Auf den Fußspuren der Weisen (1)

Online seit dem 05.01.2012, Bibelstellen: Matthäus 2,1-2.9

Ihre Herkunft

Es ist kaum anzunehmen, dass der Heilige Geist ohne Bedeutung bis zu drei Mal sehr deutlich betont, dass die Weisen aus dem Osten kamen.

Nacheinander finden wir das in:

  1. Matthäus 2,1: „…siehe, da kamen Magier [orientalische Sternkundige] vom Morgenland“
  2. Matthäus 2,2: „…wir haben seinen Stern im Morgenland gesehen“
  3. Matthäus 2,9: „…der Stern, den sie im Morgenland gesehen hatten“

Auch im Alten Testament finden wir verschiedene Schriftstellen, worin die Rede vom „Osten“ ist. Drei Stellen können uns Licht geben, um etwas von dieser besonderen Ortsangabe zu verstehen. Wir finden sie u.a. in:

1.       1. Mose 3,24: „Er trieb den Menschen aus, und ließ lagern gegen Osten vom Garten Eden die Cherubim und die Flamme des kreisenden Schwertes, um den Weg zum Baume des Lebens zu bewahren“.

2.       1. Mose 4,16: „Kain ging weg von dem Angesicht des Herrn wohnte im Lande Nod, östlich von Eden“.

3.       2. Mose 38,13–15: Aus dieser Beschreibung geht hervor, dass der Eingang, der Zugang zur Stiftshütte verschaffte, an der Ostseite anzubringen war.

Als Gott Adam und Eva aus dem Garten vertrieb, war Rückkehr unmöglich. Der Weg zum Baum des Lebens war abgeschlossen und wurde an der Ostseite durch die Cherubim mit dem flammenden Schwert bewacht, das den Menschen unwiderruflich bei dem Versuch treffen würde, diesen Baum zu erreichen, von seiner Frucht zu essen und hierdurch das Leben zurückzuerhalten. Dass die Worte „den Menschen“ sich absolut nicht auf Adam und Eva beschränken, wird u.a. klar aus Römer 5,15, wo gelehrt wird, dass durch die Missetat des Einen (Adam) die Vielen (alle Menschen ohne Ausnahme) gestorben sind.

Durch diese eine Übertretung – das Essen von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen – haben die Folgen sich über alle Menschen erstreckt zum Gericht! Der Lohn der Sünde ist der Tod! Tot in Sünden und Vergehungen, das war ihr Zustand und das ist auch unser Zustand!

Als Sohn Adams haben sich die Folgen der Sünde Adams auch auf Kain ausgedehnt. Er war, genau wie David, in Ungerechtigkeit geboren und in Sünde empfangen worden (Ps 51,7). Aufgrund seiner Abstammung und Geburt war das sein natürlicher Zustand, so dass in seinem Herzen aufkam, seinen Bruder Abel, der offensichtlich Gottes Gunst erworben hatte, was bei ihm Unmut hervorrief, zu töten. Diese Tat war für ihn der Anlass, wegzugehen von dem Angesicht des Herrn und sich östlich von Eden niederzulassen.

Gott sucht jedoch nach Wegen, damit der Verstoßene nicht von Ihm verstoßen bleibe (1. Sam 14,14). Als Er zu Zeiten Moses den Bau der Stiftshütte veranlasste, in der Er selbst in der Mitte seines Volkes wohnen wollte, damit es Ihm nahen könnte, hat Er in seinem Entwurf durchaus den Ort berücksichtigt, an dem sich Kain niedergelassen hatte, denn das Tor zur Stiftshütte, der einzige Eingang zum Haus Gottes, musste an der Ostseite angebracht werden.

Wunderbare Gnade Gottes: Wenn der Sünder jetzt umkehrt, sich zu Gott bekehrt, sieht er nicht mehr die Cherubim mit dem flammenden Schwert an der Ostseite des Gartens, um das Gericht zu vollstrecken. Wohl aber sieht er eine geöffnete Tür an der Ostseite der Stiftshütte, in der Gott wohnt und durch die jeder Sünder, der sich bekehrt, ohne Umwege regelrecht hineinflüchten kann. Diese Möglichkeit findet seine Grundlage in dem vollbrachten Versöhnungswerk unseres Herrn, der für uns den Weg zum Heiligtum aufgeschlossen hat (Heb 10,19) und der auch von sich selbst bezeugen konnte: „Ich bin der Weg“. Ja, noch mehr: Er, der der Weg ist, konnte auch sagen: „Ich bin die Tür“.

Nebst oben genannten Aussagen gibt es auch noch das andere Wort des Herrn: „Ich bin der gute Hirte, der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe“. Ohne das letzte Wort würden die anderen Erklärungen sinnlos gewesen sein, denn die finden ihre Gültigkeit nicht darin, dass Er freiwillig sein Leben ablegen musste, um das Versöhnungswerk zu vollbringen.

Danach ist der Mensch, Jesus Christus, hängend am Kreuz, und das an unserer Stelle, in die Hände des lebendigen Gottes gefallen. Und was das bedeutet, wird durch den Schreiber des Hebräerbriefes mit einem Wort angedeutet: „schrecklich“.

Wir wollen jetzt zu den Weisen zurückkehren. Wir stellen uns neben ihnen auf, um den Sohn Gottes herum, der Mensch wurde, und mit unseren Geschenken in den Händen. Während wir uns auf seine Person konzentrieren, denken wir auch an die Spur der Weisen, die ihren Anfang irgendwo „im Osten“ nahm, dem Ort ihrer Herkunft!

Das lässt uns ehrfürchtig unseren Kopf senken und wir knien anbetend vor dem Heiland nieder, um dem Ehre zu geben, der uns „im Osten“ aufsuchte, d.h. weit von Gott entfernt und uns durch die von Ihm selbst geöffnete Tür führte, um uns in die Arme des Vaters zu bringen.

Ihre Triebfedern

In Jerusalem angekommen, lassen sie keine Zweifel daran aufkommen, was der Grund ihrer Ankunft ist. Sie suchen den König der Juden, der geboren ist, denn sie haben seinen Stern im Osten gesehen und sind gekommen, um Ihm zu huldigen.

Die erste Frage, die sich uns aufdrängt, ist diese: „Wie haben sie wissen können, dass, als ein besonderer Stern am Firmament aufkam, der König der Juden geboren war?“ Die am meisten auf der Hand liegende Antwort ist, dass sie, sei es mündlich oder schriftlich, Mitteilung über Gottes Verheißungen an Israel  mittels der Juden, di e Gott unter den Völkern zerstreut hatte, empfangen hatten. Bereits bevor Gott Israel ins Land gebracht hatte, hatte Bileam prophezeit (4. Mo 24,17), dass ein Stern aus Jakob hervorgehen würde. Es gibt außerdem keinen Grund, zu unterstellen, dass sie nicht gewusst haben, dass die Segnungen sich nicht nur auf Israel beschränkten, sondern dass in Abraham alle Geschlechter der Erde gesegnet werden sollten und die Herrschaft des verheißenen Sohnes David sich bis zu den Enden der Erde ausdehnen würden und deswegen auch sie die Segnungen seiner Herrschaft genießen sollten. Immerhin sollte der König nicht nur als Bund für das Volk gesetzt werden, sondern auch als Licht für die Heiden (Jes 42,6).

Jesaja geht später noch viel weiter, wenn er Israel das Wort des Herrn mitteilt: „Es ist zu gering, dass du mein Knecht seiest, um die Stämme Jakobs aufzurichten und die Bewahrten von Israel zurückzubringen; ich habe dich auch zum Licht der Nationen gesetzt, um mein Heil zu sein bis an das Ende der Erde“ (Jes 49, 6.7). „Und Nationen wandeln zu deinem Lichte hin, und Könige zu dem Glanze deines Aufgangs“ (Jes 60,3).

Die Sicherheit, dass die Weisen über diese Prophetie Bescheid wussten, haben wir nicht. Ihre Erkenntnis war in jedem Fall begrenzt. Sie kannten die Prophetie aus Micha 5,1.3 nicht, sonst wären sie nicht in Jerusalem, sondern in Bethlehem angekommen! Dennoch, und das erweckt unsere Bewunderung, waren sie sich ihrer Sache vollkommen sicher. Nicht ihre ausgedehnte Erkenntnis über das prophetische Wort war die Ursache für ihre Entschlossenheit, dem König der Juden Ehre zu erweisen. Es war eine Sache des Herzens; ihr Herz suchte Ihn, währenddessen ihre Erkenntnis sie nach Jerusalem brachte.

Wenn eines klar in den Fußspuren der Weisen zu lesen ist, ist das doch als erstes ihr unermüdliches Suchen. Dies Suchen offenbart, was in ihren Herzen lebte. Sie wünschten den König mit ihren Augen zu sehen und Ihm zu huldigen.

In der Fußnote von Matthäus 2,1 wird gesagt, dass es Magier waren, Persische Priester, die sich mit Natur- und Sternenkunde beschäftigten. Sie studierten täglich Gottes Fußspuren in seiner Schöpfung. Zweifellos haben sie Gottes ewige Kraft und seine Göttlichkeit aus seinen Werken kennen gelernt und geschaut (Rö 1,20). Sie waren darin geübt, die Stimme des Schöpfers aller Dinge wahrzunehmen, indem sie in gespannter Andacht die Himmel, die Gottes Herrlichkeit erzählen, durchforschten und die Ausdehnung, die das Werk seiner Hände verkündigt, observierten. Die Weisen haben scheinbar die Rede ohne Worte zu verstehen gelernt und hörten auf die Predigt, als der eine Tag dem anderen berichtete und die Nacht der anderen die Kunde davon gab.

Diese Gesinnung darf den Weisen angesichts ihrer Taten doch sicher unterstellt werden. In erster Linie ist wenig Erkenntnis nötig, um dem Herrn Huldigung zu bringen, wohl aber ein dankbares und Ihm hingegebenes Herz!

Was für ein schriller Kontrast mit den Hohenpriestern und Schriftgelehrten, die durch die Ankunft der Weisen und durch das Erfahren ihres Reiseziels entsetzt waren! Sie kannten die Schriften und waren auf der Höhe dessen, was Moses und die Propheten geredet hatten. Ohne Mühe konnten sie Herodes prompt antworten, dass der Geburtsort des verheißenen Königs Bethlehem sein würde; sie brauchten nicht zunächst die Buchrollen zu Rate zu ziehen. Sie kannten die Schriften.

Sie hatten Schrift ERKENNTNIS gesammelt. Der große Unterschied zwischen ihnen und den Weisen war, dass die Schriftgelehrten KENNTNIS und die Weisen den KÖNIG suchten. Die Schriftgelehrten gingen an das Wort Gottes von einem falschen Standpunkt heran und in einer fleischlichen Gesinnung, um ihre eigene Gerechtigkeit aufzurichten (Rö 10,2.3). Schon durch den Propheten Jesaja hatte Gott zu dem Haus Jakobs gesprochen: „Und doch fragen sie nach mir Tag für Tag und begehren meine Wege zu kennen; gleich einer Nation, welche Gerechtigkeit übt und das Recht ihres Gottes nicht verlassen hat!“  Dennoch trauen sie sich die Gerechtigkeit Gottes in Zweifel zu ziehen, da, obwohl sie fasten – und hiermit Gottes Verordnungen Genüge taten – sie zu der Schlussfolgerung kommen mussten, dass Gott doch nicht auf sie achtete! In Jesaja 58 gibt Gott dann aber einen klaren Grund an, warum Er an ihnen kein Gefallen haben konnte, trotz ihres Fastens und dem Halten der Vorschriften. Es zeigt sich klar aus der ganzen Geschichte, dass Israel, als Volk, Gott mit den Lippen diente, jedoch nicht mit dem Herzen.

Ihr Herz war fett geworden und mit ihren Ohren haben sie beschwerlich gehört und ihre Augen haben sie geschlossen, damit sie nicht mit den Augen sehen würden und mit den Ohren hören und mit dem Herzen verstehen und sich bekehren (Apg 28,27). Merkwürdig! Bei den Juden, bei denen wir Licht erwarten dürfen, finden wir Finsternis und bei den Weisen, die wir im Land der Finsternis wähnten, entdecken wir Licht, Einsicht und Glauben. Die Fußspuren im Sand verraten uns das!

Die Weisen wurden von dem Verlangen getrieben, den verheißenen König der Juden anzuschauen und Ihm Huldigung zu bringen. Der Stern, den sie vor einiger Zeit im Osten gesehen hatten, war nur ein geringer Abglanz von der Herrlichkeit der Person, dessen Ankunft er verkündigte. Sie hatten bislang nur „seinen Stern“ gesehen. Mehr hatten die Weisen auch nicht nötig, um sich reisefertig und auf den Weg zu machen. Während dieser Reise ist Er der Gegenstand ihrer Gedanken, das Thema ihrer Gespräche und das Ziel ihrer Reise gewesen. Ihre Erkenntnis war nur mager, sie konnten auch gar nicht viel wissen, denn sie besaßen einfach die Quellen nicht, die Israel sehr wohl besaß.

Ihre Haltung war deshalb auch tief beschämend für die Schriftgelehrten. Und für uns?

[Übersetzt aus: Bode des Heils in Christus, Jahrgang  111 (1968), S. Streuper]