Ein trauriges Kapitel

Online seit dem 19.08.2014, Bibelstellen: 1. Mose 38

1. Mose 38 ist ein Kapitel voller Sünde, das nicht leicht zu betrachten ist.

1. Praktische Anwendung

Bei der Betrachtung dieses Abschnittes möchten wir nicht so sehr die prophetische Bedeutung, sondern mehr die praktische Anwendung dieses Kapitels hervorheben. Es werden uns sechs Sünden Judas und seiner Söhne genannt, eine vollständige Aufzählung menschlichen Versagens. Für jeden von uns ist etwas dabei, wovon wir sagen müssen: so ist auch mein Herz.

In Psalm 119,9 lesen wir: „Wodurch wird ein Jüngling seinen Pfad in Reinheit wandeln? Indem er sich bewahrt nach deinem Wort.“ Das finden wir besonders in der Geschichte Josephs verwirklicht. In 1. Mose 39 wandelte er auch in der Stunde großer Versuchung in Reinheit.

2. Ein Kapitel voller Sünden

Als Juda, der Sohn Jakobs, geboren wurde, sprach seine Mutter Lea: „Diesmal will ich den Herrn preisen“ (1. Mo 29,35). Hier in Kapitel 38 müssen wir erkennen, wie jemand, der einen so wunderbaren Namen hat, dennoch abirren kann. Das gilt für Jung und Alt.

2.1 Juda zog hinab

Die erste Sünde ist das Hinabziehen Judas, wobei er seine Brüder verlässt und mit den Kanaanitern in Beziehung tritt (Vers 1–2). Drei Dinge werden auf dem absteigenden Wege Juda erwähnt: er sah, er nahm und ging zu ihr ein.

a) Er sah

Das erinnert uns an Eva, die sah, nahm und aß (1. Mo 3,6). Auch von Simson lesen wir zweimal, dass er eine Frau sah (Ri 14,1; 16,1). Auf diesem Weg verlor er schließlich sein Augenlicht.

Hiob jedoch sagt: „Ich habe mit meinen Augen einen Bund geschlossen, und wie hätte ich auf eine Jungfrau geblickt“ (Hiob 31,1). Wie wichtig ist es, den Augen nicht zu erlauben, sich mit etwas zu beschäftigen, das uns zu Fall bringen kann. Die Gefahr der Verunreinigung ist besonders in unserer Zeit sehr groß. Haben wir auch diese Entschiedenheit?

In den Sprüchen finden wir göttliche Warnungen vor einem solchen traurigen Wege: „Behüte dein Herz mehr als alles, was zu bewahren ist; denn von ihm aus sind die Ausgänge des Lebens. Lass deine Augen geradeaus blicken und deine Wimpern gerade vor dich hinschauen. Ebne die Bahn deines Fußes, und alle deine Wege seien gerade; biege nicht ab zur Rechten noch zur Linken, wende deinen Fuß ab vom Bösen“ (Spr 4,23.25–27).

Die Ursache dafür ist das Fleisch. In 1. Mose 15 heißt es, dass die Ungerechtigkeit der Amoriter noch nicht voll war. Die Kanaaniter sind ein Bild der Anziehungskraft der Welt in ihrem verdorbenen moralischen Charakter (Eph 4,17–19), während die Ägypter mehr die weltliche Weisheit darstellen (Kolosserbrief). Der Name Hira bedeutet: Vornehmheit, und Schua bedeutet Reichtum. Auch bei uns besteht die Gefahr, bei der Suche nach einem Ehepartner auf die gesellschaftliche Stellung zu blicken. Aber wir werden davor gewarnt, mit Ansehen der Person zu handeln (Jak 2,1). Es gibt kaum einen Gläubigen, der dieser Anziehungskraft der Sünde nicht ausgesetzt ist. Wir sehen hier die Welt und Satan, den Fürsten dieser Welt und ihres Wohlstandes.

Dieser Mann, dessen Name „Lob Gottes“ bedeutet, zog hinab. Der tiefste Punkt dieses Weges wird in Vers 18 beschrieben.

b) die Tochter eines kanaanitischen Mannes

In 1. Mose 24,2–3 muss der Knecht Abrahams schwören, für Isaak keine Frau von den Kanaanitern zu nehmen. Das entsprach den Gedanken Gottes. So sehen wir auch in der Ehe Isaaks mit Rebekka ein Bild der Verbindung Christi mit Seiner Versammlung. Aber schon bei Isaak lässt sich nicht mehr erkennen, dass er einen ähnlichen Einfluss wie Abraham auf seine Söhne ausübte. Die hetitischen Frauen Esaus waren ein Herzeleid für Isaak und Rebekka (Kap. 26,34–35; 27,46). Für Jakob wünscht Rebekka daher eine andere Frau. Aber hier in Kapitel 38,2 nimmt Juda, der Sohn Jakobs, sich eine kanaanitische Frau, nachdem er sich von seiner Familie getrennt hat. Außerdem gibt er eine solche Frau auch seinem Sohn Gher. Damit ist der Tiefpunkt dieses Abstieges erreicht, wo nur noch den Wünschen des Fleisches entsprochen wird. Auch wir können so von den Wegen Gottes abweichen. Die Folgen werden sich immer in unserem Verhalten gegenüber unseren Kindern zeigen. In dieser Geschichte liegt daher für alle Eltern eine ernste Warnung, aber auch die Mahnung, nicht durch eine schwankende Haltung, sondern durch guten Rat und vertrauensvolle Gespräche die Kinder auf den rechten Weg hinzuweisen.

c) Freundschaft mit der Welt

In dieser Geschichte taucht mehrfach der Name des Hira von Adullam auf. Er wird in Vers 12 der Freund Judas genannt. Nachdem Juda mit Tamar gesündigt hatte, sollte Hira die Sache wieder in Ordnung bringen. Auch bei jüngeren und älteren Gläubigen kommt es vor, dass sie einen ungläubigen Freund oder eine ungläubige Freundin haben. Hira war ein Kanaaniter, und die Kanaaniter sind ein Bild der Unsittlichkeit. Wenn Juda Joseph bei sich gehabt hätte, hätte dieser ihm sicher helfen können. Aber so folgte eine Sünde auf die andere. Hira war Juda keine Hilfe. Ein Freund aus Kanaan warnt nicht vor der Sünde, sondern freut sich vielleicht sogar darüber.

Bedenken wir, was in Jakobus 4,4 steht: „Ihr Ehebrecherinnen, wisset ihr nicht, dass die Freundschaft der Welt Feindschaft gegen Gott ist?“ Du und ich, wir können unseren Brüdern und Schwestern eine Hilfe sein. Lasst uns unsere Augen offenhalten. Es darf in unserem Leben keine Person wie Hira geben. Wir brauchen innige Gemeinschaft mit dem Herrn und mit den Geschwistern.

2.2 Gher war böse in den Augen des Herrn

Die zweite Sünde sehen wir bei Gher (Vers 7). Warum wurde Gher, der erstgeborene Sohn Judas, bestraft? Gher war böse. Wir lesen nicht, wodurch er dem Herrn missfiel, aber Herr tötete ihn. Niemand kann ungestraft einen bösen Weg gehen. In Seinen Regierungswegen greift Gott ein.

Wenn ein Kind auf einem bösen Weg wandelt, dann sind auch die Eltern davon betroffen. Sie fragen sich: was haben wir falsch gemacht? Wenn wir Kinder haben, tragen wir für sie, die Gott uns anvertraut hat, in dieser Welt eine Verantwortung. Lasst uns daher für die Geschwister beten, die in dieser Zeit Kinder zu erziehen haben.

2.3 Der Egoismus von Onan

Die dritte Sünde finden wir bei Onan (Vers 9). Nach dem Tod seines Bruders Gher sollte Onan die Schwagerehe eingehen. Später wurde dies im Gesetz geregelt (5. Mo 25,5–10), hier war es bereits Gewohnheit. Onan verderbte seinen Samen zur Erde, weil er keine vollkommene Geschlechtsvereinigung mit Tamar wollte. Onan wollte seine Pflicht nicht erfüllen und wurde deshalb getötet.

Bei diesen Taten Onans handelte es sich nicht um eine Art Geburtenregelung, sondern er weigerte sich aus einem niedrigen Motiv, die Schwager-Ehe einzugehen, wobei nach Gottes Willen das erstgeborene Kind dem früheren, gestorbenen Manne zugerechnet wurde (Vers 9). Diese Pflicht gegenüber dem gestorbenen Bruder stand in Beziehung zum Erbteil. Im Hebräischen heißt es in Vers 8: „Tue deine Pflicht.“ Aber Onan sündigte, weil er neidisch oder eifersüchtig war. Er wollte das Erbteil für sich besitzen und gönnte dem Gestorbenen keinen Nachkommen.

Wir denken bei Onan oft an grobe sexuelle Sünden, aber es ging in Wirklichkeit um sein Inneres, um seinen Neid. Jemand, der neidisch ist, will das besitzen, was einem anderen gehört. Aber jeder Bruder und jede Schwester hat Talente, die der andere nicht besitzt. So gibt es viele Möglichkeiten. Erkennen wir sie? Welch ein wunderbares Zeugnis wäre es, wenn von uns immer gesagt werden könnte: „Siehe, wie lieb sie einander haben!“ Aber Missgunst und Bitterkeit gegenüber dem Nächsten zerstört diese Eintracht. Möchte doch mehr Liebe, Demut und Zurückhaltung zugunsten unserer Brüder und Schwestern bei uns gefunden werden.

Der Begriff Onanie rührt aus dieser Begebenheit her. Zwar handelte es sich in diesem Falle keineswegs um Selbstbefriedigung, aber das bedeutet nicht, dass diese Praxis, die heute schon teilweise in den Schulen empfohlen wird, zu entschuldigen ist. Der Körper ist kein Spielzeug, und die Dinge, die in die Ehe gehören, dürfen nicht missbraucht werden. Es gibt in dieser Hinsicht keine Vorbereitung auf die Ehe. Gott will den Jugendlichen helfen, dass sie darin nicht zu Fall kommen. Sie dürfen Ihn bitten, sie zu bewahren.

2.4 Ungerechtes Handeln Judas gegenüber Tamar

Die vierte Sünde ist die Ungerechtigkeit Judas gegenüber Tamar in Vers 11. Gerechtigkeit bedeutet, dem anderen zu geben, was recht und billig ist. Die Schwager-Ehe war nicht nur um des Verstorbenen willen eingesetzt, sondern war auch gegenüber der Witwe eine Tat der Barmherzigkeit und eine soziale Hilfe. Tamar hatte an sich Recht. Aber Juda hatte bereits zwei Söhne verloren. Außerdem war sie viel älter als Schela. Nach menschlichen Maßstäben sprach also alles gegen diese Ehe, aber nach Gottes Maßstab wäre es richtig gewesen.

Zwischen dem Fortgehen Judas von seinen Brüdern und seiner Rückkehr vor der ersten Reise nach Ägypten können über zwanzig Jahre vergangen sein. In dieser Zeit spielt unsere Begebenheit. Da auch das Heiratsalter in jenen Gegenden niedriger war, hätte Juda seinen Sohn Schela durchaus der Tamar als Mann geben können. In Vers 26 bekennt Juda auch, dass es falsch war, dass er es nicht getan hat. Daher war Juda in Vers 11 nicht nur ungerecht, sondern auch unaufrichtig. Auch bei uns besteht die Gefahr, dass wir etwas anderes sagen, als wir denken.

Gher und Onan waren durch ihre eigene Schuld gestorben, und Juda weigerte sich, Tamar seinem jüngsten Sohne zu geben. Innerlich gab Juda Tamar die Schuld am Tode seiner Söhne. Das war etwas wie Aberglaube. Es ist nie angenehm, wenn man bei sich selbst oder seiner eigenen Familie die Schuld in irgendeiner Angelegenheit zuweisen muss. Auch wenn unsere Kinder verheiratet sind, sprechen wir oft negativ über den angeheirateten Partner. Darin liegt oft Ungerechtigkeit. Juda suchte die Schuld in der falschen Richtung, nicht bei seinen Söhnen. Die Neigung, für jemanden einzustehen, der uns näher steht, auch wenn er Unrecht hat, ist auch bei uns vorhanden.

2.5 Hurerei Judas mit Tamar

Die fünfte Sünde ist die Hurerei (Vers 18). Sie wird in 1. Korinther 6,18 eine Sünde gegen den eigenen Leib genannt. Sie ist eine der häufigsten und am stärksten verurteilten Sünden in der Heiligen Schrift. In Verbindung mit Sprüche 4,23–27 und 5,20 haben wir bereits gesehen, wie ernst und gefährlich Situationen, wie die zwischen Tamar und Juda sein können. Darüber müssen wir vorsichtig, aber doch deutlich sprechen.

a) Die Verantwortung Tamars

Eine unverheiratete Frau oder Witwe ohne Kinder hatte in jener Zeit einen schweren Stand. Deshalb wurde auch die Gewohnheit der Schwager-Ehe eingeführt, die später im Gesetz festgelegt wurde, wodurch solche Frauen einen Schutz empfingen.

Juda handelte in Vers 18 nicht nach göttlichen Maßstäben. Tamar war das Opfer dieser Handlungsweise. Sie hatte ein Anrecht auf diesen Nachkommen, den Juda ihr verweigerte. Dadurch, dass Tamar nicht das ihr zustehende Recht auf Nachkommenschaft bekam und außerdem soziale Not befürchten musste, wurde sie dazu verleitet, dies alles auf dem Wege der Hurerei zu erreichen. Das war verwerflich.

b) Die Verantwortung Judas

Bei Juda war es noch verwerflicher, weil er nur die Befriedigung seiner eigenen Fleischeslust sah. Beide sündigten, aber Juda trug die größere Verantwortung. Er hatte Tamar zum Straucheln gebracht. Das ist, was im NT „Ärgernis“ genannt wird (vgl. Rö 14,13).

c) Unterschiedliche Beweggründe

Zu dieser Sünde Tamars und zu ihren Beweggründen ist noch etwas zu bemerken. Man kann ein Problem nach der Heiligen Schrift grundsätzlich behandeln, wie zum Beispiel die Ehescheidung.

Gott verurteilt die Ehescheidung eindeutig. Aber das bedeutet noch nicht, dass im Falle einer Ehescheidung von Gläubigen die Umstände, unter denen sie zustande gekommen ist, bei der Beurteilung und Behandlung dieser Frage keine Rolle spielen. Das gleiche gilt auch für Hurerei,

Streit unter Brüdern und andere Sünden. An sich handelt es sich hierbei immer um Dinge, die gegen die Gedanken Gottes verstoßen, wobei in der Praxis jedoch immer die verschiedenen Umstände berücksichtigt werden müssen. Das Böse bleibt böse, aber zur rechten Behandlung ist praktische Weisheit notwendig.

d) Soziale, körperliche und seelische Bedürfnisse

Tamar war zum zweiten Mal verwitwet und Juda war ebenfalls Witwer (Vers 12). Die Schwager-Ehe entsprach außer den sozialen auch den gefühlsmäßigen und seelischen Bedürfnissen. Juda machte es sich sehr einfach, wenn er Tamar unverheiratet ließ. Er war sich der Kraft der Sexualität des Menschen in diesem Augenblick nicht bewusst. Das ist für die Jugend sehr wichtig, nicht nur hinsichtlich der körperlichen, sondern auch der gefühlsmäßigen und seelischen Konsequenzen. Als Juda jedoch Witwer wurde, kam er selbst in die gleiche Lage.

Im NT werden in 1. Korinther 7,1–9 nur zwei Lösungsmöglichkeiten für diese Situation genannt: Entweder man besitzt eine besondere Gnadengabe von Gott, seine Gefühle zu beherrschen (wie zum Beispiel Paulus), um dadurch frei zu sein, Gott zu dienen. Die andere Möglichkeit ist die Heirat. Auch darin können wir in Hingabe für Gott leben. In 1. Mose 39 sehen wir, wie ein junger Mann sich in viel schwierigeren Umständen doch beherrscht hat. Die Kraft dazu empfing er aus seiner Hingabe an Gott und seiner Gemeinschaft mit Ihm.

Juda war Witwer. Diese Tatsache kann für einen gesunden und starken Mann eine große Prüfung bedeuten. Für Tamar galt dasselbe. Auch sie war Witwe. Bei ihr kam noch das Verlangen hinzu, Mutter zu werden. Aber Juda entsprach weder dem, was er von seiner Schwiegertochter forderte noch der Tatsache, dass er Witwer war. Wenn Tamar Juda nicht so gut gekannt hätte, hätte sie wohl diesen Weg nicht beschritten. In dieser Hinsicht besaß Juda also wohl wenig Vertrauen in seine Familie.

In 1. Korinther 7,8–9 wird den Unverheirateten und Witwen gesagt, dass sie heiraten sollen, wenn sie sich nicht enthalten können. Die Tatsache an sich wird nicht verurteilt. Aber der einzige Ausweg ist die Ehe. In der heutigen Zeit wird sogar von Psychiatern und Psychologen ein anderer Weg vorgeschlagen. Genau diesen Weg beschreitet Juda. Immer wieder besteht die List Satans darin, den Menschen einzureden, dass Gott ihnen etwas Gutes vorenthält. So war es schon bei Eva (1. Mo 3,5). Aber Gott liebt Seine Geschöpfe und handelt als Vater mit Seinen Kindern. Nicht die Befriedigung der fleischlichen Wünsche, sondern die Ehe ist der Weg, den Gott für Jung und Alt vorschreibt.

Wenn wir nach dem Fleisch handeln, müssen wir auch die schlimmen Folgen tragen. Wir sehen das bei Juda und Tamar. In Maleachi 2,15 heißt es: „So hütet euch in eurem Geist (oder: vor eurer Leidenschaft)“. In 1. Korinther 7 wird nicht der Zustand des Herzens verurteilt, wohl aber eine Warnung ausgesprochen. Die Lösung in diesem Konflikt lautet nie: gib deinen Gefühlen nach, sondern: nimm dich vor deinen Gefühlen in Acht. Wenn Juda sich dieser Warnung entsprechend verhalten hätte, wäre ihm viel Not erspart geblieben. So auch bei uns. Dies sind praktische Belehrungen, die auch für ältere Menschen wichtig sind. Wenn wir uns in Acht nehmen, wird Gott uns immer dafür belohnen.

e) Verlust durch Sünde

Wie traurig war es, dass Juda nach seiner Hurerei der Tamar als Pfande drei Dinge von großem Wert gab. Der Siegelring spricht von Treue und Besitz. Die Schnur war wohl eine Mess-Schnur (vgl. 5. Mo 32,9; Ps 16,6). In beiden genannten Schriftstellen steht die Mess-Schnur in Verbindung mit dem Erbteil, und Juda verschenkte sie, um seiner Fleischeslust zu frönen. Das dritte Pfand war sein Stab, ein Bild der Führung, des Wandels und der Stütze. Als Juda diese Dinge der vermeintlichen Hure Tamar übergab, wandelte er nicht auf den Wegen des Herrn.

2.6 Heuchelei Judas gegenüber Tamar

Die sechste Sünde war die Heuchelei (Vers 24). Auch sie ist eine gemeine, oft verborgene Sünde wie die Eifersucht. Juda will Tamar verbrennen lassen, obwohl er selbst Hurerei begangen hatte! Das war doppelte Moral. Sie ist auch in unseren Ländern nicht unbekannt. Sie ist eine seltsame Form der Heuchelei, wobei man an sich selber einen anderen Maßstab anlegt als bei anderen Menschen. Wir beurteilen uns oft milder als andere. Besser wäre es umgekehrt. Denken wir nur an David und Nathan. Durch sein hartes Urteil richtete David sich selbst (2. Sam 12,5–12).

Vier der erwähnten Sünden wurden von Juda begangen und je eine von Gher und Onan. Jeder ist für seine eigenen bösen Taten verantwortlich. Aber welch ein Verfall war seit den Tagen Abrahams, vier Generationen vorher, eingetreten!

Die Regierungswege Gottes und Seine Gnade

Immer wieder sehen wir in der Bibel die beiden Linien der Gnade Gottes und der Regierungswege Gottes. Als Adam und Eva in Sünde gefallen waren, mussten sie den Garten Eden verlassen, der jetzt von einem Engel mit einem Schwert bewacht wurde (1. Mo 3,23–24). Andererseits brauchten sie doch nicht sofort zu sterben, denn ein Tier musste sterben, dessen Haut ihnen zur Kleidung diente (1. Mo 3,21). Auch in dem Urteilsspruch Gottes über den Satan lag eine indirekte Verheißung (1. Mo 3,15). Adam gab seiner Frau den Namen Eva, und aus der „Männin“ wird „die Mutter der Lebendigen“. Als David mit Batseba in Sünde fiel, sehen wir etwas Ähnliches: „So soll von deinem Haus das Schwert nicht weichen in Ewigkeit“ (2. Sam 12,10), das ist Gottes Regierung. Aber in 2. Samuel 12,13 kommt die Gnade Gottes zum Ausdruck in den Worten: „So hat auch der HERR deine Sünde weggetan, du wirst nicht sterben.“ Auch beim Kreuz von Golgatha sehen wir das Schwert: „Schwert, erwache gegen meinen Hirten und gegen den Mann, der mein Genosse ist“ (Sach 13,7). Aber auch hier sehen wir wieder die Gnade, aufgrund deren Gott Vergebung schenken kann.

Weil Juda gegen besseres Wissen hinab zog und sich mit den Kanaanitern verband, mussten seine Söhne sterben. Das Schwert war auch im Leben Judas wirksam. „Irrt euch nicht, Gott lässt sich nicht spotten! Denn was irgend ein Mensch sät, das wird er auch ernten“ (Gal 6,7). Das gilt auch für uns. Auch wir haben es mit den Regierungswegen Gottes zu tun. Diese Grundsätze haben sich auch in der Gnadenzeit nicht geändert. Wir kennen das Gesetz von Saat und Ernte aus der Schöpfung. Juda musste die Regierungswege Gottes kennenlernen, aber er kam nicht zur Umkehr.

Auch in Seinen Regierungswegen mit den Gläubigen hat Gott immer etwas Gutes im Auge. Wenn Gläubige diese Regierungswege Gottes kennenlernen, ihre Sünde bekennen und gedemütigt werden, wird das deutlich. Ein David konnte Gott später danken. So auch Jesaja 12,1: „Und an jenem Tag wirst du sagen: Ich preise dich, HERR, denn du warst gegen mich erzürnt; dein Zorn hat sich gewendet, und du hast mich getröstet.“ Wenn wir uns unter der Regierung Gottes beugen und um Gnade bitten, die Folgen unseres Tuns tragen zu können, wird das Ergebnis immer gut sein. Dann kommt schließlich doch Segen hervor. Aber bei Juda war das Gegenteil der Fall.

Überreichliche Gnade angesichts überströmender Sünde

a) Das Geschlechtsregister des Messias

In dem Geschlechtsregister Jesu in Matthäus 1 werden im ersten Abschnitt drei Frauen erwähnt, die alle einen Makel hatten. Bei Tamar (Mt 1,3) finden wir Sünde, Rahab (Mt 1,5) war eine kanaanitische Hure und Ruth (Mt 1,5) gehörte zu dem Volke der Moabiter, die bis ins zehnte Geschlecht nicht in die Versammlung des Herrn kommen durften (5. Mo 23,4). So überwindet die Gnade das Gesetz. Trotz der negativen Kennzeichen stehen diese Frauen gerade im Evangelium nach Matthäus im Geschlechtsregister Christi. Ein Jude hätte vielleicht Sarah und Rebekka als Stammmütter erwähnt, aber Gott lässt diese verachteten Frauen erwähnen. Christus hat nicht nur das Edle erwählt, sondern das Verachtete (vgl 1. Kor 1,28).

In 1. Chronika 4,1 heißt es: „Die Söhne Judas: Perez, Hezron und Karmi und Hur und Schobal.“ Das ist ermunternd. Hier wird die kanaanitische Frau nicht erwähnt. Die Verbindung zu ihr war eine Verunreinigung und stand im Widerspruch zu den Absichten Gottes. In 1. Chronika 4 sehen wir die Linie des Ratschlusses Gottes. Wir lesen in der Heiligen Schrift zwar von dem Versagen von Gläubigen wie Isaak, Mose und David. Sie waren auch nur Menschen. Aber Gott gebraucht sie in Gnade für Seine Ziele. Aber ihr Versagen ist kein Teil der Ratschlüsse Gottes. Deshalb fehlt Tamar in 1. Chronika 4.

In der Geschichte Israels vertritt Juda die königliche Linie. „Nicht weichen wird das Zepter von Juda, noch der Herrscherstab zwischen seinen Füßen weg, bis Schilo kommt, und ihm werden die Völker gehorchen“ (1. Mo 49,10). Während Joseph das Erbrecht des Erstgeborenen (ein doppeltes Teil) verdeutlicht, sehen wir bei Juda die Darstellung der königlichen Abstammung (vgl. 1. Chr 3 + 5). Im Buch Ruth tritt diese königliche Linie, die zum Messias führt, hervor. Hier sehen wir Juda als Werkzeug in Gottes Hand in der Linie, die zu David und dem größeren Sohn Davids führte.

b) Gebet um Bewahrung vor dem Bösen

Aber in 1. Chronika 4,10 lesen wir auch das Gebet eines Jabez: „Und Jabez rief zu dem Gott Israels und sprach: Wenn du mich reichlich segnest und meine Grenze erweiterst und deine Hand mit mir ist, und du das Böse fern hältst, dass kein Schmerz mich trifft! Und Gott ließ kommen, was er erbeten hatte.“ Das zeigt uns, wie wir gegenüber dem Bösen auftreten sollen. Hier handelt es sich nicht um ein Bekenntnis nach einem Fall in die Sünde, sondern um ein Gebet zur Vermeidung des Bösen. Das ist ein guter Gebetsgegenstand an jedem neuen Tage. Wir haben viel über das Böse in 1. Mose 38 gesprochen. Davor dürfen wir unsere Augen nicht verschließen. In der Welt, in der wir leben, dringen diese Dinge auch in die Kreise von Gläubigen ein. Aber bei Jabez sehen wir, wie das Böse verhindert wird, so dass es nicht in unser Leben eindringt, und zwar aufgrund eines ernsten und andauernden Gebetes. Der Ausspruch Josephs: „Wie sollte ich diese große Bosheit tun und gegen Gott sündigen“ (1. Mo 39,9), stand wohl auf einem höheren Niveau, aber auch das Gebet des Jabez war gut. Er suchte den Segen und den Besitz. Er wünschte, dass Gottes Hand ihn bewahrte vor dem Bösen, und dass kein Schmerz ihn treffen möchte. Wir sehen das auch in Psalm 51 bei David. David war in seinem Gewissen getroffen und tat tiefe Buße. Das ist auch für unsere Herzen wichtig. Gott sieht uns immer. Möchte Seine Größe uns dazu führen, in Demut und in Übereinstimmung mit Seiner Größe zu leben. Sünde ist etwas Schreckliches und bringt Schmerz und Not in unser Leben, sie zerstört die Gemeinschaft, verhindert geistliches Wachstum und raubt uns die christliche Freude. Wir wissen nicht, ob Jabez etwas von der Sünde seines Vorvaters Juda wusste. Wenn es so war, wollte er sie vermeiden. Er bittet um zwei Dinge, um Segen und Bewahrung vor dem Bösen. Lasst auch uns im Gebet stehen. Wir brauchen die Hilfe.

b) Auswahl der Gnade

Zum Schluss noch eine Bemerkung zu 1. Mose 38,28ff. Bei der Geburt von Perez und Serach wird ein göttlicher Grundsatz deutlich. Der Knabe, der natürlicherweise der erste war, wurde nicht von Gott zum ersten ausersehen. Serach war zwar der erste, aber Perez wurde als erster geboren. Sein Name bedeutet Bruch. Wie bei der Geburt Jakobs und Esaus (1. Mo 25,24–26) sehen wir auch hier wieder die Auserwählung Gottes. Auch Jakob war nicht an sich so vortrefflich, denn er war ein „Fersenhalter“, ein Betrüger. Auch dieser Sohn Judas war nicht so, wie er hätte sein sollen. Alles, was ein Mensch in Gottes Augen ist, ist er nur, weil Gott ihn dazu gemacht hat. Gott allein gebührt alle Ehre.

Prophetische Bedeutung

Wenn wir vornehmlich die praktische Anwendung von 1. Mose 38 betrachten, dürfen wir nicht denken, dass die prophetische Erklärung eine Art „Extrahappen“ für Fortgeschrittene ist. Auch die prophetischen Bedeutungen haben es mit unserem praktischen Leben zu tun. „Diese Dinge aber sind als Vorbilder für uns geschehen“ (1. Kor 10,6; vgl. Vers 11). Gerade die Geschichte Josephs ist ein wunderbares Bild des Herrn Jesus.

a) Israel nach der Verwerfung des Messias

Der Heilige Geist hat sich nicht geirrt, wenn er mitten in die Geschichte Josephs dieses Kapitel 38 gesetzt hat. In Kapitel 37 sehen wir Joseph als Vorbild des Herrn Jesus, der von seinen Brüdern verworfen wird. Das wurde in den Evangelien bei Israel erfüllt. In Kapitel 37 hatte Juda die Führung bei der Verwerfung Josephs, und so haben die zwei Stämme Juda und Benjamin den Herrn Jesus während Seines Erdenlebens verworfen. Ab Kapitel 39 nimmt Gott den Faden wieder auf und zeigt uns ein Bild des gläubigen Überrestes in der Drangsal. Dann tritt der wahre Joseph, Christus, wieder mit Seinem Volk in Verbindung. Dazwischen steht Kapitel 38 als Bild der gegenwärtigen Zeit im Blick auf die Juden (Juda).

Es ist nicht schwierig, in Kapitel 38 die Kennzeichen eines von Gott abgeirrten Volkes zu entdecken. Juda heiratete eine kanaanitische Frau. In dieser Weise wird später das ganze Volk in Hesekiel 16 beschrieben. Schua (das heißt Reichtum), der Kanaaniter (das heißt Händler) ist mit Juda verbunden. Das zeigt den Weg des Judentums in der Welt. Kesib bedeutet Falschheit, Gher ist Feindschaft, Onan ist Ungerechtigkeit und Schela bedeutet Spross .

Wir sehen hier den Menschen nach dem Fleisch. Juda, der Stammvater Davids, hat Joseph verkauft und danach Hurerei betrieben. So hat Israel seinen Messias verworfen und danach mit der Welt Hurerei getrieben. Das sind die beiden großen Sünden Judas und auch des Volkes der Juden. Juda war von seinen Brüdern fortgezogen. Das zeigt uns, dass die Juden sich nach der Verwerfung des Messias von Gott abgewandt haben.

b) Gnade Gottes in Bezug auf Israel

Aber gleichzeitig ist 1. Mose 38 auch das Kapitel, das den Triumph der Gnade zeigt. Aus der Hurerei wird doch ein heiliger Same geboren. Juda wurde der Stammvater der Juden, des Geschlechtes Davids und des Messias. Das zeigt die Gnade Gottes, die bei aller Bosheit der Juden dennoch triumphiert. Gott wird trotz allem verherrlicht. Tamar und Perez erscheinen in dem Geschlechtsregister des Herrn Jesus in Matthäus 1. So steht die Barmherzigkeit Gottes neben der Sünde des Menschen. Gott erreicht Sein Ziel. Wenn Christus von Zion aus die Verbindung mit Seinem Volk wieder anknüpfen wird, wird die Gnade Gottes über die Sünde triumphieren.

c) Verschiedene Haushaltungen

Wir sehen hier zwei Frauen: die Tochter des Kanaaniters Schua und dann Tamar. Frauen sind in der Bibel Bilder von Grundsätzen. Wir haben vor längerer Zeit gesehen, dass Sarah den Grundsatz der Gnade und Hagar den Grundsatz des Gesetzes darstellt.

Hier sehen wir in der ersten Frau die alte Haushaltung, und in Tamar, mit der Onan keine Nachkommenschaft zeugen will, die neue Haushaltung. Juda will sie sogar verbrennen lassen. Aber als Juda durch die Vorlage der Schmuckstücke den Beweis erhält, dass das Kind ein Nachkomme Abrahams und des königlichen Geschlechtes ist, dann demütigt er sich. Er muss es anerkennen: „Sie ist gerechter als ich.“ So dürfen wir in 1. Mose 38 auch den Gedanken der verschiedenen Haushaltungen bestätigt sehen.

Aus: AR, Zusammengefasste Wiedergabe der Konferenz Winschoten 1985.