Tadellos

Online seit dem 07.12.2021, Bibelstellen: Mk 4,38; Lk 8,45; Joh 11,21; Lk 2,48; Mt 16,22

Das Leben Jesu war wie das glänzende Licht einer Lampe. Ja, eine Lampe stand im Hause Gottes, die weder der „Dochtscheren“ noch der „Löschnäpfe von reinem Golde“ bedurfte (vergl. 2. Mo 25,38), und welche stets vor dem Angesicht des Herrn zugerichtet und mit dem „reinen, zerstoßenen Olivenöl“ gefüllt war (2. Mo 27,20). Sie erleuchtete alles, was sie umringte, verurteilte und strafte alles, was verurteilt und gestraft werden musste, und verrichtete ihren Dienst, ohne selbst jemals Anlass zu einem Tadel zu geben.

Wie oft auch der Herr, was wieder und wieder geschah, durch Seine Jünger oder durch Seine Widersacher beschuldigt werden mochte, so suchte Er Sich doch nie zu entschuldigen. Bei einer Gelegenheit beklagen sich Seine Jünger über Ihn, indem sie sagen: „Lehrer, liegt dir nichts daran, dass wir umkommen?“ (Mk 4,38). Aber Er denkt nicht daran, den Schlaf zu rechtfertigen, den sie in dieser Weise stören. Zu einer anderen Zeit machen sie die Bemerkung: „Meister, die Volksmenge drängt und drückt dich, und du sagst: Wer ist es, der mich angerührt hat?“ (Lk 8,45). Aber es bedurfte einer solchen Bemerkung nicht; das zeigte die sofortige Heilung der Frau. Wieder zu einer anderen Zeit sagt Martha zu Ihm: „Herr, wenn du hier gewesen wärest, so wäre mein Bruder nicht gestorben“ (Joh 11,21). Aber Er entschuldigt Sich nicht wegen Seines langen Ausbleibens, sondern belehrt Martha über den wunderbaren Charakter, welchen Sein Zögern dieser Stunde verliehen hatte. Und wie herrlich wurde Sein Zögern dadurch gerechtfertigt!

Gerade so war es bei jeder ähnlichen Gelegenheit. Mochte Er beschuldigt oder getadelt werden, Er widerrief niemals ein Wort, trat niemals einen Schritt zurück. Er bestrafte jede Stimme, die sich richtend wider Ihn erhob. Seine Mutter gibt Ihm in Lukas 2,48 einen Verweis; aber anstatt ihre Beschuldigung aufrecht erhalten zu können, muss sie sich von der Finsternis und dem Irrtum ihrer Gedanken durch Ihn überzeugen lassen. Petrus nimmt sich heraus, Ihn mit den Worten zu ermahnen: „Gott behüte dich, Herr! dies wird dir nicht widerfahren“ (Mt 16,22). Aber er muss lernen, dass Satan selbst es war, der ihm diesen Rat eingeflüstert hatte. Der Diener in dem Palast des Hohenpriesters geht noch weiter, indem er den Herrn scharf zurechtweist und Ihm einen Backenstreich gibt (Joh 18); aber er wird überführt, angesichts und an der Stätte des Gerichtshofes die Gesetze desselben geschändet zu haben.

Alles das zeugt von dem Wege des vollkommenen Lehrers. Der Schein mochte zuweilen gegen Ihn sein. Warum schlief Er in dem Schiff, während Wind und Wellen tobten? Warum ließ Er Sich auf dem Weg aufhalten, während die Tochter des Jairus im Sterben lag? Warum blieb Er an dem Ort, wo Er war, als Sein Freund Lazarus in dem abgelegenen Bethanien krank lag? .... In der Tat, der Schein war gegen Ihn; aber auch nur der Schein, und auch das nur für einen kurzen Augenblick. Wir haben von diesen Wegen Jesu gehört, von Seinem Schlafen, von Seinem Zögern auf dem Weg und Seinem Bleiben an einem Ort, aber wir haben auch das Ende dieser Wege gesehen; dass in allem nur Seine Vollkommenheit hervortrat. Auch in den Augen des Patriarchen war der Schein gegen den Gott Hiobs. Eine Trauerbotschaft folgte auf die andere; schien das nicht hart und grausam zu sein? Aber der Gott Hiobs hatte sich ebenso wenig zu entschuldigen wie der Jesus der Evangelisten.

Wenn wir daher den Herrn Jesus als die Lampe des Heiligtums, das Licht des Hauses Gottes, betrachten, so finden wir, dass die „Dochtscheren und Löschnäpfe“ im Blick auf Ihn ganz und gar nutzlos waren und kein Gegenbild in Ihm fanden. Aus diesem Grund mussten auch alle, die sich, während Er hier wandelte, anmaßten, Ihn zu tadeln und zu beschuldigen, selbst bestraft und beschämt davongehen. Sie gebrauchten die Löschnäpfe und Dochtscheren für eine Lampe, die derselben nicht bedurfte, und verrieten dadurch nur ihre eigene Torheit; und das Licht dieser Lampe strahlte umso heller, nicht weil die Dochtscheren gebraucht worden waren, sondern weil es durch den Gebrauch derselben in den Stand gesetzt wurde, ein neues Zeugnis – und dies geschah bei jeder Gelegenheit – von der Tatsache abzulegen, dass es jener Geräte nicht bedurfte.

Alle diese Beispiele geben uns die nützliche Unterweisung, dass es für uns weitaus das Beste ist, uns als ruhige Zuschauer zu verhalten und den Herrn in Seinem Tun nicht zu stören. Wir dürfen anschauen und anbeten, aber nicht uns einmischen und Ihn unterbrechen, wie die Feinde, die Verwandten und selbst die Jünger der damaligen Zeit es taten. Sie konnten dieses hell leuchtende Licht nicht glänzender machen; sie hatten sich nur desselben zu erfreuen und in seinen Strahlen zu wandeln, ohne es putzen und zurichten zu wollen. Möchte unser Auge einfältig sein; dann wird sicher die Lampe des Herrn, auf den Leuchter gestellt, unseren ganzen Leib mit Licht erfüllen! […]

Welch ein Gemälde! Wer vermöchte einen solchen Gegenstand bis in seine Tiefen zu erfassen – einen Gegenstand, der, wie andere bemerkt haben, zur Schau gestellt werden musste, ehe er beschrieben werden konnte! Es war der, vollkommene Mensch, der einmal hier auf Erden in der Fülle jener moralischen Herrlichkeit wandelte, deren Strahlen der Heilige Geist in den Blättern der Evangelien aufgezeichnet hat. Wahrlich, nächst der einfältigen, glückseligen und festen Gewissheit Seiner persönlichen Liebe zu uns, (die der Herr in unseren Herzen vermehren möge), gibt es nichts, was unser Verlangen, bei Ihm zu sein, brennender machen könnte, als die Entdeckung dessen, was Er selbst ist. Ich habe jemanden, der in den vier Evangelien die herrlichen, lichtvollen Wege des Herrn verfolgt hatte, mit einem Herzen voll Liebe und unter strömenden Tränen ausrufen hören: „O, dass ich bei Ihm wäre!“

Wenn es mir erlaubt ist, für andere das Wort zu nehmen, dann, geliebte Freunde, muss ich sagen, dass dieses es ist, was uns mangelt und das wir begehren. Wir kennen diesen Mangel; aber wir dürfen auch hinzufügen: der Herr kennt unser Begehren.

[Auszug aus dem Buch: Wir sahen seine Herrlichkeit. Dieses Buch empfehlen wir jedem Leser wärmstens zur Lektüre. Es ist zu beziehen unter www.csv-verlag.de]

J. G. Bellett