Missverständnisse im Johannesevangelium

Online seit dem 01.07.2007, Bibelstellen: Johannes 2,19-21

Das Johannesevangelium zeigt uns den Herrn Jesus bekanntlich besonders als den Sohn Gottes. Dazu passt, dass uns in diesem Evangelium seine Allwissenheit immer wieder vor Augen geführt wird (Johannes 1,47; 2,24; 4,17; 5,6; 6,6.61.64; 16,4.19). Seine Allwissenheit leuchtet auf dem dunklen Hintergrund der Unwissenheit und Ignoranz der Menschen hell hervor. Diese Unwissenheit, die sich sehr oft in Fragen manifestiert, begegnet dem Leser in Johannes auffällig häufig (Johannes 1,21; 1,48; 4,25; 5,13; 6,9.25; 7,11.15.31.41.48; 8,48.53.57; 9.1.12.16.26.29.40; 10.6.21.24; 11.8.37.47.56; 12,29.34; 13,22.25; 13,36–37; 14,5.8.22; 16,17; 18,33.37.38; 19,9; 20,15).

Bemerkenswert ist auch, wie oft das Volk und auch seine Jünger den Herrn Jesus nicht verstanden haben. Seine erhabenen Worte wurde nicht nur einmal falsch interpretiert. Es ist sehr passend, dass wir in diesem Evangelium das folgende Wort finden, dass Jesus den ungläubigen Juden zurief: „Warum versteht ihr meine Sprache nicht? Weil ihr meine Worte nicht hören könnt“ (Johannes 8,43). Und im Blick auf die Jünger vermerkte er, dass sie manches nicht verstanden und nicht zu tragen vermochten (vgl. Johannes 13,7; 16,12).

Sehen wir uns die Begebenheiten einmal an, bei denen sich das Unverständnis der Menschen und Jünger im Blick auf die Worte Jesu deutlich verriet!

In Johannes 2,19 sagt der Herr: „Brecht diesen Tempel ab, und in drei Tagen werde ich ihn aufrichten.“ Die Juden meinten, er spräche von dem Tempel des Herodes, er aber sprach von dem Tempel seines Leibes (Johannes 2,20–21).

In Johannes 3,3 lesen wir die Worte des Herrn Jesus: „Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht von neuem geboren wird, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.“ Nikodemus, der Lehrer Israels, verstand nicht, was mit der neuen Geburt gemeint war, und dachte daran, dass jemand in den Leib seiner Mutter zurückkehren würde (Johannes 3,4.9)

Als der Sohn Gottes von dem lebendigen Wasser sprach, verstand die Frau am Jakobsbrunnen darunter das physische Wasser und erkannte nicht, dass es um die Kraft des Geistes Gottes ging (Johannes 4,10–11.14).

Kurz danach sprach Jesus von einer Speise, die die Jünger nicht kannten. Die Jünger meinten, er rede von einer Mahlzeit, er aber sprach von dem Willen Gottes (Johannes 4,31–33).

„Denn das Brot Gottes ist der, der aus dem Himmel herabkommt und der Welt das Leben gibt“ (Johannes 6,33). Und an was dachten die Zuhörer? Obwohl der Herr sie ermahnte hatte, nicht für die vergängliche Speise zu wirken (V. 27), kreisten ihre Gedanken offensichtlich nur um das buchstäbliche Brot. Doch der Herr Jesus ist selbst das Brot des Lebens (V. 35).

Die Worte Jesu, dass man sein Fleisch essen solle, wurden nicht verstanden und man dachte dabei offenbar an seinen Leib (Johannes 6,51–52). Gemeint war aber die Einsmachung mit seinem Tod, wie die nachfolgenden Worte zeigen.

Als der Herr Jesus davon sprach, dass er zu dem gehen würde, der ihn gesandt hat, und dass sie nicht dahin kommen könnten, vermochten die Juden damit nichts anfangen und sprachen zueinander: „Wohin will dieser gehen, dass wir ihn nicht finden können? Will er etwa in die Zerstreuung der Griechen gehen und die Griechen lehren?“ (Johannes 7,35).

Bei einer ähnlichen Aussage des Herrn verstiegen sich die Juden zu den Worten: „Er will sich doch nicht selbst töten, dass er spricht: Wohin ich gehe, dahin könnt ihr nicht kommen?“ (Johannes 8,22). Was für eine Verblendung!

Als der Herr Jesus davon sprach, dass er sie frei machen könnte, dachten die Juden nicht an die Knechtschaft der Sünde, sondern lediglich an Sklavendienste (Johannes 8,32.33).

In seinen weiteren Ausführungen sprach der Sohn Gottes von dem Vater der ungläubigen Juden, womit er den Teufel meinte. Die Juden erklärten daraufhin, unverständig und trotzig, dass Abraham ihr Vater sei (Johannes 8,38–39).

„Lazarus, unser Freund, ist eingeschlafen“ (Johannes 11,12). Die Jünger dachten, der Herr rede von dem Schlaf des kranken Lazarus, er aber hatte von seinem Tod gesprochen.

Die Worte des Herrn an Judas „Was du tust, tu schnell!“, verstand keiner der Jünger. Sie dachten daran, dass Judas etwas für das Fest kaufen oder etwas den Armen geben sollte (Johannes 13,27–30). Doch es ging natürlich um die Überlieferung.

Und dann noch die Stelle in Johannes 21,22–23, die bezeichnenderweise dieses Evangelium beschließt: „Jesus spricht zu ihm [Petrus]: Wenn ich will, dass er [Johannes] bleibe, bis ich komme, was geht es dich an? Folge du mir nach! Es ging nun dieses Wort unter die Brüder aus: Jener Jünger stirbt nicht. Aber Jesus sprach nicht zu ihm, dass er nicht sterbe, sondern: Wenn ich will, dass er bleibe, bis ich komme, was geht es dich an?“ Das ist so typisch! Man hat den Worten des Herrn nicht genau zugehört und einfach das „wenn“ unterschlagen. Und so verbreitete sich unter den Brüdern ein falscher Gedanke, wobei der eine von dem anderen das Falsche lernte. Heute ist’s nichts anders.

Man kann sich fragen, warum der Herr so oft in Bilder gesprochen und scheinbar so missverständliche Formulierungen gebraucht hat. Sicher wollte er erreichen, dass man über seine Worte nachdachte und sie sorgfältig erwog. Und genau das wollen wir tun, wenn wir das Johannesevangelium lesen!

Gerrid Setzer