Eine Herde und ein Hirte

Online seit dem 15.07.2007, Bibelstellen: Johannes 10

In Johannes 10 haben wir das Vorrecht, alle Personen der Gottheit in Tätigkeit zu sehen, um den Ratschluss bezüglich Christus und Seiner Schafe auszuführen: Der Vater sendet den Sohn (Vers 36), gibt Christus die Schafe und sorgt für sie, denn sie sind in Seiner Hand (Vers 29); der Sohn ruft die Schafe mit Namen, führt sie aus dieser Welt heraus, geht vor ihnen her, gibt Sein Leben für sie und formt sie zu einer Herde; der Heilige Geist (im Bild des Türhüters) öffnet Christus die Tür, damit Seine Stimme gehört und die Schafe zu Ihm gezogen werden können. Keine Macht, kein Widerstand der Menschen und auch kein Versagen der Jünger konnten verhindern, dass der Ratschluss Gottes ausgeführt wird. Heute ist es nicht anders! Es ist wirklich gut für unsere Seelen, zu erkennen, dass trotz des Getümmels in der Welt, trotz des Verderbens in der Christenheit, trotz des Widerstandes religiöser Führer und trotz des Versagens des wahren Volkes Gottes die Schafe Christi gefunden, gesegnet, durch die Wüste geführt und nach Hause in die Herrlichkeit gebracht werden.

Das Kapitel beginnt mit einem Gleichnis (Vers 1), in dem der Herr an die bekannten Gebräuche von Hirten und ihren Herden in Ländern des Nahen Ostens anknüpft, um Sein eigenes Handeln in Gnade in der Mitte des Volkes Israel zu beschreiben. Das Volk wird mit einem Schafhof verglichen. Falsche Propheten und vermeintliche Christusse waren von Zeit zu Zeit aufgestanden und versuchten, zu ihrem eigenen Nutzen und zu ihrer eigenen Verherrlichung, Einfluss auf die Schafe zu gewinnen. Sie waren alle Diebe und Räuber. Sie traten nicht auf dem von Gott bestimmten Weg – durch die Tür – ein (Vers 2). Doch schließlich kam Einer auf dem Weg, den Gott vorgezeichnet hatte, in den jüdischen Schafhof. In Ihm erfüllten sich die mancherlei Prophezeiungen über den kommenden Messias. Er wurde von einer Jungfrau, in Übereinstimmung mit Jesaja, und in Bethlehem, in Übereinstimmung mit Micha, geboren. So trat Christus durch die Tür ein und wies sich dadurch als der wahre Hirte aus, als der „eine Hirte“, der von Hesekiel vorausgesagt wurde (Hesekiel 34,23).“Diesem tut der Türhüter auf” (Vers 3).

Der Türhüter ist ein Bild der Kraft Gottes, die entweder die Umstände zugunsten der Menschen lenkt oder durch den Geist in den Herzen der Menschen wirkt. So wurde der Weg für Christus gebahnt, „seine eigenen Schafe“ zu erreichen. Wenn der Herr sich hier als der Hirte der Schafe vorstellt, dann jedoch nicht wie in Hesekiel 34, um sie von ihren Feinden zu befreien und in ihr Land einzuführen. Dafür war die Zeit noch nicht gekommen. Israel hat Christus verworfen, und die Nation wird sich selbst und ihrer Blindheit überlassen. Deshalb wird Christus als der Hirte vorgestellt, der Seine eigenen Schafe ruft und sie aus dem jüdischen Schafhof heraus in all die Segnungen der christlichen Herde einführt. Von der großen Masse der jüdischen Nation, die Ihn verwarf, muss Er sagen: „Ihr seid nicht von meinen Schafen“ (Vers 26). Hier wird der Herr daher gesehen, wie Er inmitten der verderbten jüdischen Nation mit Seinen Schafen beschäftigt ist, die keine Stimme als nur Seine kennen.

Dann sehen wir die drei großen Dinge, die der Herr an Seinen Schafen tut. Erstens ruft der Hirte Seine eigenen Schafe mit Namen, und sie hören Seine Stimme. Seine Stimme zu hören, bedeutete, dass sie nicht nur die Worte des Herrn hörten, sondern dass diese Worte eine persönliche Botschaft vermittelten, die ihre Herzen erreichte. In seiner Predigt in Antiochien sagt Paulus zu den Juden, dass ihre Obersten Ihn nicht erkannten und auch die Stimme der Propheten nicht, die jeden Sabbat gelesen werden (Apostelgeschichte 13,27). Obwohl sie also die prophetischen Schriften hörten, vermittelten diese Schriften keine Botschaft für die Hörer. Sie hörten die Stimme der Propheten nicht. Die Schafe „hören seine Stimme“, Er hat persönlichen Umgang mit ihnen. „Er ruft seine eigenen Schafe mit Namen.“ Wenn wir den Weg des Herrn verfolgen, wie er in den Evangelien aufgezeichnet ist, hören wir Ihn Seine Schafe rufen, eins nach dem anderen. Einfache Fischer wie Andreas, Simon und Philippus werden gerufen. Nathanael, ein Israel, in dem kein Trug ist, Nikodemus, ein Pharisäer und Lehrer, eine gefallene Frau an einem Brunnen, ein Edler aus Kana, ein hilfloser Mann in Bethesda und ein blinder Bettler am Wegesrand werden gerufen. Sie kamen aus verschiedenen sozialen Schichten, aber eines kennzeichnete sie alle: Sie hörten Seine Stimme.

Zweitens lässt der Hirte sie, nachdem Er sie gerufen hat, nicht im jüdischen Schafhof, der Christus verworfen hat. Er führt sie heraus aus dem jüdischen Volk, das dem Gericht entgegengeht.

Drittens lässt Er die Schafe, nachdem Er sie herausgeführt hat, nicht alleine draußen, denn wir lesen, dass Er „vor ihnen her“ geht, um sie auf dem Weg des Lebens und des Segens zu leiten (Vers 4). Die Schafe ihrerseits „hören seine Stimme“, „sie folgen ihm“ und „fliehen“ vor dem Fremden, der versuchen würde, sie von dem Hirten wegzuziehen. Sie fliehen nicht, weil sie die Stimme des Fremden kennen, sondern weil sie sie nicht kennen (Vers 5). „Es ist nicht die Kenntnis des Fremden, sondern die Kenntnis der Stimme des guten Hirten, die sie vor den Fallen bewahrt, die der Fremde ihnen stellen will. Sie wissen, dass diese Stimme nicht die eine Stimme ist. Deshalb werden die Einfältigen bewahrt. Die Weisen wollen alles wissen und werden irregeleitet“ (J.N.D.). Wir sollen weise zum Guten und einfältig zum Bösen sein (Römer 16,19).

So haben wir hier ein eindrucksvolles Bild einer Schafherde, die völlig vom Hirten abhängig ist. Schafe sind dumme und schwache Tiere, immer in Gefahr abzuirren, leicht zu verängstigen und schnell zu zerstreuen. Blieben sie sich selbst überlassen, wäre ihre Lage hoffnungslos. Unter der Leitung des Hirten sind sie trotz ihrer Schwachheit und Dummheit sicher. Wenn sie hungrig und matt sind, führt Er sie auf grüne Auen. Sind sie durstig, wird Er sie zu stillen Wassern führen. Müssen sie über raue Straßen gehen, weist Er ihnen den Weg. Wollen Wölfe die Schafe angreifen, werden sie von dem Hirten beschützt. Der Hirte widmet sich völlig den Schafen und die Schafe sind völlig von ihrem Hirten abhängig – sie kennen Seine Stimme und fliehen vor anderen. Das ist das liebliche Bild der christlichen Herde, bestehend aus Gläubigen, außerhalb des jüdischen Lagers, versammelt zu Christus hin.

Verblendet durch jüdische Vorurteile, verstanden die Zuhörer des Herrn nicht, „was es war, das er zu ihnen redete“ (Vers 6). Ach, auch die Christenheit (und darunter viele wahre Gläubige) versteht das Gleichnis des Herrn nicht. In Missachtung Seiner Belehrungen hat die Christenheit wieder Schafhöfe nach jüdischem Muster gebaut. So sehen wir ein gewaltiges religiöses System, in dem die Schafe Christi unter der Leitung menschlicher Häupter mit Ungläubigen verbunden sind, zusammengehalten durch menschliche Anordnungen. Wenn also die Christenheit sich selbst wieder zu einem religiösen Lager nach jüdischem Muster gemacht hat, gilt immer noch das Wort: „Deshalb lasst uns zu ihm hinausgehen, außerhalb des Lagers“ (Hebräer 13,13). Lasst uns jedoch bedenken, dass aus dem Lager hinauszugehen nicht nur bedeutet, dem Bösen zu entfliehen, sondern Christus den Ihm zustehenden Platz zu geben. Wir gehen „zu ihm“ hinaus. Wenn wir das Lager verlassen haben, sind wir nicht einfach eine Gruppe von Gläubigen, die ihren eigenen Vorstellungen überlassen ist, sondern wir stehen unter der Leitung Christi. Es ist immer noch möglich, außerhalb religiöser Organisationen im Licht dieser Wahrheiten zu leben und Christus Seinen Platz als Hirten der Schafe zu geben und jede fremde Stimme abzuweisen, um nur auf Christus, unseren großen Führer, zu blicken – auf den, der alle Weisheit, Liebe und Macht hat, uns durch die Wüste bis nach Hause in die Herrlichkeit zu führen.

In den folgenden Versen wendet der Herr Sein Gleichnis an (Verse 7–8), entfaltet die Segnungen, in die Er die Schafe einführt (Vers 9), warnt uns vor Gefahren, denen wir ausgesetzt sind (Verse 10–13), stellt sich selbst als die große Hilfsquelle der Schafe angesichts aller Feinde vor (Vers 14–15) und erzählt uns von den anderen Schafen aus den Nationen, die Er mit den jüdischen Schafen zusammen zu einer Herde machen wird (Vers 16).

Erstens wendet der Herr das Gleichnis an und erklärt uns, dass Er die Tür der Schafe ist. Gott hatte den jüdischen Schafhof errichtet, und obwohl die Menschen ihn verdorben hatten, hatte der gottesfürchtige Überrest keine Anweisung, den Schafhof zu verlassen, bis Christus kam. Aber als Christus kam und verworfen wurde, wandte sich Gott ab und ließ das Volk dem Gericht entgegengehen, und Christus wird vorgestellt als der, der von Gott gesandt wurde, eine Tür zu sein, durch die die Gottesfürchtigen aus diesem schuldigen Volk entkommen konnten. So konnte Petrus Christus, nachdem Er auferstanden war, vorstellen als den, durch den Gläubige gerettet werden können von diesem verkehrten Geschlecht (Apostelgeschichte 2,40).

Zweitens ist der Hirte nicht nur die Tür, um aus dem verderbten jüdischen Schafhof zu entkommen, sondern Er ist auch die Tür, die in die positiven christlichen Segnungen führt. Wenn „jemand“ (Jude oder Heide) durch persönlichen Glauben an Christus in den neuen Kreis der Segnungen, die Christus zum Mittelpunkt haben, eintritt, wird er Errettung finden, d.h. Errettung für die Seele von Sünden und Gericht und dann Errettung von der ganzen Macht des Feindes während der Reise durch die Wüste. Außerdem werden die Schafe in die Freiheit gebracht, durch die sie als Anbeter in das Innere des Vorhangs „eingehen“ können und durch die sie mit der guten Botschaft zu der ganzen Welt „ausgehen“ können. Des Weiteren werden Schafe unter der Leitung Christi ernährt – sie finden Weide.

Drittens warnt uns der Herr vor dem Widerstand, dem wir auf dem Weg durch diese Welt begegnen werden. Er spricht von dem Dieb, dem Mietling und dem Wolf. Der Herr hatte bereits gesagt, dass der Dieb nicht durch die Tür eintritt. Er bricht heimlich und unerwartet ins Haus ein und will rauben. Später werden wir durch Judas vor „gewissen Menschen“ gewarnt, die sich im Volk Gottes „nebeneingeschlichen“ haben (Judas 4), und Petrus warnt vor falschen Propheten, „die verderbliche Sekten nebeneinführen werden“ (2. Petrus 2,1). Der Mietling lehrt nicht unbedingt falsche Lehren, aber er arbeitet nur gegen Bezahlung. Petrus warnt uns davor, die Herde Gottes „aus schändlichem Gewinn“ zu hüten (1. Petrus 5,2) und dass Leute aufstehen werden, die aus Habsucht die Gläubigen verhandeln werden (2. Petrus 2,3). Der große Teil der Christenheit ist in die Falle des Mietlings getappt. Der Mietling mag bekennen, die Schafe zu hüten, aber das wahre Motiv ist Egoismus. Deshalb denkt er, wenn Gefahr droht, nur an seine eigene Sicherheit und ergreift die Flucht. Der Wolf kommt im Schafpelz zu der Herde (Matthäus 7,15). Durch ein scheinbar redliches Bekenntnis werden die Gläubigen getäuscht. Daher warnt der Apostel Paulus uns davor, dass nach seinem Abschied Wölfe hereinkommen würden, die die Herde nicht verschonen (Apostelgeschichte 20,29). Der Wolf kann die Schafe zwar nicht aus der Hand des Hirten reißen, aber er kann die Schafe reißen und zerstreuen. Ach, welche Verwüstung haben diese in das christliche Bekenntnis gebracht! Nur wenn wir Christus Seinen Platz als Hirten der Schafe einräumen, können wir ihrer Verwüstung entfliehen. Im Gegensatz zum Dieb, der raubt, kam Christus, um Leben zu geben und es im Überfluss und seiner ganzen Fülle zu geben. Im Gegensatz zum Mietling, der nur an sich denkt und bei drohender Gefahr flieht, gibt der gute Hirte Sein Leben für die Schafe. Er ist nicht nur der Hirte der Schafe, der sie aus dem jüdischen Schafhof absondert, sondern Er ist auch der gute Hirte, der sich für die Schafe hingibt. Diese hingebungsvolle Liebe sehen wir, als der Herr Sein Leben gibt, um die Schafe von dem Dieb und dem Wolf zu erretten.

Viertens finden wir in Christus unsere einzige Hilfsquelle angesichts aller Dinge, denen wir begegnen müssen. Wir haben die gesegnete Gewissheit, dass der, der uns bis in den Tod geliebt hat, uns auch durch und durch kennt. So kann Er sagen: „Ich bin der gute Hirte; und ich kenne die Meinen.“ Er war der Gegenstand der Liebe Gottes gewesen, als Er durch diese Welt ging. Genauso sind die Schafe die Gegenstände Seiner Liebe und Fürsorge, wenn sie durch diese Wüste gehen. Wie gut zu wissen, dass Er die Schafe kennt. Er kennt unsere Prüfungen, unsere Umstände, unsere Schwachheiten – alles ist Ihm bekannt! In ihrem geringen Maß kennen auch die Schafe den Hirten und vertrauen auf Ihn, wie Er, in der Vollkommenheit Seines Weges, auf den Vater vertraute.

Fünftens öffnet der Herr durch die Hingabe Seines Lebens die Tür für Seine Schafe aus den Nationen. Seine Schafe sind nicht nur im jüdischen Schafhof – Er hat auch eine gewaltige Zahl unter den Nationen. Auch sie müssen aus der heidnischen Finsternis in die christliche Herde gebracht werden. Auch sie werden Seine Stimme hören und zusammen mit den Schafen aus dem jüdischen Schafhof eine Herde unter einem Hirten bilden.

Der Herr wird uns also vorgestellt als der „Hirte der Schafe“, der Seine Schafe von irdischer Religion absondert, als der „gute Hirte“ in hingebungsvoller Liebe zu den Schafen und als der „eine Hirte“, der die Schafe zu einer Herde vereinigt. So wie Er, soll Seine Herde abgesondert sein von dem verderbten christlichen Bekenntnis, Ihm hingegeben und miteinander vereinigt.

Dieses schöne Bild des Christentums stellt uns der Herr vor. Aber ach, in der Christenheit sehen wir nur wenig Reaktion auf die Belehrungen des Herrn. Doch die Wahrheit bleibt. Es ist immer noch möglich, alles, was der Wahrheit entgegensteht, abzulehnen und zu wünschen, im Licht der Belehrungen des Herrn zu leben. Das wird aber nur möglich sein, wenn wir den Herrn vor uns haben als den „Hirten der Schafe“, den „guten Hirten“ und den „einen Hirten“.

[Übersetzt von Marco Leßmann. Deutsche Erstveröffentlichung]

Hamilton Smith