Wahre Größe

Online seit dem 23.03.2008, Bibelstellen: Matthäus 11,11

 „Wahrlich, ich sage euch, unter den von Frauen Geborenen ist kein Größerer aufgestanden als Johannes der Täufer; der Kleinste aber im Reich der Himmel ist größer als er“ (Mt 11,11).

Dieser Vers ist zweifellos auf den ersten Blick eher verwirrend. Er beinhaltet einen scheinbaren Widerspruch – doch das trifft auf so manche Sache im Christentum zu. Aber ich möchte, soweit es mir gelingt, die Bedeutung dieser bemerkenswerten Aussage klar machen.

Vielleicht ist es nötig, zuerst festzustellen, dass es zwei Arten von Größe gibt: eine moralische und eine stellungsmäßige Größe. Anders gesagt: Es gibt die Größe des Charakters und es gibt die Größe der Position (was eine Folge des Wechsels der Haushaltung ist). Eine Haushaltung ist eine Zeitepoche, die von einer bestimmten Weise des Handelns Gottes geprägt ist. Wir reden von der vorsintflutlichen Haushaltung, von der patriarchischen Haushaltung, von der Haushaltung des Gesetzes, und leben heute in einer Haushaltung, die durch Gnade und das Evangelium gekennzeichnet ist. Diese Haushaltungen sind durch unterschiedliche Handlungsweisen geprägt, und Gott hat in unseren Tagen etwas eingeführt, was über alles Frühere hinausgeht.

Die Größe Johannes des Täufers, von der der Herr spricht, war zweifellos moralischer Art, verbunden mit amtlicher Größe des prophetischen Amtes. Lukas sagt uns in der Parallelstelle, dass es keinen größeren Propheten gab als Johannes den Täufer. Hier. in Matthäus, wird gesagt, dass es keinen größeren Menschen gab als ihn. Es ist daher offensichtlich, dass der Herr von der Größe seines Charakters spricht, und doch fügt Er hinzu, dass der Kleinste in der neuen Haushaltung, die er im Begriff stand einzuführen, größer sein würde als Johannes.

Jeder von uns sollte erkennen, was einen Menschen in moralischer Hinsicht groß macht. Wenn wir uns dem Johannesevangelium zuwenden, werden wir sehen, was Johannes den Täufer in Gottes Augen groß machte. In Johannes 1,19–27 wird uns von einer Unterhaltung zwischen Johannes dem Täufer und denen berichtet, die von den Pharisäern gesandt waren, ihn zu prüfen, und wir finden dort, dass Johannes es beharrlich ablehnt, über sich selbst zu reden. Er zieht es vor, von dem Großen zu sprechen, der kommen würde. „Nach mir kommt ein Mann, der mir vor ist, denn er war vor mir.“ Als sie ihn schließlich drängten, etwas über sich selbst zu sagen, antwortet er: „Ich bin die Stimme eines Rufenden in der Wüste.“ Mehr nicht – ein sehr niedriger Platz, den er einnimmt. Im Bereich des Christentums ist es das Kennzeichen eines wahrhaft großen Menschen, dass er nicht von sich selbst und seinen Taten spricht. Seine Aufgabe ist es, beständig auf den Meister hinzuweisen und von Ihm zu zeugen.

In Johannes 3,30 bekommen wir einen weiteren Eindruck von Johannes. „Er muss wachsen, ich aber abnehmen.“ Die Leute kamen zu ihm, um seine Eifersucht zu erregen. Sie sagten gleichsam: „Sieh doch, Johannes, du wirst vollkommen in den Schatten gestellt. Der, von dem du zeugtest, nimmt die Leute für sich ein. Seine Beliebtheit nimmt zu, deine nimmt ab.“ Johannes antwortet gewissermaßen: „Sehr gut, ich bin froh darüber. Meine Aufgabe ist es, nichts als der Vorläufer zu sein. Und sobald der königliche Wagen erscheint, und der König selbst den Schauplatz betritt, bin ich damit zufrieden, aus dem Blickfeld zu verschwinden.“ Das ist ein weiteres Kennzeichen eines wahrhaft großen Menschen. Wenn er beiseite gesetzt und von dem Meister selbst in den Schatten gestellt wird, anerkennt er dies glücklich.

Es geht noch weiter. Am Ende von Johannes 10 bekommen wir einen weiteren Eindruck von diesem großen Mann. „Und er ging wieder weg jenseits des Jordan an den Ort, wo Johannes zuerst taufte, und er blieb daselbst. Und viele kamen zu ihm.“ Offensichtlich weckte der alte Ort alte Erinnerungen, und ihre Gedanken gingen zurück zu Johannes, der einige Jahre vorher der Mann der Stunde gewesen war, und deshalb sagten sie, als sie so darüber nachdachten: „Johannes tat zwar kein Zeichen; alles aber, was Johannes von diesem gesagt hat, war wahr.“ Johannes tat keine Wunder. Aber ich sage euch, was er tat: Er zeugte beständig, unentwegt und absolut glaubwürdig von dem herrlichen Sohn Gottes. Und was kann irgendjemand auf der Erde mehr tun als das? Seine Grabinschrift hätte lauten können: „Hier liegt ein Mann, der nie ein Wunder tat, doch er sagte etwas, was absolut wahr war. Er wich keinen Fingerbreit davon ab, ein wahres Zeugnis über den Meister abzulegen.“ Von wem solches gesagt werden kann, der wird im kommenden Reich unseres Herrn als helles Licht leuchten. Johannes war so jemand. Er war ein großer Mann, nicht nur in seinem prophetischen Amt als Vorläufer des Messias, sondern auch moralisch – d.h. charakterlich – in den Augen Gottes. Ich hoffe, dass jeder von uns diese Art der Größe anerkennt, und sie zutiefst begehrt.

Doch wenn alles über Johannes gesagt ist und seine volle Größe anerkannt ist, dann bleibt trotzdem diese erstaunliche Aussage, dass der Geringste in dieser neuen Haushaltung größer ist als er. Die Haushaltung wurde eingeführt, als der König, nachdem Er verworfen worden war und die Erlösung vollbracht hatte, zur Rechten Gottes in den Himmel ging, um von dort Seine gesegnete Herrschaft auszuüben, keine öffentliche Herrschaft, nicht mit äußerer Herrlichkeit, sondern eine verborgene Herrschaft über die Herzen der Seinen.

Lasst mich das durch ein Bild verdeutlichen. Du siehst einen königlichen Minister, einen der eindrucksvollsten und berühmtesten Männer, denen du je begegnet bist. Du siehst ihn im königlichen Palast, und was tut er? Er sitzt auf einem der Stühle mit übergeschlagenen Beinen und lässt einen kleinen Kerl auf seinen Füßen reiten! Würdest du glauben, dass bei all seiner intellektuellen Größe und der Weisheit des Alters, doch das kleine, auf den Füßen dieses bejahrten Staatsmanns reitende Kind, der Größere von beiden ist? Wie kann das sein? Weil es ein Sohn des Königs ist, und ein Tag kommen wird, an dem, wenn er es erlebt, die Krone des Reiches auf sein Haupt gesetzt werden wird. Was die moralische Größe angeht, muss man sagen, dass der Staatsmann größer ist; aber was die Bestimmung oder Beziehung oder Stellung angeht, ist das Kind größer. Der geringste der Söhne des Königs ist größer als der Größte seiner Diener. Ich meine, dass das leicht zu verstehen ist, und es soll zur Veranschaulichung dessen dienen, wovon der Herr hier spricht.

Die Tatsache ist, dass Johannes der Letzte in einer langen Reihe bedeutender Menschen war, doch seine Laufbahn wurde abgeschnitten, und er verließ den Schauplatz, ohne je in das Reich der Himmel einzutreten. Das ist die klare Bedeutung unseres Abschnitts. Er starb noch bevor das machtvolle Werk der Erlösung vollbracht war und der Erretter seinen Platz zur Rechten Gottes einnahm und folglich auch bevor der Heilige Geist auf die Erde kam und das bildete, woran du und ich durch die unendliche Gnade Gottes teilhaben.

Was den Charakter und das geistliche Rückgrat angeht, sind wir nichts verglichen mit einem Mann wie Johannes der Täufer. Wir hören viel über körperliche Degeneration des Menschen, doch ausgeprägter als die körperliche ist die geistliche. Wir haben nicht mehr die Martin Luthers und Whitefields und Wesleys und die Menschen, die für ihre Überzeugungen auf den Scheiterhaufen gingen. Heutzutage ist es modern, keine Überzeugungen, kein Rückgrat zu haben. Johannes der Täufer war ein Riese, wir sind nichts als Zwerge; doch wir müssen erkennen, dass die Gnade Gottes zu uns so groß ist, dass Er uns in das Reich der Himmel berufen hat. Wir sind aus der Welt, die Christus verworfen hat, herausgenommen; und in der Zeitepoche, die sich zwischen Seiner Verwerfung und Seinem zweiten Kommen in Herrlichkeit zur Geltendmachung Seiner Rechte erstreckt, sind wir mit Ihm, dem Verworfenen, der sich zur Rechten Gottes gesetzt hat, verbunden. Und obwohl wir Ihn nie gesehen haben, haben wir doch so an Ihn geglaubt, dass Er für uns ein Gegenstand des Glaubens ist. Wir leben durch Glauben an den Sohn Gottes, der uns geliebt und sich selbst für uns hingegeben hat.

Wenn irgendjemand zu mir sagen würde: „Schön und gut, aber wie willst du diese Segnungen unterscheiden? Was macht den großen Vorteil der heutigen Zeit gegenüber den Tagen Johannes des Täufers aus?“ Als erstes muss ich sagen, dass der größtmögliche Unterschied in der Offenbarung liegt – der Offenbarung Gottes über sich selbst. Der Gott, der in früheren Tagen einzelne Strahlen Seiner Herrlichkeit durch die dunklen Wolken scheinen ließ, hat sozusagen die Wolken beiseite geschoben und wie die Sonne in all ihrer Kraft hervorgeschienen. Er hat das in der Person des Mensch gewordenen Jesus hier auf der Erde getan, damit wir den Gott vom Sinai kennenlernen sollten, nicht in den Donnern des Sinai, sondern in den Worten der Gnade des Menschen Christus Jesus. Die wunderbare Offenbarung – eine Offenbarung, die alles Frühere in den Schatten stellt – ist das erste große Unterscheidungsmerkmal der gegenwärtigen Haushaltung.

Denke auch an die Erlösung. Denke an das große Werk, das jetzt vollbracht ist, und das die Frage der Sünde vollständig geordnet hat. Du sagst: „Und was ist mit den Opfern? Ich dachte, sie wurden für Sünden geopfert?“ Sie waren wertvoll, wie ein Schuldschein wertvoll ist. Ich halte ein Stück Papier hoch. Was ist es wert? Du sagst vielleicht: „Nun, ich denke, dass man hundert davon für wenige Cent kaufen kann.” Ich antworte: „Es ist tausend Euro wert.“ Für sich gesehen ist es ein Stück Papier mit einem Siegel der Bundesrepublik darauf und etwas Tinte, also praktisch nichts wert, aber aufgrund der Bezeichnung dieses Papiers ist es eine ganze Menge wert. So verhält es sich auch mit dem Wert der Opfer. Sie wurden Jahr für Jahr als vorläufige Zahlung anerkannt, bis zu dem großen Augenblick, an dem der Herr Jesus Christus kommen, und durch sein eigenes, unendlich wertvolles Opfer die ganze Schuld vollständig begleichen würde. Was ist das doch eine wunderbare Sache, dass wir in einer Zeit leben, in der das Werk vollbracht ist. Erlösung ist bewirkt. Wir reisen sozusagen in eine völlig neue Region, in die Johannes der Täufer, so gesegnet er auch war, nie einging.

Und dann gibt es noch die neuen Beziehungen, die ich eben versucht habe, durch das Bild von dem bejahrten Staatsmanns und dem kleinen Kind zu verdeutlichen. Die neuen Beziehungen sind solche, die im Licht der Offenbarung und auf der Grundlage des Erlösungswerkes Christi eingeführt wurden. Die Beziehung, in der wir zu Gott stehen, kann – wie ihr wisst – mit zwei Worten zusammengefasst werden: auf Seiner Seite mit dem wunderbaren Wort „Vater“ und auf unserer Seite mit dem wunderbaren Wort „Kind“ oder „Sohn“. Wenn du den Galaterbrief lesen würdest, besonders das Ende des dritten und den Anfang des vierten Kapitels, würdest du einen wunderbaren Kommentar zu diesem Thema finden. Du würdest den Apostel sehen, der die Empfänger daran erinnert, dass Christus gekommen war, geboren von einer Frau, geboren unter Gesetz, damit Er die, die unter Gesetz waren, loskaufte, damit sie die Sohnschaft empfingen. Das ist es, was wir empfangen haben, und in diese wunderbare Stellung sind wir jetzt gebracht worden. Helfen uns diese Dinge dann nicht, ein wenig zu verstehen, inwiefern, gemäß den Worten des Herrn, der Geringste im Reich der Himmel größer ist als ein großer Mann wie Johannes der Täufer? Wir sind vielleicht nur wie kleine Kinder, aber Gott sei Dank ist unser Los in diese Haushaltung gefallen, und wir sind Kinder Gottes. Wir haben Kenntnis von der Erlösung, die in Christus Jesus ist. Wir können zu Gott aufschauen, der sich uns vollkommen offenbart hat, und Ihn „Vater“ nennen.

Nun, ich hoffe, dass diese Dinge für uns realer werden. Es gibt so viele Dinge, die uns niederdrücken und unsere Blicke verschleiern. Gott möge uns helfen, diese einfachen, aber doch tiefen Tatsachen nicht zu vergessen, sondern zu bewahren; denn nur dann, wenn wir das tun, werden wir in der Lage sein, der uns verliehenen Gnade zu entsprechen und ein Leben zu leben, dass von Mut und Rückgrat geprägt ist, zur Verherrlichung Gottes.

[Übersetzt von Marco Leßmann]

F.B. Hole