Das Johannes-Evangelium (02) – Kapitel 1,1-5

Online seit dem 13.03.2017, Bibelstellen: Johannes 1,1-5

Herrlichkeiten des ewigen Sohnes (Joh 1,1-5)

„Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott.“ (Joh 1,1)

Johann Wolfgang von Goethe lässt seinen Dr. Faust über diese Stelle sagen, dass das verkehrt sei, es müsse heißen: ‚Im Anfang war die Tat.‘ Aber Gott sagt: „Im Anfang war das Wort.“ Das Wort bedeutet Offenbarung, Ausdruck der Gedanken Gottes. Wenn Gott irgendetwas tut – und Er hat etwas getan –, dann ist das groß und gewaltig; aber wenn Er sich offenbart, dann ist das kostbar! Wir haben hier also den Herrn Jesus als das Wort, als den Ausdruck der Gedanken Gottes. Das ewige Wort war in einem Menschen auf dieser Erde zu sehen.

Der Anfang, mit dem das Johannes-Evangelium beginnt, ist der früheste Anfang in der Bibel. Dieser Vers redet von der Ewigkeit des Wortes. Die Schöpfung in 1. Mose 1,1 beginnt auch mit dem Ausdruck im Anfang. Aber da schuf Gott etwas. Viel weiter zurückliegend, weit vor 1. Mose 1,1, war das Wort schon da. Es ist nicht geworden, es war immer schon da. Das Wort ist ohne Anfang. Soweit wie wir zurückschauen mögen in die zurückliegende Ewigkeit, war das Wort schon da, es hat ewige Existenz! So beginnt dieses vierte Evangelium und es stellt uns den Herrn als das Wort in seiner ewigen Existenz vor.

Wir lesen in der Bibel von vier Anfängen:

  • Johannes 1,1: geht am weitesten zurück; in der Ewigkeit vor der Zeit existierte der Herr Jesus schon als das ewige Wort bei Gott
  • 1. Mose 1,1: der Anfang der Schöpfung Gottes, der Beginn der Zeit
  • 1. Johannes 1,1: die Menschwerdung des Herrn Jesus, der gleiche Zeitpunkt wie Johannes 1,14
  • Markus 1,1: der Anfang des öffentlichen Auftretens des Herrn Jesus

Es wird auch nicht gesagt, dass das Wort wurde, sondern es war im Anfang. Anfang steht hier auch ohne Artikel, es geht also nicht um einen speziellen Anfangszeitpunkt; welchen Anfang man auch immer nehmen würde, da war Er schon da, in Seiner Existenz gibt es keinen Anfang – ein anfangloser Anfang. Die erste Herrlichkeit des Herrn Jesus, die uns in diesem Vers vorgestellt wird, ist also die, dass das Wort eine ewige Existenz hat!

Dann wird vorgestellt, dass dieses Wort bei Gott war. Vor Gott steht hier der Artikel, man müsste lesen: „Das Wort war bei dem Gott.“ Damit wird eine Unterscheidung zwischen dem Wort und Gott deutlich gemacht, und es wird eine Beziehung innerhalb der Gottheit ausgedrückt. Es waren nicht nur Gedanken Gottes, sondern das Wort ist eine eigene unterschiedene Person innerhalb der Gottheit, die von aller Ewigkeit her bei Gott war. Und in dieser Persönlichkeit wird Er unterschieden innerhalb der Gottheit. Er ist ewig, und Er ist eine Person, die innerhalb der Gottheit unterschieden wird, die von Angesicht zu Angesicht zu den anderen Personen der Gottheit ist.

Und dieses Wort war Gott; damit wird betont, dass diese Person, die „das Wort“ genannt ist, wesenseigen Gott selbst ist, auf einer Ebene mit Gott steht. Hier fehlt der Artikel, weil das Wort eben nicht allein Gott ist, sondern auch der Vater und der Heilige Geist ebenso Gott sind. Das wird auch deshalb hinzugefügt, damit wir nicht auf den Gedanken kommen, Er wäre etwa, weil Er bei Gott war, nicht Gott selbst gewesen. Wir können die ewige Gottheit des Herrn Jesus gar nicht genug betonen, weil gerade das etwas ist, was heute selbst in weiten Teilen der Christenheit nicht mehr gekannt oder sogar geleugnet wird. „Er achtete es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein“ (Phil 2,6); „In Ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig“ (Kol 2,9); „Er ist der wahrhaftige Gott und das ewige Leben“ (1. Joh 5,20).

Wir lernen, dass innerhalb der Gottheit Personen unterschieden werden – Vater, Sohn und Heiliger Geist –, sie aber nicht unabhängig voneinander sind. Wenn wir von den drei Personen der Gottheit sprechen, dürfen wir keine Unterschiede machen, was die Wertigkeit dieser einzelnen Personen angeht. Man hört manchmal von der ersten Person der Gottheit, der zweiten Person und der dritten Person der Gottheit. Aber innerhalb der Personen der Gottheit gibt es keine Abstufungen.

Frage: Wenn der Herr Jesus von Ewigkeit her das Wort ist, der Ausdruck und die Offenbarung der Gedanken Gottes, wem gegenüber hat Er in der Ewigkeit den Gedanken Gottes Ausdruck gegeben? War Er auch von Ewigkeit her das Bild des unsichtbaren Gottes (Kol 1,15)?

Antwort: Wir dürfen bei solchen Überlegungen nicht ausgehen von unseren menschlichen logischen und theoretischen Schlussfolgerungen. Unsere Gedanken sind immer an Zeit und Raum gebunden, und wenn wir von „Bild“ hören, dann meinen wir automatisch, dass das auch irgendwie gesehen werden muss. Aber Johannes beschreibt hier auf eine sehr abstrakte Weise ganz einfach Tatsachen. Wir halten fest, dass Er immer schon in der Ewigkeit das Wort war, immer das Bild Gottes war, aber dass es erst in der Zeit offenbar wurde und zum Ausdruck kam in Seiner Menschheit. Genauso ist es auch mit dem Leben (Joh 1,4); in Ihm war immer Leben, aber erst in Seiner Menschheit ist dieses Leben offenbart worden (1. Joh 1,2). Auch das Bild des unsichtbaren Gottes ist bezogen auf Sein Menschsein hier auf der Erde. Er wurde zu einer gegebenen Zeit in dem jeweiligen Charakter sichtbar.

„Dieses war im Anfang bei Gott.“ (Joh1,2)

Dieser kurze Satz ist keine bloße Wiederholung des Vorhergehenden; er betont vielmehr, dass diese Beziehung innerhalb der Gottheit ewig ist. Das Wort war als Person im Anfang bei Gott. Diese Beziehung hat nicht etwa erst mit der Menschwerdung des Herrn Jesus begonnen, die Beziehung des Wortes innerhalb der Gottheit bestand immer, sie ist ewig. Das Wort besitzt eine ewige Persönlichkeit, es ist nicht nur ein ausgesprochener Gedanke Gottes.

Der Heilige Geist zeigt in diesen Versen drei Beziehungen, in denen das Wort steht. In Vers 1 und 2 finden wir die Beziehung des Wortes zu Gott, in Vers 3 finden wir die Beziehung des Wortes zur Schöpfung, und in Vers 4 und 5 finden wir die Beziehung des Wortes zum Menschen.

„Alles wurde durch dasselbe, und ohne dasselbe wurde auch nicht eins, das geworden ist“ (Joh 1,3)

Dieser Vers ist der Anfang von 1. Mose 1,1, der Anfang der Schöpfung. Auch der Herr Jesus als Schöpfer wird geleugnet, heute mehr denn je. Und wenn der Herr Jesus Schöpfer ist, unterstreicht das noch einmal, dass Er der Ewige ist, dass Er vorher existent gewesen ist. Die sogenannte Entwicklungslehre ist eine Taktik Satans, wodurch die Schöpfung ungültig gemacht werden soll. Und wenn wir jetzt diese Verse betrachten, wollen wir uns noch einmal warnen lassen vor dem Aufgeben dieser großartigen Wahrheit, dass unser Herr der Schöpfer Himmels und der Erde ist. Der Herr Jesus hat auch die Zeit geschaffen. In Hebräer 11,3 lesen wir, dass die Welten durch Gottes Wort bereitet sind; dort steht für Welten der Ausdruck aion oder Zeitalter. Die Schöpfung unterbricht die Ewigkeit, sie ist eine Paranthese in die Ewigkeit.

Ob wir an den Mikrokosmos denken oder an den Makrokosmos, ob wir die unendliche Sternenwelt anschauen: Von allem Sichtbaren und Unsichtbaren – ausgenommen von Gott selbst und von dem Bösen – ist Er der Urheber! Kolosser 1,15-17 zeigt, dass der Herr Jesus der Schöpfer und auch der Erhalter aller Dinge ist. Wenn der Kosmos in all den Jahrtausenden seine Bahnen zieht, so hat der Herr Jesus immer Seine Hand darin; selbst als Er als Mensch auf der Erde war, selbst als Er am Kreuz hing, ist die Welt von Ihm aufrechterhalten worden. Alles ist für Ihn und besteht zusammen durch Ihn, die Schöpfung erfährt sozusagen ihre Motivation durch Ihn, sie ist eine Verherrlichung des Sohnes. In Hebräer 1,2.10 finden wir den Herrn Jesus gewissermaßen als Werkmeister. Gott hat durch den Herrn Jesus die Welten gemacht, die Erde gegründet; die Himmel sind Werke Seiner Hände. Die Schöpfung selbst gibt Ausdruck von dem, was Gott ist (Rö 1,19.20).

Und das wird auch immer so bleiben; der Herr Jesus wird nie Seine Anrechte an diese Schöpfung aufgeben! An diesen Aussagen des Wortes Gottes wollen wir unbeirrt festhalten, wenn wir sie auch mit unserem Verstand nicht ergründen können. Und wenn der Herr Jesus auch in den anderen drei Evangelien nicht in diesem erhabenen Charakter vorgestellt wird, so wollen wir nicht aus dem Auge verlieren, dass die Person, die wir hier vor uns haben, dieselbe Person ist, wie sie in Matthäus, Markus und Lukas vorgestellt wird! Wir dürfen unseren Gedanken nicht erlauben, vielleicht in den anderen Evangelien gewisse Abstriche im Blick auf Ihn zu machen, weil dort das Thema nicht so erhaben ist wie hier – es ist dieselbe Person, die uns hier wie dort völlig beglückt!

Im zweiten Teilsatz wird als Verstärkung des Gedankens die Umkehrung des ersten Teilsatzes hinzugefügt. In jeder Hinsicht und allumfassend ist das ewige Wort der Schöpfer von allem; alles, was zu der ersten Schöpfung gehört, ist durch den Herrn geschaffen! Die Schöpfung ist ein Werk Gottes insgesamt, aber ohne das Wort ist nichts geschaffen worden (1. Kor 8,6).

Wir sehen in diesen ersten Versen, dass Gott darüber wacht, dass wir uns nicht in Spekulationen und logischen Schlussfolgerungen verlieren sollen, was die Person Seines Sohnes angeht. Alles, was wir über den Herrn Jesus wissen sollen, erfahren wir nicht durch unsere Kombinationen, sondern weil Gott es uns sagt. Er wacht darüber, dass Sein Sohn in keiner Weise durch falsche Spekulationen verunehrt wird.

In diesen ersten drei Versen haben wir also fünf Herrlichkeiten des Wortes, des ewigen Sohnes, vor uns:

  • „Im Anfang war das Wort“ – die ewige Existenz des Wortes
  • „Das Wort war bei Gott“ – die unterschiedene Person des Wortes innerhalb der Gottheit
  • „Das Wort war Gott“ – das Wort ist wesenseigen Gott selbst
  • „Dieses war im Anfang bei Gott“ – die ewige Persönlichkeit des Wortes bei Gott
  • „Alles wurde durch dasselbe“ – die Schöpfer-Herrlichkeit des Wortes

„In ihm war Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.“ (Joh 1,4)

In diesem Vers haben wir dann weitere Herrlichkeiten dieses Wortes: „In ihm war Leben“; hier sehen wir nicht nur, was durch Ihn geschaffen wurde, sondern es geht einen Schritt weiter und zeigt, was in Ihm ist. Und hier geht es auch nicht nur um natürliches Leben, sondern um das ewige Leben; „dieses Leben ist in seinem Sohn“ (1. Joh 5,11). Und um dieses Leben vor den Menschen offenbaren zu können, musste Er Mensch werden. Bis dahin konnte das von keinem Menschen in diesem Sinn gesagt werden. Aber Er hat als Mensch dieses ewige Leben sichtbar gemacht. Im Alten Testament hat Gott im Verborgenen gewohnt, im Dunkeln. Aber jetzt gab es einen, der Mensch geworden ist, und in Ihm war Leben. Und Er wollte dieses Leben auch mitteilen, denen schenken, die an Ihn glauben würden – und dafür musste Er das Werk am Kreuz vollbringen.

„Und das Leben war das Licht der Menschen“; durch Ihn wurde alles offenbar, wie es in den Augen Gottes ist. Das Leben ist nur für die an Ihn Glaubenden, aber das Licht trifft jeden Menschen, jeder wird durch Ihn in das Licht Gottes gestellt. Wir staunen auch darüber, dass dieses Licht nicht für die Engel war, sondern für uns Menschen. Gott schenkt uns Menschen diese Offenbarung Seiner selbst in dem Sohn. Man kann diesen zweiten Halbsatz auch umdrehen, es ist ein reziproker Satz, der in der umgekehrten Reihenfolge auch zutreffend ist: das Licht der Menschen war das Leben, d.h., niemand anders war das Licht der Menschen als der, der das Leben ist.

Als Gläubige haben wir auch Leben, das meint nicht das natürliche Leben in dieser Schöpfung, sondern geistliches, göttliches Leben! Aber wir haben es nicht in uns selbst – wir haben es in Ihm! Dem Herrn Jesus ist dieses göttliche Leben wesenseigen, unabhängig von Menschen; Er ist das ewige Leben (1. Joh 5,20).

Und dieses Leben ist sichtbar geworden, offenbart worden (1. Joh 1,2), hat dem Leben Ausdruck gegeben – aber nicht als Leben, sondern als Licht. Das ist ein gewaltiger Vorgang! Würde hier stehen, dass das Leben das Leben der Menschen war, würde das bedeuten, dass alle Menschen göttliches Leben hätten. Nein, das Leben war das Licht der Menschen. Wenn der Herr Jesus dieses Leben offenbart, dann bedeutet das Licht für die Menschen. Was der Herr sagte, was Er tat, wirkte auf die Menschen wie Licht. Die Offenbarung Gottes in dem Herrn Jesus ist Licht für die Menschen, und das Licht macht alles offenbar! Das meint nicht, dass alle Menschen errettet würden, aber sie werden durch diese Offenbarung Gottes in dem Herrn Jesus erleuchtet. Und wer sich diesem Licht unterwirft und dem Wort, das hier spricht, der empfängt dann auch dieses göttliche Leben.

„Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfasst.“ (Joh 1,5)

Das Wesen des Lichtes ist, dass es in der Finsternis scheint und die Wirklichkeit aller Dinge und Verhältnisse hervorbringt; und so war es auch, als der Herr Jesus als Mensch hier auf der Erde war. Er hat die Wirklichkeit aller Dinge sichtbar gemacht, was der Mensch wirklich ist und was Gott wirklich ist und wie kaputt die Beziehung des Menschen zu Gott ist. Wenn die Menschen das Licht gesehen haben, dann weil der Herr Jesus als Mensch hier war. Sie konnten sich der direkten Wirkung des Lichtes nicht entziehen.

Der sittliche Zustand des Menschen von Natur ist Finsternis (Eph 5,8). Und jetzt wird ein Resultat beschrieben, das unseren irdischen Erfahrungen und Gegebenheiten völlig entgegen ist: Die Finsternis erfasst das Licht nicht. Wenn in natürlicher Finsternis ein kleines Licht angezündet wird, dann ist in dem Bereich, wo dieses Licht scheint, Licht, wie tief die Finsternis auch sein mag. In den göttlichen Dingen ist das nicht so. Die Finsternis ist so tief, dass das Licht der Offenbarung Gottes hineinscheint, aber die Finsternis das Licht nicht erfasst. Leuchtkäfer haben unter den Flügeln Phosphor, und da, wo diese Leuchtkäfer im finsteren Wald leuchten, ist keine Finsternis. Die physische Finsternis bedeutet Abwesenheit von Licht; aber die sittlich-moralische Finsternis ist die Anwesenheit von Bösem, und diese Finsternis ist so tief, dass das Licht nicht aufgenommen wird.

Gott lässt Sein Licht leuchten, und es wird nicht angenommen, weil die Menschen die Finsternis mehr geliebt haben als das Licht (Joh 3,19)! Das zeigt mit besonderem Nachdruck die Verantwortlichkeit des Menschen, während unser Vers 5 die Unmöglichkeit beschreibt, dass das Licht von der Finsternis erfasst wird. Licht und Finsternis sind unvereinbar (2. Kor 6,14). Sehr bewegend ist der Gedanke, dass der Herr Jesus, obwohl Er als das Licht nicht angenommen wurde und leiden und sterben musste, dann „als Erster durch Toten-Auferstehung Licht verkündigen sollte, sowohl dem Volk als auch den Nationen“ (Apg 26,23). Dieses Licht hat in unsere Herzen geleuchtet zum Lichtglanz der Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes (2. Kor 4,6). In diesem Sinn vergeht mit jeder Bekehrung eines Menschen die Finsternis (1. Joh 2,8).

[Zusammenfassung einer Bibelkonferenz]

Achim Zöfelt