Alpha und Omega

Online seit dem 28.10.2015, Bibelstellen: Hiob 1 und 2

Beim Lesen dieses Abschnitts (Hiob 1 und 2) aus Gottes Wort bewegte mich vornehmlich der schlichte und zugleich tröstliche Gedanke, dass da, wo Satan Gotteskindern hart zusetzt, es dennoch Gott Selbst ist, von dem die Prüfung ausgeht. Gott tut den ersten Schritt, indem Er ein Lob über Seinen Knecht ausspricht. Seine Worte sind an Satan gerichtet. Gott macht ihn auf Hiob aufmerksam. Mit anderen Worten, Gott Selbst ist die erste Person, die hier handelt und somit die Heimsuchung Seines Knechtes veranlasst.

Nun hat zu allen Zeiten, ob vor oder nach Christus, die große Wahrheit gegolten, die allem Wirken Gottes und Seinen Offenbarungen zugrunde liegt, dass nämlich Gott der Höchste ist: „Gott über allem, gepriesen in Ewigkeit.“ Er ist „Gott, der Höchste, der Himmel und Erde besitzt“. Er kann es zulassen, dass in gewissem Sinn selbst der Himmel verunreinigt wird durch die Gegenwart eines Rebellen (Heb 9,23; Eph 6,12), der, nachdem seine Ehre ihm bereits entzogen ist, dort bald endgültig gerichtet werden wird. Denn das Wort macht klar, dass der Herr mit den Königen der Erde auf der Erde handeln, dass Er aber „die Heerschar der Höhe in der Höhe heimsuchen“ wird (Jes 24,21). In dem Bereich, wo ihre große Sünde gegen Gott geschehen ist, wird auch deren Vergeltung gesehen werden.

Aber obschon die Erde der Schauplatz von Ungerechtigkeit jeder Art ist, sind auf ihr doch noch solche, die dem Herzen Gottes sehr nahe stehen, die Er liebt, zu denen Er sich vom Himmel herabneigt, um auf sie zu blicken. Wohl sieht Er noch manches in ihnen, was der Korrektur bedarf. Und zu eben dieser Zeit war Gott im Begriff, Seinen Knecht Hiob zu läutern. Aber das hinderte Ihn nicht, Seiner Wertschätzung und Freude Ausdruck zu geben. Genauso, wie auch Eltern ihr Kind betrachten und mit Liebe und Wohlgefallen von ihm sprechen. Anderen mag es so erscheinen, als ob sie für die Fehler des Kindes blind seien. Aber sie sind doch die Eltern und sie haben ihr Kind lieb; alle, die das verstehen, wissen es auch zu würdigen. Von der Art, doch noch in weit höherem Sinn, ist jene Liebe, die Gott zu Seinen geliebten Kindern auf der Erde hat.

Indem Gott so über allem Bösen steht, spricht Er zum Satan über Seinen Knecht Hiob. Er weiß, worauf dieser Feind sinnt und was er im Besonderen gegenüber den Menschen im Schilde führt. Und wenn einige unter den Menschen dem Satan mehr ein Dorn im Auge sind als andere, dann solche, die Gott aus Gnaden berufen hat, Seine Heiligen zu sein. Aber weil Gottes Liebe und Macht über allem steht, was Satan an Bösem auszurichten vermag, bedient Er sich seiner zum Nutzen Seiner Kinder. Und eben das ist der Inhalt der wunderbaren Geschichte, die im Buch Hiob so umfassend vor uns ausgebreitet wird. Wir wissen schon, dass an ihrem Ende, wenn die Schlacht geschlagen und der Sieg errungen ist, dem Hiob reicher Segen zufällt und sogar seine Freunde durch ihn noch gesegnet werden.

Wie schon gesagt, ist es Gott Selbst, der die Prüfung einleitet. Satan mag als ein Werkzeug benutzt werden, aber immer ist Gott ihm voraus und immer über ihm. Menschen werden erst von einem Unheil überrascht und dann muss ein Heilmittel her. Aber das ist nicht Gottes Weise. Die Erlösung ist nicht nur ein Heilmittel gegen das Böse, das Satan und Mensch auf der Erde angerichtet haben; vielmehr war sie immer schon in den Gedanken und im Herzen Gottes. Sie ist nicht nur ein Heilmittel, bereitet, um dem Übel zu begegnen. Sie ist zugleich der Triumph Gottes, die volle Offenbarung der Tatsache, dass Er über alles Böse hoch erhaben ist. Denn Gott Selbst würde nicht erkannt worden sein, wie Er ist, als nur durch Erlösung. Deswegen blickt Er nicht nur auf den Menschen oder den Teufel, sondern Er schaut aus nach einer Gelegenheit, Seine Liebe zu zeigen. Er möchte Seine Macht, Weisheit und Liebe kundtun, indem Er dem Bösen entgegentritt, ja sogar den Urheber aller Bosheit einsetzt als ein Mittel, um Seinen Kindern ein größeres Gut zuzuwenden, als wenn es ihn überhaupt nicht gäbe. Der Mensch leugnet das Böse, bagatellisiert es und verachtet dadurch Gott. Oder er versucht, Gott in der einen oder anderen Form als Verursacher des Bösen hinzustellen und hasst Ihn. Welche Freude ist es dann für uns, wenn wir sehen dürfen, wer Er wirklich ist und dass Er immer über allem steht.

Diese beiden Gedanken finden wir durch die ganze Heilige Schrift hindurch. Sie sind die beiden bedeutsamen Wege, in denen Gott Selbst sich offenbart. Zuerst ist da Seine Gnade, die befreit und vergibt und zu Ihm bringt. Daneben aber gibt es die Regierung Gottes Seine Regierung einst über die Welt und Seine Regierung jetzt über Seelen. Ihrer Natur nach sind beide die Gnade und die gerechte Regierung Gottes deutlich zu unterscheiden. Es mag gut sein, sich zu erinnern, dass, welche Form auch immer die Regierung annehmen mag, es doch allezeit, soweit es Seine Kinder betrifft, nur die Gnade ist, die Seine Regierung in Gang setzt. Wohl bleibt wahr, dass der Vater „ohne Ansehen der Person richtet“, aber es ist eben doch „Abba Vater“. So auch hier; Gott Selbst gibt zu Beginn deutlich zu erkennen, wie nahe Hiob Seinem Herzen steht. Er fordert Satan gleichsam auf, Seinen Knecht Hiob zu beachten und zu sehen, ob es seinesgleichen auf der Erde gibt. Der Feind geht darauf ein und entgegnet, es sei ja auch nicht umsonst, dass Hiob Gott diene. Deshalb erlaubt Gott dem Satan, ihn in seinen Umständen zu prüfen. Und das Ergebnis? Kein anderes, als dass Hiob niederfällt und Gott anbetet! Seine Frömmigkeit hat eine noch höhere Stufe erreicht, und das Ende ist, wenn wir so sagen dürfen, dass er die Krone des Lebens davonträgt. Er liegt auf seinem Angesicht, um den Namen des Herrn zu preisen. Hatte er vordem die Segnungen kennengelernt, die darin liegen, dass der Herr gibt, so lernt er jetzt Segnungen verstehen, die damit verbunden sind, dass der Herr nimmt.

Dann kommt eine neue Prüfung. Diesmal ist er selbst, seine eigene Person, davon betroffen. Das ist härter, als wenn es „nur“ um die äußeren Umstände Viehherden, Kinder geht. Und Satan weiß das. Er sagt: „Haut um Haut, ja, alles, was der Mensch hat, gibt er um sein Leben.“ Der Herr erlaubt Satan, Hiob Schlimmes zuzufügen, nur sein Leben soll er schonen. Dennoch kommt Hiob nicht nur nicht zu Fall, obschon seine Frau seine Prüfung noch vermehrt; vielmehr bewährt er sich durch alles hindurch in einem Licht, das noch heller leuchtet. Und erst nachdem Satan mit Hiob fertig ist, greift der Herr ein und legt Seinen Finger auf den wunden Punkt, der behandelt werden muss, und das soll durch Hiobs Freunde geschehen.

Bedenken wir, wo wir jetzt stehen! Nicht nur können wir über Gott nachdenken, dass Er über Satan hoch erhaben ist, sondern Satan ist ein Feind, der durch das Kreuz, die Auferstehung und die Himmelfahrt Christi überwunden worden ist. Nicht nur wissen wir, dass Gott dem Satan überlegen ist; wir sehen, wie Gott für uns ist. Satan war bei dem Kreuz, und auch Gott war da, und der Herr Jesus Christus wurde zerschlagen. Und Er, der Eine – gepriesen sei Sein Name! – war der ganzen Macht des Feindes ausgeliefert, aber Er überwand ihn und erhob sich zu einem immerwährenden Auferstehungsleben, die Schlüssel des Todes und des Hades in Seiner Hand haltend. „Aus dem Fresser kam Fraß, und aus dem Starken Süßigkeit.“ Der Herr hat den Sieg errungen, und wir haben diese himmlische und neue Frucht, um unsere Seelen davon zu nähren.

Wann auch immer wir „Satan“ in einer Sache erkennen, wann immer wir die Macht des Bösen verspüren und als böse verurteilen, es ist kraftlos, soweit es uns betrifft. Wohl sollten wir uns fürchten vor seinen Täuschungen und listigen Anschlägen! Doch unser Trost besteht darin, dass wir bei aller Macht, die Satan noch auszuüben vermag – sei es in unseren Umständen oder mehr noch gegen uns persönlich, ja bei aller bestürzenden Verwirrung, in die wir geraten könnten –, in Einfalt des Herzens dem Herrn vertrauen und in Seinem Frieden ruhen dürfen, in der Zuversicht, dass Er hervortreten wird, dass Er wirkt, dass der Satan weichen muss und dass die Prüfung selbst dazu dient, denen einen noch größeren Segen zu sichern, die zu Ihm aufblicken.

William Kelly