Die Geschichte eines armen weisen Mannes

Online seit dem 17.04.2020, Bibelstellen: Prediger 9,13-16

„Auch dieses habe ich als Weisheit unter der Sonne gesehen, und sie kam mir groß vor: Es war eine kleine Stadt, und wenig Männer waren darin; und gegen sie kam ein großer König, und er umzingelte sie und baute große Belagerungswerke gegen sie. Und es fand sich darin ein armer weiser Mann, der die Stadt durch seine Weisheit rettete; aber kein Mensch erinnerte sich an diesen armen Mann. Da sprach ich: Weisheit ist besser als Kraft; aber die Weisheit des Armen wird verachtet, und seine Worte werden nicht gehört.“ (Pred 9,13–16)

Die Geschichte von dem armen weisen Mann in Prediger 9 ist eine der wenigen Stellen im Buch des Predigers, die auf den Herrn Jesus hinweisen. Salomo – der weiseste Mann, der je gelebt hat (vgl. 1. Kön 5,9–11) – schrieb diese bemerkenswerte, tiefgründige Geschichte auf.

Eine kleine Stadt und ein großer König

Eine kleine Stadt mit nur wenigen Einwohnern sah sich den Angriffen eines großen Königs ausgesetzt, der sie umzingelte und große Belagerungswerke gegen sie aufrichtete (V. 14). Angesichts der Übermacht des Feindes bestand für die kleine Stadt keine Hoffnung auf Rettung. Doch in der Stadt befand sich ein armer weiser Mann, der die Stadt durch seine Weisheit rettete; aber kein Mensch erinnerte sich an diesen armen Mann (V. 15). In diesem armen weisen Mann erkennen wir einen zu Herzen gehenden Hinweis auf den Herrn Jesus.

In dem großen König, der die Stadt belagerte, sehen wir einen Hinweis auf Satan, den „Fürsten und Gott dieser Welt“ (vgl. Joh 12,31; 14,30; 16,11; 2. Kor 4,4). So wie die Stadt sich in der Hand des feindlichen Königs befand, befanden auch wir uns in der Gewalt Satans und seiner Engel (vgl. Apg 26,18; Kol 1,13). Angesichts der „Übermacht“ Satans bestand für uns, menschlich gesprochen, keinerlei Hoffnung auf Rettung, denn der Macht und List Satans ist der natürliche Mensch nicht gewachsen. Dies wird bereits in der traurigen Geschichte des ersten Menschenpaars deutlich. Zudem befanden wir uns in einem Zustand, aus dem wir uns selbst nicht befreien konnten: Wir waren tot in unseren Vergehungen und Sünden (vgl. Eph 2,1).

Ein unbekannter Mann

Beim Lesen dieser kurzen Geschichte gewinnt man den Eindruck, dass der arme weise Mann, durch den die Rettung der Stadt zustande kam, relativ unbekannt und unbedeutend war. Jedenfalls wird uns sein Name nicht mitgeteilt. So wie die Rettung der Stadt durch eine Person herbeigeführt wurde, die unter den Einwohnern keine bedeutende Rolle spielte, so wurde auch unsere Errettung von einer Person bewirkt, die die Welt nicht kannte und von der die Menschen es überhaupt nicht erwartet hätten.

Als der Herr Jesus in die Welt kam, wurde Er von den Menschen verachtet und abgelehnt. Von Anfang an war Er der Verworfene. Ja, bereits vor seiner Geburt war kein Raum für Ihn in dieser Welt (vgl. Luk 2,7). Die Welt, die Er erschaffen hatte, kannte Ihn nicht, und sein Volk, das Er viele Jahrhunderte lang getragen hatte, wollte Ihn nicht (vgl. Joh 1,10.11). Selbst seine Brüder glaubten nicht an Ihn (vgl. Joh 7,5). Jesaja schreibt prophetisch über Ihn: „Er hatte keine Gestalt und keine Pracht; und als wir ihn sahen, da hatte er kein Aussehen, dass wir ihn begehrt hätten. Er war verachtet und verlassen von den Menschen, …, und wie einer, vor dem man das Angesicht verbirgt; er war verachtet, und wir haben ihn für nichts geachtet“ (Jes 53,2.3). Von der Krippe bis zum Kreuz war der Herr Jesus ein Fremdling in dieser Welt, dem die Menschen im Allgemeinen keine große Beachtung schenkten.

Ein armer Mann

Der Mann, der die eingeschlossene Stadt durch seine Weisheit rettete, war arm (V. 15). Er besaß kein großes Vermögen, auf das er in dieser ausweglosen Situation hätte zurückgreifen können, um die Stadt zu retten. Ihm fehlte vermutlich auch der nötige Einfluss, um der bedrängten Stadt helfen zu können. Der Herr Jesus dagegen war reich – unendlich reich, aber Er wurde arm, damit wir durch seine Armut reich würden (vgl. 2. Kor 8,9).

Die große Armut, die der Herr Jesus auf sich nahm, zeigte sich am deutlichsten in seiner tiefen Erniedrigung: Er, der Gott war und ist, wurde wahrer Mensch und trat in seine eigene Schöpfung ein. Er, der gewohnt war zu gebieten, wurde demütiger Knecht und lernte an dem, was Er litt, den Gehorsam (vgl. Heb 5,8). Doch seine Armut reichte noch weiter. Als Mensch auf der Erde verkehrte Er nicht in gehobenen Kreisen und prachtvollen Residenzen, sondern wuchs in einfachen, ja ärmlichen Verhältnissen auf, um seine Gnade den Armen und Kranken zugänglich zu machen. Er wurde in einem Stall geboren und im Haus eines Zimmermanns groß. Als man die Tempelsteuer von Ihm verlangte, musste Er sich das Geld von einem Fisch bringen lassen (vgl. Mt 17,27). Auf der Erde hatte Er keinen Ort, wo Er sein Haupt hinlegen konnte (vgl. Mt 8,20; Luk 9,58). Den Höhepunkt seiner Armut sehen wir zweifellos am Kreuz von Golgatha, wo Ihm alles genommen wurde und Er der Sünde wegen litt und starb. Dort wurde Er „weggetan“ und hatte gar nichts mehr (vgl. Dan 9,26). Ja, Er gab nicht nur alles, was Er hatte, sondern Er gab sich selbst.

Ein weiser Mann

Der Mann, der die Stadt rettete, hatte zwar kein Vermögen, aber dafür etwas anderes: Er hatte Weisheit, und durch seine Weisheit konnte er die Stadt retten (V. 15). Die genauen Umstände, wie die Rettung der Stadt zustande kam, werden uns nicht geschildert. Aber sehen wir in der Weisheit dieses Mannes nicht ein schönes Bild der unermesslichen Weisheit des Herrn Jesus, in dem alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis verborgen sind (vgl. Kol 2,3)? Der Herr Jesus ist die personifizierte Weisheit, die sich von denen finden lässt, die Ihn suchen (vgl. Spr 8,12.17). Und von allen, die Ihn gefunden haben, schreibt der Apostel Paulus: „Aus ihm aber seid ihr in Christus Jesus, der uns geworden ist Weisheit von Gott und Gerechtigkeit und Heiligkeit und Erlösung“ (1. Kor 1,30).

Schon als Kind wurde vom Herrn Jesus gesagt, dass Er mit Weisheit erfüllt war (vgl. Lk 2,40). Als zwölfjähriger Knabe saß Er im Tempel inmitten der Lehrer und stellte ihnen Fragen. Alle, die Ihn hörten, gerieten außer sich über sein Verständnis und seine Antworten. Und in dem Maß, wie Er körperlich wuchs, nahm Er auch zu an Weisheit, Größe und Gunst bei Gott und den Menschen (vgl. Lk 2,46.47.52). Die Menschen staunten über seine große Weisheit, die sie sich nicht erklären konnten: „Woher hat dieser solche Weisheit?“ (Mt 13,54). Nicht zuletzt zeigte sich seine große Weisheit darin, dass Er nie etwas tat, was nicht angemessen oder passend gewesen wäre. Stets tat Er das Richtige in der richtigen Art und Weise und zum richtigen Zeitpunkt (vgl. Lk 23,41). Doch obwohl viele über seine Weisheit staunten, glaubten nur wenige an Ihn.

Rettung durch Weisheit

Der arme weise Mann rettete die kleine Stadt durch seine Weisheit (V. 15). Worin sich seine Weisheit genau zeigte, wird uns nicht berichtet. Aber offensichtlich ließ die Art und Weise, wie er die Stadt rettete, seine große Weisheit erkennen. Auch unsere Errettung offenbart die unermessliche Weisheit Gottes. Am Kreuz von Golgatha strahlt sie zweifellos am hellsten hervor. Da, wo Satan meinte, seinen größten Sieg errungen zu haben, erlitt er in Wirklichkeit seine größte und endgültige Niederlage. Der Herr Jesus wurde zwar in Schwachheit gekreuzigt, aber durch seinen Kreuzestod hat Er „den zunichte gemacht, der die Macht des Todes hat, das ist den Teufel, und alle die befreit, die durch Todesfurcht das ganze Leben hindurch der Knechtschaft unterworfen waren“ (Heb 2,14.15). Was wie eine schmähliche Niederlage aussah, war in Wirklichkeit ein gewaltiger Sieg. Ja, gerade dort, wo der Herr Jesus so unsagbar litt und starb, errang Er den größten Sieg. Mit Paulus dürfen wir ausrufen: „O Tiefe des Reichtums, sowohl der Weisheit als auch der Erkenntnis Gottes! Wie unerforschlich sind seine Gerichte und unergründlich seine Wege!“ (Röm 11,33).

Zeigt sich die Weisheit Gottes überdies nicht auch in der Botschaft des Evangeliums sowie in denen, die an sie glauben? Die Botschaft vom gekreuzigten Christus ist den Juden ein Anstoß und den Nationen eine Torheit. Die Glaubenden selbst aber erkennen darin Gottes Kraft und Gottes Weisheit. Paulus schreibt in 1. Korinther 1: „Denn weil ja in der Weisheit Gottes die Welt durch die Weisheit Gott nicht erkannte, so gefiel es Gott wohl, durch die Torheit der Predigt die Glaubenden zu erretten“ (V. 21–25). Die Welt mit ihrer ganzen Weisheit vermag die Weisheit Gottes nicht zu erfassen (vgl. 1. Kor 2,8). Allein der schlichte Glaube kann sie erkennen und bewundern. Daher sind auch die an die Botschaft Glaubenden ein lebendiges Zeugnis der Weisheit Gottes. Auch darüber schreibt Paulus in 1. Korinther 1: „Denn seht eure Berufung, Brüder, dass es nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele Mächtige, nicht viele Edle sind; sondern das Törichte der Welt hat Gott auserwählt, damit er die Weisen zuschanden mache; und das Schwache der Welt hat Gott auserwählt, damit er das Starke zuschanden mache; …, damit sich vor Gott kein Fleisch rühme“ (V. 26–29). Ja, bei Ihm ist Weisheit und Macht, sein ist Rat und Einsicht (vgl. Hiob 12,13).

Ein vergessener Mann

Obwohl die kleine Stadt durch die Weisheit des amen weisen Mannes gerettet wurde, vergaßen die Bewohner schnell den „Urheber ihrer Errettung“. Kaum war die große Gefahr gebannt, geriet der Retter schnell in Vergessenheit. „Kein Mensch erinnerte sich an diesen armen Mann“ (V. 15).

Ist es heute anders? Die Welt, die den Heiland damals verwarf, verwirft Ihn auch heute noch. Satan scheut kein Mittel, um die Erinnerung an Ihn auszulöschen und den Menschen vorzugaukeln, dass Er bis heute im Grab liegt. Viele Menschen wissen nichts mehr mit seinem Namen anzufangen und haben Ihn und sein großes Werk vergessen. Wer denkt schon an die große Erlösung, die der Herr Jesus durch „das Blut seines Kreuzes“ bewirkt hat (vgl. Kol 1,20)? Wer an den hohen Preis, den Er im Hinblick auf die Erlösung der Menschen bezahlt hat (vgl. 1. Tim 2,6)? Selbst unter denjenigen, die sich zu seinem Namen bekennen und Christen nennen, gibt es viele, die Ihn nicht wirklich als Herr und Heiland kennen. Als einen wohltätigen Menschen schätzen sie Ihn vielleicht, aber um seine Ansprüche und Interessen kümmern sie sich nicht. Sie suchen das Ihre und nicht das, was Jesu Christi ist (vgl. Phil 2,21).

Doch wie steht es um uns Gläubige? Erinnern wir uns regelmäßig – auch unter der Woche – mit dankbaren Herzen an das, was der Heiland für uns getan hat? An das große und schwere Werk der Erlösung, das Er am Kreuz von Golgatha vollbracht hat? An den hohen Preis, den Er für uns bezahlt hat? Ist Er der Gegenstand unseres Lobes und unserer Anbetung? Sind unsere Herzen von Ihm erfüllt?

Zu seinem Gedächtnis

Das Ende dieser kurzen Geschichte stimmt traurig: „Kein Mensch erinnerte sich an diesen armen Mann“. Gibt es denn so etwas? Die Rettung erfahren und den Retter vergessen? Da stellt sich die Frage: Wie verhalten wir uns Christus gegenüber – dem Mann, von dem der arme weise Mann nur ein schwaches Bild ist? Der unendlich arm wurde, um uns für immer reich zu machen? Der uns durch sein große Weisheit für Zeit und Ewigkeit errettet hat?

Bevor der Heiland die Erde verließ, zeigte Er seinen Jüngern, wie sie während seiner Abwesenheit an Ihn denken sollten. „Und er nahm Brot, dankte, brach und gab es ihnen und sprach: Dies ist mein Leib, der für euch gegeben wird; dies tut zu meinem Gedächtnis! Ebenso auch den Kelch nach dem Mahl und sagte: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird“ (Lk 22,19.20). Und nachdem Er in den Himmel zurückgekehrt war, gab Er dem Apostel Paulus eine Offenbarung über dieselben Zeichen und sprach: „Denn sooft ihr dieses Brot esst und den Kelch trinkt, verkündigt ihr den Tod des Herrn, bis er kommt“ (1. Kor 11,26). Es ist seither das große Vorrecht aller, die den Herrn Jesus von Herzen lieben, seinem letzten Wunsch zu entsprechen und an jedem ersten Tag der Woche sein Gedächtnismahl einzunehmen (vgl. Apg 20,7).

Der Augenblick wird bald kommen, wo es nicht mehr möglich sein wird, dieser Aufforderung des Herrn auf der Erde nachzukommen. Wenn Er wiederkommt, um alle Gläubigen in das Haus des Vaters einzuführen, dann werden wir diese Zeichen nicht mehr benötigen. Dann werden wir bei Ihm sein und Ihn sehen, wie Er ist (vgl. 1. Joh 3,2). Aber was für ein großer Verlust wird es für diejenigen sein, die den Wunsch des „armen weisen Mannes“ kannten, ihn aber nie erfüllten. Heute noch gilt die Aufforderung des Herrn: „Dies tut zu meinem Gedächtnis!“

Resümee

Der Prediger zieht folgende Schlussfolgerung aus dieser Geschichte: „Weisheit ist besser als Kraft; aber die Weisheit des Armen wird verachtet, und seine Worte werden nicht gehört“ (V. 16). Die Weisheit ist der Kraft vorzuziehen: Das hat unsere kleine Geschichte eindrücklich gezeigt. Kraft allein hätte gegen die Übermacht des großen Königs nicht ausgereicht, aber Weisheit hat die Befreiung ermöglicht. Wie viel mehr trifft dieser Grundsatz auf die göttliche Weisheit, die „Weisheit von oben“, zu (vgl. Jak 3,17)! Sie ist der natürlichen Kraft und Logik des Menschen weit überlegen. Doch in einer Welt, die durch Geld und Macht regiert wird, zählt die Weisheit von oben nicht viel. In einer Welt, in der die Reichen und Mächtigen das Sagen haben, werden die Worte des Armen nicht gehört.

Der Herr Jesus, der die Weisheit ist und stets in göttlicher Weisheit handelte, hatte keinen Platz in dieser Welt. Seine Werke wurden dämonischen Mächten zugeschrieben und seine Worte nicht beachtet (vgl. Mt 12,24; Mk 3,22; Lk 11,15; Joh 9,27). Auch heute meinen viele Menschen, ohne die Weisheit von oben auszukommen, und verachten dabei die Botschaft des Evangeliums. Weil sie den Worten des Herrn keine Bedeutung beimessen, können sie die Rettung, die Gott ihnen schenken möchte, nicht erfahren (vgl. Heb 2,3). Wer aber auf die Worte des „armen weisen Mannes“ hört und ihnen Folge leistet, wird errettet werden (Apg 11,14).

Zusammenfassung

In der Geschichte von dem armen weisen Mann erkennen wir unschwer einen Hinweis auf die „Lebensgeschichte“ des Heilands der Welt, der Mensch wurde und am Kreuz starb, um uns aus der Gewalt Satans zu erretten. In seiner Weisheit „hat Er durch den Tod den zunichte gemacht, der die Macht des Todes hat, das ist den Teufel, und alle die befreit, die durch Todesfurcht das ganze Leben hindurch der Knechtschaft unterworfen waren“ (vgl. Heb 2,14.15). Auf Golgatha hat Er ein großes Werk der Errettung vollbracht, das allen Menschen gilt, aber nur denen zugute kommt, die an Ihn glauben. Während die meisten Menschen heutzutage nicht an Ihn denken, ist es der tiefe Herzenswunsch aller, die Ihn lieben, mit Ihm beschäftigt zu sein und seinen Tod zu verkündigen, bis Er wiederkommt.

Daniel Melui