Der Vater und der verlorene Sohn

Online seit dem 07.04.2007, Bibelstellen: Lukas 15,11-32

Eine weitere alte, seltene Schrift aus dem R. Brockhaus Verlag, 1903. 

Wir haben in Lukas 15 drei Gleichnisse. Die Quelle, die uns in allen gezeigt wird, ist die Liebe. Wir finden dort:

1. den Hirten, welcher das verlorene Schaf suchte.

2. die Frau, welches die verlorene Drachme suchte.

3. den Vater, der den verlorenen Sohn zurückerhielt.

In dem letzten Gleichnis handelt  es sich nicht um das Suchen, sondern um die Art und Weise, wie der zurückkehrende Sohn empfangen wurde. Manches Herz sehnt sich danach zurückzukehren, aber es weiß nicht, wie es empfangen wird. Der Herr Jesus zeigt uns die Gnade Gottes zuerst im Suchen und dann im Aufnehmen. In den beiden ersten Gleichnissen haben wir das Suchen, in dem letzten die Aufnahme von seiten des Vaters. Ein erhabener Grundsatz zieht sich durch alle drei hindurch: es ist die Freude Gottes, den Sünder zu suchen und aufzunehmen. Er handelt Seinem eigenen Charakter gemäß. Ohne Zweifel ist es eine große Freude für den Sünder, aufgenommen zu werden; aber hier handelt es sich um die Freude Gottes, ihn aufzunehmen. Nicht bloß soll das Kind sich freuen, im Hause des Vaters zu sein; nein, der Vater sagt: „Lasset uns essen und fröhlich sein!“

Geliebter Leser! das ist eine trostreiche Wahrheit. Es ist der Ton, den Gott angestimmt hat, und der im Himmel in jedem Herzen nachklingt. Die von Gott berührte Saite ruft das Echo des Himmels wach; und so sollte es hienieden in jedem Herzen sein, welches durch die Gnade gestimmt worden ist. Welch einen Mißklang muß daher die Selbstgerechtigkeit hervorbringen! Jesus verkündigt die in dieser Weise handelnde Freude und Gnade Gottes und stellt dies den Gefühlen des älteren Bruders oder (obschon derselbe eigentlich die Juden darstellt) einer jeden selbstgerechten Person gegenüber.Das ist der Ton, der in Liebe vom Himmel herabklingt, und den wir hienieden im Herzen Jesu entdecken. Doch wie süß diese Klänge auch sein mögen, so sind sie doch in einem gewissen Sinne hier unten noch lieblicher als dort oben. Hier unten ist diese Liebe Gottes (und sie muß es sein, wenn der Mensch erreicht werden soll) staunenerregend; im Himmel ist sie natürlich. Hier auf Erden, unter uns, hat Gott geoffenbart was Er ist, und daß es Seine Wonne ist, verlorene Sünder zu erretten; und das ist so wunderbar, daß die Engel begehren hineinzuschauen.

Der Hirte legt das Schaf auf seine Schultern und trägt es heim mit Freuden. Hat Gott nicht das Recht, verlorene Sünder zu suchen und sich Zöllnern und Sündern zu nahen? Dies mag einem ehrbaren Menschen nicht anstehen; aber es ist Gott angenehm, es ist Sein Vorrecht, inmitten der Sünder zu wandeln und den verlorenen Sündern nahe zu treten, weil Er sie aus ihrem Zustande befreien kann. Der Hirt hat das Schaf auf den Schultern und freut sich; er beladet sich mit demselben und übernimmt alle Mühe. Es ist gleichsam sein eigenes Interesse, also zu handeln, weil das Schaf ihm wert und teuer ist; es ist sein, und er bringt es heim. Ebenso ist es mit „dem großen Hirten der Schafe“. Er stellt es als Sein Interesse dar, „zu suchen und zu erretten was verloren ist“. Ja, Sein Interesse steigert sich zu dem Gefühl der innigsten Liebe; denn Er bringt das Schaf heim mit Freuden. Wir fordern zuweilen die Menschen auf, Christum zu suchen. Nun, in einem gewissen Sinne ist das auch richtig; denn es ist ganz wahr, daß „wer da sucht, der findet“. Aber der Herr hat nicht eher gesagt: Kommet her zu mir! als bis Er zu uns gekommen war, und zwar um „zu suchen und zu erretten was verloren ist“. Er hat dieses auffordernde Wort nicht vom Himmel herab gesprochen; denn dorthin konnte der Sünder niemals gelangen. Aber eben weil der arme Sünder nicht gen Himmel gehen konnte, um Christum zu suchen, ist Christus auf die Erde herangekommen, um ihn zu suchen. Er rief nicht dem armen Aussätzigen zu: „Komm herauf in den Himmel!“ sondern Er kam selbst herab und sagte: „Sei gereinigt!“ Hatte ein Anderer dem Aussätzigen die Hand aufgelegt, so würde er ebenso verunreinigt worden sein, wie dieser selbst es war; aber Christus konnte die Macht des Bösen in dem Aussätzigen berühren und, anstatt von demselben befleckt zu werden, es beseitigen. Er sagt: „Kommet her zu mir, alle ihr Mühseligen und Beladenen, und ich werde euch Ruhe geben!“

Man findet hienieden ebenso wenig Ruhe, wie einst die Taube Noahs, die inmitten der Sündflut keine Stätte fand, auf welche sie ihren Fuß hätte setzen können. Nur Jesus konnte sagen: Ich habe die Welt nach allen Seiten hin geprüft; sie ist ein Meer voll des grenzenlosesten Übels; kommet zu mir, ich werde euch Ruhe geben. Dann finden wir in dem zweiten Gleichnis noch eine andere Sache, nämlich die Unverdrossenheit, mit welcher die Liebe das Verlorene sucht. Hier ist nicht ein Schaf, sondern ein Geldstück der verlorene Gegenstand. Alles wird angewandt, um das Verlorene wieder zu erlangen. Die Frau Weib zündet ein Licht an, sie kehrt das Haus aus; unmöglich kann sie in der Arbeit ihrer emsigen und tätigen Liebe innehalten, bevor die verlorene Drachme wiedergefunden ist. Wiederum handelt es sich um ihre Angelegenheit und um ihr Interesse. Und dann sehen wir ihre Freude, nachdem ihr Eigentum wiedergefunden ist. Sie gibt gleichsam allen in ihrer Umgebung den Ton an, und Andere werden herzugerufen, um Anteil an ihrer Freude zu nehmen: „Freuet euch mit mir! denn ich habe die Drachme gefunden, die ich verloren hatte“. Und gerade das ist die Art und Weise des Herrn. So haben wir also in diesem, wie in dem vorigen Gleichnis, denselben großen Grundsatz. In beiden Gleichnissen zeigt sich die ausharrende Tätigkeit der Liebe, bis das Resultat erreicht ist. Hier ist es die Freude des Weibes, dort die des Hirten. Als erster hervorragender Punkt zeigt sich hier sowohl die energische Macht und Tätigkeit der Gnade, als auch der gute Wille. Bei dem Schafe selbst, wie auch bei der Drachme, herrscht völlige Untätigkeit. Der Hirte und die Frau verrichten alles. Zwar zeigt sich zu gleicher Zeit ein höchst wichtiges Werk, eine Wirkung, die in dem Herzen dessen hervortritt, welcher von dem Irrtum seines Weges zurückgeführt wird. Daher haben wir das dritte Gleichnis, welches uns sowohl die Gefühle des Verirrten, als auch seine Aufnahme vor Augen stellt. Wir finden ferner in diesem dritten Gleichnis neben der Art und Weise des innern Wirkens auch eine Kundgebung des Herzens des Vaters. Diese Kundgebung befriedigte alle Gedanken des Wiedergefundenen. Der Vater fiel ihm um den Hals und küßte ihn sehr; und das zeigte dem Sohne, was jenes Herz war.

Der Herr erzählt hier die Geschichte von dem verlorenen Sohne, um den Einwürfen der Pharisäer gegen Seine Aufnahme der Zöllner und Sünder zu begegnen. Er sagt gleichsam: „Ich will den Fall setzen, ein Mensch sei bis (man muß sich erinnern, was das Schwein für den Juden war) zum Schweinehüten heruntergekommen. Stellen wir ihn uns so schlecht, so unwürdig vor wie nur möglich, und dann will ich euch zeigen, was die Gnade, was Gott ist“. Doch merken wir uns, daß wir von Natur alle, ob wir dem Laster frönen oder nicht, Gott den Rücken gewandt haben. Der verlorene Sohn war zur Zeit, da er im Besitze seines Vermögens die Türschwelle seines Vaters überschritt, ein ebenso großer Sünder wie hernach, da er sich gleich den Schweinen im fernen Lande nährte. Er hatte erwählt, unabhängig von Gott zu handeln, und das ist Sünde. Er erntete ohne Zweifel die Früchte seines Tuns; aber das ist hier nicht die Frage. In gewissem Sinne waren die Folgen seiner Sünde Wohltaten für ihn; denn sie zeigten ihm, was die Sünde ist.

Der Mensch macht einen Unterschied zwischen Sündern und Sündern. Darum wählt der Herr hier einen Fall, in welchem der Sünder nach menschlichem Urteil den höchsten Grad des Bösen erreicht hat, und zeigt dann, daß trotzdem dieses Böse die Gnade Gottes nicht übersteigt; und dieser Fall stellt in wunderbarer Weise die Wahrheit ans Licht, daß da, wo die Sünde überströmend geworden, die Gnade noch überschwenglicher geworden ist. Jener Jüngling reiste weit fort (V. 13), um seinen eigenen Willen zu tun; und das ist das Geheimnis all unserer Sünden. Unser Kind sündigt wider uns, und wir fühlen es; wir sündigen wider Gott und fühlen es nicht. Wir sind alle große Kinder.

„Und daselbst vergeudete er sein Vermögen, indem er ausschweifend lebte.“ So wie jemand, der über seine Mittel hinaus lebt, den Schein des Reichtums zur Schau trägt, so scheint auch der seine Seele verwüstende Sünder glücklich zu sein. „Als er aber alles verzehrt hatte, kam eine gewaltige Hungersnot über jenes Land, und er selbst fing an Mangel zu leiden. Und er ging hin und hängte sich an einen der Bürger jenes Landes; und er schickte ihn auf seine Äcker, Schweine zu hüten. Und er begehrte, seinen Bauch zu füllen mit den Trabern, welche die Schweine fraßen; und niemand gab ihm.“ (V. 14–16.) Im fernen Lande ist das „Geben“ nicht im Gebrauch. Satan verkauft alles, und zwar sehr teuer; unsere Seelen sind der Preis. Wenn du dich dem Teufel verkaufst, so werden Traber deine Speise sein; er wird dir nie irgend etwas geben. Wünschest du einen Geber kennenzulernen, so mußt du zu Gott kommen. Man überlasse einen Menschen nur etliche Stunden sich selbst, und er wird bald darben. „Und er fing an Mangel zu leiden“; aber sein Wille war noch nicht gebrochen. Es gibt wenige Menschen, welche, nachdem sie eine gewisse Lebensstufe erreicht haben, nicht „anfangen Mangel zu leiden“. Sie suchen in den Vergnügungen oder im Laster etwas zu ihrer Befriedigung. Das Letzte, woran der Mensch denkt, ist Gott; und zwar tut er es erst dann, wenn er überzeugt ist, daß nichts anderes helfen wird. Er denkt nie an das Haus des Vaters, denn er kennt es nicht. Wenn er je an Gott denkt, so ist es Gott als Richter, nicht aber als Der, welcher in Gnade handelt. So war es bei dem verlorenen Sohne.

„Als er aber zu sich selbst kam, sprach er: Wie viele Tagelöhner meines Vaters haben Überfluß an Brot, ich aber komme hier um vor Hunger! Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen, und will zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir, ich bin nicht mehr würdig, dein Sohn zu heißen; mache mich wie einen deiner Tagelöhner.“ (V. 17–19.) Er hatte noch nicht verstanden, wie seine Aufnahme sein würde, wohl aber, daß Liebe in dem Vaterhause zu finden war.

Der geringste Tagelöhner hatte Überfluß an Brot; und in betreff seiner selbst erkannte er nicht bloß, daß er hungrig war, sondern auch, daß er vor Hunger umkam. Im Hause des Vaters herrschte völliges Glück; sogar die Tagelöhner waren glücklich, während da, wo er sich befand, nichts als Not und Elend ihn umgab. Seine ganze schreckliche Lage drängte ihn zur Rückkehr. „Ich will mich aufmachen“, sagte er. Jede Seele, die zu Gott zurückkehrt, ist auf diese Weise zu dem Gedanken an die Güte Gottes gebracht worden.

Bei Petrus finden wir dasselbe. Er geht hin und fällt zu den Füßen Jesu nieder und sagt: „Herr gehe von mir hinaus; ich bin ein sündiger Mensch“. Welch ein Widerspruch! Er liegt zu Jesu Füßen und heißt Ihn dennoch hinausgehen. Und dieser scheinbare Widerspruch zeigt sich stets, wenn die Gnade in dem Gewissen und Herzen zu wirken beginnt. Wir fühlen, daß wir Gott nötig haben; und doch sagt das Gewissen: „Ich bin zu sündig!“ – Petrus fühlte seine Unwürdigkeit; erfühlte, daß Jesus zu heilig, zu gerecht sei, um bei einem solchen Menschen, wie er war, verweilen zu können; und dennoch konnte er nicht umhin, zu Ihm zu gehen.

Der verlorene Sohn kehrt zurück und sagt: „Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin nicht mehr würdig, dein Sohn zu heißen“. Er verstand nicht, was sein Vater war, was ein Vaterherz ist. Es zog ihn zu dem Hause des Vaters; aber sein Gedanke blieb stets: „Mache mich wie einen deiner Tagelöhner“. Im Bewußtsein dessen, was er gewesen war, und des Bösen, in welches er sich verstrickt hatte, setzte er nur ein geringes Maß von Liebe bei seinem Vater voraus; er hoffte die Stellung eines Tagelöhners einnehmen zu können. Es gibt eine Menge von Seelen, welche sich in diesem Zustande befinden, die (ich rede nicht von ausgesprochener Selbstgerechtigkeit) das, was der Vater zu tun hat, nach ihrer eigenen Tauglichkeit abmessen; sie leben stets in einem Geiste der Gesetzlichkeit, welcher ihnen einen Platz als Tagelöhner im Hause anweist.

„Mache mich wie einen deiner Tagelöhner.“ Allein das genügt dem Vater nicht, wenn es auch dem Sohne genügen würde; es würde das Herz des Vaters beständig mit Betrübnis erfüllen, wenn er einen Sohn als Tagelöhner im Hause hätte. Und wo bliebe für den Tagelöhner im Hause das Zeugnis von der Liebe des Vaters? Nein, der Vater kann nicht Söhne als Tagelöhner im Hause haben; und wenn Seine grenzenlose Liebe sie hineinbringt, so muß die Art des Empfangs einer Vaterliebe würdig sein. Der verlorene Sohn war noch nicht zu völliger Demut geführt worden, um zu fühlen, daß, wenn ihm nicht eine unumschränkte Gnade zu teil wurde, er nichts zu erwarten hatte.

Doch der Vater läßt ihm nicht einmal Zeit, um zu sagen: „Mache mich wie einen deiner Tagelöhner“. Er läßt ihn sagen: „Ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir, ich bin nicht mehr würdig, dein Sohn zu heißen“, aber weiter nichts; denn er hängt schon an seinem Halse und küßt ihn. Wie hätte der Sohn noch sagen können: „Mache mich wie einen deiner Tagelöhner“, nachdem der ihn umarmende Vater das Bewußtsein in ihm geweckt hatte, daß er ein Sohn war?

Das Urteil des verlorenen Sohnes über den Vater mußte jetzt aus dem, was dieser wirklich war, und nicht aus selbstgebildeten Vorstellungen geschöpft sein. Der Eine war Vater, wenn der Andere sich auch nicht als Sohn fühlte. Und auf demselben Wege empfangen wir das Evangelium der Gnade Gottes. Es ist nicht das Wirken des menschlichen Verstandes betreffs dessen, was ich vor Gott bin, sondern eine durch den Heiligen Geist bewirkte Offenbarung über das, was der Vater für mich ist. Wenn Er aber ein Vater ist, so bin ich ein Sohn.

Ich verweile hierbei, weil ich weiß, daß es viele Seelen gibt, welche gleichsam nicht völlig den Geist der Sohnschaft empfangen haben, indem sie weder wissen, daß sie als Söhne im Hause des Vaters sind, noch auch ihre Ruhe in derjenigen ihres Vaters finden. Betrachten wir noch einmal die Art der Aufnahme des verlorenen Sohnes. Sein Sinn war erneuert, und er sagte: „Ich will mich aufmachen etc.“ Aber „als er noch fern war“, bevor er noch das väterliche Haus erreicht hatte und die Worte, die er sich vorgesetzt, sagen konnte, erblickt ihn der Vater und ist innerlich bewegt. Der Pfad des Sohnes endigt jetzt in der Liebe des Vaters; der Vater eilt ihm entgegen, fällt ihm um den Hals und küßt ihn. Dem Sohne bleibt nichts übrig als das Bekenntnis seiner Unwürdigkeit. Nachdem er wieder aufgenommen, ist es uns, so zu sagen, überlassen, durch die Erkenntnis dessen, was der Vater ist, ausfindig zu machen, welches seine Gedanken und Gefühle gewesen sein mögen.

Hier zeigt sich so völlig der Wert der Errettung. Es bleibt uns anheimgestellt zu erforschen, was wir in der Liebe des Vaters sind. Der Vater hängt an dem Halse des Sohnes, während dieser noch in die Lumpen des fernen Landes gehüllt ist. Der Vater hält sich nicht damit auf, ihn um irgend etwas zu fragen; er wußte, und die ganze Erscheinung des Sohnes bezeugte es, daß dieser sehr unrecht gehandelt hatte. Aber es kam jetzt nicht auf die Würdigkeit des Sohnes an. Der Vater handelt für sich selbst, wie es seiner als eines Vaters würdig war. Er hing an dem Halse seines Sohnes, weil es ihm gefiel, das zu tun.

Doch er tat noch mehr. Die Knechte werden herbeigerufen, um den Sohn in würdiger Weise in das Haus einzuführen, wo alles bereitet wird, um „zu essen und fröhlich zu sein“. Es ist die Erkenntnis der Liebe des Vaters, die mich fühlen läßt was ich bin. Aber wenn ich weiß, daß meine Sünden vergeben sind, und daß ich mich in den Armen meines Vaters befinde, dann bin ich, jemehr ich meine Sünden erkenne und zugleich der Liebe des Vaters versichert bin, umso glücklicher. Vorausgesetzt, ein Kaufmann hätte Verbindlichkeiten, die er, wie er selbst weiß, nicht zu erfüllen imstande wäre – würde er nicht mit Furcht seine Bücher durchblättern? Aber wenn irgend ein Freund die Schuld getilgt hätte, und ihm, nachdem alles bezahlt wäre, noch ein großes Vermögen in Aussicht bliebe, würde er sich auch dann noch scheuen, die Verzeichnisse seiner früheren Schulden anzuschauen? Keineswegs; vielmehr würde die Entdeckung der Größe seiner alten Verpflichtungen nur die Gefühle über die Liebe seines Freundes erhöhen. Wenn er fände, daß seine Schuld, statt auf 1000 Taler, sich auf 10.000 Taler belaufen hätte, so würde er sicher sagen: „Da bin ich ja aus einer weit schlimmeren Lage herausgebracht wurden, als ich je gedacht hätte“. Und wenn sich endlich nach weiterer Prüfung eine Schuld von 100.000 Taler herausstellte, so würde er sicher ausrufen: „Wahrlich, es gab nie einen Freund gleich meinem Freunde!“ Die Gnade hat alles getilgt; und die ganze Wirkung der Erkenntnis der Sünde dient, wenn wir die Vergebung kennen, nur dazu, die Liebe zu erhöhen und die Freude zu vermehren. Wenn der Vater mich küßt, so beweist gerade das Bewußtsein, daß er dies tut, während ich noch in den Lumpen bin, welch einer Art von Vergebung ich mich erfreue. Es gibt niemanden in der ganzen Welt, der nicht, bevor er an meinem Halse hinge, an meine zerlumpten Kleider gedacht hätte.

„Der Vater aber sprach zu seinen Knechten: Bringet das beste Kleid her und ziehet es ihm an, und tut einen Ring an seine Hand und Sandalen an seine Füße; und bringet das gemästete Kalb her und schlachtet es, und lasset uns essen und fröhlich sein.“ (V. 22. 23.) Gott erweist Seine Liebe gegen uns als arme Sünder; aber dann bekleidet Er uns mit Christo. Er bringt uns in das Haus und bekleidet uns mit nichts Geringerem, als mit all der Ehre, womit Er uns überhäufen kann. Seine Liebe bewillkommt uns, während wir noch in den Lumpen sind; aber dann handelt dieselbe Liebe in noch anderer Weise. Er führt uns ein in das Haus, wie Er uns dort haben will, und zwar nach Seinen Gedanken über den Wert eines Sohnes. Wir finden hier das beste Kleid, den Ring, die Schuhe, das gemästete Kalb und das Festmahl. Die Meinung des Vaters war, daß sein Sohn dieser Dinge würdig, und daß es seiner selbst würdig sei, sie ihm zu geben. Wie wenig hätte es sich für einen in Gnade handelnden Vater geziemt, den Sohn als Knecht im Hause zu behalten! Manche mögen das Begehren, ein Knecht in dem Hause zu sein, für Demut halten. Aber ein solches Begehren verrät nur eine völlige Unbekanntschaft mit der Gesinnung des Vaters. In Eph 2, 7 lesen wir die Worte: „auf daß Er in den kommenden Zeitaltern den überschwenglichen Reichtum Seiner Gnade in Güte gegen uns erwiese in Christo Jesu“. Wenn man nun von diesem Ziele aus die Gesinnung und die Gnade des Vaters beschaut, würde es dann Seiner würdig gewesen sein, uns mit einer beständigen Erinnerung an unsere Sünde und Schande, an unsere frühere Schmach und Erniedrigung, in das Vaterhaus eingeführt zu haben? Und würde es des Vaters würdig gewesen sein, wenn ein Gefühl der Scham, die geringste Spur aus dem „fernen Lande“ zurückgeblieben wäre? Sicherlich nicht! „Die den Gottesdienst Übenden haben, einmal gereinigt, kein Gewissen mehr von Sünden.“ Der Zustand dessen, der einen Platz im Hause Gottes findet, muß Gottes würdig sein. Vielleicht mögen unsere armen, ungläubigen Herzen sagen: „Ach! das wird ganz wahr werden, wenn wir einmal dort, wirklich droben im Vaterhause sind“.

Doch fragen wir uns: „Was ist Glaube?“ Der Glaube urteilt, wie Gott urteilt. Ich sehe die Sünde im Lichte der Heiligkeit Gottes. Ich richte sie erst recht, wenn ich sie als Feindschaft gegen Gott erkenne, und verstehen lerne, welch einer Verunehrung Seiner Person ich mich schuldig gemacht habe. Auch lerne ich die Gnade in dem Herzen meines Vaters kennen. Wer da glaubt, besiegelt, daß Gott wahrhaftig ist. (Vergl. Joh 3, 3.) Der Glaube allein gibt Sicherheit, nicht die Vernunft. Diese mag für die Dinge dieser Welt ihren Wert haben, aber wenn Gott sich über etwas ausspricht, so nimmt es der Glaube an. Der Glaube hält das, was Gott gesprochen hat, nicht etwa bloß für möglich, sondern er drückt sein Siegel darauf, daß Gott wahrhaftig ist. Im Besitz dieses Glaubens bin ich von der Wahrheit Seiner Worte und Werke so völlig überzeugt, als ob ich bereits im Himmel wäre. „Abraham glaubte Gott“, nicht nur an Gott; er glaubte, daß das, was Gott sagte, wahr sei. Und das sollten wir stets tun. Gott zu glauben nimmt den ersten Platz ein. Was verkündigt Er mir, wenn ich an Seinen Sohn glaube? Daß Er meiner Sünden und meiner Gesetzlosigkeiten nie mehr gedenken will. Ich glaube es und glaube, daß ich das ewige Leben habe; es ist Sünde, daran zu Zweifeln. Wenn ich das nicht glaube, dessen Gott mich versichert, so begehe ich ein Unrecht gegen Ihn. Es ist Sünde, wenn ich mich nicht als einen Sohn betrachte, und wenn ich nicht glaube, daß ich, durch das Blut des Lammes von jedem Flecken der Sünde gereinigt, vor Gott stehe. Der Glaube ergreift dieses. Wenn es sich um meine eigene Gerechtigkeit handelte, so müßte sie in Fetzen zerrissen werden; aber es handelt sich um das Blut des Lammes. Und was hat dieses Blut getan? Hat es mich nur zur Hälfte von meinen Sünden gereinigt? Die Frage ist: Welchen Wert hat dieses Blut vor Gott? Glaubst du, daß Gott die Wirkung dieses Blutes in irgend einer Weise beschränke? Gewiß nicht; vielmehr versichert Er uns in Seinem Worte: „Das Blut Jesu Christi reinigt uns von aller Sünde“. Und weiter forschend finden wir die Worte: „Welcher selbst unsere Sünden an Seinem eigenen Leibe auf das Holz getragen hat“. Ist hier nur von etlichen unserer Sünden die Rede? Nein, es heißt: „Unsere Sünden“. Wenn nun meine Seele einerseits den Wert des Blutes des Lammes vor Gott kennt, so weiß ich andrerseits, daß ich die Quelle von allem in der Liebe des Vaters zu suchen habe. An dieser Liebe zu zweifeln, würde höchst tadelnswert sein, wie es auch dem verlorenen Sohne, während der Vater ihn küßte, übel angestanden hätte, zu sagen: „Ich trage aber noch die Lumpen aus dem fernen Lande an mir“. Dachte er wohl in diesem Augenblick an seine Lumpen, als an einen Grund, um derentwillen die im Herzen seines Vaters wohnende Liebe nicht hätte zum Ausdruck kommen sollen? Wenn ich das Zeugnis beschaue, welches mir Christus, gezwungen durch die Selbstgerechtigkeit der Pharisäer, betreffs dessen gibt, was Gott mir als einem Sünder gegenüber ist, dann müssen angesichts einer solchen Gnade alle Zweifel meines Herzens zum Schweigen gebracht werden.

Aber sollte jemand unter uns wohl zu behaupten wagen, daß die göttliche Gnade die Sünde erlaube? Nun, ein solcher möge sein Urteil in der Gesinnung des älteren Bruders lesen, aber zugleich auch sehen, wie die Gnade zu ihm redet. „Sein Vater aber ging hinaus und drang in ihn“ (V. 28), in ihn, diesen nicht nur Armen und Verlorenen, sondern diesen Elenden, der die allgemeine Freude nicht teilte. Die Knechte verkündigen in freudigem Tone: „Dein Bruder ist gekommen, und dein Vater hat das gemästete Kalb geschlachtet, weil er ihn gesund wieder erhalten hat.“ (V. 27.) Alle nehmen teil an der Freude, nur einer nicht; – und wer ist dieser Eine? Der arme Mensch, welcher mit seinem Ich und seiner eigenen Gerechtigkeit beschäftigt war; deshalb „ging der Vater hinaus und drang in ihn“.Habe acht, mein Leser, daß dein Herz beim Anblick der einem Mitsünder erwiesenen Liebe und Gnade Gottes nicht mit Bitterkeit erfüllt werde! Der ältere Bruder „wollte nicht hineingehen“, wiewohl der Vater ihm die Erklärung gab: „Es geziemte sich aber fröhlich zu sein und sich zu freuen; denn dieser, dein Bruder, war tot und ist wieder lebendig geworden, und verloren und ist gefunden worden“. (V. 32.) Er blieb draußen; er teilte weder das Glück, noch die Freude, sondern zeigte ein Widerstreben des Herzens gegen die Reichtümer der Gnade des Vaters.

Kennst du Gott in dieser Weise, mein Leser? – Du hast vielleicht den Wunsch, dich selbst kennen zu lernen. – Wohlan, das ist in der Tat gut; aber davon darfst du nicht das Herz Gottes abhängig machen. Wie kann ich dieses Herz kennen lernen? Etwa dadurch daß ich in mein eigenes Herz schaue? Keineswegs. Nur die Gabe Seines Sohnes verschafft mir diese Kenntnis. Der, Gott, mit dem wir es zu tun haben, ist ein Gott, der Seinen Sohn für Sünder hingegeben hat; und so lange wir dieses nicht erkennen, haben wir Ihn noch ganz und gar nicht erkannt. Laßt uns nicht zu Gott sagen: „Mache mich wie einen deiner Tagelöhner!“ Der Dienst muß aus der Erkenntnis Seiner selbst hervorgehen. Messen wir nicht die Güte Gottes nach unseren eigenen armen Herzen! Unsere Herzen zeigen stets eine starke Neigung, zur Gesetzlichkeit zurückzukehren und dieses als Demut zu betrachten. Die einzig wahre Demut aber, die einzige Kraft und Segnung besteht darin, daß wir unser Ich in der Gegenwart Gottes völlig beiseite stellen. Die Demut besteht nicht bloß darin, daß wir schlecht von uns selbst denken, wozu uns ein demütigender Vorfall gebracht haben mag; sondern wir haben das Vorrecht, uns selbst zu vergessen in der Offenbarung der Liebe unseres Gottes und Vaters, welcher für uns die Liebe ist. Der Herr gebe allen Lesern dieser Zeilen, daß sie durch Jesum Gott erkennen mögen, der sich also in Liebe geoffenbart hat!