Rede des Bischofs Josef Strossmayer

Online seit dem 20.10.2014, Bibelstellen: Matthäus 16,18

Rede des Bischofs Josef Strossmayer auf dem Vatikanum

(Vatikanisches Konzil) 1869/70

Nach der italienischen, in Florenz erschienen Übersetzung; abgedruckt aus „The BibleTreasury“ Nr. 195, August 1872.

Ehrwürdige Väter und Brüder!

Wenn ich vor Ihnen in dieser erhabenen Versammlung den Mund auftue, so geschieht das nicht ohne Zagen, aber dennoch mit einem Gewissen, das sich vor dem lebendigen Gott, der auf mich herniederschaut, frei und ruhig fühlen darf. Seitdem ich hier in Ihrer Mitte gewesen bin, habe ich die hier gehaltenen Reden mit Aufmerksamkeit verfolgt und dabei gehofft, durch einen Lichtstrahl von oben erleuchtet zu werden, um in voller Würdigung der Sachlage für die Beschlüsse dieses Heiligen Ökumenischen Rates stimmen zu können.

Von dem Gefühl der Verantwortung durchdrungen, darüber vor Gott einmal Rechenschaft ablegen zu müssen, hatte ich mich mit ernsthafter Aufmerksamkeit daran gemacht, das Alte und das Neue Testament zu untersuchen, um aus diesen altehrwürdigen Zeugnissen der Wahrheit darüber Klarheit zu erlangen, ob der Heilige Pontifex, der hier den Vorsitz führt, in Wahrheit der Nachfolger Petri, der Stellvertreter Jesu Christi und der unfehlbare Lehrer der Kirche ist. Um zu einer Beantwortung dieser schwerwiegenden Frage zu gelangen, habe ich mich veranlaßt gesehen, den augenblicklichen Stand der Dinge unberücksichtigt zu lassen und mich, mit der Leuchte des Evangeliums in der Hand, im Geiste in jene Zeit zurückzuversetzen, da es weder einen Ultramontanismus noch einen Gallizismus gab, als St. Paulus, St. Peter, St. Jakobus, St. Johannes noch die anerkannten Lehrer der Kirche waren, – Lehrer, deren göttliche Autorität niemand in Frage stellen kann, ohne die Lehre der Heiligen Bibel, die ich hier vor mir liegen habe, und die vom Konzil zu Trient zur Richtschnur des Glaubens und der Sitte erklärt wurde, in Zweifel zu ziehen. So hatte ich denn die Seiten dieses heiligen Buches aufgeschlagen, und dabei habe ich, darf ich es wagen auszusprechen ? – nichts gefunden, das auch nur im entferntesten die Anschauung der Ultramontanen rechtfertigen könnte. Darüber hinaus fand ich zu meinem größten Erstaunen, daß zur Zeit der Apostel ein Papst als Nachfolger St. Petri oder als Stellvertreter Jesu Christi ebensowenig erwähnt wird, wie zum Beispiel Mohammed, der ja damals noch gar nicht gelebt hat.

Sie werden sagen, Monsignor Manning, daß ich lästere, und Sie, Monsignor Fie, daß ich von Sinnen sei. – Nein, Monsignori, ich lästere nicht und ich bin auch nicht von Sinnen. Nachdem ich nun das ganze Neue Testament gelesen habe, erkläre ich vor Gott, indem ich die Hand zu jenem großen Kruzifix dort erhebe, daß ich von einem Papsttum in der heute bestehenden Form nicht die geringste Spur gefunden habe. Entziehen Sie mir bitte nicht Ihre Aufmerksamkeit, meine ehrwürdige Brüder, und hüten Sie sich davor, durch Ihre Widerworte und Zwischenrufe, denjenigen Recht zu geben, die, gleichwie Pater Hyacinthus, behaupten, daß dieses Konzil ohne jeden Wert sei, weil ja unsere Stimmen doch gleich von Anfang an durch eine höhere Autorität diktiert werden. Wenn das der Fall wäre, so würde diese erhabene Versammlung, auf welche die Augen der ganzen Welt gerichtet sind, in den schmählichsten Mißkredit geraden. Wollen wir sie aber zu einer Sache von wirklicher Bedeutung machen, so müssen wir auch wirklich frei sein. Ich danke Seiner Exzellenz, Monsignor Duplanloup, für das zustimmende Kopfnicken, das gibt mir Mut weiter fortzufahren.

Beim Lesen der Heiligen Schriften, mit einer Aufmerksamkeit, zu der der Herr mich befähigt hatte, fand ich nicht ein einziges Kapitel oder auch nur einen einzigen Vers, wo bezeugt wird, daß St. Peter von Jesus Christus die Vorherrschaft über die Apostel, seine Mitarbeiter, empfangen hätte. Wenn Simon, der Sohn Jonas, wirklich das gewesen wäre, wofür wir heute Seine Heiligkeit, Pius IX., halten, so ist es dabei doch eigenartig, daß der Herr nicht zu ihm gesagt hat: „Wenn ich aufgefahren bin zu meinem Vater, sollt ihr alle dem Simon Petrus gehorchen, ebenso wie ihr bis jetzt mir gehorcht habt. Ich setze ihn zu meinem Stellvertreter auf der Erde ein“. – Nicht nur, daß der Herr über diesen Punkt gar nichts sagt, sondern so wenig kommt es Ihm in den Sinn, für die Kirche ein Oberhaupt einzusetzen, daß – wenn Er den Aposteln verheißt, daß sie die zwölf Stämme Israels richten werden (Mt 19, 28) –, Er ihnen dabei zwölf Throne verheißt, für einen jeden von ihnen einen Thron, und ohne dabei hinzuzufügen, daß einer von diesen Thronen – der für Petrus bestimmte – höher sein solle als die anderen. Wenn Er das gewollt hätte, so würde Er das auch ganz gewiß angedeutet haben. Was können wir also daraus schließen? Die Logik zeigt uns, daß der Herr nicht daran dachte, Petrus zum Leiter eines apostolischen Kollegiums zu machen. Als der Herr die Apostel aussandte, die Welt zu erobern, gab Er an sie alle die Verheißung des Heiligen Geistes.

Erlauben Sie mir, es nochmals zu wiederholen: Hätte der Herr die Absicht gehabt, Petrus zu seinem Nachfolger zu machen, so würde Er ihm auch den Oberbefehl über seine geistlichen Streiter gegeben haben. Wie wir aus der Schrift sehen, belehrte der Herr den Petrus und die anderen Jünger darüber, daß sie über die Gläubigen nicht herrschen oder Gewalt ausüben sollten, wie die Könige der Nationen es taten (Lk 22, 25). Wäre Petrus erwählter Papst gewesen, so würde der Herr nicht also gesprochen haben. Im Gegensatz dazu,und gemäß der Überlieferung, hält aber noch heute das Papsttum zwei Schwerter in der Hand als die Symbole der geistlichen und weltlichen Macht.

Über eines habe ich mich sehr gewundert: Bei genauer Überlegung mußte ich mich nämlich fragen, ob es den Jüngern wohl zugestanden hätte, den Petrus, wenn dieser wirklich erwählter Papst gewesen wäre, zusammen mit Johannes nach Samaria zu schicken, um dort das Evangelium des Sohnes Gottes zu verkünden.

Was würden Sie dazu sagen, ehrwürdige Brüder, wenn wir uns jetzt unterfangen würden, Seine Heiligkeit, Pius IX., zusammen mit Seiner Exzellenz, Monsignor Platier, zu beauftragen, zum Patriarchen von Konstantinopel zu gehen, um ihn zur Beendigung des östlichen Schismas zu veranlassen?

Aber wir haben noch etwas weit Wichtigeres zu tun. Man hatte zu Jerusalem ein Ökumenisches Konzil einberufen, um über einige Fragen, durch die die Gläubigen beunruhigt wurden, zu entscheiden. Wenn Petrus Papst gewesen wäre, wer hätte dann wohl das Konzil einberufen? Niemand anderes als Petrus. – Wer würde dabei den Vorsitz geführt haben? Entweder Petrus oder sein Legat. – Wer würde die Beschlüsse verkündet haben? Wiederum nur Petrus. Jedoch nichts von alledem geschah.

Ebenso wie die anderen wohnte auch Petrus dem Konzil bei. Aber nicht er war es, der die Übersicht davon gab, sondern Jakobus. Und als die Beschlüsse verkündet wurden, geschah das im Namen der Apostel, der Ältesten und der Brüder (Apg 15). Wird das in unserer Kirche ebenso gehandhabt? Je genauer ich alles prüfe, ehrwürdige Brüder, um so mehr komme ich zu der Überzeugung, daß nach den Schriften nicht der Sohn Jonas als der Erste dargestellt wird.

Während wir nun lehren, daß die Kirche auf St. Petrus aufgebaut wurde, sagt St. Paulus, dessen Autorität wohl nicht angezweifelt werden kann, in seinem Brief an die Epheser (Eph 2, 20), daß sie aufgebaut ist auf die Grundlage der Apostel und Propheten, in dem J esus Christus selbst Eckstein ist. Derselbe Apostel glaubt auch so wenig an eine übergeordnete Stellung des Petrus, daß er diejenigen, welche sagen: „Wir sind des Petrus“, in derselben Weise öffentlich tadelt, wie die anderen, die da sagten: „Wir sind des Paulus, wir sind des Apollos!“ (1. Kor 1, 12). Wenn der Apostel Petrus der Stellvertreter Christi gewesen wäre, so würde sich St. Paulus wohl sorgfältig gehütet haben, ihn ebenso stark zurechtzuweisen, wie seine eigenen Amtskollegen.

Dieser selbe Apostel erwähnt bei Aufzählung der Ämter in der Kirche: Apostel, Propheten, Evangelisten, Lehrer und Hirten. Könnte man wohl annehmen, meine ehrwürdige Brüder, daß St. Paulus, der große Heidenapostel, das oberste aller Ämter, das Papsttum, vergessen hätte, wenn wirklich das Papsttum eine Einrichtung von Gott gewesen wäre? Eine solche Vergeßlichkeit würde mir ebenso unmöglich erscheinen, als wenn ein Berichterstatter unserer heutigen Versammlung, Seine Heiligkeit, Pius IX., mit keinem einzigen Wort erwähnen würde (Zurufe: „Schweige, Ketzer, schweige!“). Beruhigen Sie sich, meine Brüder,denn ich bin noch nicht zu Ende. Wenn Sie mir verbieten wollten fortzufahren, so würden Sie sich damit nur vor der Welt ins Unrecht setzen, indem Sie dem geringsten Mitglied dieser Versammlung den Mund verbieten.

Ich fahre also fort. – In keinem seiner Briefe, die an die verschiedenen Kirchen gerichtet sind, erwähnt der Apostel Paulus das Geringste von einem Primat des Petrus. Wenn ein solches Primat existiert hätte, wenn – kurz gesagt – an dem Leib der Kirche ein hinsichtlich der Lehre unfehlbares Haupt vorhanden gewesen wäre, würde dann wohl der große Apostel der Heiden vergessen haben, dies zu erwähnen? Aber war frage ich da? – Er würde über diesen allgewichtigen Gegenstand ganz sicherlich einen ausführlichen Brief geschrieben haben. Sollte der bei Errichten des christlichen Lehrgebäudes, das ja in der Tat von ihm aufgebaut wurde, die eigentliche Grundlage oder auch den Schlüssel zur Eingangspforte gänzlich vergessen haben? Nun, wenn wir nicht behaupten wollen, daß die Kirche der Apostel ketzerisch war – was wohl niemand unter uns weder wünschen noch wagen würde auszusprechen! – so müssen wir im Gegenteil bekennen, daß die Kirche niemals schöner, reiner und heiliger war als in jenen Tagen, da es noch keinen Papst gab (Zurufe: „Das ist nicht wahr, das ist nicht wahr!“). Monsignor, die Laval möge doch lieber nicht so laut „Nein“ rufen. Wenn jemand von Ihnen, ehrwürdige Brüder, wirklich der Meinung sein sollte, daß die Kirche, die heute einen Papst zum Haupte hat, lebendiger im glauben und reiner in der Sitte sei, als die Kirche der Apostel, so möge er das der ganzen Welt hier nur frei heraus sagen, denn unser heutiges Zusammenkommen hier ist der Ausgangspunkt für alle Worte, die von hier aus in die ganze Welt gehen.

Ich gehe nun weiter. – Weder in den Schriften des Paulus, noch des Johannes oder Jakobus habe ich eine Spur oder auch nur einen Keim von der Macht des Papstes gefunden. Auch Lukas, der Geschichtsschreiber der Missionsreisen des Paulus, sagt nichts über diesen besonders wichtigen Gegenstand. Das Schweigen dieser heiligen Männer über diesen Punkt, deren Schriften doch mit zum Kanon des göttlich inspirierten Wortes gehören, würde mit als unverständlich und unmöglich vorkommen, wenn Petrus wirklich Papst gewesen wäre, und ebenso ungerechtfertigt, als wenn Thiers, der die Geschichte Napoleon Bonapartes geschrieben hat, dabei vergessen hätte, seinen Titel als Kaiser zu erwähnen.

In den Reihen vor mir sehe ich ein Mitglied der Versammlung, das mit dem Finger auf mich zeigt und dabei sagt: „Das ist ja ein ganz schismatischer Bischof, der unter falscher Flagge hier eingedrungen ist!“ – Ach nein, meine ehrwürdige Brüder, ich bin nicht wie ein Dieb oder durch das Fenster in diese erhabene Versammlung eingedrungen, sondern durch die Tür hereingekommen, wie auch Sie. Mein Bischofstitel gab mir das Recht dazu, ebenso wie mich mein christliches Gewissen zum Sprechen zwingt, um Ihnen das zu sagen, was ich für wahr halte.

Was mich aber am meisten überrascht hat, und was auch sehr leicht nachzuweisen ist, ist das völlige Stillschweigen des Petrus selbst. Wenn der Apostel wirklich das gewesen wäre, wozu wir ihn hatten machen wollen, nämlich zu dem Stellvertreter Jesu Christi auf Erden, so hätte er doch sicherlich etwas davon wissen müssen. Wenn er davon gewußt hätte, warum ist er dann nicht ein einziges Mal als Papst handelnd aufgetreten? Am Tage der Pfingsten, als er seine erste Predigt hielt, hätte er es mit Leichtigkeit tun können, tat es aber nicht; und ebensowenig in seinen beiden, an die Kirche gerichteten, Briefen. Wenn Petrus Papst gewesen wäre, meine ehrwürdige Brüder, könnten Sie sich wohl einen solchen Papst vorstellen? Wenn Sie aber daran festhalten wollen, daß er wirklich Papst gewesen sei, so ergibt sich daraus als natürliche Folge das Einverständnis, daß er selbst sich dieser Tatsache überhaupt nicht bewußt war. Dabei möchte ich aber doch einen jeden fragen, der noch Kopf und Verstand zum Denken hat: Wären diese beiden Voraussetzungen überhaupt möglich und denkbar?

Um darauf zurückzukommen: Ich sagte, daß die Kirche niemals an das Vorhandensein eines Papstes gedacht hat, solange der Apostel lebte. Wollte man etwas Gegenteiliges behaupten, so müßte man dabei die gesamten Heiligen Schriften außer Acht lassen.

Aber – so meint man überall – ist Petrus nicht in Rom gewesen? Wurde er nicht mit dem Kopf nach unten gekreuzigt? Befeinden sich nicht die Kanzeln, von denen herab er gelehrt hatte, die Altäre, wo er die Messen zelebrierte, in dieser wigen Stadt? – Daß Petrus in Rom gewesen sein soll, meine ehrwürdige Brüder, beruht lediglich auf Überlieferung. Wenn er aber auch wirklich Bischof von Rom war, wie würden Sie dann von seinem Bischofsamt her seine Verherrschaft ableiten können? Scalinger, einer der größten Gelehrten, ist darin soweit gegangen zusagen, daß das Bischofsamt des Petrus und sein Aufenthalt in Rom mit zu denlächerlichsten aller Legenden gerechnet werden müßte (Wiederholte Zurufe: “Haltet ihm den Mund zu, haltet ihm den Mund zu! Herunter vom Pult mit ihm!“).

Ehrwürdige Brüder, ich bin bereit zu schweigen. Ist es aber in einer Versammlung wie der unsrigen nicht besser, alles zu prüfen und das Gute zu behalten, wie der Apostel uns ermahnt? Wir haben einen Gebieter, dem wir alle - auch selbst Seine Heiligkeit, Pius IX. – uns schweigend und mit gebeugtem Haupt völlig unterwerfen müssen. Dieser Gebieter ist die Geschichte. Und die Geschichte ist nicht dasselbe wie eine Legende, die man wie der Töpfer den Ton nach Belieben selbst formen könnte, sondern sie ist wie ein Diamant, der auf das Glas eine unauslöschliche Schrift eingräbt.

Bisher habe ich mich ausschließlich auf die Geschichte gestützt, und wenn ich dabei keine Spur von einem Papsttum zur Zeit der Apostel gefunden habe, so liegt die Schuld daran bei ihr, nicht aber bei mir. Oder wollen Sie mich dabei etwa der Fälschung anklagen? Wenn sie das können, so mögen Sie es tun!

Von der Rechten höre ich jemanden die Worte sagen: „Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen!“ – Ich werde auf diesen Einwand sogleich zurückkommen, meine ehrwürdige Brüder; ich möchte Ihnen aber zuvor noch das Ergebnis meiner geschichtlichen Untersuchungen unterbreiten. Nachdem ich nun in den Tagen der Apostel nicht die Spur von einem Papsttum gefunden habe, sagte ich bei mir selbst: Ich werde das, was ich suche, wohl in den Annalen der Kirche finden können. Nun, ich muß offen sagen: Ich habe in den ersten vier Jahrhunderten nach einem Papst gesucht; aber ich habe keinen gefunden. Niemand von Ihnen wird, so hoffe ich, die überlegene Autorität des heiligen Bischofs von Hippo, des großen und gesegneten St. Augustinus, in Frage stellen wollen.

Dieser fromme Lehrer, die Ehre und der Ruhm der katholischen Kirche, war Sekretär beim Konzil zu Melun (Malvis). Unter den Verordnungen dieser verehrungswürdigen Versammlung finden sich auch die Worte des bedeutsamen Satzes: „Wer sich auf jemand jenseits der Meere berufen will, kann in Afrika von niemanden in Gemeinschaft aufgenommen werden“. So wenig wurden also die Bischöfe zu Rom von den Bischöfen in Afrika anerkannt, daß letztere alle diejenigen mit Exkommunizierung bedrohten, die es unternahmen, bei jenen Berufung einzulegen. Bei Gelegenheit des 6. Konzils zu Karthago, das unter dem Vorsitz von Aurelius, dem Bischof jener Stadt, abgehalten wurde, schrieben eben diese Bischöfe an Celestinus, den Bischof von Rom, um ihn davor zu warnen, sich mit irgendwelchen Berufungen seitens der Bischöfe, Priester oder Geistlichen von Afrika einzulassen, daß er auch keine weiteren Legaten oder Beauftragte schicken und ferner, daß er sich davor hüten solle, menschlichen Eigenwillen in die Kirche hineinzutragen.

Daß der Patriarch von Rom schon von den früheren Zeiten her versucht hat, die Macht an sich zu reißen, ist eine unwiderlegliche Tatsache; die Überlegenheit aber, die ihm von den Ultramontanen zugeschrieben wurde, hat er nie besessen. Das ist eine ebenso unwiderlegliche Tatsache. Hätte er sie besessen, so würden die Bischöfe von Afrika es nie gewagt haben – und St. Augustinus wäre dabei der erste gewesen – zu verbieten, daß man gegen ihre Verordnungen bei ihm als der höheren Instanz Berufung einlegte. Daß der Patriarch von Rom die erste Stellung einnahm, gebe ich unumwunden zu. In dem Gesetz des Justinian heißt es an einer Stelle: “Wie auf den vier Konzilen festgelegt, wird hiermit verordnet, daß der heilige Papst des alten Rom der erste unter den Bischöfen und der allerhöchste Bischof von Konstantinopel, dem neuen Rom, der zweite sein soll. Und nun werden Sie mir sagen: „Also beuge dich doch unter die Vorherrschaft des Papstes!“ Jedoch, ichmuß Sie bitten, ehrwürdige Brüder, mit Ihren Schlußfolgerungen nicht zu voreiligzu sein; denn das betreffende Gesetz des Justinian trägt die äußere Bezeichnung “Über die Ordnung der Patriarchensitze“ . Es ist eine Sache für sich, den Vorrang, und eine andere Sache, die Gerichtsbarkeit zu haben. Nehmen Sie z. B. an, daß in Florenz eine Zusammenkunft aller Bischöfe des ganzen Landes stattfinden soll, sowürde dabei der Vorsitz an den Primas von Florenz gehen; wenn z. B. für den Osten, dann an den Patriarchen von Konstantinopel; und wenn zum Beispiel für England, dann an den Erzbischof von Canterbury. Aber weder der erste, noch der zweite, noch der dritte könnte auf Grund der ihm zugewiesenen Stellung eine Gerichtgsbefugnis über seine Amtskollegen für sich in Anspruch nehmen.

Die Bedeutung der Bischöfe von Rom gründet sich nicht auf eine göttliche Macht, sondern entspricht nur der Bedeutung der Stadt, wo sie ihren Sitz haben. Monsignor Darboy, in Paris, hat eine höhere Würde als der Erzbischof von Avignon; [ ... ?] trotzdem aber verleiht ihm Paris eine solche Bedeutung, die man ihm nicht zuerkennen würde, wenn beispielsweise sein Palast an der Rhone stände, anstatt am Ufer der Seine. Was für die Ordnung der Kirchlichen Dinge zutrifft, finden wir auch im bürgerlichen und im politischen Leben wieder; der Präfekt von Rom ist nicht mehr ein Präfekt, als der Präfekt von Pisa es ist; trotzdem genießt er aber in öffentlichen und politischen Dingen eine größere Beachtung.

Wie ich schon sagte, strebte der Patriarch von Rom schon von den ersten Jahrhunderten an nach der Allgemeinherrschaft über die Kirche. Leider hat er sie auch fast völlig erreicht; er ist mit seinen Ansprüchen aber doch nicht ganz durchgedrungen; denn Kaiser Theodosius 11. hat in einem von ihm erlassenen Gesetz verfügt, daß der Patriarch von Konstantinopel die gleiche Autorität haben solle wie der von Rom (Leg. cod. ce sacr. rtc.). Die Väter des Konzils zu Kalzedon stellten die Bischöfe des neuen und des alten Rom alle auf ein und dieselbe Linie, selbst in geistlichen Dingen (Can. 28). Durch das 6. Konzil zu Karthago wurde es allen Bischöfen verboten, den Titel eines Fürstbischofs oder regierenden Bischofs anzunehmen. Über diesen Universalbischofstitel, den die Päpste später annahmen, schrieb St. Gregor 1. in dem Glauben, daß seine Nachfolger sich diesen niemals beilegen, diese bemerkenswerten Worte: „Von meinen Vorgängern hat sich niemand dazu bereitgefunden, diesen profanen Namen anzunehmen, denn sobald ein Patriarch sich selbst als „Universal“ bezeichnen würde, so würde dadurch den Patriarchentitel in Mißkredit kommen. Fern sei es daher von einem Christen, daß er begehren sollte, sich einen Titel beizulegen, der seine Brüder in Mißkredit bringen könnte.“

Die Worte St. Gregors sind an seine Amtsgenossen zu Konstantinopel gerichtet, die auf die Vorherrschaft in der Kirche Anspruch erhoben. Papst Pelagius H. nennt Johannes, den Bischof von Konstantinopel, der das Hohe Priestertum für sich erstrebte, „gottlos und unheilig“. „Seht nicht“, so sagt er, „auf den Universaltitel, den Johannes auf ungesetzliche Weise an sich gerissen hat. Keiner der Patriarchen soll diesen weltlichen Titel annehmen. Welch ein Unglück würde uns nicht zu erwarten haben, wenn unter den Brüdern solche Beweggründe vorherrschend sind? Es würde ihnen geschehen, was schon zuvor gesagt wurde: Er ist der Fürst der Söhne der Eitelkeit!“ (Pelagius H., Letter 13). Wird durch solche Autoritäten – wobei ich noch hunderte gleichwertige Zeugnisse anfuhren könnte - nicht der sonnenklare Beweis dafür erbracht, daß die ersten Bischöfe von Rom erst sehr viel später als Universalbischof und Haupt der Kirche anerkannt wurden? Und andererseits, wer weiß nicht, daß vom Jahr 325 an, als das Konzil zu Nicea stattfand, bis zum Jahr 580, dem Jahr des zweiten Ökumenischen Konzils zu Konstantinopel, unter den mehr als 1.109 Bischöfen, die den ersten sechs allgemeinen Konzilen beiwohnten, sich nicht mehr als nur [ ... ?] Bischöfe aus dem Westen befanden? Wer weiß nicht, daß die Konzilien durch die Kaiser einberufen wurden, ohne daß der Bischof von Rom davon Kenntnis genommen und daß dies oft sogar gegen dessen Willen geschah? -daß Hosius, der Bischof von Cordoba, bei dem ersten Konzil zu Nicea den Vorsitz führte und dessen Beschlüsse herausgab? Dieser selbe Hosius präsidierte später auch beim Konzil von Sardica, wo die Legaten des Julius, des Bischofs von Rom, ausgeschlossen wurden?

Mehr will ich darüber nicht sagen, meine ehrwürdigen Brüder, und ich kommen nun auf das große, von Ihnen bereits angeführte Argument zu sprechen, daß das Primat des Bischofs von Rom auf den Felsen (Petra) gegründet sei. Wenn das wahr wäre, so würde damit auch unsere ganze Auseinandersetzung zu Ende sein; aber unsere Vorväter – und sie wußten doch wohl auch etwas – dachten darüber anders als wir. In seinem vierten Buch über die Dreieinigkeit sagt St. Cyril: “Ich glaube, daß man unter dem Felsen den unerschütterlichen Glauben der Apostel zu verstehen hat“. St. Hilarius, der Bischof von Politier, sagt in seinem zweiten Buch über die Dreieinigkeit „Der Felsen (Petra) ist der gesegnete und alleinige Felsen des Glaubens, der durch den Mund des st. Petrus bekannt wird“; und in seinem sechsten Buch über die Dreieinigkeit sagt er: „Auf diesen Felsen des Glaubensbekenntnisses ist die Kirche gebaut“. St. Jeronimus schreibt in seinem sechsten Buch über st. Matthäus: „Gott hat seine Kirche auf diesen Felsen gegründet, und von diesem Felsen her hat der Apostel Petrus seinen Namen bekommen“. Nach ihm hat später St. Chrysostomus in seiner 53. Predigt über St. Matthäus gesagt: „Auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen, d. h. auf den Glauben des Bekenntnisses“. Was aber war das Bekenntnis des Apostels? Wir hören es: „Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!“ Ambrosius, der heilige Erzbischof von Mailand in „Über das 2. Kapitel des Epheserbriefes“. St. Basilius von Seleucea, und die Väter des Konzils zu Kalzedon, lehren genau das Gleiche. Unter allen Lehrern der frühen Christenheit nimmt St. Augustinus, seiner Heiligkeit und Gelehrsamkeit wegen, einen der ersten Plätze ein. Hören wir also, was er in seiner zweiten Abhandlung über den ersten Johannesbrief sagt: „Was sollen die Worte besagen: Auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen? Auf diesen Glauben, und zwar auf den Glauben, der da sagt: „Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes“! In seiner zweiten Abhandlung über St. Johannes finden wir dann diesen äußerst bedeutungsvollen Satz: „Auf diesen Felsen, den du bekannt hast, will ich meine Kirche bauen; denn Christus selbst war der Fels!“ So wenig glaubte der große Bischof, daß die Kirche auf St. Petrus aufgebaut sei, daß er in seiner 13. Predigt an das Volk sagt: „Du bist Petrus, und auf diesen Felsen (Petra), den du bekannt hast, auf diesen Felsen den du erkanntest, indem du sagtest: Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes! Will ich meine Kirche bauen, d. h. auf Mich selbst, der ich der Sohn des lebendigen Gottes bin. Ich werde sie auf Mich bauen, aber ich werde Mich nicht auf dich bauen!“ Die Auffassung, die St. Augustinus von dieser berühmten Schriftstelle hatte, war auch Allgemeingut in der ganzen Christenheit seiner Zeit.

Mit ihm stelle ich nun zusammenfassend fest:

1. daß Jesus die gleiche Macht, die er Petrus gab, auch an alle anderen Apostel gegeben hat,

2. daß Petrus niemals daran gedacht hat, Papst zu sein, und daß er auch niemals so gehandelt hat, als ob er Papst wäre,

3. daß Petrus von den Aposteln niemals als Stellvertreter Jesu und als unfehlbarer Lehrer der Kirche anerkannt wurde,

4. daß die Konzilien der ersten vier Jahrhunderte, obwohl sie die hohe Stellung, die der Bischof von Rom von Roms wegen einnahm anerkannten, diesen lediglich den Vorzug größerer ehre, niemals aber die Befugnisse zur Gerichtsbarkeit zuerkannten,

5. daß die heiligen Väter die berühmte Schriftstelle: „Du bist Petrus, auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen!“ niemals dahin verstanden haben, daß die Kirche auf Petrus (super petrum) aufgebaut sei, sondern daß sie auf den Felsen (super petrum), d. h. auf das Glaubensbekenntnis des Apostels aufgebaut ist.

Auf Grund der Geschichte, des Verstandes, der Logik, des natürlichen Empfindens und auf Grund eines christlichen Gewissens komme ich also zu dem Schluß, der voller Überzeugung ist, daß Petrus keinerlei Vorrangstellung von Jesus Christus her erhielt, und daß die Bischöfe von Rom nur darum die Beherrscher der Kirche geworden sind, weil sie sämtliche Rechte des Bischofsamtes, eines nach dem anderen, an sich gerissen haben (Zurufe: „Schweig, unverschämter Protestant, schweige!“).

Nein, meine Brüder, Ich bin kein unverschämter Protestant. Die Geschichte ist weder katholisch, noch anglikanisch, noch kalvinistisch, noch lutheranisch, noch armenisch, noch schismatisch-griechisch, noch ultramontan. Sie bleibt, wie sie ist, d. h. etwas, das stärker ist als alle Glaubensbekenntnisse der ökumenischen Konzilienbeschlüsse. Schreiben Sie etwas dagegen, wenn Sie wagen sollten! Sie können die Geschichte dadurch nicht zerstören, ebensowenig wie Sie das Kolosseum zu Fall bringen, wenn sie einen Ziegelstein daraus entfernen. Wenn ich irgend etwas gesagt habe, das sie mir an Hand der Geschichte als falsch nachweisen können, so überführen Sie mich dessen an Hand der Geschichte, und ohne einen Augenblick zu zögern, werde ich eine ehrenvolle Entschuldigung abgeben.

Aber haben Sie noch etwas Geduld und Sie werden sehen, daß ich noch nicht alles gesagt habe, was ich sagen will und sagen muß; und selbst wenn [ ... ?] mich an St. Petris Stelle der Scheiterhaufen erwarten würde, so würde ich dennoch nicht schweigen können, und sehe mich gezwungen fortzufahren. In seinem gefeierten „Oberservaciones“ zu diesem Vatikan-Konzil hat Monsignor Duplanloup sehr richtig ausgeführt, daß wenn wir Pius IX. für unfehlbar erklären würden, wir dann auf Grund natürlicher Logik auch dazu verpflichtet wären, daran festzuhalten, daß alle seine Vorgänger ebenfalls unfehlbar gewesen seien.

Hier nun, ehrwürdige Brüder, erhebt die Geschichte ihre Stimme, um uns davon zu überführen, daß einige Päpste geirrt haben. Sie mögen dagegen protestieren oder es leugnen wollen; dennoch werde ich Ihnen die Beweise dafür bringen. Papst Victor (192) hat den Montanismus zuerst gut geheißen und ihn später wieder verworfen. Marcellinus (296) war ein Götzendiener: Er ging in den Tempel der Vesta und brachte der Göttin Weihrauchopfer dar. Vielleicht werden Sie das als einen Ausdruck der Schwäche entschuldigen wollen; darauf würde ich Ihnen antworten, daß ein Stellvertreter Jesu Christi eher den Tod erleidet, als daß er ein Abtrünniger wird. Liberius (358) stimmte der Verurteilung des Athanasius zu und bekannte sich zum Arianismus, damit er aus seiner Verbannung zurückgerufen und wieder in sein Amt eingesetzt werden konnte. Honorius (825) war ein Anhänger der Monothelesten, was durch Pater Gratry überzeugend nachgewiesen wurde. Gregor I. (785/90) nannte jeden, der den Titel eines Universalbischofs annimmt, einen Antichristen, und im Gegensatz zu diesem läßt sich Bonifacius III. (607/08) diesen Titel durch den Vatermörder, Kaiser Phocas, verleihen. Pascualus II. (1088/99) und Eugenius III. (1145/53) billigten beide das Duellieren; Julius II.(1509) und Pius IV. (1560) verboten es wieder. Eugenius IV. (1431/39) stimmte dem Konzil von Basel zu und damit der Wiedereinführung des Abendmahlkelches für die Kirche in Böhmen; Pius II. (1458) widerrief dieses Zugeständnis. Hadrian II. (867/71) erklärte die bürgerlich geschlossenen Ehen für gültig. Pius VII. (1800/23) verwarf sie wieder. Sixtus V. (1585/90) gab eine Auflage der Bibel heraus und empfahl in einer Bulle, daß sie gelesen werden sollte; Pius VII. verurteilte das Lesen der Bibel. Clemens XIV. (1700/21) löste den Jesuitenorden auf, der von Paul III. zugelassen worden war, und Pius VIII. stellte ihn wieder her.

Aber warum weiter nach soweit zurückliegenden Beweisstücken suchen? Hat nicht unser Heiliger Vater, der hier unter uns gegenwärtig ist, mit einer Bulle, die für dieses Konzil die Statuten festlegte, für den Fall seines Ablebens während dieser Sitzungsperiode alles widerrufen, was von früheren Zeiten her etwa Gegenteiliges vorhanden sein könnte, selbst wenn es dabei um Entscheidungen seiner Vorgänger handeln sollte? Wenn Pius IX. auf solche Weise ex cathedra (Kraft seines Amtes) gesprochen hat, so ist das ganz gewiß nicht dasselbe, als wenn er aus der Tiefe seines Grabes heraus den Beherrschern der Kirche seinen Willen aufzwingen würde. Wenn ich Ihnen meine ehrwürdigen Brüder, alles die Lehrwidersprüche der Päpste vor Augen führen wollte, so würde ich damit niemals zu Ende kommen.

Wenn Sie also die Unfehlbarkeit des jetzigen Papstes proklamieren wollen, so müssen Sie entweder beweisen – was an sich unmöglich ist –, daß die Päpste einander nie widersprochen haben, oder aber, Sie müssen die Erklärung abgeben, daß nach einer Ihnen durch den Heiligen Geist gewordenen Offenbarung die Unfehlbarkeit des Papstes erst von Jahre 1870 datieren soll. Würden Sie dazu wohl den Mut aufbringen können?

Es mag sein, daß das Volk gleichgültig genug ist, um über solche theologischen Fragen, die es nicht versteht, hinwegzugehen, weil es deren Bedeutung nicht erfaßt hat; wenn es aber auch betreffs der Grundsätze gleichgültig ist, so doch nicht hinsichtlich der Tatsachen. Geben Sie sich also keiner Täuschung hin. Wenn Sie die Unfehlbarkeit des Papstes zum Dogma erheben, so werden die Protestanten als unsere Gegner sofort die Bresche ersteigen und dabei um so kühner sein, weil sie die Geschichte zum Verbündeten haben, während wir ihnen nur unser eigenes Leugnen entgegensetzen können. Was können wir ihnen erwidern, wenn sie uns sämtliche Bischöfe aufzählen, von den Tagen des Lucas an, bis zu Seiner Heiligkeit Pius IX.? Ja, wenn sie nur alle so gewesen wären wie Pius IX., dann könnten wir auf der ganzen Linie triumphieren, aber leider ist das nicht der Fall (Zurufe: „Schweige, schweige, genug davon, genug!)

Schreien Sie nicht so, Monsignori! Wenn Sie Frucht haben vor der Geschichte, so bekennen Sie sich damit als geschlagen. Und wenn Sie selbst alle den Tiber darüberhin gehen lassen, so würden Sie damit nicht eine einzige Seite auslöschen können. Lassen Sie mich also ausreden, und ich will versuchen, mich über diesen allerwichtigsten Gegenstand so kurz wie möglich zu fassen.

Papst Vigilius (537) hatte das Papsttum von Belisar, einem Heerführer des Kaisers Justinian, käuflich erworben. Allerdings hat er auch sein Versprechen nicht gehalten und niemals dafür bezahlt. Ist das nun die recht kanonische Weise, sich die Tiara aufzusetzen? Durch das 3. Konzil zu Kalzedon wurde das auch formell verurteilt. In einer von dessen Richtlinien heißt es, daß“ „in Bischofsamt, das durchinen Bischof durch Geld erkauft wurde, diesem ebenso wieder abgenommen und er selbst abgesetzt werden sollte. Papst Eugenius IH. (eigentlich IV, 1145) ahmte Vigilius darin nach. St. Bernhard, der Glanzstern seines Zeitalters, wies den Papst deswegen zurecht und sagte ihm: „Könnt Ihr mir in dieser großen Stadt Rom auch nur einen Menschen zeigen, der bereit war, Euch als Papst anzuerkennen, und der nicht Selber oder Gold bekommen hätte?“

Meine ehrwürdigen Brüder, kann wohl ein Papst, der an den Toren des Tempels ein Bankgeschäft aufmacht, vom Heiligen Geist inspiriert sein? Könnte ein solcher sich das Recht anmaßen, die Kirche in Unfehlbarkeit zu lehren? Die Geschichte des Fomosus ist Ihnen so genau bekannt, daß ich ihr nichts weiter hinzuzufügen brauche. Stephanus H. ließ seinen Leib exhumieren und in seine priesterlichen Gewänder kleiden; dann ließ er ihm die Finger abhacken, mit denen er den Segen erteilt hatte und ihn in den Tiber werfen, wobei er ihn als einen Meineidigen und als unehelich erklärte. Die Folge war, daß er vom Volke gefangen gesetzt, vergiftet und aufgehängt wurde. Romanus, der Nachfolger des Stephanus und später auch Johannes X. stellten das Ansehen des Fomosus wieder her.

Vielleicht werden Sie einwenden, daß dies nur Fabeln seien und keine Geschichte. Fabeln! Gehen Sie, Monsignori, in die Vatikanische Bibliothek und lesen sie Platina, den Geschichtsschreiber des Papsttums, und auch die Annalen des Baronius (897). Es handelt sich dabei um Tatsachen, die wir um der Ehre des Heiligen Stuhls willen gerne ignorieren würden. Wenn es sich aber darum handelt, daß ein Dogma aufgestellt werden soll, daß zu einer großen Spaltung in unserer Mitte führen könnte, sollten wir uns denn dann durch die Liebe, die wir zu unserer katholischen, apostolischen, römischen Mutterkirche haben, zum Schweigen bringen lassen?

Ich fahre also fort. Der gelehrte Kardinal Baronius sagte über den päpstlichen Hof – beachten Sie diese Worte wohl, meine ehrwürdigen Brüder! – wie folgt: „Wie sah die römische Kirche in diesen Tagen aus? Wie schändlich, nur allgewaltige Kurtisanen herrschten in Rom! Sie waren diejenigen, die alle Bistümer austeilten, austauschten und einzogen, und sie – es ist schrecklich, dies zu sagen – setzten ihre Liebhaber, die falschen Päpste, auf den Stuhl des Heiligen Petrus“ (Baronius A.D. 912). Sie werden mir nun darauf antworten: „Das waren falsche Päpste und waren keine“. Nun gut, lassen wir das also. Wie wollen Sie aber, wenn in diesem Fall doch der Sitz in Rom hundertfünfzig Jahre lang von Gegenpäpsten eingenommen wurde, den Faden der Priesterlichen Nachfolge wieder aufnehmen? Konnte die Kirche durch wenigstens einige Jahrhunderte hindurch von Gegenpäpsten eingenommen werden und diese lange Zeit ohne wirkliches Oberhaupt, also als ein kopfloses Gebilde, weiter bestehen?

Und nun, passen Sie auf: Die meisten dieser Gegenpäpste bilden einen Stammbaum des Papsttums für sich und gerade diese auffallende Ungereimtheit ist es wohl gewesen, durch die Baronius zum Schreiben veranlaßt wurde; den Genebrado, der große Schmeichler der Päpste, hatte es gewagt, in seiner Chronik (A.D. 901) zu sagen: „Dieses Jahrhundert ist ein Jahrhundert des Unglücks, denn ungefähr 150 Jahre sind eher Apostaten als Apostel gewesen. Ich kann mir gut vorstellen, wie der ausgezeichnete Baronius errötet sein mag, als er diese Taten der römischen Bischöfe niedergeschrieben hat. Von Johannes XI. (931), dem natürlichen Sohn des Papstes Sergius und der Marosia, schrieb er in seinen Annalen: „Solch ein Ungeheuer hat in der gemeinsten Weise auf der heiligen, der römischen Kirche herumgetreten!“ Johannes XII. (956), der im Alter von 18 Jahren auf das Betreiben von Buhldirnen zum Papst gewühlt wurde, war um kein Haar besser ans sein Vorgänger. Ich bin betrübt, meine ehrwürdigen Brüder, soviel Schmutz aufrühren zu müssen. Ich will auch nichts sagen über Alexander VI., den Vater und Liebhaber der Lucretia; und ich wende mich ab von Johannes XXII (1819) [?], der die Unsterblichkeit der Seele leugnete und vom heiligen, ökumenischen Konzil zu Konstanz abgesetzt wurde. Einige von Ihnen werden vielleicht einwenden, daß es sich dabei um ein privates Konzil gehandelt habe; lassen wir das also gelten. Wenn Sie aber diesem Konzil jede Autorität absprechen, dann müssen Sie logischerweise auch die Ernennung Martins V. (1417) als unzulässig erklären. Was wird dann aber aus der päpstlichen Nachfolge? Könnten Sie dann wohl noch den Faden weiterführen?

Ich will nichts sagen von den Spaltungen, durch die die Kirche so verunehrt wurde. In jenen unglücklichen Tagen wurde der Bischofssitz zu Rom manchmal von zwei, zuweilen sogar von drei Konkurrenten gleichzeitig eingenommen. Wer von diesen war nun jeweils der wahre Papst? Nochmals zusammenfassend wiederhole ich daher: Wenn Sie die Unfehlbarkeit des jetzigen Bischofs von Rom wirklich dekretieren wollen, so müssen Sie zuerst die Unfehlbarkeit der voraufgegangenen Päpste ohne eine Ausnahme nachweisen können. Werden Sie das aber vermögen, wenn doch die Geschichte mit einer Deutlichkeit, die ebenso klar ist wie die Sonne, feststellt, daß die Päpste in ihrer Lehre geirrt haben. Würden Sie das tun und damit behaupten können, daß die geldliebenden, blutschänderischen, mörderischen, pfründemachenden Päpste die Stellvertreter Jesu Christi gewesen sind?

Oh, meine ehrwürdigen Brüder, eine solche Ungeheuerlichkeit zu behaupten,wäre ein Verrat an Christum, schlimmer als der des Judas. Man würde Ihm dadurch Mist ins Angesicht streuen! (Zurufe: „Sofort herunter vom Pult. Haltet dem Ketzer den Mund zu!“)

Meine ehrwürdigen Brüder, Sie schreien hier. Sollte es Ihrer würde nicht angemessener sein, wenn Sie meine Gründe und Beweise auf der Waagschale des Heiligtums wiegen würden? Glauben Sie mir, die Geschichte kann nicht aufgelöst werden; sie bleibt bestehen und dauert fort bis in alle Ewigkeit, um mit aller Macht gegen das Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes zu protestieren. Wenn Sie nun die Unfehlbarkeit auch einstimmig verkünden sollten; eine Stimme wird dabei fehlen, und das ist die meine! Monsignori, die Augen der Treuen und Aufrichtigen sind auf uns gerichtet. Sie erwarten von uns Abhilfe gegen die ungezählten Mißstände, durch die die Kirche tief verunehrt wird. Wollen Sie sie in ihren Erwartungen enttäuschen? Welch eine Verantwortung werden wir vor Gott haben, wenn wir diese ernste Gelegenheit vorübergehen lassen, die uns von Gott zur Heiligkeit des wahren Glaubens gegeben wurde! Laßt uns diese Gelegenheit nutzen, meine Brüder, wappnen wir uns mit heiligem Mut; laßt uns eine gewaltige, hochherzige Anstrengung machen, laßt uns festhalten an der Lehre der Apostel,weil wir ohne diese nur auf Irrtümer, Finsternis und falsche Überlieferungen angewiesen sind. Mit Vernunft und Einsicht wollen wir für uns nur die Apostel und Propheten als unfehlbare Lehrer gelten lassen, wenn es sich um die Frage aller Fragen handelt: „Was muß ich tun, um errettet zu werden?“ Wenn wir darin zueinem Entschluß gekommen sind, dann haben wir auch unser ganzes Lehrgebäude fest und unbeweglich auf den ewigen und unvergänglichen Felsen der göttlich inspirierten Schriften gegründet. Dann können wir gleich dem Apostel Paulus voller Zuversicht in die Welt hineingehen und angesichts der Freidenker kennen wir dann: „Niemand anders als Jesus Christus, den Gekreuzigten“. Durch die Predigt von der Torheit des Kreuzes werden wir überwinden, gleichwie einst auch Paulus die gelehrte Welt von Rom und Griechenland überwand und dann wird die römische Kirche ihr glorreiches 89 erleben können! (Lärmende Zurufe: „Herunter mit ihm! Hinaus mit dem Protestanten, dem Kalvinisten, dem Verräter der Kirche!)

Vor Ihrem Schreien, Monsignori, habe ich keine Angst. Wenn meine Worte auch glühend sind, so bleibt mein Kopf doch kühl. Ich bin weder des Luther, noch des Calvin, noch des Paulus oder des Apollos, sondern ich bin einzig und allein des Christus! (Erneute Zurufe: „Anathema, Anathema dem Abtrünnigen!“)

Anathema? Monsignore, Anathema? – Sie wissen sehr wohl, daß Sie hier nicht gegen mich protestieren, sondern gegen die heiligen Apostel, unter deren Schutz ich die Kirche durch dieses Konzil stellen lassen möchte. Ach, wenn sie jetzt, in ihre Grabtücher gekleidet, aus ihren Gräbern stiegen, würden sie dann wohl eine andere Sprache reden als ich hier gesprochen habe? Was würden Sie ihnen entgegnen können, wenn sie Ihnen auf Grund ihrer Schriften nachweisen, daß das Papsttum abgewichen ist von dem Evangelium des Sohnes Gottes, das sie gepredigt und so großherzig mit ihrem Blut besiegelt haben? Würden Sie es wagen zu antworten: „Wir ziehen die Lehre unserer Päpste, unseres Bolland, unseres Ignatius Loyola, eurer Lehre vor? Nein, nein, tausendmal nein. Es sei denn, daß Sie sich die Ohren zuhalten, um nicht zu hören, die Augen schließen, um nicht verstehen zu wollen.

Ach, wenn Er, der droben regiert, uns strafen, und seine Hand schwer auf uns legen wollte, wie Er einst bei Pharao tat, Er würde Garibaldis Soldaten nicht nötig haben, um uns aus dieser ewigen Stadt zu vertreiben. Er brauchte nur zuzulassen, daß man aus Pius IX. einen Gott machte, die wir die gebenedeite Jungfrau schon zu einer Göttin gemacht haben. Haltet ein, haltet ein, meine ehrwürdigen Brüder, auf dieser verderblichen und lästerlichen, schiefen Ebene. Retten Sie die Kirche vor dem Schiffbruch, der sie bedroht, erflehen Sie und das allein aus den Heiligen Schriften, den Weg des Glaubens, den wir gehen und bekennen sollen. Ich habe gesprochen, Gott helfe mir!

Anmerkung zur Person des Redners

Der südslavische Theologe, Josef Strossmayer, wurde am 4. Februar 1815 geboren. Er empfing 1838 die Priesterweihe, trat 1850 als Führer der Slavenischen Nationalpartei auf und war ein Förderer des Panslavismus. In den Jahren 1869/70 bekämpfe er das Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes. Er starb am 8. April 1905 in Djakow.