Christus ist unser Herr

Online seit dem 11.10.2006, Bibelstellen: 1. Thessalonicher 1,1; Matthäus 8,9

Durch die Bekehrung waren die Thessalonicher in ein herrliches Verhältnis gebracht worden. Der Apostel fügt neben dem, daß sie „in Gott, dem Vater“ waren, hinzu: „und in dem Herrn Jesus Christus.“ Dies Wort verdient Beachtung. Paulus sagt nicht: „in dem Heiland“, wie man es bei diesen neugeborenen Kindlein im Glauben hätte erwarten können, die in Christus Vergebung ihrer Sünden gefunden hatten und denen das Evangelium den in Gnade herniedergekommenen Jesus als Erretter bekanntgemacht hatte. Aber das war nicht das ganze Christentum der Thessalonicher: Sie bekannten, in Beziehung zu Dem gekommen zu sein, der sie um solch einen Preis erkauft hatte, damit sie Ihm völlig nach Geist, Seele und Leib angehörten; sie erkannten Seine absolute Autorität über sie als rechtmäßig an. Jesus Christus war ihr Herr geworden.

Ich möchte dies betonen, weil viele junge Christen in Gefahr stehen, es zu vergessen. Sie nehmen mit Freuden das Werk der Gnade an, das der Heiland zu ihren Gunsten vollbracht hat, aber verstehen nicht, daß dieses Werk sie in einen neuen und glückseligen Dienst einführt, und, wenn ich so sagen darf, in die freiwillige Knechtschaft des Herrn Jesus Christus. Es ist notwendig zu verstehen, daß wir überhaupt keine Freiheit mehr haben, unseren eigenen Willen zu tun, wie wir es vor der Bekehrung taten. Er, der unsere Befreiung auf Kosten Seines eigenen Lebens bewirkt hat, sollte Er nicht ein absolutes Recht auf uns haben? Ob jung oder alt, wir sind durch die Erlösung unter eine Autorität gestellt worden, die uns nicht mehr erlaubt, uns selbst zu leben; wir haben nicht mehr das Recht, nach unseren eigenen Gedanken zu verfahren, sondern der Wille Christi muß unsere einzige Verhaltensregel sein.

Wir werden an die Worte des Hauptmanns aus Matthäus 8 erinnert. Dieser Mann hatte der absoluten Autorität des Herrn vertraut, der fähig war, durch ein einziges Wort seinen kranken Knecht zu heilen. Er selbst wußte, was menschliche Autorität bedeutete. Was mußte erst die des Herrn sein, wenn er, der unwürdig und selbst unter Gewalt gestellt war, die seinige ausübte, ohne einer Überwachung zu unterliegen, und von anderen absoluten Gehorsam verlangen konnte? „Denn auch ich bin ein Mensch unter Gewalt und habe Kriegsknechte unter mir, und ich sage zu diesem: Gehe hin, und er geht; und zu einem anderen: Komm, und er kommt; und zu meinem Knechte: Tue dieses, und er tut's“ (Mt. 8, 9). Indem er seine beschränkte Autorität als Beispiel anführt, appelliert er an die grenzenlose Autorität des Herrn und ist sicher, daß Ihm niemand widerstehen kann.

Wenn Er nun absolute Autorität über alle Dinge hat, hat Er dann nicht besonders ein Recht an uns? Wir sind Sein Eigentum, und wenn Er sagt: „Geh!“, wagen wir es dann, nicht zu gehorchen? Hast du vielleicht heute dieses Wort nicht beachtet, als Er es an dich richtete? Vielleicht wollte Er dich zu einem aus deiner Verwandtschaft schicken, um ihm das Evangelium zu sagen; oder zu jenem Kranken, um ihn zu ermuntern; zu jenem Betrübten, um ihn zu trösten. Er wollte dich vielleicht in jene Stadt senden, um die frohe Botschaft des Heils zu verkünden ... Ich weiß es nicht, aber Er weiß es und sagt dir: „Gehe!“ Der einfache Soldat ging auf das Wort seines Hauptmanns hin, ohne den Befehl zu erörtern. Er erlaubte sich keine Frage, keine Verzögerung. Er ging. Der Hauptmann wußte, was er erreichen wollte, und der Kriegsknecht richtete sich danach, weil er die Autorität seines Chefs anerkannte. Er konnte nicht antworten: „Ich ziehe es vor, hier zu bleiben“, oder: „Ich gehe lieber dorthin“, ohne daß er dadurch alle Pläne seines Herrn durcheinanderbrachte. Du fragst: „Woher soll ich wissen, daß er mich sendet?“ Wenn du es nicht weißt, so hat Er nicht zu dir geredet Warte also und sei bereit, zu gehorchen, wenn der Befehl kommt. Du brauchst nur ein aufmerksames Ohr. Aber hast du vielleicht mit Taubheit zu tun? Das wäre eine traurige, ärgerliche, demütigende Schwäche. Dann bedaure ich dich sehr, denn ein tauber Sklave kann den Befehl seines Herrn nicht ausführen.

Es kann sein, daß du aus Gehorsam gegangen bist, aber du siehst kein Ergebnis deines Gehorsams. Statt eines begeisterten Empfangs hast du eine gleichgültige Seele angetroffen, die deine Geduld strapazierte, oder eine feindliche Seele, die dich ablehnte. Laß dich nicht entmutigen! Wenn der Herr dir gesagt hat: „Gehe“, dann sei sicher, daß Er den Zweck kennt, der dir unbekannt ist. Gehe nicht mit dem Gedanken, unmittelbare Erfolge zu erzielen oder große Dinge zu tun. Gehe, weil Er es dir gesagt hat. Es kann vorkommen, daß Er dich Tag für Tag mit derselben Botschaft zu derselben Person sendet, ohne daß du jemals eine befriedigende Antwort erhältst. Gestern besuchte ich eine Dame, zu der der Herr mich schon jahrelang gesandt hat. Schon oft war meine Geduld am Ende angesichts einer solch unerschütterlichen Gleichgültigkeit. Ich fragte: „Wozu?“, und vergaß, daß meine Aufgabe nicht das Erzielen von Erfolgen ist, sondern das Gehorchen. Gestern nun sagte sie plötzlich zu mir: „O, mein Herr, ich bin so unglücklich! Ich möchte Gutes tun und tue nur Böses!“ Auf einmal stellte sich zum erstenmal die Frage der Befreiung für diese Seele. Römer 8 gab dann die Antwort. Die Stunde der Befreiung war gekommen. „Ach“, rief sie, „heute verstehe ich, was ich noch nie in meinem Leben verstanden hatte.“ – Was jedoch mich betrifft, so habe ich verstanden, daß ich, wenn ich anderswo hingegangen wäre, als Er sagte: „Gehe!“, ich die Wege der Gnade meines Meisters gehemmt hätte.

Der Hauptmann sagt auch: „... und zu einem anderen: Komm, und er kommt.“ Es gibt Augenblicke in unserem Leben – laßt sie uns nicht vernachlässigen, denn sie sind mit die köstlichsten und besten! –, in denen der Herr uns sagt: „Komm, ich habe dir etwas zu sagen, höre mir zu!“ Willst du Ihm antworten: „Wende dich an einen anderen; ich verstehe dein Wort sowieso nicht, ich ziehe die praktische Tätigkeit dem Nachsinnen vor“? Ach nein, Er wird durch Seinen Geist dafür sorgen, daß ich Sein Wort verstehe. Ist es nicht besser, wie der junge unwissende Knabe Samuel zu sprechen: „Rede, Herr, dein Knecht hört“?

Sollte ich nicht kommen, um zu Seinen Füßen zu sitzen wie Maria, ein schwaches Weib ohne großes Verständnis, nicht weil ich die Fähigkeit hätte, Ihn zu verstehen, sondern weil Er gesagt hat: „Komm!“ und meine einzige Pflicht ist, Ihm zu gehorchen? Wenn ich dieses Wort für mein Inneres empfangen und mich darüber gefreut habe, werde ich keine Schwierigkeiten mehr haben, davon zu reden, und ich werde es freudig überall zu anderen tragen, wohin Er mich sendet.

Jedoch sollten diese Aufforderungen nicht miteinander verwechselt werden. So kostbar das Lesen des Wortes ist, es kann absinken zu einem trockenen und unfruchtbaren Studium, aus dem man weder für sich noch für andere Nutzen zieht. Dann bin ich gekommen, als Er sagte: „Gehe!“, anstatt wie Jeremia die Worte Jehovas zu essen, „als sie vorhanden waren“ (Jer. 15, 16).

Der Hauptmann fügt noch hinzu: „. . . und zu meinem Knechte: Tue dieses, und er tut's.“ Hier spricht er von Werken. Auch der Herr hat gute Werke zuvorbereitet, daß wir in ihnen wandeln sollen (Eph. 2, 10). Haben wir das Recht, sie uns nach unserem Geschmack auszusuchen und damit etwas anderes zu tun, als der Herr uns zu tun heißt? Das wäre direkter Ungehorsam. Seid euch darüber im klaren: All die „toten Werke“ der Menschen und die nutzlosen Werke so vieler Christen haben keine andere Quelle als den Eigenwillen und damit die Auflehnung gegen die Autorität des Herrn Jesus Christus.

Henri Rossier