Die Frage nach der Schuld

Online seit dem 10.05.2019, Bibelstellen: 2. Mose 2,13; 5. Mo 25,1; Spr 17,15

Wenn es Probleme im zwischenmenschlichen Bereich gibt, wird gerne schnell gesagt: „Zu einem Streit gehören zwei.“ Damit verteilt man die Schuld unversehens auf beide Seiten, ohne weiter darüber nachzudenken. Das geschieht häufig bei Unstimmigkeiten unter Glaubensgeschwistern oder wenn es in einer Ehe kriselt.

So eine simple Art der Schuldaufteilung geht mit der Bibel jedoch nicht konform. Als Mose auf zwei zankende Israeliten stieß, „sprach er zu dem Schuldigen: Warum schlägst du deinen Nächsten?“ (2. Mo 2,13). Die Schrift redet bei diesem Streit eindeutig von einem Schuldigen. Und im Gesetz Mose wird gesagt: „Wenn ein Streit zwischen Männern entsteht und sie vor Gericht treten und man richtet sie, so soll man den Gerechten gerecht sprechen und den Schuldigen schuldig“ (5. Mo 25,1).

In der Ehe von Nabal und Abigail wurde nicht (mehr) vernünftig miteinander kommuniziert. War das die Schuld beider, oder sollte man die Ursache dafür nicht eher bei dem törichten Nabal suchen? Kann man es Urija anlasten, dass seine Frau mit David fremdging und die Ehe somit ins Wanken geriet? Und wenn ein Ehebruch vorkommt, sind wir heute etwa berechtigt zu sagen: Es sind immer beide Ehepartner schuldig?

Nein, wir dürfen die Schuld nicht blindlings mehr oder weniger gleichmäßig verteilen. Das ist ungerecht und verletzend für den, der um eine gute Beziehung ringt. Es kann zudem verhindern, dass der wirklich schuldige Teil seine Sünde demütig anerkennt und bekennt. Wenn bei zwischenmenschlichen Problemen alle irgendwie immer gleich schuldig sind, wird die Verantwortung, die jeder persönlich hat, verwischt. Das ebnet nicht den Weg zur Heilung, sondern stiftet nur weitere Verwirrung.

Es ist natürlich bequem, beiden „Seiten“ reflexartig die Schuld für Probleme zuzuweisen. Denn auf diese Weise erübrigen sich ernsthafte Gespräche zur Wahrheitsfindung. Man handelt dann so ähnlich wie David, der nicht wusste, ob Ziba oder Mephiboseth die Wahrheit redete. In seiner Verlegenheit ordnete David an, dass beide sich den in Frage kommenden Besitz teilen sollten (vgl. 2. Sam 19,25–30). Das war nichts anderes als ein fauler, ungerechter Kompromiss. Denn Ziba hatte gelogen und den treuen Mephiboseth vor David angeschwärzt.

Zweifellos ist es wahr, dass bei Unstimmigkeiten oft beide Seiten einen (größeren) Beitrag dazu geleistet haben. Aber es muss nicht zwangsläufig so sein. Es kann auch jemand unschuldig in eine böse Sache verwickelt werden oder nur einen sehr geringen Anteil an der Misere haben.[1] Daher wollen wir in unserer Beurteilung vorsichtig sein, damit wir nicht die Schuldlosen verurteilen und die Schuldigen rechtfertigen (vgl. Mt 12,7; Spr 17,15)!


Fußnoten:

  1. Es ist klar, dass sich niemand absolut vollkommen verhält. Vollkommen war nur der Herr. Dennoch sollten wir nicht jemand vorschnell als mitschuldig in einer bestimmten Sache bezeichnen.

Gerrid Setzer