Die sieben Worte

Online seit dem 23.01.2014, Bibelstellen: Lukas 2,32-34; 39.43; Joh 19,25-27; Mt 27,46; Joh 19,28-30; Lk 23,46

Ihr werdet euch der Worte des hochbetagten Simeon erinnern, als er das Kind Jesus in seine Arme nahm. Er sprach: „Siehe, dieser ist gesetzt zum Fall und Aufstehen vieler in Israel …, damit Überlegungen aus vielen Herzen offenbar werden.“ In dem Kreuz Christi erfolgt die Prüfung, darin werden die Gedanken aller Herzen offengelegt; doch vor allem wurden dort Seine Gedanken, Seine tiefen Gefühle offenbar. Diese erfahren wir in den sieben Worten, die aus Seinem Munde kamen.

Wir wollen nun an den Herrn Jesus denken, wie Er da an einem Kreuz hing, das für Verbrecher bestimmt war. Welch eine Stätte für den Herrn der Herrlichkeit! Was für ein Ort für den Fürst des Lebens! Und doch befand Er sich genau dort, dafür war Er vom Vater gekommen, dafür hatte Er Seinen Thron in der Herrlichkeit verlassen und war in diese Welt gekommen. Wenn man jedoch Sein Leben unter den Menschen betrachtet, hätte man durchaus etwas anderes erwarten können. Er tat hinfort Gutes, Er war Diener ihrer Nöte, Sein Herz war stets von Mitgefühl für ihre Sorgen ergriffen; Er heilte sie, Er segnete ihre Kinder, Er weinte um sie. Gewiss gebührten Ihm allgemeiner Beifall, ein unumstrittener Thronanspruch und die Krone der Zuneigung Seines Volkes, doch stattdessen wurde Er mit Dornen gekrönt, bespuckt, geschlagen, verspottet, verflucht und ans Kreuz genagelt. Seht nur die Menschenmenge dort, wie sie laut rufen und drängeln, für sie ist die Kreuzigung des Nazareners ein Volksfest. Sie haben Ihn der Schande und den schlimmsten Leiden überlassen, die sich ihr von der Hölle angespornter Hass nur ersinnen konnte, doch damit sind sie nicht zufrieden. Sie scharen sich um Ihn und verspotten Ihn in Seinen Schmerzen, sie machen sich über Seine Schwachheit lustig. „Sich selbst kann Er nicht retten“, so rufen sie. „Steige herab vom Kreuz, damit wir glauben.“ Eine Welle des Hasses nach der anderen brach über Ihn herein, in jener schrecklichen Stunde wurden die Herzen der Menschen bis ins Innerste bloßgestellt, doch dann sprach Er. Über den Lärm des Ansturms hinweg erhebt sich Seine Stimme im Gebet zu Seinem Vater: „Vater“, ruft Er, „vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Dies war Seine Antwort, der Triumph göttlicher Liebe über menschlichen Hass.

Er hätte etwas anderes beten können. Er hätte seinen Vater um zwölf Legionen Engel bitten können und sie hätten zwischen Ihm und dem teuflischen Lager der Menschen gestanden, doch das tat Er nicht. Wenn Er das getan hätte, hätte das die Verdammung für diese Menge bedeutet, genauso wie für mich und für dich. Er kam, um zu retten, nicht um zu verdammen. Er sah auf diese Menschenmenge herab und darüber hinaus sah Er all die Generationen, die noch folgen würden, und Er bat um Vergebung für sie und aufgrund dieses Gebetes wird in Seinem Namen Buße und Vergebung der Sünden zu allen Nationen gepredigt.

Sein erstes Wort drückte Seinen Willen für die Welt der Sünder aus, das zweite Wort zeigt Seinen Willen für jeden einzelnen Sünder, der sich Ihm anvertraut. Wir wissen nicht, was den Verbrecher an Seiner Seite dorthin gebracht hatte, aber der Geist Gottes öffnete seine Augen, um zu sehen, und sein Herz, um zu glauben, und seinen Mund, um zu bekennen, dass er sein Gericht verdiente. Aber darüber hinaus bekannte er die Wahrheit im Bezug auf die Person des Herrn. Seine Augen sahen die Finsternis umher und sahen die Herrlichkeit des kommenden Königreiches. „Gedenke meiner“, sagte er, „Herr, wenn du in deinem Reich kommst.“ Er beanspruchte die Aufmerksamkeit des Herrn, als ob er und der Herr allein in diesem Moment existiert hätten. Aber war das nicht anmaßend? Nein, es war Glaube – Glaube, der sofort von der Gnade des Herrn beantwortet wurde. „Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.“ Und an wen richtete sich dieses „dir“? An einen schmutzigen Mistkerl, ungeeignet, auf dieser Erde zu leben. Wie konnte der ins Paradies kommen? Eins ist sicher, wenn der Herr sagte: „Du wirst mit mir im Paradies sein“, dann machte ihn das passend. „Das Blut Jesu [Christi], seines Sohnes, reinigt uns von aller Sünde.“

An diesem Tag gab es keine zwei Menschen auf der Erde, die ihn [Christus] mehr geliebt hätten als seine Mutter und Johannes, und da standen sie zusammen unter dem Kreuz. Seine Leiden und ihre Liebe zu Ihm hatte sie dorthin gebracht. Und Jesus sagte zu Maria: „Frau, siehe dein Sohn“, und zu Johannes: „Siehe, deine Mutter.“ Das sollte sicherlich heißen: „Ihr habt mich lieb, so habt euch auch gegenseitig lieb.“ Und dieser Jünger nahm sie an jenem Tag mit nach Hause und dort wohnten sie dann in Einigkeit und Liebe. In diesem dritten Wort drückte Er Seinen Willen für alle aus, die Ihn lieben, und sollte das unsere Herzen nicht zutiefst berühren? Er hat uns gesagt: „Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe“, und in dem gleichen Evangelium lesen wir auch, dass Er gestorben ist, um die verstreuten Kinder Gottes in eins zu versammeln. Können wir an das Kreuz denken und uns dann streiten? Können wir eines seiner geliebten Kinder mit Gleichgültigkeit behandeln, wenn wir unter Seinem Kreuz stehen? Sein Tod ist die Offenbarung Seiner Liebe zu jedem einzelnen Seiner Kinder, und sollten wir sie nicht genauso lieben? Diese ausgestreckten Arme umfassen die gesamte Familie Gottes, und zu uns sagt Er: „Siehe da, meine Mutter und meine Brüder!“

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Welcher menschliche Verstand kann diesen Schrei verstehen oder welche menschlichen Worte könnten ihn erklären? Es ist der zentrale Ausspruch von allen sieben Aussprüchen des Herrn am Kreuz und völlig zu Recht hängt von seiner tiefen, geheimnisvollen Bedeutung die Herrlichkeit Gottes und unsere Erlösung ab. Warum verließ Gott Ihn? Der Herr selbst gibt die Antwort: „Denn du bist heilig“ (Psalm 22,4). Aber war Jesus denn nicht heilig? Doch, Er war sowohl heilig in seiner vollkommenen Menschheit als auch in seiner göttlichen Herrlichkeit; Er war dort auf dem Kreuz in Seiner eigenen Person genauso heilig wie in dem Moment, in dem Er die Engel schuf. Aber warum war Er dann verlassen? Ich gebe die Antwort selbst: Es war für mich. Er wurde zu dem gemacht, was wir waren. Sünde! Sünde ist in alle Ewigkeit unendlich abscheulich in Gottes Augen, und dort wurde Er zur Sünde gemacht, damit Gottes Liebe uns in Seiner absoluten Gerechtigkeit erreichen konnte. Die Unveränderlichkeit von Gottes Gerechtigkeit und die Größe Seiner Liebe wurden enthüllt, als dieser Schrei in der Dunkelheit und dem Leid Golgathas ertönte. Er wurde verlassen, damit wir gerettet werden könnten. Oh, mögen wir uns immer davor hüten, oberflächlich über unsere Erlösung zu denken! Ich gebe zu, dass dieser Schrei geheimnisvoll bleibt. Kein menschlicher Kopf wird jemals diese Tiefe begreifen können. Der Vater, der Sohn und der Heilige Geist allein verstehen ihn; doch in der Ewigkeit wird dieser Schrei unsere Herzen mit Bewunderung erfüllen und das Thema unserer Lieder sein. Jesus unser Retter, der keine Sünde kannte, wurde für uns zur Sünde gemacht, damit wir Gottes Gerechtigkeit würden in Ihm.

Zum ersten Mal spricht der Herr nun von seinen körperlichen Leiden. Seine Kraft war vertrocknet wie eine Tonscherbe und seine Zunge klebte an Seinem Gaumen. Da ertönte seine Stimme „Mich dürstet.“ Antworteten nicht 10.000 Engel auf diesen Schrei, indem sie sich rüsteten, ihrem leidenden Herrn zu dienen? Brachen sie nicht durch die Menge der Feinde, die Ihn bedrängten, um Seinen fiebrigen Mund mit besserem Wasser zu erfrischen, als die Quelle Bethlehems jemals geben könnte? Nein! Auf diesen Ruf gab es keine Antwort vom Himmel. Und die Menschen? Würden sie nachgeben? Sie sahen Ihn in Seinen Todesqualen, würde am Ende Mitleid in ihren Herzen aufkommen? „Und sie gaben in meine Speise Galle, und in meinem Durst gaben sie mir Essig zu trinken.“ Nein, von den Menschen gab es keinen Beistand für Ihn. Die Antwort der Menschen auf das tiefste Bedürfnis des Herrn war Essig, das Sauerste, was die Natur hervorbringt. Aber hinter diesem Schrei steckte mehr als körperlicher Durst. Warum hing Er dort? Warum sollte Er leiden? Weil Er nach der Liebe der Menschen dürstete. Und heute Abend kommt diese Herausforderung vor jeden von uns. Was ist unsere Antwort auf diesen Durst? Sollten wir unsere Herzen nicht ungeteilt vor Ihm ausschütten, Herzen, die durch Seine große Liebe gewonnen wurden? „Der Sohn Gottes, der mich geliebt und sich selbst für mich hingegeben hat.“ Was ist unsere Antwort? Die Welt gibt Ihm auch heute immer noch Essig. O Christen, lasst uns uns zu Seinen Füßen drängen und Ihm den reichen, reinen Wein unserer Liebe geben!

Nun tauchen wir in das Licht. Nun kommen wir zu dem großen Triumph, der sich mit den Worten „Es ist vollbracht“ durch Seine Lippen brach. Jedes Wort über Seine Leiden hatte sich erfüllt. Er musste nun noch Sein Haupt in den Tod neigen und Seine Seite musste noch durchstochen werden, aber das vorwegnehmend konnte Er schon sagen: „Es ist vollbracht.“ Wir ruhen auf einem vollbrachten Werk. Wir haben viele Gründe für einen vollkommenen Frieden im Herzen, und dieser gerade erwähnte ist nicht der kleinste davon; das Werk der Erlösung ist vollbracht worden durch den Sohn Gottes, der als Einziger dazu in der Lage war. Er hat nicht versagt. Wir genießen die völlige Erlösung. Gott ist verherrlicht, der Teufel ist besiegt, wir sind gerettet.

Sein erstes Wort war „Vater“, sein letztes ist „Vater“ und zwischen diesen Worten die Dunkelheit und der Sturm. „Vater, in deine Hände übergebe ich meinen Geist.“ Nur im Lukas-Evangelium wird von diesem Ausspruch berichtet, dem Evangelium, das uns auch von Seinen frühesten überlieferten Worten berichtet: „Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meines Vaters ist?“ Diese Aufgabe war nun völlig beendet, und nicht ein kleines bisschen davon blieb unerfüllt, und in der Gelassenheit und Ruhe dieses Wissens übergab Er Seinen Geist dem Vater und beugte Sein Haupt in den Tod.

Was sollte unsere Antwort auf diese großartige, göttliche Liebe sein? Was, außer uns IHM völlig hinzugeben und, bezwungen von dieser Liebe, in Zukunft nicht mehr für uns selbst zu leben, sondern für IHN, der starb und wieder auferstand.

„Liebe, so großartig, so göttlich
fordert meine Seele, mein Leben, mein Alles!“

[Betrachtung in einem Wohnhaus in Leeds, 1937. Übersetzt von Carl-David Heinemann]

J.T. Mawson