Gefüllte Hände

Online seit dem 09.03.2008, Bibelstellen: 3. Mose 8,27-28

„Und er legte das alles auf die Hände Aarons und auf die Hände seiner Söhne, und webte es als Webopfer vor dem HERRN. Und Mose nahm es von ihren Händen weg und räucherte es auf dem Altar, auf dem Brandopfer: Es war ein Einweihungsopfer zum lieblichen Geruch, es war ein Feueropfer dem HERRN“ (3. Mo 8,27–28).

Es ist schon oft bemerkt worden, dass „Einweihungsopfer” an dieser Stelle wörtlich „Füllung” bedeutet. Aaron und seine Söhne wurden Gott geweiht, indem die Fettstücke und die Schulter des Widders mit Kuchen und Fladen des Friedensopfers in ihre Hände gelegt und vor dem HERRN als Webopfer gewebt wurden. Dann wurde alles weggenommen und zum lieblichen Geruch auf dem Altar verbrannt.

Doch vorher müssen wir uns daran erinnern, dass diese Priester zunächst in Wasser gewaschen und mit dem Blut des Opfers besprengt worden waren. Das Blut war ihnen außerdem auf das Ohrläppchen, auf den Daumen der rechten Hand und auf die Zehe des rechten Fußes gestrichen worden. So müssen auch wir, um Priester Gottes sein zu können, mit der „Waschung der Wiedergeburt” gewaschen werden, „die Herzen besprengt und so gereinigt vom bösen Gewissen“ (Tit 3,5; Heb 10,22), um für Ihn abgesondert zu sein als die Seinen, durch die Kraft dieses reinigenden Blutes, das uns erkauft hat, damit wir nicht mehr unser selbst seien. So „von der Sünde freigemacht und Gottes Sklaven geworden“, haben wir unsere „Frucht zur Heiligkeit, als das Ende aber ewiges Leben“ (Rö 6,22).

Als Priester sind wir mit den heiligen Dingen beschäftigt; und eine dieser Beschäftigungen ist gerade diese praktische Einweihung. Alle Christen sind Priester für Gott, und es ist unser Beruf, diese Dinge zu beachten. Durch das Ohr erhalten wir Anweisungen; der Fuß spricht von unserem persönlichen Wandel vor Gott; aber mit der Hand können wir Dinge ergreifen, formen und umgestalten. Durch die Hand weist sich der Mensch als Repräsentant Gottes auf der Erde aus. Und obwohl das Ohr und der Fuß genauso durch das Sühnungsblut für Ihn abgesondert wurden, ist es doch jetzt die Hand, die zur Einweihung gefüllt werden soll: wir müssen in unseren Beruf eingewiesen werden. Gelobt sei Gott, dass unsere ganze Arbeit für Ihn ist.

Jemand mag vielleicht einwenden, dass wir viel zu weit gehen, wenn wir so etwas sagen. Unsere Umstände in der Welt erlauben uns dies doch gar nicht; und es ist in der Tat unser irdischer Beruf, den wir gewöhnlich als „unseren Beruf” bezeichnen. Es ist auch wahr, dass wir als Christen leider nicht nur die Sprache der Welt übernehmen, sondern auch ihre Gedanken billigen. Trotzdem ist auch ganz klar, und sehr leicht anhand der Schrift zu beweisen, dass der Beruf des Christen für Christus ist. Unser Motto sollte, wie bei Paulus, sein: „Das Leben ist für mich Christus“ (Phil 1,21), und was bedeutet das anderes, als dass alles, was unser Leben ausmacht – die gesamte Beschäftigung unseres Lebens – Christus ist?

Das bedeutet überhaupt nicht – denn das zu behaupten wäre absurd und unmöglich – dass nicht jeder von uns seine irdischen Aufgaben und Pflichten zu erfüllen hat, die uns in die Welt tragen und deren Ausführung einen großen Teil unserer Zeit in Anspruch nimmt. Wir müssen für unsere Familien sorgen, und das bedeutet oft Mühe – „wenn aber jemand für die Seinigen und besonders für die Hausgenossen nicht sorgt, so hat er den Glauben verleugnet und ist schlechter als ein Ungläubiger“ (1. Tim 5,8). Christentum vernachlässigt keinen dieser Ansprüche, sondern verschafft ihnen allen Geltung bei uns. Diese Ansprüche sind so vielfältig, wie unsere Beziehungen, in denen wir zu anderen Menschen stehen. Jede Beziehung ist auch eine Verantwortung. Jede Verantwortung gegenüber Menschen ist auch eine Verantwortung Gott gegenüber.

Das ist hinreichend ernst; und es ist nichts anderes als Missbrauch der Gnade, den Ernst dieser Dinge zu verharmlosen. Das Leben ist voller Ernst, und je ernsthafter unser Bewusstsein davon, desto besser.

Und doch, obwohl „sich alle Dinge abmühen”, wie der Prediger sagt (Pred 1,8), und der Christ diesen Dingen nicht entfliehen kann, gilt trotzdem das Wort des Herrn an uns: „Wirkt nicht für die Speise, die vergeht” (Joh 6,27), ein Wort, das etwas Einfacheres meint, als wir darunter vielleicht verstanden haben. Denn in Wahrheit sollen wir nie für die vergängliche Speise arbeiten, sondern haben das Vorrecht, für Ihn zu arbeiten, der unseren Weg festgelegt hat, und dem wir verpflichtet sind. So wird unsere Pflicht zum Joch Christi, das sanft ist, und in dem wir Ruhe finden. Unser Beruf ist für Ihn, unser Lohn von Ihm selbst, und wenn wir zehn Stunden oder mehr am Tag für Ihn arbeiten müssten, wäre es dann eine Last, die uns herunterzieht, weg von der Gemeinschaft mit Ihm, oder nicht viel mehr ein Dienst, in dem uns für alle unsere Bedürfnisse und in allen unseren Schwachheiten Seine Kraft und Fülle mehr als genug sein sollten?

Ach, diese christuslosen Berufe, in denen der Eigenwille grassiert, und wo das, was „mir Gewinn” ist, nicht „um Christi willen für Verlust geachtet” wird! Wann lernen wir endlich, dass es keinen Punkt auf der Erde gibt, wo kein Kampf zwischen zwei Kräften ausgetragen wird, keinen Weg, den wir einschlagen könnten, der neutral zwischen Christus und der Welt, zwischen Gott und dem Mammon verläuft? Hierin liegt ein geistlicher Aussatz, der das ganze Leben befleckt und verweltlicht, denn wenn der Beruf nur für die Welt wäre, könnte kein Bereich des Lebens geheiligt bleiben.

Wie bezeichnend ist dann diese priesterliche Einweihung, bei der unsere Hände mit Christus gefüllt werden. Unsere Hände sollen das Fett und die Schulter und die Kuchen des Friedensopfers vor Gott weben. Wir dürfen somit Christus vor Gott stellen, in der Energie Seiner Hingabe (Fett), in der lasttragenden Schulter, in der Vollkommenheit Seines Lebens der Ausgewogenheit und Konsistenz in der Kraft des Heiligen Geistes. Gott soll in uns ein Andenken an Seinen geliebten Sohn haben, bei allem, was unsere Hände anfassen; nicht eine bloße Imititation Seines Sohnes, sondern eine Hingabe, abgeleitet aus dem Verständnis über Seine Hingabe, eine Kraft, die Seine in Schwachheit vollbrachte Kraft ist – kurz ein Leben, das nichts als das Leben Christi ist, und das durch die Kraft des Geistes in uns zur Entfaltung kommt. „Denn aus seiner Fülle haben wir alle empfangen, und zwar Gnade um Gnade“ (Joh 1,16).

Ist es nicht unsere priesterliche Einweihung, an die wir erinnert werden, wenn wir Woche für Woche am ersten Tag der Woche, bevor ihre Mühen beginnen, als Seine Jünger zusammenkommen, um Brot zu brechen? Wird Er nicht für den Glauben neu in unsere Hände gelegt, damit wir Ihn dort empfangen, wo Er für uns war, und damit wir in der Beschäftigung mit Ihm immer wieder das „von jetzt an“ unseres Lebens beginnen? Er hat einen Anspruch an uns auf jedem Weg, Er erfüllt unsere Augen, unsere Hände, gibt sich uns, damit wir uns Ihm geben, damit wir von jetzt an, wo auch immer wir hinschauen, Christus erblicken, und damit wir, was auch immer wir tun, mit Christus in Berührung sind. Wie schön, daran erinnert zu werden! Wie nötig, so daran erinnert zu werden!

Lieber christlicher Leser, hast du Christus so kennengelernt? Siehst du Ihn in allem, findest du Ihn überall, ist dein ganzer Beruf für Ihn, nimmst du kein anders Joch auf dich, als Seins? Das ist Ruhe, Freiheit, Kraft. Das zu vernachlässigen, bedeutet Zerstreuung und Verwirrung. „Ein wankelmütiger Mann ist unstet in allen seinen Wegen“ (Jakobus 1,8).

[Übersetzt von Marco Leßmann]

F.W. Grant