Die christliche Schar

Online seit dem 13.01.2008, Bibelstellen: Johannes 15,9-16

Wenn wir den gnädigen Worten des Herrn in Johannes 13 und 14 zuhören, die uns davon erzählen, dass Er den Dienst der Fußwaschung an Gläubigen tut, um uns in der Gemeinschaft mit Ihm zu bewahren, die davon erzählen, dass Er hingegangen ist, um im Vaterhaus für uns eine Stätte zu bereiten, dass Er wiederkommen wird, um uns zu sich in die Herrlichkeit zu nehmen, und dass Er zwischen Seinem Hingehen und Seinem Wiederkommen für uns durch den Heiligen Geist zu uns kommen wird, um uns sich selbst zu zeigen – wenn diese herrlichen Wahrheiten vor uns kommen – dann erkennen wir, dass der Hauptgedanke bei diesem allen ist, dass Christus für uns ist.

Wenn wir uns dann Johannes 15 und 16 zuwenden und dem Herrn zuhören, der in zarter Weise Seine  Jünger auffordert, Frucht zu bringen, Ihm als Seine Jünger nachzufolgen und für Ihn in einer Welt zu zeugen, in der der Herr gehasst und verworfen ist, und wenn wir Seine Warnung hören, dass Verfolgungen und Drangsale auf uns warten mögen, erkennen wir ferner, die große dem zugrunde liegende Wahrheit, dass wir für Christus sein sollen. Außerdem gibt es sicher eine göttliche Reihenfolge, in der uns die Wahrheit vorgestellt wird, denn wir müssen erst gründlich in der großen Wahrheit befestigt werden, dass Christus für uns ist, bevor wir überhaupt in geringem Maß für Ihn da sein können.

In den ersten acht Versen des 15. Kapitels wird uns die große Wahrheit des Fruchtbringens vorgestellt. Dieser Teil der Rede endet mit den Worten: „Hierin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt, und ihr werdet meine Jünger werden.“ Dann, am Ende des Kapitels, spricht der Herr vom Kommen des Heiligen Geistes, infolge dessen die Jünger Zeugen für Christus würden. Frucht ist das liebliche Wesen Christi, das in der Kraft des Heiligen Geistes im Leben der Gläubigen widergespiegelt wird. In dem Maße, wie die Frucht des Geistes – „Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Gütigkeit, Treue, Sanftmut und Enthaltsamkeit“ (Gal 5,22–23) – in uns gefunden wird, wird der Vater verherrlicht werden, und es wird sich zeigen, dass wir Jünger Christi sind. Und in dem Maße, wie wir Jünger Christi sind, werden wir zu Zeugen Christi in einer Welt werden, die Ihn hinausgeworfen hat. So erkennen wir, dass es der Wunsch des Herrn ist, dass die Gläubigen in dieser Welt zur Verherrlichung des Vaters sein sollen, bekannt als Jünger Christi und Zeugen für Christus in der Kraft des Heiligen Geistes. Fruchtbringen, Jüngerschaft und ein Zeugnis sein – das sind die großen Themen in Kapitel 15.

Darüber hinaus zeigt uns der Herr in den Verse 9 bis 16 ein wunderschönes Bild von der neuen christlichen Schar, mit den hervorstechenden moralischen Kennzeichen dieser Schar gemäß den Gedanken des Herrn. Damit drückt Er zwar die Wünsche Seines Herzens in Bezug auf die ganze christliche Schar aus, doch was die ganze Schar kennzeichnen soll, sollte auch auf jede kleine örtliche Schar Seines Volkes zutreffen. Deshalb ist es für die zwei oder drei, die an einem Ort zu Seinem Namen hin versammelt sind, auch in Tagen des Ruins, in denen das große christliche Bekenntnis weit von den offenbarten Gedanken des Herrn abgeirrt ist, immer noch möglich, danach zu streben, von den Kennzeichen geprägt zu sein, die Ihm gefallen. Wir wollen unsere Herzen prüfen, ob wir das immer getan haben.

Der Herr beginnt diesen Teil der Rede mit den Worten: „Wie der Vater mich geliebt hat, habe auch ich euch geliebt; bleibt in meiner Liebe.“ Das erste hervorstechende Merkmal der christlichen Schar ist also, dass sie vom Herrn geliebt ist, und das Verlangen Seines Herzens ist, dass die Gläubigen in dem Bewusstsein Seiner Liebe miteinander den Weg gehen und damit auf Seine Worte: „Bleibet in meiner Liebe“, eine Antwort geben. Der Herr stellt die Liebe des Vaters zu Ihm als Maßstab für die Größe und Art Seiner Liebe zu den Gläubigen vor. Der Herr spricht nicht von der Liebe des Vaters zum ewigen Sohn, sondern von der Liebe des Vaters zum fleischgewordenen Sohn – zu Jesus, als Mensch. Das war eine Liebe, die in all die Not Seines Weges, all die Feindschaft, der Er begegnen musste und all die Leiden, die Er erdulden musste, eintrat. In der gleichen Weise sind wir von Christus geliebt, mit einer Liebe, die in alle unsere Prüfungen eintritt, die vollkommenes Mitleid mit all unserer Not hat und die in unserem Fall sogar mit uns trägt, in all unserem Versagen und die unsere Seelen wiederherstellt, wenn wir von Ihm abgeirrt sind. Was uns auch immer begegnen wird, wir können mit einer Liebe rechnen, die sich nie ändert und die bis zum Ende bei uns bleiben wird. Der Herr wünscht, dass wir im festen Bewusstsein dieser Liebe bleiben.

Die Aufforderung, in Seiner Liebe zu bleiben, führt uns zu dem zweiten großen Kennzeichen, das der Herr in der christlichen Schar sehen möchte. Er möchte, dass Sein Volk durch Gehorsam gegenüber Seinen Geboten gekennzeichnet ist. Er sagt: „Wenn ihr meine Gebote haltet, so werdet ihr in meiner Liebe bleiben, gleichwie ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe“ (Vers 10). Jemand hat das sehr schön so ausgedrückt: „Die Liebe Christi ruht auf dem Weg des Gehorsams und wirft ihren Schein auf den Pfad Seiner Gebote. Das Halten Seiner Gebote ist nicht der Ursprung der Liebe, genauso wenig, wie ein Spaziergang über sonnige Wege der Ursprung des Sonnenscheins ist; und dementsprechend werden wir nicht aufgefordert, die Liebe zu suchen, zu verdienen oder zu erwerben, sondern in ihr zu bleiben, indem wir in dem Zustand und Leben verharren, zu denen diese Liebe allein gehört.“

Wieder stellt sich der Herr selbst in Seinem Weg als Mensch als das vollkommene Beispiel von Gehorsam vor. Er konnte sagen, dass Er allezeit das dem Vater Wohlgefällige tat (Joh 8,29). Was es Ihn auch kosten mochte, sei es Schmach, Schande oder Angespieen werden, Er war gehorsam, sogar bis zum Tod, ja zum Tod am Kreuz. Er suchte nie Seinen eigenen Willen, ging Seinen Weg in vollkommenem Gehorsam gegenüber dem Willen des Vaters und blieb so im Sonnenschein der Liebe des Vaters.

Das dritte große Kennzeichen der christlichen Schar ist „Freude”, wie der Herr sagt: „Dies habe ich zu euch geredet, damit meine Freude in euch sei und eure Freude völlig werde“ (Vers 11). Der Herr nennt diese Freude „meine Freude“ und sagt, dass sie „in uns“ sein soll. Was die äußeren Umstände betraf, war Er der Mann der Schmerzen und mit Leiden vertraut, aber Er lebte immer in der inneren Freude der Liebe des Vaters und der herrlichen Aussicht, die vor Ihm lag. Er konnte im Geist darüber frohlocken, den Willen des Vaters zu tun, und für die vor Ihm liegende Freude erduldete Er das Kreuz und achtete nicht auf die Schande und den Widerspruch der Sünder gegen Ihn (Lk 10,21; Heb 12,2–3). Der Psalmist sagt: „Du hast Freude in mein Herz gegeben, mehr als zur Zeit, da ihres Kornes und ihres Mostes viel war“ (Ps 4,7). Die Freude der Welt ist abhängig von blühenden Umständen – die Zunahme von Korn und Most. Die Freude des Gläubigen ist jene innere Fröhlichkeit des Herzens, die ihren Ursprung in der unveränderlichen Liebe des Herrn und in der herrlichen Aussicht findet, zu der nur der Glaube Zugang hat. In diesen Versen spricht der Herr von „meiner Liebe“, „meinen Geboten“ und „meiner Freude“, und diese Kennzeichen folgen in schöner Weise aufeinander. Die unveränderliche Liebe des Herrn steht über allem; wenn wir im Gehorsam gegenüber Seinen Geboten leben, werden wir in Seiner Liebe bleiben, und wenn wir in Seiner Liebe bleiben, werden wir etwas von Seiner Liebe schmecken.

Das vierte große Kennzeichen der christlichen Schar kommt in den Worten des Herrn vor uns: „Dies ist mein Gebot, dass ihr einander liebet, wie ich euch geliebt habe. Größere Liebe hat niemand, als diese, dass jemand sein Leben lässt für seine Freunde“ (Vers 12–13). Die christliche Schar ist nicht nur vom Herrn geliebt, sondern es ist auch Sein Gebot, dass Sie einander lieben sollen. Wie Christus schon bei den vorigen Kennzeichen das vollkommene Vorbild dafür war, was Er Seinem Volk gebietet, so findet auch hier die Liebe zueinander ihren völligen Ausdruck in der Liebe Christi zu Seinem Volk. Wir sind geliebt, wie Er geliebt war, wir sollen gehorchen, wie Er gehorchte, wir sollen uns mit Seiner Freude freuen und einander lieben, wie Er uns geliebt hat.

Eine solche Liebe hatte Er, dass Er sein Leben für Seine Freunde lassen konnte. Der Tod wird hier nicht in seinem sühnenden Charakter gesehen (das könnte kein Vorbild für uns sein), sondern als höchster Ausdruck der Liebe zu Freunden. Sehr treffend hat jemand gesagt, dass in diesen Versen „eine ganze Geschichte der Liebe zusammengefasst ist: die Liebe des Vaters zum Sohn, die Liebe Jesu zu Seinem Volk und die Liebe Seines Volkes untereinander; und jede Stufe ist sowohl die Quelle als auch der Maßstab für die nächste.“

Das fünfte große Kennzeichen der christlichen Schar ist, dass sie sich dadurch auszeichnen sollten, von dem Herrn als Seine Freunde behandelt zu werden. Er sagt: „Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was irgend ich euch gebiete. Ich nenne euch nicht mehr Knechte, denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut; aber ich habe euch Freunde genannt, weil ich alles, was ich von meinem Vater gehört, euch kundgetan habe“ (Vers 14–15). Es fällt auf, dass dieses hohe Vorrecht, als die Freunde des Herrn behandelt zu werden, von unserem Gehorsam gegenüber Seinen Geboten abhängig ist. Er hat uns gesagt, dass es Sein Gebot ist, dass wir einander lieben sollen. Die Schar, in der Liebe herrscht, ist die Schar, die der Herr als Seine Freunde behandeln wird. Ein Freund ist jemand, dem wir vertrauen können, dem wir freimütig unsere Gedanken, unsere Gefühle und die Absichten unseres Herzens mitteilen können. Es ist offensichtlich, dass wir unser Herz nur solchen öffnen, deren Liebe wir vertrauen können. Gläubige haben den rechtmäßigen Vorzug, die Knechte des Herrn zu sein. Die Apostel Paulus, Petrus, Johannes und Jakobus und auch Judas, beschrieben sich selbst mit Freuden als die Knechte des Herrn Jesus. Doch wenn es schon ein großes Vorrecht ist, Knecht zu sein, dann ist das Vorrecht, Freund zu sein, noch größer. Würden wir nur als Knechte gesehen, benötigten wir lediglich die klaren Anweisungen des Herrn, um die uns zugewiesene Aufgabe auszuführen. Als Freunde werden wir in die Geheimnisse des Herzens des Herrn im Hinblick auf das große Ziel jeden Dienstes eingeführt. Deshalb sagt der Herr zu Seinen Jüngern, die Er als Freunde behandelt, dass Er ihnen alles kundgetan hat, was Er von Seinem Vater gehört hat. Jetzt kann der Dienst in der Kenntnis der Gedanken des Herrn aufgenommen werden, mit dem herrlichen Ziel vor Augen – der Erfüllung der tiefen, ewigen Ratschlüsse des Herzens des Vaters.

Ein sechstes Kennzeichen der christlichen Schar ist, dass sie vom Herrn auserwählt ist. Er sagt: „Ihr habt nicht mich auserwählt, sondern ich habe euch auserwählt und euch gesetzt, damit ihr hingeht und Frucht bringt, und eure Frucht bleibe“ (Vers 16). Wie schön, zu erkennen, dass unsere ewige Verbindung zu Christus nicht von unserer Wahl abhängt, sondern von Seiner. Wir kennen Seine absolute Vollkommenheit und dass an Ihm alles lieblich ist, und hätten Ihn deshalb ohne Frage auserwählt. Das Wunder der Gnade ist aber, dass Er uns, obwohl Er alle unsere Unvollkommenheit kannte und unser ganzes Versagen vorhersah, doch auserwählt hat. Und nachdem Er uns einmal auserwählt hat, wird Er Seine Wahl niemals rückgängig machen. Zwar muss Er sich vielleicht wegen unseres Versagens mit uns beschäftigen, aber niemals wird Er Seine Perlen wegen der Schmutzflecke, die vielleicht auf ihnen zu finden sind, wegwerfen. Doch Er hat uns nicht nur auserwählt, damit wir Sein Haus und Seine Herrlichkeit im Tausendjährigen Reich mit Ihm teilen, sondern Er hat uns in der Zwischenzeit dazu gesetzt, Frucht zu bringen, die bleibt, und die entweder in Seelen besteht, die durch Gnade errettet werden, oder in Gläubigen, die in all den Ratschlüssen des Herzens des Vaters befestigt werden. Den gläubigen Kolossern schreibt der Apostel Paulus von dem Evangelium der Gnade Gottes, das zu ihnen gekommen ist und fruchtbringend ist zur Bekehrung von Sündern. In Seinem Brief an die Römer drückt er sein Verlangen aus, sie zu sehen und ihnen etwas geistliche Gnadengabe mitzuteilen, mit dem Ziel, dass sie befestigt würden in der Wahrheit und damit Er unter den Gläubigen einige Frucht haben möchte. (Kol 1,16; Rö 1,11–13).

Das siebte große Kennzeichen, das die christliche Schar prägen sollte, ist Abhängigkeit vom Vater. Der Herr wünscht, dass jedes Kennzeichen, dass wir jetzt betrachtet haben, dahin führt, dass eine Schar auf der Erde gefunden wird, von der Er sagen kann, dass „was irgend ihr den Vater bitten werdet in meinem Namen, er euch gebe“ (Vers 16). Wenn wir die Knechte des Herrn sein sollen, wenn wir Frucht bringen sollen, die bleibt, kann das nur geschehen, wenn wir in der Abhängigkeit vom Vater bleiben – einer Abhängigkeit, die ihren Ausdruck im Gebet im Namen des Herrn findet. Darüber hinaus setzen die Worte des Herrn voraus, dass hinter unseren Gebeten ein Zustand steht, wie er in diesem Teil der Rede beschrieben wird. Dann werden wir wirklich in Übereinstimmung mit Seinen Gedanken beten und deshalb mit der Erhörung unserer Gebete rechnen können.

So lernen wir, dass der Herr in der Zeit Seiner Abwesenheit ein Volk auf der Erde haben möchte, dass

1.      im festen Bewusstsein Seiner Liebe bleibt,

2.      Seinen Geboten gehorcht,

3.      Seine Freude genießt,

4.      sich untereinander liebt,

5.      als Seine Freunde behandelt wird,

6.      von Ihm für Seinen Dienst auserwählt ist und

7.      vom Vater abhängig ist.

Lasst uns bedenken, dass in dem ganzen schönen Bild, keine großen Gaben erwähnt werden, die bestimmte Einzelpersonen unter den Gläubigen berühmt machen mögen und die vor der Welt in Erscheinung treten. Der Herr stellt uns hier vielmehr die moralischen Eigenschaften vor, die das Leben der ganzen christlichen Schar kennzeichnen sollten, und die in Seinen Augen so wertvoll sind, und ohne die jede Tätigkeit im Dienst nur wenig wert sein wird. Und obwohl wir leider den Gedanken des Herrn so wenig entsprochen haben, lasst uns bedenken, dass es in den Anweisungen des Herrn nichts gibt, was irgendeiner kleinen Schar von Gläubigen unmöglich wäre, auch in Tagen des Ruins zu verwirklichen. Mögen wir die Gnade haben, unseren Zustand im Licht des vollkommenen Vorbilds zu beurteilen und danach zu streben, durch dieselbe Gnade dem hier ausgedrückten Verlangen des Herrn zu entsprechen, um so noch ein wenig in der Zeit Seiner Abwesenheit für Ihn zu zeugen.

[Übersetzt von Marco Leßmann]

Hamilton Smith