Die Leiden der Jetztzeit

Online seit dem 21.06.2014, Bibelstellen: Römer 8,18-27

Die Überschrift dieses Artikels ist aus Römer 8,18 entnommen, und von diesem Vers an bis Vers 27 befinden wir uns in einer Atmosphäre des Seufzens. Das Wort kommt dreimal in diesen Versen vor, was uns nicht überrascht, da uns der Gegensatz aufgezeigt wird zwischen „Knechtschaft des Verderbnisses“, die das gegenwärtige Zeitalter kennzeichnet, und der „Freiheit der Herrlichkeit“, die das kommende Zeitalter kennzeichnet.

Erstens seufzt „die ganze Schöpfung“ und liegt zusammen in Geburtswehen. Das war so, als der Apostel Paulus diese Worte schrieb, und das ist sicher auch jetzt noch so. In diesen Worten geht es in erster Linie um die niedrige Schöpfung, die durch den Fall des Menschen verdorben wurde. Adam sollte über alles herrschen, und durch seine Sünde hat er alles ruiniert. Er war sozusagen das Hauptbindeglied, das intelligent mit dem Schöpfer verbunden ist und von dem alle anderen Glieder der Kette abhängig sind. Als er fiel, fiel die ganze Schöpfung mit; die Tiere wurden wild und zerstörerisch. Das Seufzen des Lamms oder Zickleins, wenn es vom Leoparden angefallen wird, oder der Fliege, die im Netz gefangen ist und den Biss der Spinne spürt, mag unseren Ohren verborgen sein, aber das Seufzen ist da.

Und was ist mit der menschlichen Rasse? Nun, die Zeitungen erstatten uns täglich Bericht über Anschläge, ob geplant oder ausgeführt, über Kriege, Durcheinander und Streit. In unseren Breiten mögen zwar viele sagen, dass wir es nie so gut hatten wie jetzt, und doch lesen wir täglich von Unfällen, Raubüberfällen, Anschlägen und Morden. Darüber hinaus werfen die fantastischen Erfindungen der Wissenschaftler, die eine fast vollständige Vernichtung der Menschheit möglich machen, ihre dunklen Schatten voraus. Diejenigen, die diese Neuentwicklungen am besten kennen, sind sich am meisten bewusst, wie dunkel dieser Schatten ist. Ja, die Schöpfung seufzt, von der niedrigsten Intelligenz bis zur höchsten.

Und was ist mit den Heiligen Gottes? Vers 23 gibt die Antwort. In uns wohnt der Geist Gottes als Erstlingsfrüchte des kommenden Tages der Herrlichkeit, und doch seufzen auch wir, während wir diesen Tag erwarten. Beachte, dass hier gesagt wird, dass wir „in uns selbst“ seufzen, das heißt, unser Seufzen ist von einer stilleren, weniger demonstrativen Art. Der ernste und aufrichtige und unterwiesene Gläubige fühlt die Dinge tiefer, er seufzt in seinem Geist und in seinen Gebeten und befindet sich nicht in der lärmenden, demonstrierenden, schreienden Menge, die so ihren Groll und ihre Unzufriedenheit ausdrückt. Aber gerade deshalb ist unser Seufzen tiefer und ernsthafter.

Der Christ ist berufen, in dieser Welt zu leiden, wie es so häufig im ersten Petrusbrief zum Ausdruck kommt. Wir befürchten, dass uns diese Tatsache in unseren heutigen, bequemen Umständen ziemlich abhanden gekommen ist, und wir – besonders die jungen Leute – sind geneigt, das Evangelium als ein Tor in eine Welt des angenehmen Wohlergehens und der Ruhe in der Gesellschaft anderer bekehrter und gleich gesinnter junger Menschen vorzustellen.

Die Schrift stellt uns etwas ganz anderes vor. Dort finden wir die Fülle von Freuden in Gott, verbunden mit Leiden für Christus und mit Christus, in dem Maße, wie wir Seine Empfindungen auf Seinem Weg durch diese Welt des Todes und Verderbens teilen.

Ein drittes Seufzen wird in unserem Abschnitt erwähnt. Es ist das Seufzen des Geistes Gottes. Er ist auf die Erde gekommen, hat in den Gläubigen Wohnung genommen und befindet sich daher inmitten der seufzenden Schöpfung. Das Seufzen ist Ihm nicht gleichgültig, auch nicht die Nöte und Leiden der Gläubigen, in denen Er wohnt. Deshalb verwendet Er sich für uns in unseren Schwachheiten. Obwohl Christus im Himmel unser Fürsprecher ist, nimmt der Geist Gottes den Platz des Fürsprechers auf der Erde ein und führt Seinen Dienst „mit unaussprechlichen Seufzern“ aus.

Das scheint uns ein bemerkenswerter Ausdruck zu sein. Als Paulus in den dritten Himmel aufgenommen wurde, hörte er „unaussprechliche Worte“, „die der Mensch nicht sagen darf“ (2. Kor 12,4). In keiner menschlichen Sprache wurden Worte gefunden, die diese Dinge vermitteln könnten; und genauso können auch keine Worte gefunden werden, um die Tiefe des Seufzens des Geistes für und in den Heiligen auszudrücken. Der, an den sich das Seufzen richtet, weiß, was der Sinn des Geistes in diesen Seufzern ist, der Sinn des Geistes ist der Sinn Gottes, des Vaters, und genauso können wir sagen, dass es der Sinn Christi ist.

Eine Veranschaulichung davon finden wir in Johannes 11. Zweimal lesen wir in diesem Kapitel von dem Seufzen des Herrn Jesus. Als Maria und andere mit ihr weinten, „seufzte er tief im Geist“, und wenig später lesen wir: „Jesus nun, wiederum tief in sich selbst seufzend, kommt zur Gruft.“ Hier sehen wir den Sohn Gottes in sich selbst – in Seinem Geist –  seufzend, ein Seufzen, das zu tief ist, um es in Worte zu fassen. Das ist, wie wir glauben, das genaue Gegenstück zu dem unaussprechlichen Seufzen des Geistes Gottes.

Wir wollen uns selbst fragen: Seufze ich noch, wenn ich durch diese von der Sünde verschandelte Welt gehe? Als solche, in denen der Geist Gottes wohnt, müssen wir die Frage mit Ja beantworten. Lasst uns jedoch ehrlich bekennen, wie oberflächlich unser Seufzen ist – wie wenig wir in dem Licht der kommenden Herrlichkeit und in der Freiheit, die sie bringen wird, leben, so dass wir die Dunkelheit und Knechtschaft des Verderbnisses, die die Erde zur Zeit erfüllt, nur schwach erkennen. Je bewusster wir die kommende „Freiheit“ erwarten, umso stärker werden wir die jetzige Knechtschaft empfinden, die eine verderbte Erde erfüllt.

Und umso mehr werden wir den Wunsch haben, uns getrennt von dieser Knechtschaft aufzuhalten und unseren Mitgeschwistern zu helfen, das Gleiche zu tun, und auch Seelen für diesen kommenden Tag der „Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes“ zu gewinnen.

F.B. Hole