same unter unseren Händen! Und jetzt, in der Zeit der Ernte – wo finden sich Scheunen, die sich unter der Last des Getreides biegen? „Ihr habt wenig eingebracht!“ War der Same mangelhaft? Nein, der Fehler lag bei uns!

Doch die Züchtigung Gottes trifft nicht nur unser Werk; sie trifft uns auch persönlich. „Ihr trinkt, aber nicht zur Genüge.“ Vielleicht beschäftigen wir uns viel mit dem Wort Gottes. Wie viele interessante Fragen sind doch aufgeklärt, wie viele Schwierigkeiten gelöst, wie viele Lehren begründet und erlernt worden! Findet sich dort nichts zur Erfrischung unserer Herzen? Nein, das Herz bleibt dürr, und wir trinken weiter, ohne unseren Durst zu stillen. Aber die Züchtigung geht noch weiter: Obwohl etwas da ist, um sich damit zu bekleiden, „wird es keinem warm“. Wir bleiben kalt. Und im Hinblick auf die Schätze, die wir für uns selbst sammeln, rinnt die Frucht der Arbeit schließlich durch die Löcher des Beutels, ohne etwas darin zurückzulassen!

„So spricht der HERR der Heerscharen: Richtet euer Herz auf eure Wege! Steigt auf das Gebirge und bringt Holz herbei und baut das Haus, so werde ich Wohlgefallen daran haben und verherrlicht werden, spricht der HERR. Ihr habt nach vielem ausgeschaut, und siehe, es wurde wenig; und brachtet ihr es heim, so blies ich hinein. Weshalb das? spricht der HERR der Heerscharen. Wegen meines Hauses, das wüst liegt, während ihr lauft, jeder für sein eigenes Haus“ (Hag 1,7–9).

Ja, richten wir zum zweiten Mal unser Herz auf unsere Wege! Die Gott wohlgefällige Arbeit besteht darin, lebendiges Material zu Seinem Haus herbeizubringen. Aber der Überrest war nicht auf diese Arbeit allein bedacht gewesen. Er hatte versucht, zwei unvereinbare Dinge miteinander zu verbinden: die Arbeit am Haus Gottes und die Befriedigung der eigenen Interessen. „Ihr lauft, jeder für sein eigenes Haus.“ Diese Dinge ließen sich nicht vereinen. Bei einer falschen Verbindung leidet stets die Seite Gottes. Sie hatten nach vielem ausgeschaut, aber es wurde wenig, und in das Wenige, das sie heimbrachten, hatte Er, der keine geteilten Herzen haben will, „geblasen“, sodass es zu nichts wurde.

Ist es nicht beachtenswert, dass die Welt, die sich so beeilte, ihrer Arbeit für Gott Hindernisse in den Weg zu legen, nicht den geringsten Widerstand leistete, als sie ein jeder für sein eigenes Haus liefen? Satan ist ein Feind, der in seinem Hass sehr klar sieht. Er weiß wohl, dass ein Werk, das mit geteilten Herzen betrieben wird, nicht gedeihen kann.

Doch durch die Gnade Gottes hörten die Anführer des Volkes auf die Botschaft Haggais, und das Volk fürchtete sich vor dem HERRN (Hag 1,12–15). Der Ruf: „Richtet euer Herz auf eure Wege!“ hat in dem Gewissen Israels ein Echo gefunden. Möchte das auch bei uns so sein!

Das Ergebnis dieses Aufwachens lässt nicht lange auf sich warten. Gott Selbst gibt denen, die sich für den Weg des Gehorsams entscheiden, Mut zu den ersten Schritten. „Ich bin mit euch“, sagt Er. Es gibt nichts Ergreifenderes und Ermutigenderes als dieses: „Ich bin mit euch.“ Die Befürchtungen vieler verschwinden, und ihre Seelen werden sich der Tatsache bewusst, dass der Herr Aufrichtigkeit hoch einschätzt und Wohlgefallen daran findet. Sie empfangen das Zeugnis, Gott wohlzugefallen. Als Lohn für den Eifer einzelner zeigt sich dann ein allgemeines Aufwachen. „Sie kamen und arbeiteten am Haus des HERRN der Heerscharen.“

Henri Rossier