Die Evangelien und die Opfer (04)

Online seit dem 09.10.2014, Bibelstellen: Markus

Das Evangelium nach Markus, das in mancher Hinsicht nahezu eine Kurzfassung des Matthäus-Evangeliums zu sein scheint, steht jedoch – was die Betrachtung der Person des Herrn angeht – in einem großen Kontrast zu diesem. Von Ihm wird ganz am Anfang verkündet, daß Er der „Sohn Gottes“ ist, aber nur um den niedrigen Dienst zu kennzeichnen, den Er während der ganzen Zeit ausführt. Wir finden noch immer „das Reich Gottes“, jedoch ist jetzt nie die Rede vom Reich „Christi“ oder „des Sohnes des Menschen“. Bis auf die Anschuldigung am Kreuz ist an keiner einzigen Stelle die Bezeichnung „König der Juden“ zu finden. Sein Titel „Herr“ wird auch selten benutzt. Aber Er ist der Sohn Gottes im Dienst, mit göttlicher Kraft und Reichtümern in Seiner Hand. Er dient in Liebe; und dazu ist außer der Kraft keine weitere Qualifikation erforderlich.

Da ein Geschlechtsregister überflüssig ist, gibt es auch keines. Der Eifer in Seinem Dienst wird durch die Häufigkeit des Wortes „sogleich“ verdeutlicht. Von der Gesamtzahl des im Neuen Testament mit „sogleich“ wiedergegebenen griechischen Worts, ist die Hälfte in diesem Evangelium zu finden. Die Einfältigkeit Seines Dienstes ist darin zu erkennen, daß Er nichts von den Angelegenheiten Seines Herrn (bzw. Vaters) wußte, außer dem, was Er empfangen hatte, um es weiterzugeben (vgl. Kap. 13,32). In den Einzelheiten Seines Dienstes zeigt sich Sein Feingefühl: wie „er innerlich bewegt war“; wie Er „betrübt über die Verstockung ihres Herzens“ war; wie Er jemand anrührte, einen anderen aufrichtete; wie Er sich „verwunderte über ihren Unglauben“.

So wie im Lukas-Evangelium stellt auch hier die Himmelfahrt den passenden Abschluß Seines Weges der Erniedrigung dar – Er „setzte sich zur Rechten Gottes“ (Kap. 16,19). Sogar dann geht Sein Dienst nicht zu Ende wie auch Seine Liebe nicht aufhört, denn wir lesen: „Sie aber gingen aus und predigten überall, wobei der Herr mitwirkte und das Wort bestätigte durch die darauf folgenden Zeichen“ (Kap. 16, 20).

Weder im Markus- noch im Matthäus-Evangelium ist Gott den Menschen so nah wie im nächsten Evangelium. Im Markus-Evangelium wird Gott nur fünf Mal als Vater bezeichnet, und der Begriff „euer Vater“ kommt nur einmal vor (Kap. 11,25.26). Die Gläubigen werden hier nicht als Kinder sondern als Diener gesehen, obwohl die Tatsache bestehen bleibt, daß die Diener Kinder sind. Wie im Matthäus-Evangelium werden uns administrative Verantwortungen und Belohnungen vorgestellt. Dort handelt es sich allerdings um die Verantwortungen und Belohnungen von Jüngern, die gleichzeitig auch Untertanen sind. Im Markus-Evangelium sind es die Verantwortungen und Belohnungen von Arbeitern, die die göttlichen Absichten zu erfüllen haben: Sie sind Diener gemäß dem Vorbild unseres Herrn, von welchem gesagt wird: „Der Sohn des Menschen ist nicht gekommen, um bedient zu werden, sondern um zu dienen und sein Leben zu geben als Lösegeld für viele“ (Mk 10,45).

Der Schatten, der auf diesen beiden Evangelien liegt, verschwindet jedoch, sobald das Kreuz ins Blickfeld rückt. In beiden Evangelien wird bei der Beschreibung dieser Begebenheit der Ausruf des Herrn „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ erwähnt.

F.W. Grant