Brief eines alten Jüngers

Online seit dem 10.11.2019, Bibelstellen: Matthäus 26,41

Brief eines alten Jüngers an eine junge Schwester im Herrn

Ich habe deine freundliche und liebe Notiz erhalten. Sie war mir sehr willkommen. Und jetzt möchte ich dir meine Bereitschaft zeigen, auf deine Bitte zu antworten, obwohl ich absolut kein Briefeschreiber bin. Aber ich habe den Herrn gebeten, mir ein Wort für dich zu geben, und er enttäuscht uns nie. Und doch bin ich so arm und schwach, dass, obwohl er mir in seiner Gnade ein Wort geben und mir einen schönen und nützlichen Gedanken der Wahrheit vorstellen mag, ich es doch vielleicht in den Einzelheiten verderbe.

Das Fleisch versucht immer einzudringen, und wenn wir zulassen, dass es hereinkommt und zeigt, was es sagen und tun kann, dann wird das gute Werk des Geistes Schaden nehmen. Deswegen, meine liebe junge Schwester, sind ständige Wachsamkeit und Gebet so wichtig.

Jesus, unser guter Herr, ist unser vollkommenes Vorbild darin – er wachte und betete, als die tiefen und dunklen Schatten von Golgatha ihn umnachteten. Er entfernte sich von seinen Jüngern, als „er sowohl  Bitten als Flehen dem, der ihn aus dem Tod zu erretten vermochte, mit starkem Geschrei und Tränen dargebracht hat, (und um seiner Frömmigkeit willen erhört worden ist)“ [Heb 5,7].

In Wachsamkeit sah er im Voraus alles, was kommen würde. Im Gebet ging er im Geist mit seinem Vater durch alles das hindurch, bevor es kam. Als dann die tiefe Versuchung tatsächlich kam, war er vollkommen darauf vorbereitet, da er schon im Vorhinein durch alles in tiefer und gesegneter Gemeinschaft mit seinem Vater hindurchgegangen war.

Daher auch die Stille der Seele, die er in der Gegenwart seiner Feinde offenbarte. Mit welch außergewöhnlicher Würde begegnet er Judas, den Soldaten, Männern, Hohenpriestern, Volksmengen usw. Mit der ruhigen Tapferkeit dessen, der in Wahrheit sagen konnte: „Nicht mein Wille, sondern der deine geschehe“, und der allein die Verherrlichung seines Vaters suchte, konnte er sagen: „Wen sucht ihr?“ – „Ich bin’s.“ Welch eine Majestät, welch ein heiliger Mut, verbunden mit einfältiger, kindlicher Abhängigkeit von seinem Vater im Himmel.

Je tiefer die Erprobung, je dichter die Finsternis, je schwerer die Leiden, umso tiefer ist seine Unterordnung unter den Willen des Vaters und umso völliger ist er auf ihn geworfen. Die Verherrlichung des Vaters und die Errettung der Kinder behielt er völlig im Blick. Und das ließ ihn über die Stunde und die Gewalt der Finsternis hinausblicken zu „dem Morgen ohne Wolken“ [vgl. 2. Sam 23,4], wenn die unzählbare Schar erlöster Herzen sich um seine herrliche Person scharen wird und mit vollkommener Liebe und endloser Freude in dem ewigen Glanz der Herrlichkeit des Vaters seinen ewig herrlichen Namen erheben wird.

Dies, mein liebes Kind in dem Evangelium, ist dein einziges sicheres und vollkommenes Vorbild, auf Jesus zu schauen, egal ob Freude oder Kummer vor dir liegt. Bevor es tatsächlich kommt, versuche in der Stille mit dem Herrn durch alles hindurchzugehen, damit du, wenn du die Szene betreten musst, nicht überrascht wirst, sondern auf alles gefasst bist. Wenn du im Geist mit dem Herrn im Verborgenen schon alles durchgegangen bist, wird er in der Öffentlichkeit bei dir sein und dich hindurchtragen zu seiner Ehre. Und um mehr brauchst du dich nicht zu kümmern.

Lies als Erstes die Szene im Garten Gethsemane, wie sie in Matthäus, Markus und Lukas beschrieben ist, und nimm dann Johannes hinzu. Als Christus wachte und betete, schliefen die Jünger. Welch eine Lektion! Schläfrigkeit und Selbstvertrauen kennzeichneten den kühnen Petrus. Vollkommene Unterordnung unter Gott und einfältige Abhängigkeit von ihm kennzeichneten den abhängigen „Sohn des Menschen“. Doch als die Stunde der Anfechtung kam, wer stand im Kampf allein da? Die, die nicht gewacht und gebetet hatten, waren unvorbereitet; daher verließen sie ihn alle und flohen. Vom Volk war keiner bei ihm. Welch eine praktische Lektion lernen wir hier!

Jetzt möchte ich dich, meine „Einjährige“, fragen: Hast du gelernt (wenn du weißt, fühlst oder fürchtest, dass irgendeine Versuchung oder Schwierigkeit auf dich zukommt), ins stille Kämmerlein zu gehen und die Sache vor dem Herrn auszubreiten und dann in wahrer und gesegneter Gemeinschaft mit ihm alles zu überdenken und durchzugehen, um ihn so durch Gebet und Wachen zu ehren, in dem Bewusstsein, dass er dich, seine von ihm Abhängige, ehren wird, wenn die Schwierigkeit kommt, oder dass er sie sogar völlig von dir fernhalten wird? – Ach, wie anders wären unser Wandel und unser Zeugnis, unsere praktische Darstellung Christi, wenn wir so wachen und beten würden. Möge der wunderbare Herr selbst dich durch seinen guten Geist lehren, meine liebe junge Christin. Denn ich schäme mich ein wenig, über Dinge zu schreiben, die ich selbst so wenig verwirklicht habe. Doch der Herr ist sehr geduldig, er hat mich lange ertragen. Ich weiß, und es ist eine herrliche Sache, zu wissen, dass sein kostbares Blut von aller Sünde reinigt.

Zwei Dinge machen mich sehr glücklich:

1. Ich bin gewaschen in dem Blut Christi.
2. Ich bin in Christus Gottes Gerechtigkeit geworden.
Deshalb bin ich völlig passend für die heilige Gegenwart Gottes, wo es auf ewig Fülle von Freude und Wonne gibt.

Ich schreibe dir dies, damit du dich selbst auf dieser Grundlage prüfst. Natürlich stehst du auf derselben Grundlage; jeder Gläubige tut das; aber nicht alle wissen es, weil sie auf sich selbst blicken.

Mögest du, mein liebes Kind im Glauben, bewahrt bleiben im Glauben, Leben, Wandeln und Handeln in der heiligen Gegenwart unseres Gottes und Vaters, mit einem einfältigem Auge und einem ungeteilten Herzen zur Ehre seines Sohnes, deines lebendigen Erretters, durch die göttliche Kraft des Heiligen Geistes.

In sehr großer Liebe in Christus,

Dein durch die unvergänglichen Bande des immer herrlichen Evangeliums verbundener

A. MILLER

London, 1. Juni 1855

Andrew Miller