Christus – wahrer Gott und wahrer Mensch (4)

Online seit dem 15.10.2010, Bibelstellen: Philipper 2,7

Manche behaupten, dass Stellen wie „... der Vater ist größer als ich“ (Joh 14,28) und andere zeigen, dass der Herr Jesus nicht wirklich Gott war. „Wie können Sie dies erklären?“, fragt man.

Angenommen, wir könnten diese Aussagen, von denen viele im Johannes-Evangelium vorkommen, alle nicht erklären, wäre das doch angesichts der deutlichen Darlegung in Joh 1,1–14 eine schwache Basis für die Leugnung Seiner Göttlichkeit, wie wir bereits gesehen haben. 

Die Erklärung ist jedoch sehr einfach. Der Herr Jesus war als der Eine vom Vater gesandt, „geheiligt [abgesondert] und in die Welt gesandt“ (Joh 10,36) und als solcher wurde Er Diener der Herrlichkeit des Vaters und des Segens des Menschen – der wahre hebräische Knecht aus 2. Mo 21,2–6. Der fleischgewordene Sohn wurde darum dem Vater unterworfen, indem Er sich bewegte und handelte in Beziehung zu Ihm, anstatt aus eigener Initiative zu handeln. Deshalb – um noch einmal aus dem Johannes-Evangelium zu zitieren: „Der Sohn kann nichts von sich selbst aus tun, außer was er den Vater tun sieht“ (Joh 5,19). Alle diese und ähnliche Schriftstellen beziehen sich auf die Stellung, die der Sohn im Verhältnis zu dem Vater einnahm, als Er Mensch wurde.

In der Geschäftswelt sehen wir zuweilen einen Vater, der seine Söhne in gleichberechtigte Partnerschaft aufnimmt und sich dennoch in Fragen hoher Geschäftspolitik und Finanzen ein Einspruchsrecht vorbehält. Die Söhne sind mit dem Vater absolut gleichberechtigt und weit aktiver in der Ausführung der Tagesgeschäfte; und dennoch unterwerfen sie sich seinem weisen Urteil. Diese Illustration soll zeigen, wie unter Menschen beides perfekt miteinander zu vereinbaren ist.

Wir unterscheiden deshalb zwischen dem, was der Herr Jesus grundsätzlich war und ist – Gott gleich – und dem, was Er in seiner Beziehung zum Vater wurde – dem Willen des Vaters unterwürfig (vergl. Joh 6,38).

Eine weitere schwierige Schriftstelle ist Mk 13,32, in der der Herr Jesus leugnet, Tag und Stunde seiner Wiederkunft zu kennen. Was ist die Bedeutung dieser Aussage?

Die Antwort ist sehr ähnlich dem, was wir gerade ausgeführt haben. Wir sollten aber noch hinzufügen, dass die Schrift immer Absichten, Ratschläge, Pläne der Gottheit, die Festlegung von Zeitpunkten und Zeitabläufen dem Vater zuordnet. Beachten wir besonders Apg 1,7: „... Zeiten und Zeitpunkte …, die der Vater in seine eigene Gewalt gesetzt hat.“ Gleichzeitig ordnet die Schrift das Handeln, die Ausführung der Absichten der Gottheit sowohl in der Schöpfung als auch was die Versöhnung angeht wie auch das Gericht, dem Sohn zu.

Das sind tiefe Geheimnisse, von denen wir außer durch die Offenbarung [des Wortes Gottes] nichts wissen, und von denen wir konsequenterweise nur mit Zurückhaltung und Ehrfurcht reden sollten. Es liegt auf der Hand, dass der Herr Jesus in Mk 13,32 spricht, indem Er sich strikt an den Gesamtkontext der Schrift hält. Ihm allein gebührt das herrliche Handeln, das „Kommen in den Wolken“. Dem Vater allein gehören Zeiten und Zeitpunkte, das Festlegen von Tag und Stunde.

Manche Menschen glauben, dass der Herr Jesus mit seiner Menschwerdung seine Allwissenheit einschränkte. Sie nennen das die „Kenosis-Theorie“. Wie ist das mit der Schrift zu vereinbaren?

Wie die meisten Lügen des Teufels erweckt [diese Theorie] den Anschein der Bibeltreue. Das Wort „kenosis“ stammt von dem griechischen Wort ab, das in Phil 2,7 verwendet wird und mit „machte sich selbst ohne Ansehen“ bzw. „entäußerte sich selbst“ oder auch: „sich selbst zu nichts machte“ übersetzt wird, wobei letztere Übersetzungen wohl die besseren sind. Dieser Abschnitt sagt uns, wie unser Herr Jesus – in der „Gestalt Gottes“ und „Gott gleich“ – ohne jede Art von „Raub“ oder „ungesetzliche Habsucht“ (wie es der Fall war, als Adam begehrte, zu sein wie Gott) sich selbst entäußerte, indem Er Mensch wurde. Das heißt: Er entkleidete Sich all dessen, was Seine äußere Herrlichkeit ausmachte, bis Er nur noch bekannt war als der Sohn des Zimmermanns. Dadurch nahm Er eine Stellung ein, in der Er von Gott – besser gesagt: durch den Geist Gottes – all das empfangen konnte, was Er sonst in eigener Machtvollkommenheit gehabt oder getan hätte.

Das bedeutet aber nicht, dass Er aufhörte zu sein, was Er immer war, oder dass Er unwissend und der allgemeinen Meinung seiner Zeit unterworfen gewesen wäre, wie in blasphemischer Weise behauptet wird. Die ganze biblische Botschaft weist solch eine böse Interpretation dieses Textes zurück. Was sagt Er von Sich selbst und über Seine Lehre? „Mein Zeugnis ist wahr“, „mein Gericht ist wahr“, „... wie der Vater mich gelehrt hat, das rede ich“, „... ich rede, was ich bei meinem Vater gesehen habe“, „... jetzt aber sucht ihr mich zu töten, einen Menschen, der die Wahrheit zu euch geredet hat“, „... wer von euch überführt mich der Sünde?“ All diese Zitate stammen aus einem einzigen Kapitel, Joh 8 (Verse 14; 16; 28; 38; 40; 46).

Ungläubige Menschen halten an Theorien fest, die gänzlich unvereinbar mit der Lehre unseres Herrn sind; und dafür müssen seine Worte in Misskredit gebracht werden. Dieser Prozess der Diskreditierung ist umso erfolgreicher, je mehr es gelingt, die Zuverlässigkeit seiner Worte unter einem Deckmantel der Ehrerbietung vor Seiner Herablassung zu unterminieren; und das Ganze funktioniert auch deshalb, weil es mit dem Etikett und im Namen der „Wissenschaft“ versehen wird, was sehr gelehrt klingt, wobei wenig oder gar nichts über die wirkliche Person [des Herrn] vermittelt wird.

Soweit die „Kenosis-Theorie“.

[Übersetzt von H.-J. Klenke]

F.B. Hole