Das Johannes-Evangelium (04) – Kapitel 1,14-18

Online seit dem 18.03.2017, Bibelstellen: Johannes 1,14-18

Das Wort wurde Fleisch (Joh 1,14–18)

„Und das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns (und wir haben seine Herrlichkeit angeschaut, eine Herrlichkeit als eines Eingeborenen vom Vater) voller Gnade und Wahrheit.“ (Joh 1,14)

Dieser Vers beginnt mit einem „Und“; Vers 1 konnte nicht so beginnen, Vers 4 konnte auch nicht so beginnen, denn dort waren wir in der Ewigkeit ohne Anfang. Jetzt aber haben wir einen Zeitpunkt, wo sich etwas verändert hat. In den ersten Versen dieses Kapitels haben wir gesehen, was der Herr Jesus war, und in diesem Vers finden wir jetzt, was Er wurde. Der Herr Jesus wurde nicht bei Seiner Menschwerdung das Wort; als das Wort war Er in Ewigkeit bei Gott. Aber jetzt wird dieses ewige Wort Fleisch, in einer Totalität Mensch nach Geist (Joh 13,21; 19,30), Seele (Mk 14,34) und Leib (Heb 10,5). Der Herr Jesus ist „in Gleichheit der Menschen geworden“ (Phil 2,7); Er war vollkommener Mensch mit menschlichen Empfindungen, der alles angenommen hat, was mit den Begrenzungen der Natur des Menschseins verbunden ist; Er hat eine menschliche Seele und einen menschlichen Geist, und doch hat Er auch als wirklicher Mensch nie aufgehört, Gott zu sein. Er wurde das, was Er nie gewesen war, ohne jemals aufzuhören, das zu sein, was Er von Ewigkeit her war – Sein Name sei gepriesen!

Hier wird das größte Wunder beschrieben, das es überhaupt gibt: Jesus Christus wurde Mensch! In Bezug auf den Herrn Jesus spricht der Ausdruck Fleisch nicht nur von Seinem Leib, sondern auch von Sündlosigkeit, Fleisch in seiner edelsten Form, eine total andere Bedeutung als in Vers 13. Eine Person, die ewig Gott war und ist, die dann Mensch geworden ist und vollkommen sündlos und makellos auf dieser Erde lebte. „Sünde ist nicht in ihm“ (1. Joh 3,5); „Er tat keine Sünde“(1. Pet 2,22); „Er kannte keine Sünde“ (2. Kor 5,21). Der Herr Jesus ist „das Heilige, das geboren worden ist“ (Lk 1,35), von Gott gezeugt und geboren von einer Frau.

Frage: Warum wird von dem Herrn Jesus hier nicht gesagt, dass Er Mensch wurde?

Antwort: Es gibt keinen Gegensatz zwischen Mensch und Fleisch, aber Fleisch beschreibt nicht nur die Person, sondern die Natur  der Sache, wie sie wirklich ist. Der Herr Jesus wurde der Natur nach Fleisch; damit wird uns die Natur Seines menschlichen Daseins vorgestellt. Es könnte sonst auch der Eindruck entstehen, dass Er als Mensch aufhörte, Gott zu sein.

Der Herr Jesus wurde jetzt also etwas, was Er vorher nicht war. Fleisch zu werden oder im Fleisch zu kommen, stand ausschließlich Ihm zu. Paulus beschreibt es so, dass Er offenbart wurde im Fleisch (1. Tim 3,16); Er hat an Fleisch und Blut teilgenommen (Heb 2,14). Niemand von uns kann von sich sagen, dass er im Fleisch gekommen sei, denn wir konnten gar nicht anders als im Fleisch kommen. Wir haben Eltern und Großeltern und weitere Vorfahren, die alle im Fleisch waren; aber in Bezug auf den Herrn Jesus ist das eine absolute Einzigartigkeit. Was bedeutete es für den Herrn Jesus, Fleisch zu werden? Er hat sich zu nichts gemacht, sich selbst entäußert (Phil 2,7). Ein alter Häuptling eines kleinen Dorfes im Osten Kameruns staunte vor vielen Jahren einmal darüber, dass ein Missionars-Ehepaar aus Nordamerika Tausende von Kilometern mit vielen Entbehrungen gereist war, um ihn und sein Dorf für einige Tage zu besuchen. Gottes Sohn ist von viel weiter her als einige Tausend Kilometer gekommen; Er ist viel länger geblieben als bloß einige Tage; Er hatte keinen Begleiter; Er kam aus der Herrlichkeit Gottes als Mensch in diese Welt; Er wohnte mehr als 33 Jahre unter uns, diente uns, nahm an allem teil, was wir Menschen dieser Zeit durchlebten; als der Sündlose sah Er so vieles, was Ihn tief schmerzte!

Für „wohnte unter uns“ kann auch übersetzt werden „zeltete unter uns“; im Englischen und Holländischen wird hier übersetzt „tabernacled“, was an die Stiftshütte im Alten Testament während der Wüstenreise erinnert. Dort stand im Allerheiligsten die Bundeslade aus Akazienholz überzogen mit reinem Gold, ein wunderbares Bild von dem Herrn Jesus, Gott und Mensch in einer Person. Das Holz ist dabei ein Bild von Seiner Menschheit und das reine Gold ein Bild Seiner Gottheit. Gott ließ zur Zeit Davids ihm durch den Propheten Nathan im Rückblick auf diese Zeit der Wüstenreise sagen: „Ich wanderte umher in einem Zelt und in einer Wohnung. Wo immer ich wanderte unter allen Kindern Israel …“ (2. Sam 7,6.7). Und so wie Gott damals bei Seinem irdischen Volk Israel in der Wüste wohnte, so lesen wir jetzt, dass das Wort unter uns wohnte. Von außen war die Stiftshütte nicht sehr anziehend, aber das Innere war voller Herrlichkeit. So lesen wir auch von dem Herrn Jesus, dass Er äußerlich nicht anziehend war für die Menschen (Jes 53,2), aber wenn wir an Seine innerlichen Wesenszüge denken, waren sie voller Herrlichkeiten. Außerdem lässt uns dieser Ausdruck „zeltete unter uns“ auch daran denken, dass Sein Aufenthalt auf dieser Erde zeitlich begrenzt war.

Der Herr Jesus ist nicht nur irgendwelchen Menschen zu gewissen Situationen erschienen, Er war nicht nur eine Erscheinung, sondern Er war wirklicher Mensch, der hier auf der Erde ohne Unterbrechung unter uns Menschenkindern gelebt hat. Auch diese Wahrheit wird angegriffen, als wäre der Herr Jesus nicht wirklich Mensch gewesen. Schon zur Zeit von Johannes waren Verführer aufgetreten, die „Jesus Christus im Fleisch kommend“ nicht bekannten (2. Joh 7; vgl. 1. Joh 4,3). Der Herr Jesus selbst bestätigt das aber von sich und bezeichnet sich selbst als „einen Menschen, der die Wahrheit zu euch geredet hat“ (Joh 8,40; vgl. auch 1. Tim 2,5).

Er wohnte also unter uns, den Menschen, aber dann folgt im Klammersatz ein anderes persönliches Fürwort, mit dem dann ein anderer Personenkreis gemeint sein muss. Mit dem „wir haben angeschaut“ sind dann die Gläubigen gemeint, in erster Linie hier die Apostel (1. Joh 1,1). Die Apostel konnten Seine Herrlichkeit anschauen (vgl. Petrus in Mt 16,16); man kann sich förmlich vorstellen, wie der alt gewordene Apostel Johannes beim Schreiben dieser Worte innehält – mehr als sechzig Jahre mögen vergangen sein seit dem Zeitpunkt, über den er hier schreibt –, und jetzt drängt es ihn, darüber zu schreiben, was ihm in all den Jahren immer wertvoller an der Person seines Herrn geworden war und wie Er jetzt vor seinem inneren Auge stand. Der ewige Gott war ihm so nahe gewesen, dass man Ihn sehen und hören, ja sogar anfassen konnte!

Seine unmittelbare Herrlichkeit war verborgen unter dem Mantel der Knechtsgestalt, und doch strahlte diese göttliche Herrlichkeit in vielen Einzelheiten durch dieses menschliche Kleid hindurch, und das Auge des Glaubens sah diese Strahlen göttlicher Herrlichkeit in diesem Mensch gewordenen Sohn. Gerade das Johannes-Evangelium zeigt, wie sich diese Herrlichkeit offenbart hat (Joh 2,11; 11,4). Gerade in Seinem Leben in Niedrigkeit als Mensch hier auf der Erde wurde sichtbar, was die wahre Herrlichkeit dieser wunderbaren Person ist. Das Anschauen dieser Herrlichkeit bedeutet ein interessiertes und bewunderndes Betrachten der Größe und Schönheit dieses Menschen, der in Seiner Beziehung zu dem Vater einzigartig ist. Das Schönste, was wir an dem Herrn Jesus entdecken können, ist das, was der Vater an Seinem Sohn wertschätzt und uns zeigen möchte.

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass gerade Johannes nicht von der Verherrlichung des Herrn auf dem heiligen Berg (2. Pet 1,16–18) spricht; dort empfing der Herr von Seinem Vater Ehre und Herrlichkeit als eine Vorausschau Seiner herrlichen Größe in Seiner Erscheinung im 1000-jährigen Reich. Hier ist aber eine andere Art von Herrlichkeit gemeint, nämlich dass in dem Menschen Jesus Christus etwas von Gott sichtbar wird, wie Er ist. Die Offenbarung Gottes vor den Menschen war nur möglich durch den eingeborenen Sohn. Das geht über das hinaus, was wir in den anderen Evangelien finden. In der Schöpfung hat Gott durch Seinen Sohn Seine Göttlichkeit erwiesen (Rö 1,20), in der Menschwerdung des Herrn Jesus hat Gott durch Seinen Sohn Seine Gottheit offenbart (Kol 1,19).

Der Herr Jesus ist auch der Erstgeborene; bei diesem Titel gibt es immer noch andere neben Ihm, von denen Er aber der Ranghöchste, der Größte ist (vgl. Kol 1,5; Off 1,5; Kol 1,18; Heb 1,6; Rö 8,29). Hier aber wird Er als der Eingeborene vorgestellt, und da steht Er einzig und allein vor uns in Seiner Beziehung zum Vater. Und diese Beziehung wurde sichtbar in dem Fleisch gewordenen Wort. Eingeborener betont Seine Einzigartigkeit (Joh 1,14.18; 3,16.18; 1. Joh 4,9). Interessant ist, dass auch in Bezug auf Isaak gesagt wird, dass Abraham den Eingeborenen darbrachte (Heb 11,17). Dieser Ausdruck hat also mit Geburt überhaupt nichts zu tun.

Und in dieser einen wunderbaren Person waren Gnade und Wahrheit in vollkommener Einheit gepaart. Gott offenbart sich in dem Mensch gewordenen Sohn auf eine neue Art: nicht als fordernder Gott, sondern voller Gnade und Wahrheit. Gnade ist die Tätigkeit göttlicher Liebe inmitten des Bösen, und Wahrheit ist, wie alle Dinge in Wirklichkeit vor Gott sind (W. Kelly). Gnade kommt immer zuerst; die Liebe Gottes hat uns ein Vollmaß an Gnade entgegengebracht – aber eben nicht auf Kosten der Wahrheit. Die Offenbarung der Gnade finden wir mehr in den Zeichen und Wundern, die der Herr getan hat, und die Offenbarung der Wahrheit mehr in Seinen Worten, die Er gesprochen hat („Ich bin …“).

Es ist hier die gleiche Reihenfolge wie in Vers 17: zuerst Gnade und dann Wahrheit. Gnade ist die Fähigkeit, die Wahrheit zu akzeptieren und sich sogar ihrer zu erfreuen. Die Wahrheit ist die Offenbarung der Gedanken Gottes, aber wir brauchen Gnade, um diese Wahrheit zu erfassen.

„(Johannes zeugt von ihm und rief und sprach: Dieser war es, von dem ich sagte: Der nach mir Kommende hat den Vorrang vor mir, denn er war vor mir.)“ (Joh 1,15)

Wieder folgt nach einer Beschreibung des ewigen Wortes ein Zeugnis von Johannes dem Täufer, wie schon in Vers 6 und 7. Dieses Zeugnis wird in der Gegenwartsform ausgesprochen, weil es auch heute noch Gültigkeit hat. Johannes der Täufer war ein guter und treuer Zeuge; er stellt sich nicht selbst in den Vordergrund, sondern er spricht von dem, von dem er erfüllt war. Ein Zeugnis betrifft etwas, was eine Tatsache ist, was anhand von Tatsachen bezeugt wird. Johannes hat nicht über Gedanken spekuliert, sondern er hat Tatsachen bezeugt. Und sein Zeugnis hat auch eine besondere Intensität, was durch das Rufen und Sprechen betont wird. Er hat mit besonderem Nachdruck und Eindringlichkeit seinen Gedanken Ausdruck verliehen.

Nachdem in Vers 14 beschrieben wurde, wie das ewige Wort Mensch geworden ist, wird jetzt sofort hinzugefügt, dass wir nie vergessen dürfen, dass der, der da als Mensch auf die Erde gekommen war, auch als Mensch den Vorrang hat. Johannes der Täufer ist wohl ein halbes Jahr vor dem Herrn Jesus geboren, der Herr Jesus ist also der zeitlich nach ihm Kommende, und doch hat Er den Vorrang vor ihm. Warum muss Er den Vorrang haben? Weil Er vor Johannes gewesen ist. Der Herr Jesus sagt später von sich: „Ehe Abraham wurde, bin ich“ (Joh 8,58). Er ist als Mensch auf diese Erde gekommen, aber das ist nicht Sein Anfang gewesen – Er war längst da, Er ist ewig. Deshalb tritt hier Johannes der Täufer zurück und lässt alles Licht auf die Herrlichkeit dieser einzigartigen Person fallen.

In Vers 30 wiederholt Johannes der Täufer dieses Zeugnis bei einer späteren Gelegenheit noch einmal, und sein Zeugnis bleibt genau das gleiche. Wenn wir etwas über den Herrn Jesus sagen, dürfen wir immer dasselbe sagen, es sollte immer das gleiche Zeugnis bleiben.

„Denn aus seine Fülle haben wir alle empfangen, und zwar Gnade um Gnade.“ (Joh 1,16)

In diesem Vers spricht jetzt Johannes der Evangelist. Und wenn er hier wir sagt, dann meint er in erster Linie wieder die Apostel, so wie schon in dem Klammersatz in Vers 14. Aber es ist nicht auf die Apostel beschränkt, was er hier sagt, es ist ohne Zweifel auch auf uns übertragbar.

Ein sehr kostbares Wort! Im griechischen Text steht hier Gnade anti Gnade; eine Gnade anstelle einer anderen Gnade haben wir empfangen. Anti meint an erster Stelle nicht gegen, sondern anstelle von. Der Antichrist ist nicht einer, der bloß gegen Christus ist, sondern an Seine Stelle tritt.

Eine Gnade des Herrn löst die andere ab. Wie sehr brauchen wir diese Gnade! Die Gnade, die wir heute brauchen, ist eine andere, als die wir morgen brauchen.  Wir empfangen immer gerade die Gnade, die wir brauchen, ob wir durch schwere Krankheiten gehen oder Übungen am Arbeitsplatz oder in der Familie oder im örtlichen Zeugnis – so wie wir sie nötig haben, empfangen wir aus Seiner Fülle eine Gnade anstelle einer anderen Gnade! So kennen wir unseren Heiland, dass Er uns jede nötige Gnade darreicht.

Es steht hier nicht, dass wir Barmherzigkeit um Barmherzigkeit empfangen haben. Das Maß der Barmherzigkeit Gottes richtet sich nach unserer ganzen Bedürftigkeit, aber die Gnade richtet sich nicht nach unserer Bedürftigkeit, sondern nach dem ganzen Reichtum des Herzens Gottes! Gnade ist ein Wesenszug Gottes, der durch Seine Liebe gespeist wird. Die Liebe Gottes will, ohne auf eine Antwort zu rechnen, Gnade erweisen. Im Epheser-Brief lesen wir von dem Reichtum der Gnade Gottes, nach der wir die Erlösung haben, die Vergebung der Vergehungen (Eph 1,7), und von der Herrlichkeit der Gnade Gottes, durch die wir zuvor zur Sohnschaft bestimmt sind durch Jesus Christus (Eph 1,6). Die Gnade ist das große Dennoch Gottes. Als die Gnade Gottes in der Person des Heilandes hier auf der Erde erschienen ist (Tit 2,11), da wusste Gott schon, was wir Menschen mit diesem Sohn Seiner Liebe auf Golgatha tun würden – und Er hat Ihn dennoch gesandt. Je mehr wir uns mit dieser Gnade Gottes beschäftigen, umso mehr werden wir feststellen, dass sie im wahrsten Sinn des Wortes unergründlich ist (Eph 3,19). Unsere Antwort darauf kann nur Anbetung sein für die Person, die die Gnade Gottes hier auf diese Erde gebracht hat und sie uns Menschen zugänglich gemacht hat!

All das überragt bei weitem, was ein Mensch erfassen kann!
Doch in Dankbarkeit und Frieden beten wir bewundernd an.
Ja, die große Liebe Christi alles Denken übersteigt!
Preis sei Dir, der voller Gnade uns Sein ganzes Herz gezeigt.

Es könnte auch nicht gesagt werden, dass wir Wahrheit um Wahrheit empfangen haben, denn Wahrheit ist einmalig und unveränderlich. Die Wahrheit ist ein komplettes Ganzes, sie ist einmal [ein für alle Mal] den Heiligen überliefert worden (Jud 3), sie entwickelt sich auch nicht weiter. Man kann nicht gewisse Teile als Wahrheit bezeichnen und sie dann von etwas anderem ablösen lassen. Die Wahrheit hat verschiedene Seiten, und es ist gut, wenn wir diese unterscheiden können, aber es ist eine komplette Wahrheit. Die Gnade dagegen ist mannigfaltig.

Was wir empfangen haben, haben wir aus Seiner Fülle empfangen. Wir dürfen aber nicht meinen, dass sich durch das, was wir empfangen, diese Fülle irgendwie reduzieren würde, dass sie abnimmt. Seine Fülle verändert sich nicht, sie bleibt immer gleich, sie bleibt immer ein nicht zu steigerndes Vollmaß (vgl. Phil 4,19)! Und diese unerschöpfliche göttliche Fülle ist in dem Fleisch gewordenen Wort, in einem Menschen verfügbar gemacht worden.

„Denn das Gesetz wurde durch Mose gegeben; die Gnade und die Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden.“ (Joh 1,17)

Das Gesetz fordert Gerechtigkeit, aber die Gnade schenkt Gerechtigkeit durch Jesus Christus (Rö 3,21–24). Eine sehr beeindruckende Gegenüberstellung von Gesetz und Gnade finden wir in Hebräer 12,18–24, wo zuerst die Gesetzgebung beschrieben wird und dann ab Vers 22 das Prinzip der Gnade. Das Alte Testament, die Haushaltung des Gesetzes, endet mit der Ankündigung von Gericht (Mal 3,24), das Neue Testament dagegen endet mit Gnade (Off 22,21). Das Gesetz war nicht in der Lage, den Menschen zu Gott zu bringen, aber dann ist durch die Gnade in Jesus Christus ein Weg zu Gott bereitet worden; das Gesetz war auch nicht in der Lage, Gott zu offenbaren, aber in Jesus Christus ist die ganze Wahrheit über Gott offenbart worden.

Das Gesetz ist nicht durch Mose geworden wie die Gnade und die Wahrheit durch Jesus Christus geworden ist, sondern es wurde durch ihn gegeben, er war also der Überbringer einer Mitteilung. Der Herr Jesus dagegen hat nicht etwas überbracht, sondern Er ist etwas geworden. Das irdische Volk hatte das Gesetz schon gebrochen, bevor Mose vom Berg wieder zu ihnen herabgestiegen war, die ersten Tafeln des Gesetzes mussten zerbrochen werden. Dann kam das Gesetz ein zweites Mal, und das war schon mit Gnade vermischt (2. Mo 34). War das besser für das Volk? Die Last des Gesetzes war dadurch sogar noch größer geworden, weil es in Gnade gegeben worden war.

Es ist auffallend, dass von der Gnade und der Wahrheit hier in der Einzahl gesprochen wird, wir würden meinen, es müsse in der Mehrzahl heißen: die Gnade und die Wahrheit sind durch Jesus Christus geworden. Bruder Darby hat dazu einmal gesagt, dass die Gnade und die Wahrheit eine Sache sind, in dem Herrn Jesus miteinander verknüpft. Gnade ist ein wunderbarer Strahl der Liebe Gottes, und Wahrheit ist Ausfluss der Tatsache, dass Gott Licht ist. Sie sind kein Widerspruch gegeneinander, sondern gehören zwingend zusammen. Bevor der Herr Jesus auf der Erde war, gab es diese Darstellung von Gnade und Wahrheit nicht. Am Kreuz von Golgatha sind diese beiden großen Wesenszüge Gottes zusammengetroffen, ohne dass eines auf Kosten des anderen zurückgestanden hätte (Ps 85,11).

Zum ersten Mal in diesem Evangelium kommt jetzt der Name dieser wunderbaren Person vor uns. Bis hierhin wurde Er in Seinen verschiedenen Wesenseigenschaften beschrieben, aber jetzt hören wir Seinen Namen: Jesus Christus. Jesus ist Sein Name als Mensch in Niedrigkeit und Demut und Gehorsam. Zugleich ist Er auch Christus, der Verherrlichte zur Rechten Gottes.

„Niemand hat Gott jemals gesehen, der eingeborene Sohn, der im Schoß des Vaters ist, der hat ihn kundgemacht.“ (Joh 1,18)

Gott in Seiner Absolutheit kann niemals von Menschen gesehen werden (1. Tim 6,16; Kol 1,15) und ist auch noch nie von Menschen gesehen worden. Im Alten Testament hat Er sich verborgen, hat sich von Fall zu Fall in der Person eines Engels offenbart (z.B. Ri 13,22). Im Neuen Testament hat Er sich durch den eingeborenen Sohn, den einzigen seiner Art, offenbart (2. Kor 4,5; Heb 1,3). Und das ist es, was das Christentum kennzeichnet. 1. Johannes 4,12 sagt auch mit genau den gleichen Worten, dass niemand Gott jemals gesehen hat, aber dort hat dieser Satz eine völlig andere Fortsetzung: Wenn jetzt die Kinder Gottes einander lieben, dann kann Gott auch gesehen werden. Wenn wir heute Sein Leben, Seine Liebe offenbaren, können wir auch heute Gott sichtbar machen.

Der Sohn hat den Schoß des Vaters nie verlassen, Er ist in dem Schoß des Vaters, zeitlos, ewig. Das ist ein Platz tiefster Vertrautheit innerhalb der Gottheit, den der Herr Jesus nie aufgeben wird. Es ist kein geografischer Begriff, sondern ein Zustand, der Beziehung ausdrückt. Johannes 16,32 zeigt dabei praktisch die Gegenseite; nicht nur, dass der Herr Jesus diese Beziehung ständig genoss, sondern auch der Vater war ständig bei Ihm. Als der eingeborene Sohn genoss Er von aller Ewigkeit her die besondere Beziehung der ununterbrochenen Liebe des Vaters zu dem Sohn (Joh 3,35; 5,20) und die Liebe des Sohnes zu dem Vater (Joh 14,31). Bruder Darby ist einmal gefragt worden, was das Haus des Vaters kennzeichnet. Er hat darauf geantwortet, dass der Vater dort ist. Wenn wir heimkommen in das Haus Seines Vaters, werden wir den Vater sehen – im Sohn!

Der Herr Jesus hat den Schoß des Vaters auch nicht während seines Mensch-Seins aufgegeben. Er war deshalb der einzige, der vollkommen kompetent war, den Vater kundzumachen (Joh 6,46). Kundmachen bedeutet auslegen; der Herr Jesus ist die Auslegung des Vaters. Wenn wir den Vater sehen wollen, müssen wir unseren Heiland anschauen (Joh 14,8.9)! Alles, was uns an dem Herrn Jesus kostbar ist, genau so ist der Vater. Er hat die Liebe des Vaters kundgemacht, den Geist des Vaters, das Haus des Vaters (Joh 14,2), die Anbetung des Vaters (Joh 4,23), das Wirken des Vaters (Joh 5,17). Alles, was der Herr Jesus über den Vater gesagt hat, ist eine Auslegung des Vaters. Das war übrigens ein Beweggrund Seines Kommens auf diese Erde, dass wir Gott, den Wahrhaftigen, erkennen sollten (1. Joh 5,20). Der Herr Jesus war hier und hat den Himmel auf die Erde gebracht, hat Gott zu uns Menschen gebracht.

Wir können über die Offenbarung Gottes nicht nachdenken, ohne uns an das Kreuz zu erinnern. Gerade am Kreuz von Golgatha hat der Herr Jesus in unübertroffener Weise offenbart, wer Gott ist in Seinem Wesen, in Seiner Natur.

Achim Zöfelt