Ein Herz für die Verlorenen

Online seit dem 14.02.2020

Ein Briefauszug: 

Du wirst mit mir überstimmen, dass in der Regel bei unseren öffentlichen Verkündigungen etwas fehlt. Besteht nicht ein Mangel an jenem tiefen, liebenden und persönlichen Interesse an den Seelen, das sich auf tausenderlei Weisen zeigt und kraftvoll auf die Herzen einwirkt? Ich bekenne, dass es mich oft geschmerzt hat, was ich in unseren Versammlungsräumen beobachten musste. Fremde kommen herein, und man lässt sie suchen, bis sie einen freien Platz finden. Niemand scheint sie zu beachten. Christen sind da, doch sie rücken kaum zur Seite, um ihnen Platz zu machen. Niemand reicht ihnen eine Bibel oder ein Liederbuch. Und wenn die Wortverkündigung vorüber ist, dann lässt man sie gehen, wie sie gekommen sind; keine warmherzige Frage, ob sie an der Verkündigung der Wahrheit Freude hatten, nicht einmal ein freundlicher Blick, der Vertrauen wecken und zu einem Gespräch einladen könnte. Ganz im Gegenteil, man findet kühle Zurückhaltung, die fast abstoßend wirkt.

Das alles ist sehr betrüblich; und vielleicht wirst du mir sagen, dass ich übertreibe. Aber leider ist dieses Bild nur zu wahr. Und was die Sache noch beklagenswerter macht, ist die Tatsache, dass viele Menschen unsere Versammlungsräume und Vortragssäle aufsuchen, die in tiefen Übungen sind und sich nur nach jemandem sehnen, der ihnen ein wenig geistlichen Rat geben kann; aber aus Schüchternheit, Zurückhaltung oder Nervosität scheuen sie sich, selbst die Initiative zu ergreifen, und gehen wieder nach Hause, ziehen sich in ihr Schlafzimmer zurück und weinen in Trostlosigkeit und Einsamkeit, weil kein Mensch sich um ihre kostbaren Seelen kümmert.

Und ich bin überzeugt, dass viel davon vermieden werden könnte, wenn die Christen, die Evangelisationen beiwohnen, mehr auf Suche nach Seelen wären; wenn sie nicht so sehr auf ihren eigenen Nutzen aus wären als vielmehr darauf, Gottes Mitarbeiter zu sein und Seelen zum Herrn Jesus zu führen. Zweifellos ist es etwas sehr Erfrischendes für Christen, eine vollmächtige und wahrheitsgetreue Verkündigung des Evangeliums zu hören, aber es wäre nicht weniger erfrischend, wenn sie dabei ein starkes Interesse an der Bekehrung von Seelen hätten und in dieser Sache ernstlich zu Gott beten würden. Überdies könnte es in keiner Weise ihre persönliche Freude und ihren Nutzen beeinträchtigen, wenn sie ein lebhaftes, liebendes Interesse an denen zeigten, die um sie herum sitzen, und wenn sie am Ende der Zusammenkunft versuchten, irgendjemandem zu helfen, der Hilfe wünscht oder braucht. Es hat eine erstaunliche Wirkung auf den Prediger, auf die Predigt und auf die ganze Zusammenkunft, wenn die anwesenden Christen ihre heilige und hohe Verantwortung Christus und den Seelen gegenüber wahrnehmen. Dadurch wird ein gewisser Ton erzeugt und eine bestimmte Atmosphäre geschaffen, die empfunden werden muss, um verstanden zu werden. Wenn man sie aber einmal empfunden hat, möchte man sie nicht mehr missen.

Doch wie oft ist es leider ganz anders! Wie kalt, wie stumpf und wie niederdrückend mutet es manchmal an, die ganze Versammlung gleich nach dem Ende der Predigt auseinanderlaufen zu sehen! Keine Gruppen von Gläubigen, die sich freundlich um Jungbekehrte oder ängstlich Fragende scharen. Christen mit viel Erfahrung waren da; aber statt dass sie noch stehenblieben in der freudigen Erwartung, dass Gott sie in seiner Gnade gebrauchen könnte, um einem Bekümmerten ein Wort zur rechten Zeit mitzugeben, stürzen sie hinaus, als sei es eine Sache von Leben und Tod, zu einer bestimmten Zeit zu Hause zu sein.

Nun denke nur nicht, mein lieber A., ich wolle meinen Geschwistern Vorschriften machen. Das liegt mir fern. Ich bin nur dabei, die Gedanken meines Herzens mit der größten Freimütigkeit vor einem Bruder auszuschütten, mit dem ich seit vielen Jahren im Werk des Evangeliums verbunden bin. Ich glaube, es fehlt uns etwas. Ich bin fest überzeugt, dass ein Christ nicht die richtige Stellung einnimmt, wenn er nicht irgendwie bestrebt ist, Seelen zu Christus zu führen. Und ebenso ist eine Versammlung von Christen in keinem gesunden Zustand, wenn ihr das Evangelium nicht wirklich am Herzen liegt. Wir alle sollten nach Seelen Ausschau halten; und dann dürfen wir auch gewiss sein, herzergreifende Resultate zu sehen.

Aus dem empfehlenswerten Buch: „Anregungen zum Thema Evangelisation“, 93 Seiten, Paperback, 3,50 €

https://www.csv-verlag.de/dienst/10025-anregungen-zum-thema-evangelisation.html

Charles Henry Mackintosh