Leben und Gottseligkeit

Online seit dem 04.02.2008, Bibelstellen: 2. Petrus 1,3-9

Im zweiten Brief des Petrus wendet sich der Geist Gottes an Gläubige, die, wie der Apostel, durch einen „gleich kostbaren Glauben“ gekennzeichnet sind. Der Apostel warnt uns vor „falschen Lehrern“, die unter den Christen zu finden sein würden, denn er sagt: „Unter euch …“, und sagt die Verderbtheit vorher, die die Christenheit „in den letzten Tagen“ kennzeichnen wird (2. Petrus 2,1; 3,3).Bedenken wir, dass der Apostel nicht das Heidentum beschreibt, sondern den Zustand der Christenheit, in den unser Los gefallen ist und der in unseren Tagen besteht – denn wer zweifelt daran, dass wir in „den letzten Tagen“ leben? – den furchtbaren Zustand dessen, was uns hier so plastisch geschildert wird.

Das schreckliche Wesen dieser Verderbtheit wird uns durch Illustrationen und Bilder nahegebracht, die gewöhnlich dafür verwendet werden. Wir werden weit zurückgetragen zu den „Engeln, die gesündigt hatten“, um darin eine Parallele zu der Rebellion der Christenheit gegen Gott zu finden. Die Welt der Gottlosen vor der Flut wird zur Illustration der Gewalt und des Verderbens in der Christenheit benutzt. Das gottlose Leben und der „ausschweifende Wandel“ der Menschen in Sodom und Gomorra werden benutzt, um den moralischen Niedergang in der Christenheit vorzustellen. Die Geschichte Bileams wird zur Illustration der „Habsucht“ herangezogen, die in diesen letzten Tagen vorherrscht. Um die Rückkehr des Christentums zu heidnischen Zuständen zu beschreiben, benutzt der Apostel das Bild eines Hundes, der zu seinem eigenen Gespei umkehrt, und von der gewaschenen Sau, die zum Wälzen im Kot zurückkehrt.

Doch es gibt noch eine andere Seite dieses ernsten Bildes. Der Apostel warnt uns nicht nur vor dem Bösen, sondern zeigt uns auch zu unserem Trost und unserer Ermunterung, dass es dem einzelnen Gläubigen in den dunkelsten Augenblicken der letzten Tage immer noch möglich ist, der uns umgebenden Verderbtheit zu entfliehen und ein Leben der Gottseligkeit zu leben. Darüber hinaus ermuntert er uns, dieses Leben zu leben, indem er uns die Verheißungen kommender Herrlichkeiten vorstellt, zu denen dieser Pfad der Gottseligkeit führt.

So können wir sagen, dass dieser zweite Brief zwei große Themen hat. Erstens stellt er uns das Leben der Gottseligkeit vor, das den Gläubigen zur Herrlichkeit führt. Zweitens warnt er uns vor der furchtbaren Verderbtheit der Christenheit, die zum Gericht führen wird. Eine kurze Betrachtung der Art und Weise, wie uns diese Dinge in dem Brief vorgestellt werden, wird das klarmachen.

In 2. Petrus 1 stellt uns der Apostel das Leben der Gottseligkeit vor und die Herrlichkeit des Reiches, zu der es führt. In 2. Petrus 2 und 3 bis Vers 10 erklärt er uns die verschiedenen Formen der Verderbtheit und das Gericht, zu denen sie führen. In Kapitel 3 werden wir außerdem ermahnt, uns nicht von den Spöttern fortreißen zu lassen, die die langmütige Gnade Gottes ausnutzen, ihren eigenen Lüsten nachgehen und verneinen, dass überhaupt irgendein Gericht kommen wird. Nachdem wir so gewarnt worden sind, werden wir schließlich noch einmal aufgefordert, das Leben der Gottseligkeit zu leben und darin zu wachsen.

Was der Apostel Paulus In seinem zweiten Brief an Timotheus schreibt, liegt auf derselben Linie. Er warnt uns, dass die Christenheit „in den letzten Tagen“ „eine Form der Gottseligkeit“ haben würde, „deren Kraft aber verleugnen“ würde. Wenn der Apostel uns den Pfad der Absonderung ans Herz legt, dann ermahnt er uns aber auch, dass wir, nachdem wir diesen Pfad betreten haben, die jugendlichen Lüste fliehen und nach Gerechtigkeit, Glaube, Liebe und Frieden streben sollen.

Vor einigen Jahrhunderten verurteilte der Protestantismus die schlimmen Übel des Katholizismus und trennte sich davon. Der Nonkonformismus hat wiederum vielleicht bestimmte Übel im protestantischen Nationalismus zu beklagen und trennt sich davon. Die sogenannten „Brüder“ mögen zu Recht Böses verurteilen, das sie im Katholizismus, Protestantismus und Nonkonformismus gefunden haben, und sich von diesen trennen. Doch lasst uns bedenken, dass weder Protestanten noch Nonkonformisten noch Brüder dem Gerichtsurteil Gottes nur deswegen entfliehen werden, weil sie sich von bösen Dingen getrennt haben, die der Wahrheit widersprechen. Wenn der äußerliche Weg der Absonderung nicht mit einem innerlichen Leben der Gottseligkeit einhergeht, ist jede äußerliche Position, wie korrekt sie auch immer sein mag, nutzlos.

Wenn wir nun den Wunsch haben, der Verderbtheit der Christenheit zu entfliehen und ein Leben der Gottseligkeit zu leben, dann sollten wir auch die reiche Vorsorge beachten, die Gott getroffen hat, um den einzelnen Gläubigen zu befähigen, dieses Leben inmitten des entsetzlichen Bösen der letzten Tage zu leben.

Erstens: Beachten wir, dass die feste Grundlage für das Leben der Gottseligkeit im Kreuz Christi gelegt wurde. Darauf bezieht sich der Apostel, wenn er von der „Gerechtigkeit unseres Gottes und Heilandes Jesus Christus“ spricht. Am Kreuz wurde den gerechten Ansprüchen Gottes durch unseren Heiland entsprochen, der sich selbst gab als Sühnung für die ganze Welt (1. Johannes 2,2). Gott wurde so sehr befriedigt und verherrlicht, dass Er jetzt allen in vollkommener Gerechtigkeit Vergebung verkündigen und jeden Glaubenden als „von allem gerechtfertigt“ bezeichnen kann (Apostelgeschichte 13,38–39). Wir können also sagen, dass am Kreuz der Gerechtigkeit Gottes Genüge getan, die Liebe Gottes befriedigt, Gott selbst verherrlicht und der Gläubige in Christus gerechtfertigt ist.

Zweitens: Wir erkennen, dass wir als Gläubige nicht nur gerettet sind, sondern dass Gott uns durch Seine göttliche Kraft „alles in Betreff des Lebens und der Gottseligkeit geschenkt hat“. Wir müssen mit der Macht des Fleisches in uns, der Macht der Welt um uns her und der Macht des Teufels gegen uns rechnen, aber die Macht Gottes, die jede gegnerische Macht weit übertrifft, ist für uns, und in dieser Kraft ist es möglich, das Leben der Gottseligkeit zu leben.

Drittens: Um uns zu ermutigen, das Leben der Gottseligkeit zu leben, wird uns gesagt, dass damit die „größten und kostbarsten Verheißungen“ verbunden sind. Im Verlauf des Briefes lernen wir, dass uns diese Verheißungen mit dem „ewigen Reich unseres Herrn und Heilandes Jesus Christus“ und mit dem „neuen Himmel und einer neuen Erde“ verbinden.

Viertens: Vor uns werden die schönen moralischen Eigenschaften entfaltet, die das Leben der Gottseligkeit kennzeichnen. Der Apostel spricht von Glauben, Tugend, Erkenntnis, Enthaltsamkeit, Ausharren, Gottseligkeit, Bruderliebe und Liebe. Wir werden aufgefordert, alle diese Dinge zu haben, wobei eins das andere hervorruft, sodass das Ergebnis ein ausgeglichenes und ausgewogenes Leben der Gottseligkeit ist.

Der Glaube kommt natürlich zuerst, denn durch die „Tür des Glaubens“ (Apostelgeschichte 14,27) gehen wir in den Bereich des Segens ein. Und für unser praktisches Glaubensleben ist es ohne Glauben „unmöglich, Gott zu gefallen“ (Hebräer 11,6).

Tugend heißt moralische Vortrefflichkeit und sollte in unserem Glauben wohnen. In 1. Petrus 2,9 sehen wir, dass wir auserwählt sind, um die Tugenden (oder Vortrefflichkeiten) dessen zu verkündigen, der uns berufen hat. Im Grundtext steht an beiden Stellen das gleiche Wort. Die Echtheit des Glaubens zeigt sich durch ein verändertes Leben, das etwas von den moralischen Vortrefflichkeiten an den Tag legt, die in Vollkommenheit bei Christus zu sehen sind.

Die Erkenntnis wird benötigt, um diese Vortrefflichkeiten darzustellen, sie muss daher in der Tugend vorhanden sein. Wie echt und aufrichtig das Herz auch sein mag, wenn es in Unkenntnis über die Gebote des Herrn ist, wird es Versagen im Gehorsam geben. Es ist so, wie jemand gesagt hat: „Ein aufrichtiges Herz ist von grundlegender Bedeutung, aber selbst das wärmste Herz bedarf der Steuerung und Leitung durch einen in Bezug auf den Willen Gottes unterwiesenen Geist.“ Marthas Dienst für den Herrn offenbarte viele vortreffliche Eigenschaften, aber er war nicht erwärmt von der Kenntnis Seiner Gedanken – einer Kenntnis, die Maria erlangte, als sie zu den Füßen Jesu saß und Seinen Worten zuhörte. Lasst uns mit dem Apostel Paulus beten, dass wir „erfüllt sein mögen mit der Erkenntnis seines Willens“ (Kolosser 1,9) und dass unsere „Liebe noch mehr und mehr überströme in Erkenntnis und aller Einsicht, damit wir prüfen mögen, „was das Vorzüglichere sei“ (Philipper 1,9–10).

Enthaltsamkeit (oder Selbstbeherrschung) muss in unserer Erkenntnis sein. Der Besitz von Erkenntnis ohne Selbstbeherrschung führt möglicherweise, wie bei den Korinthern, zu Aufgeblasenheit und einer gewissen Selbstherrlichkeit. In 1. Korinther 8,2 werden wir gewarnt, dass, wenn jemand Erkenntnis dazu benutzt, sich selbst zu erhöhen, „so hat er noch nicht erkannt, wie man erkennen soll.“ Wie wichtig ist es daher, Selbstgericht zu üben, damit wir bei aller Erkenntnis trotzdem gering von uns selbst denken und „nicht höher von uns denken, als zu denken sich gebührt, sondern so zu denken, dass“ wir besonnen seien (Römer 12,3).

Ausharren (oder Geduld) ist in Verbindung mit besonnenen Gedanken über uns selbst nötig. Wenn wir durch Gnade eine nüchterne Einschätzung von uns selbst haben, stehen wir vielleicht in Gefahr, mit einem überheblichen Menschen, der „meint, etwas zu sein, da er doch nichts ist“, ungeduldig zu sein“ (Galater 6,3). Solche Anmaßungen sollen wir erdulden, indem wir auf uns selbst sehen, damit wir nicht in Versuchung kommen.

Gottseligkeit oder Gottesfurcht sollte in unserem Ausharren gefunden werden. Andernfalls besteht die Gefahr, dass wir das Hinwegsehen über wirklich Böses in uns oder anderen mit dem Ausharren gegenüber Schwachheiten und Versagen untereinander entschuldigen.

Bruderliebe muss vorhanden sein, damit wir, während wir stets bemüht sind, Gott den Ihm zukommenden Platz einzuräumen, nicht vergessen, was unserem Bruder zusteht. Neben der Gottseligkeit sollen wir auch die tätige Bruderliebe nicht vergessen.

Die Liebe kommt zuletzt, denn wir sollen uns davor hüten, dass die Liebe zu einem Bruder zu reiner Parteilichkeit oder natürlicher Freundschaft verkommt. Es soll eine Liebe nach göttlichem Maßstab sein. Wir haben mit Glauben begonnen und kommen zuletzt zur göttlichen Liebe und haben damit Teil an der göttlichen Natur, von der der Apostel in Vers 4 spricht. Das sind also die schönen Eigenschaften, die das Leben der Gottseligkeit ausmachen.

Fünftens: Nachdem er uns das Leben der Gottseligkeit vorgestellt hat, ermuntert uns der Apostel in den folgenden Versen, dieses Leben auch zu leben, indem er uns die Herrlichkeit dieses Lebens vorstellt und uns davor warnt, es zu vernachlässigen. Uns wird gesagt, dass, wenn „diese Dinge“ bei euch sind „und reichlich vorhanden“, unser Leben nicht fruchtleer sein wird. Wo diese schönen, christusgemäßen Eigenschaften zu finden sind, gibt es Frucht für Gott. Der Vater wird verherrlicht werden und wir werden uns als Jünger Christi erweisen, wie uns Johannes 15,8 sagt. Dann werden wir gewarnt, dass das Fehlen dieser Dinge zu geistlicher Blindheit führen wird, die weder Weitblick hat für die Herrlichkeit, zu der die Gottseligkeit führt, noch Rückblick halten kann zum Kreuz, wo alle Gottlosigkeit gerichtet wurde.

Sechstens: Wir werden ermuntert, diese Dinge zu tun, um so in der Gegenwart vor „Straucheln“ bewahrt zu werden und um in der Zukunft einen reichlichen „Eingang in das ewige Reich unseres Herrn und Heilandes Jesus Christus“ zu haben. Jeder Gläubige wird in diesem Reich sein, aber nur die, die das Leben der Gottseligkeit leben, werden einen reichlichen Eingang haben. Der Apostel spricht nicht vom Predigen und Lehren oder von der Ausübung einer Gabe, was nicht allen gegeben ist und was eine Auszeichnung vor anderen bedeuten mag. Er spricht von dem verborgenen Leben der Gottseligkeit, das jedem zugänglich ist. Wir müssen uns alle davor hüten, uns aufgrund irgendeines geringen Dienstes, den wir ausüben, falsch einzuschätzen. Besonders die, die eine Gabe haben und oft öffentlich in Erscheinung treten, müssen sich davor hüten, bei den ständigen Einladungen, Predigten und dem öffentlichen Arbeiten vor Menschen das verborgene Leben der Gottseligkeit vor Gott zu vernachlässigen. Warnt uns nicht die Schrift, dass es möglich ist, mit der ganzen Beredsamkeit von Menschen und Engeln zu predigen und doch nichts zu sein? Was Frucht für Gott bringt und an dem kommenden Tag seine reiche Belohnung finden wird, ist das Leben der Gottseligkeit, von dem jeder wahre Dienst ausfließen muss und ohne das keine noch so eifrige religiöse Aktivität der Seele Segen bringt, auch wenn sie in den souveränen Wegen Gottes anderen zum Segen gereichen mag, wie Philipper 1,15–18 klarmacht.

Siebtens: Um uns zu ermutigen, das Leben der Gottseligkeit zu leben, stellt uns der Apostel die Herrlichkeit des Reiches vor, zu dem es führt. Er und zwei andere Jünger waren Augenzeugen dieser Herrlichkeit „auf dem heiligen Berg“ gewesen. Dort sahen sie die Macht und Ankunft des Herrn Jesus, die die Aufrichtung des Reiches einleiten werden. Dort sahen sie auch die „herrliche Größe“ Christi, die im Reich zu sehen sein wird, als Der, der Schmach und Schande von den Händen der Menschen empfing, „von Gott, dem Vater, Ehre und Herrlichkeit“ empfing. Sie erkannten außerdem, dass die Gläubigen an dem Tag Seiner Herrlichkeit „mit ihm“ sein werden. Im letzten Kapitel führt uns der Apostel, während er immer noch das vor Augen hat, was wir in heiligem Wandel und Gottseligkeit sein sollten, im Geist über das Reich hinaus, in dem Gerechtigkeit herrscht, hin zu dem neuen Himmel und der neuen Erde, in denen Gerechtigkeit wohnt.

Wenn wir die Wahrheit der Gottseligkeit, die uns in diesem Abschnitt des Wortes Gottes so herrlich vorgestellt wird, noch einmal zusammenfassen, dann sehen wir hier

1.      die Grundlage des Lebens der Gottseligkeit am Kreuz (2. Petrus 1,1),

2.      die göttliche Kraft, die uns befähigt, dieses Leben zu leben (2. Petrus 1,3),

3.      die kostbaren Verheißungen, die mit diesem Leben verbunden sind (2. Petrus 1,4),

4.      die moralischen Eigenschaften, die dieses Leben prägen (2. Petrus 1,5–7),

5.      die gegenwärtige Frucht für Gott, die aus diesem Leben hervorkommt (2. Petrus 1,8),

6.      den reichlichen Eingang in das Reich, den dieses Leben erlangt (2. Petrus  1,11) und

7.      die Herrlichkeit des Reiches und den ewigen Zustand, zu denen dieses Leben führt (2. Petrus 1,11–21; 3,11–14).

Wenn diese Dinge so vor uns kommen, verstehen wir die Worte des Apostels Paulus besser: „Die Gottseligkeit aber ist zu allen Dingen nütze, indem sie die Verheißung des Lebens hat, des jetzigen und des zukünftigen“ (1. Timotheus 4,8).

Hamilton Smith