Das Johannes-Evangelium (09) - Kapitel 2,23-3,36

Online seit dem 12.06.2018, Bibelstellen: Johannes 2,23-3,36

Aufzeichnungen aus der Betrachtung über

Johannes 2,23 – 3,36

Dillenburg 2017


Überblick über Johannes 1 und 2

Im Johannes-Evangelium wird der Herr Jesus viel deutlicher als in den anderen drei Evangelien von Anfang an als der von Seinem irdischen Volk und von der ganzen Welt Verworfene vorgestellt (Joh 1,10+11). Dass der Herr Jesus als Messias für Sein Volk kommen würde, und dass die Juden Buße tun sollten, um in das Reich einzugehen (vgl. Joh 1,23), steht in diesem Evangelium nicht im Vordergrund. Hier wird von Anfang an das Werk des Herrn Jesus als Werk für alle Menschen vorgestellt (Joh 1,29). Das ist ein ganz herausragendes Merkmal des Johannes-Evangeliums. Sofort wird die globale Auswirkung des Werkes des Herrn vorgestellt, nicht auf Israel beschränkt, sondern für die ganze Welt. Das 1000-jährige Reich ist zwar auch Thema bei Johannes, aber es steht nicht so im Vordergrund, weil der Herr Jesus von Anfang an als verworfen betrachtet wird.

In den ersten beiden Kapiteln des Johannes-Evangeliums werden von dem Apostel Johannes drei Tage einge-führt, die ganz offensichtlich prophetischen Charakter haben. Es ist in diesen Kapiteln noch von weiteren Tagen die Rede (vgl. Joh 1,29), die aber rein historischen und nicht prophetischen Charakter haben. Die Darstellung von Haushaltungen ist eigentlich überhaupt nicht Thema bei Johannes, aber man findet es in diesem Evangelium in der gleichen Weise noch einmal in den beiden letzten Kapiteln im Zusammenhang mit den Erscheinungen des Herrn nach Seiner Auferstehung. Wenn wir dort rein rechnerisch vorgehen, kommen wir in Joh 21,14 auch auf mehr als drei Erscheinungen des auferstandenen Herrn. Aber dort ist es genau die gleiche Zählweise wie bei den Tagen in Johannes 1 und 2; es werden nur die Erscheinungen gezählt, die prophetischen Charakter haben:
• in Joh 20,19–23 haben wir die erste Erscheinung, wo der Herr mit dem zweifachen Gruß „Friede euch“ in die Mitte der Jünger trat; diese Szene stellt unsere heutige Zeitepoche der Gnade dar mit der Gegenwart des Herrn in unserer Mitte,
• in Joh 20,24–29 haben wir die zweite Erscheinung in der Szene mit Thomas den überführten Überrest Is-raels vorgebildet, der den Herrn als seinen Herrn und seinen Gott anerkennt,
• in Joh 21,1–14 in dem großen Fischzug haben wir dann die dritte Erscheinung des Herrn, die den Segen des 1000-jährigen Reiches vorbildet.

In genau der gleichen Reihenfolge entsprechen diese drei Erscheinungen den drei Tagen in Johannes 1 und 2.
• zurückgehend von dem dritten Tag in Joh 2,1 haben wir also in Joh 1,35–42 den ersten Tag, wo zwei der Jünger von Johannes dem Täufer zu dem Herrn Jesus kommen und sich um Ihn versammeln. Das ist of-fenkundig die Epoche, in der wir heute leben, der Tag der Gnade, wo der Herr Jesus die Heiligen um sich versammelt.
• in Joh 1,43–51 haben wir dann den zweiten Tag, an dem zunächst Philippus und dann Nathanael gezeigt werden, die ganz deutlich für die Wiederherstellung des Überrestes aus Israel in späteren Tagen stehen. Nathanael anerkennt den Herrn als Sohn Gottes und als König Israels. Diese Epoche ist von unserem heutigen Standpunkt aus noch zukünftig.
• der dritte Tag in Joh 2,1–11 zeigt dann den Tag der Wiederherstellung aller Dinge; es ist der Tag, der durch Freude auf der ganzen Erde gekennzeichnet sein wird – der Herr Jesus offenbart Seine Herrlich-keit (Joh 2,11). Diese drei Tage sind also ein prophetischer Überblick über ganz wichtige Epochen in den Wegen Gottes.

Im Anschluss an die Hochzeit in Kana war der Herr Jesus dann einige wenige Tage mit Seiner irdischen Mutter, Seinen Brüdern und Seinen Jüngern in Kapernaum gewesen (Joh 2,12). Joseph wird hier schon nicht mehr er-wähnt, zeitlich gesehen finden wir den letzten Hinweis auf ihn in Lk 2,41–52, wo die Eltern des Herrn Jesus am Passahfest nach Jerusalem hinaufgingen. Man kann deshalb annehmen, dass Joseph hier in Johannes 2 schon ge-storben war.

Nach diesen wenigen Tagen in Kapernaum war der Herr Jesus zu dem Passah der Juden nach Jerusalem hinaufge-gangen (Joh 2,13 ff.). Die bei dieser Begebenheit stattfindende Tempelreinigung durch den Herrn Jesus ist nicht identisch mit der Tempelreinigung, die in den drei übrigen Evangelien berichtet wird (Mt 21,12–17; Mk 11,15–19; Lk 19,45+46). Diese zweite Tempelreinigung fand ganz offensichtlich zu einer ganz anderen Zeit statt. Hier in Johannes 2 ist es das erste Passah, das der Herr Jesus vor Beginn Seines öffentlichen Dienstes erlebt; die Tempel-reinigung, die in den übrigen drei Evangelien berichtet wird, findet eindeutig während des letzten Passahs kurz vor dem Tod des Herrn Jesus statt.

Der Herr Jesus hatte zu jener Zeit noch den Tempel als das Haus Seines Vaters anerkannt und trieb alle Elemente, die den Tempel verunreinigten, hinaus. Den Juden war dieses Vorgehen außergewöhnlich und sie verlangten ein Zeichen von Ihm, was Er auch zu geben bereit war. Seine Antwort wurde von den Juden so verstanden, als hätte Er von dem herodianischen Tempel gesprochen, der abgebrochen und nach drei Tagen wieder aufgerichtet wer-den würde. Er sprach aber von dem Tempel Seines Leibes – die Fülle der Gottheit wohnte und wohnt in dem Herrn Jesus (Kol 1,19; 2,9). Er wusste, dass der Tod, den Er von den Menschen erleiden würde, Sein Teil sein würde, aber dass Er selbst diesen Tempel Seines Leibes durch die Auferstehung wieder aufrichten würde.

Der Herr Jesus gab ihnen auf ihren Wunsch hin also das gewaltige Zeichen Seiner Auferstehung. Immer wieder in diesem Evangelium finden wir diese Tatsache, dass der Herr Jesus von Anfang an bereit war, Sein Leben zu ge-ben. In gewissem Sinn waren es die Juden gewesen, die den Tempel Seines Leibes abgebrochen hatten, denn unter dem Gesichtspunkt ihrer Verantwortlichkeit hatten sie Ihn umgebracht. Auf der anderen Seite aber war Er es selbst, der Sein Leben freiwillig gab – und Er war es auch, der es wiedernahm.

Was die Auferstehung des Herrn betrifft, ist es auch wahr, dass der Vater Ihn auferweckt hat (z.B. Eph 1,20; Röm 6,4); aber hier spricht der Herr Jesus von dem, was Er tun würde. Er selbst ist es, der in Seiner Auferstehung Sein Leben wiedernimmt (vgl. Joh 10,17+18). Diese Antwort auf die Forderung nach einem Zeichen wurde selbst von Seinen Jüngern erst dann verstanden, als der Herr auferstanden und in den Himmel zurückgekehrt war und ihnen den Heiligen Geist gesandt hatte.

Einleitung zu Johannes 3

In den Versen 23–25 von Johannes 2 haben wir dann eine gewisse Hinführung auf das dritte Kapitel, denn die Verse gehören inhaltlich schon zu Johannes 3. Der Geist Gottes zeigt uns in Kapitel 3, dass der Mensch von Na-tur niemals, selbst unter den besten Voraussetzungen, in der Lage ist, ein Leben in Übereinstimmung mit Gott zu führen, oder wie der Herr es dem Nikodemus sagt, in das Reich Gottes einzugehen. Es wird uns gezeigt, was die Natur des Menschen ist, selbst in ihrem edelsten Fall, und welche Veränderung nötig ist, um dieses Ziel doch zu erreichen, nämlich die Neugeburt. Und dann finden wir in diesem Kapitel auch die grundlegende Voraussetzung dafür, das ewige Leben zu erlangen, eine weit höhere Tatsache als die Neugeburt: den Tod und die Auferstehung des Herrn Jesus.

Von Kapitel 3 bis 7, in denen ja der Schwerpunkt auf dem Thema Leben liegt (Kapitel 8 bis 12 Thema Licht; Ka-pitel 13 bis 17 Thema Liebe), haben wir eine gewisse fortschreitende Linie. In Kap 3 sehen wir, dass für jeden Menschen, egal zu welcher Haushaltung er gehört, die neue Geburt notwendig ist, um in das Reich Gottes einzu-gehen. Ohne neue Geburt gibt es keine Beziehung zu Gott. In Joh 3,16 finden wir dann das ewige Leben, und das ist eine zweite Gabe Gottes, mit der aber nur die Gläubigen der Gnadenzeit gesegnet sind. Es ist ein Leben von ganz neuer Qualität, Leben in Überfluss (Joh 10,10), das Leben, das in dem Sohn ist. Und dieses ewige Leben be-darf einer Kraft, um tätig zu werden, und das finden wir in den Worten des Herrn Jesus in Joh 4,10: es ist die Per-son des Heiligen Geistes, das lebendige Wasser (vgl. Joh 7,38+39). Wir Gläubigen der Gnadenzeit genießen die-ses besondere Vorrecht, dass wir den Heiligen Geist besitzen, dass wir diese göttliche Person in uns wohnen ha-ben, die die Kraftquelle zur Entfaltung des ewigen Lebens ist. Der Heilige Geist ist es, der uns befähigt, in Geist und Wahrheit anzubeten (Joh 4,23+24), und der uns auch zum Segen für andere benutzen will (Joh 7,38). Diese beiden Auswirkungen sowohl in vertikaler Richtung in Anbetung zu Gott als auch in horizontaler Richtung zu den Menschen finden wir auch in der heiligen und der königlichen Priesterschaft in 1.Petr 2,5+9 vorgestellt.

„Als er aber in Jerusalem war, am Passah, auf dem Fest, glaubten viele an seinen Na-men, als sie seine Zeichen sahen, die er tat.“ (Vers 23)

Wir finden den Herrn Jesus hier noch in Jerusalem, also in Judäa, wohin Er von Kapernaum in Galiläa aus wegen des Passahs gegangen war (Joh 2,12+13). Diese Begebenheiten finden wir nicht in den übrigen Evangelien, in de-nen die Beschreibung Seines öffentlichen Dienstes in Galiläa beginnt. Offensichtlich hatte der Herr Jesus vor Beginn Seines eigentlichen öffentlichen Dienstes verschiedene wunderbare Dinge zum Wohl der Menschen ge-tan. Und diese Zeichen nahmen die Juden zum Anlass, an Ihn zu glauben.

Dieser Glaube war aber nicht der gleiche Glaube wie bei den Jüngern in Joh 2,22, die Ihn in ihr Herz aufgenom-men hatten (Joh 1,12). Hier der Glaube bei den Juden war ein Für-Wahr-Halten dessen, was sie sahen, mehr nicht. Es war ein rein intellektueller Glaube. Beispiele für diese Art Glauben finden wir immer wieder im Wort Gottes, z.B. bei den Pharisäern in Joh 8,30+31 oder bei Simon dem Zauberer in Apg 8,13; es ist ein rein verstandesmäßi-ger Glaube, weil gewisse Dinge unumstößlich bewiesen sind, aber dieser Glaube ist total vergeblich (1.Kor 15,2), er hat keine Grundlage.

Diese Juden waren durch die Zeichen des Herrn Jesus, durch das, was äußerlich wahrzunehmen war, so in den Bann gezogen worden, dass sie glaubten. Aber ihr Gewissen war nicht erreicht worden. Ihre Empfindungen, ihr Verstand wurden erreicht, aber Herz und Gewissen nicht. Und gerade das ist der entscheidende Punkt. Heute in der Christenheit ist das noch genauso. Aufsehenerregende und äußerlich beeindruckende Wirkungen, wie z.B. in der charismatischen Bewegung, sprechen nur das religiöse Fleisch an und nie das Gewissen. Das Gewissen wird nur durch die klare Darstellung des Ernstes der Sünde und der Strafe Gottes darüber sowie des göttlichen Heil-mittels in der Person des Herrn Jesus angesprochen. Das muss auch heute in der Verkündigung des Evangeliums immer das Wichtigste sein! Wenn die Botschaft nicht einen Kern enthält, der das Gewissen erreicht, wird es wird keine wahren Bekehrungen geben.

Man sieht auch im weiteren Verlauf des öffentlichen Dienstes des Herrn im Johannes-Evangelium, dass der Zu-stand des Volkes der Juden immer ernster wird; die Juden, die in Joh 8,30 noch mit intellektuellem Glauben an den Herrn Jesus geglaubt haben, wollen Ihn am Ende der Unterredung des Herrn mit ihnen steinigen (Joh 8,59). Und in Joh 12,37, wo wir zeitlich gesehen am Ende des öffentlichen Dienstes des Herrn stehen, finden wir dann, dass, obwohl der Herr Jesus viele Zeichen vor ihnen getan hatte, sie noch nicht einmal mehr in diesem Sinn an Ihn glaubten. Sie hatten keine Anerkennung mehr für das, was Er unter ihnen wirkte.

„Jesus selbst aber vertraute sich ihnen nicht an, weil er alle kannte und nicht nötig hatte, dass jemand Zeugnis gebe von dem Menschen; denn er selbst wusste, was in dem Menschen war.“ (Vers 24+25)

Solchen Menschen kann sich der Herr nicht anvertrauen; Er schaut in ihr Herz und erkennt, dass ihr Gewissen nicht in das Licht Gottes gekommen ist. Mit solchen ist keine Gemeinschaft möglich, und Er bleibt auf Distanz.

Wenn jemand zum Glauben kommt, wird er ein Vertrauter des Herrn Jesus bzw. des HERRN (vgl. Hiob 29,4; Spr 3,32). In Seiner Gnade will Er uns zu Seinen Vertrauten machen. Er nennt uns Seine Freunde im Gegensatz zu den Knechten, die nicht wissen, was ihr Herr tut (Joh 15,15), weil Er alles, was Er von Seinem Vater gehört hat, uns kundgetan hat.

Der Herr Jesus wusste, was in dem Menschen war, das macht deutlich, dass Er der Sohn Gottes ist. Die Jünger in Apg 1,24 kannten diese Herrlichkeit des Herrn Jesus, dass Er der Herzenskenner aller ist.

„Es war aber ein Mensch von den Pharisäern, sein Name Nikodemus, ein Oberster der Juden.“ (Joh 3,1)

Jetzt lenkt der Heilige Geist den Scheinwerfer auf Nikodemus, der sich insofern von den übrigen Juden unter-schied, dass sein Gewissen erreicht worden war und er deshalb zu dem Herrn Jesus kam. Er glich ihnen in gewis-ser Hinsicht, aber er unterschied sich auch von ihnen, deshalb wird er mit diesem aber eingeführt. Ursprünglich gehörte er wohl zu der Schar der Juden aus Joh 2,23, aber in ihm hatte doch schon ein Werk Gottes begonnen. Er war auch ein solcher Jude, der darauf wartete, dass der Messias sich jetzt endlich offenbaren und das Reich auf-richten würde, aber er unterschied sich insofern von den übrigen Juden, als es bei ihm etwas weiter ging, dass sein Gewissen erreicht worden war und er deshalb zum Herrn Jesus kam. Er fühlte in sich Verlangen, zu dieser Person zu kommen. Und der Herr Jesus knüpft dann an das an, was durch den Geist Gottes in Nikodemus‘ Seele schon gewirkt worden war.

Und das Bemerkenswerte daran ist, dass er selbst das gar nicht realisiert hatte. Er wusste das für sich selbst gar nicht, dass in seiner Seele ein Werk Gottes im Entstehen war. Dieses geheimnisvolle Wirken Gottes in einer Seele ist einfach bewundernswert! Wir sehen darin die Wahrheit der Worte des Herrn in Joh 6,44: „Niemand kann zu mir kommen, wenn nicht der Vater, der mich gesandt hat, ihn zieht“.

Wir haben hier einen Obersten der Juden, einen Führer des Volkes Gottes, das nur die eine Hoffnung kannte, dass der Messias kommen würde, um das Reich Gottes aufzurichten. Das war der Gegenstand der Weissagungen des Alten Testamentes. Allerdings ging die Erwartung der Juden lediglich dahin, dass der Messias als der König des Reiches sie von dem Joch des römischen Herrschers befreien, die Römer aus dem Land vertreiben und ihnen ein angenehmes Leben auf der Erde ermöglichen würde. Das war die Hoffnung der Juden. Nur vor dem Hintergrund ist zu verstehen, dass sowohl Johannes der Täufer als auch der Herr Jesus immer von Buße sprechen. Die Juden hatten aber bis auf einen ganz kleinen gläubigen Überrest überhaupt nicht bedacht, dass mit ihren ungereinigten Herzen Gemeinschaft mit einem König, der vom Himmel kam, der der Sohn Gottes selbst sein würde, unmöglich ist. Sie waren wohl äußerlich das Volk Gottes, aber innerlich waren sie weit von Gott entfernt.

„Dieser kam zu ihm bei Nacht und sprach zu ihm: Rabbi, wir wissen, dass du ein Leh-rer bist, von Gott gekommen, denn niemand kann diese Zeichen tun, die du tust, wenn Gott nicht mit ihm ist“ (Vers 2)

Sein Kommen zu dem Herrn Jesus im Schutz der Dunkelheit zeugt allerdings davon, dass es mit einer gewissen Furcht, vielleicht vor der Kritik seiner Kollegen, verbunden war. Wahrscheinlich gehörte er zu der großen Zahl der Obersten des Volkes, die an den Herrn Jesus glaubten, Ihn aber wegen der Pharisäer nicht bekannten, um nicht aus der Synagoge ausgeschlossen zu werden (Joh 12,42). Einmal war er ein wenig zögerlich für den Herrn Jesus eingetreten, und sofort musste er sich Vorwürfe von den Pharisäern deswegen anhören (Joh 7,50–52). Spä-ter allerdings leuchtet das Licht seines Zeugnisses doch heller, wenn er sich gemeinsam mit Joseph von Arimathia vor den Augen der ganzen Welt mit dem gestorbenen Christus eins macht (Joh 19,38–42).

Wir sehen daraus, dass Nikodemus die Belehrungen des Herrn Jesus in diesem Kapitel angenommen hatte und dadurch verändert wurde, so dass er sich schließlich öffentlich auf Seine Seite stellte. Es ist bewegend, dass in dieser Szene mit dem gestorbenen Heiland noch einmal auf seine erste Begegnung mit dem Herrn Bezug genom-men wird, wo er zuerst bei Nacht zu Ihm gekommen war. Am Ende der Laufbahn des Herrn Jesus auf dieser Erde, als es darum ging, Seinen gestorbenen Leib in ein Grab zu legen, schildert der Heilige Geist das geistliche Wachs-tum im Leben von Nikodemus. Es gibt ein Vorwärtskommen, Nikodemus war nicht stehengeblieben in seiner Entwicklung. Er hatte die Belehrungen des Herrn angenommen und war zur Stelle, als es darauf ankam. So ist es auch für uns wichtig, dass wir vorwärtskommen und nicht bei dem stehenbleiben, was wir vielleicht bis jetzt an Unvollkommenheiten gezeigt haben.

Dass er bei Nacht zu dem Herrn Jesus kam und nicht etwa wegen der unangemessenen Uhrzeit abgewiesen wurde, zeigt aber auch die Zugänglichkeit des Herrn für alle Bedürfnisse und Fragen. Nie wurde ein Mensch, der in auf-richtigem Suchen und Fragen zu Ihm kam, zurückgewiesen. Das ist auch eine Ermutigung für uns, wenn wir in schlaflosen Nächten unsere Sorgen und Fragen vor Ihn bringen – Er hört uns!

Nacht deutet andererseits auch den moralischen Zustand dieses Volkes an: sie waren vor Gott mitsamt ihrer Füh-rerschaft in einem geistlich toten Zustand. Und Nikodemus stellt sich mit seinen Worten auf den Boden derer, die nur diesen äußerlichen Glauben hatten, denn mit seinem wir wissen verbindet er sich mit den Übrigen der Führer-schaft des Volkes, die nur eine intellektuelle Überzeugung gewonnen hatten. Er versteckt sich damit auch ein wenig hinter den übrigen Pharisäern, im Geiste reiht er diese hinter sich, obwohl er allein zu dem Herrn Jesus ge-kommen war

Wenn Nikodemus den Herrn Jesus hier als Rabbi und Lehrer anspricht, deutet das darauf hin, dass er sich nicht nur mit den Zeichen, die der Herr bis dahin gewirkt hatte, beschäftigt hatte, sondern auch mit Seinen Worten und auch davon beeindruckt worden war. Er sieht sich auch nicht selbst als Lehrer, sondern sagt praktisch, dass er ein Schüler sei und durch den Herrn Jesus hinzulernen möchte. Und dann sagt er von Ihm, dass Gott mit Ihm sei. Si-cher wollte er eine gewisse Höflichkeit und Anerkennung über den Herrn Jesus ausdrücken, aber der Herr Jesus ist viel mehr und weit Höheres als ein Rabbi! Er ist der Sohn Gottes; Gott ist nicht nur mit Ihm, Er selbst ist Gott! Das muss Nikodemus in den folgenden Belehrungen durch den Herrn Jesus lernen. Aber neben diesen wichtigen Belehrungen fehlte ihm noch etwas ganz Entscheidendes: es fehlte ihm die Geburt von oben.

„Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht von neuem geboren wird, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.“ (Vers 3)

Mit keinem Wort reagiert der Herr Jesus auf die anerkennenden Worte von Nikodemus. Scheinbar völlig ohne Zusammenhang kommt Er direkt auf die Notwendigkeit der neuen Geburt zu sprechen. Was hat Seine Erwiderung mit der Bemerkung von Nikodemus zu tun? Die Belehrungen des Herrn Jesus richten sich niemals an den natürli-chen Menschen mit seinen Fragen und Überlegungen. Er erkannte, dass aus Nikodemus die jüdische Erwartung sprach, dass Er als der Messias für Israel gekommen sei, um ihnen das Reich aufzurichten. Und jetzt sagt Er ihm, dass das Zentrum dieses Reiches direkt vor ihm stand (Lk 17,21; Mt 12,28), und dass Nikodemus Ihn nicht er-kannte.

das Reich Gottes

Was bedeutet eigentlich Reich Gottes? Das Reich Gottes ist der Bereich, wo Gott das Sagen hat, wo alles ausschließlich nach Seinen Gedanken geht. Wir können dabei das Reich Gottes in Beziehung zu verschiedenen Bereichen unterscheiden:
• als der Herr Jesus hier auf der Erde war, stand das Reich Gottes in Beziehung zu der Person des Herrn Jesus (Lk 17,21). Indem Er hier auf der Erde unter den Menschen war, war das Reich Gottes gegenwärtig, bestand das Reich Gottes sittlich gesehen in der Person des Herrn Jesus auf der Erde.
• das Reich Gottes wird auch als ein Bereich gezeigt, der hier auf der Erde unter Seiner Führung errichtet werden sollte und der jüdische Wurzeln hat; es ist das Reich Gottes, von dem Herr Jesus hier zu Nikodemus spricht, das Reich hier auf der Erde; wenn die Juden den Herrn Jesus angenommen hätten, hätte das Reich damals beginnen können
• dann haben wir das Reich Gottes auch in Auferstehung (Apg 1,3), in seiner Beziehung zum Christentum, im christlichen Charakter; in dieser Form hat es Paulus in Milet vor den Ältesten von Ephesus verkündigt (Apg 20,25); in dieser Hinsicht hat es heute eine innere oder moralische Ausprägung, die auch von uns Gläubigen verwirklicht werden soll (vgl. Röm 14,17)
• dann zeigt uns das Wort Gottes noch das Reich Gottes in Herrlichkeit, wie es einmal in Zukunft bestehen wird (z.B. 2.Thess 1,5), wenn der Herr Jesus im 1000-jährigen Reich als König der Gerechtigkeit und des Friedens herrschen und alle Völker an Seinem Se-gen teilhaben lassen wird

Der Herr Jesus kommt hier sofort auf eine unabdingbare Voraussetzung zu sprechen, die für jeden Menschen in jedem Heilszeitalter gilt, der dieses Reich sehen oder in dieses Reich eintreten möchte: es ist die neue Geburt o-der Geburt von oben her. In Vers 5 erläutert Er dann die beiden Elemente, die bei der neuen Geburt zusammen-wirken. Nikodemus hatte natürlich auch noch mehr nötig, er war ein Sünder und brauchte die Vergebung seiner Sünden. Aber hier wird uns zuerst in der neuen Geburt die Seite Gottes gezeigt; erst später in Vers 16 kommt die Seite des Menschen hinzu, der glauben muss. Wir müssen beide Seiten unterscheiden können und dürfen sie nicht miteinander vermischen. Diese Belehrungen des Herrn werden mit einem dreimaligen „Wahrlich, wahrlich“ verbunden (Vers 3+5+11), was die fundamentale Bedeutung der folgenden Aussagen betont.

von neuem geboren

Für jeden Menschen zu allen Zeiten ist die neue Geburt notwendig, um in das Reich Gottes einzugehen, jeder Mensch braucht eine neue Natur, braucht Leben von oben, da er geistlich tot ist. Jeder natürliche Mensch ist in einem Zustand, mit dem Gott überhaupt nichts anfangen kann; dieser Zustand kann nicht weiterentwickelt oder irgendwie veredelt werden. Man kann nicht mit Gott in Verbindung kommen, ohne dass ein völlig neues Leben da ist, das mit dem Wesen Gottes in Übereinstimmung ist. Dieser Grundsatz gilt nicht nur für das Reich Gottes in seiner Entfaltung, wenn der Herr Jesus erscheinen wird, er gilt alle Zeiten, auch für die Zeit des Reiches Gottes in seiner verborgenen geheimnisvollen Form der jetzigen Zeit: ohne neue Geburt gibt es keine Beziehung zu Gott. Wenn die alttestamentlichen Gläubigen nicht eine neue Geburt erlebt hätten, dann hätten sie auch keine Zukunft bei Gott gehabt. Ohne Neuge-burt ist man nicht passend für Seine Gegenwart, für Sein Reich, unter welchem Gesichtspunkt es auch immer gerade besteht.

Die Anmerkung gibt zu diesem Ausdruck auch die Möglichkeit der Übersetzung von oben her geboren zu sein. Lukas gebraucht den gleichen griechischen Ausdruck, wenn er schreibt, dass er allem von Anfang an genau gefolgt ist (Lk 1,3). Aber der Hauptgedanke in den Worten des Herrn hier in Joh 3,3+7 ist, dass es einer neuen Geburt bedarf; jeder Mensch muss auf ei-ne neue Weise geboren werden, etwas gänzlich Neues ist notwendig, ein neuer Anfang muss gemacht werden.

Welch ein Segen, diese neue Geburt erlebt zu haben! Auch wir Gläubigen der Gnadenzeit sind von neuem geboren, aber wir haben noch weit mehr, wir besitzen das neue göttliche Le-ben in Christus, wir sind mit dem auferstandenen Christus lebendig gemacht worden (Eph 2,5; Kol 3,3). Die neue Geburt haben auch die Gläubigen des Alten Testaments und die des zukünftigen 1000-jährigen Reiches, aber das Leben in Christus hatten sie nicht und werden es auch im 1000-jährigen Reich nicht besitzen. Die alttestamentlichen Gläubigen hatten Le-ben, aber sie hatten nicht das Leben im Überfluss, das Auferstehungsleben, die volle Entfal-tung des Lebens. Auch die Jünger besaßen es nicht eher, bevor nicht der Herr Jesus als der Auferstandene es in sie gehaucht hatte (Joh 20,22).

Es gab Menschen auf dieser Erde und es wird auch noch einmal solche Menschen geben, die durch Buße und Glauben neues Leben bekommen. Aber wenn es um das ewige Leben geht, dann bekommt man das nur, wenn man an den Herrn Jesus glaubt, der am Kreuz von Golga-tha gestorben ist (Joh 6,54) – und das beschränkt sich auf die christliche Haushaltung. Wir kommen ab Vers 14 auf diesen erhabenen Gegenstand des ewigen Lebens ausführlicher zu sprechen.

„Nikodemus spricht zu ihm: Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er etwa zum zweiten Mal in den Leib seiner Mutter eingehen und geboren werden?“ (Vers 4)

Nikodemus stellt in diesem Vers zwei Fragen, mit denen er nach seinem Verständnis seiner Überzeugung Aus-druck gibt, dass ein lebender Mensch unmöglich noch einmal geboren werden könnte.

Selbst wenn es möglich wäre, dass ein Mensch zum zweiten Mal oder sogar noch hunderte weitere Male von sei-ner Mutter geboren würde, würde sich nichts daran ändern, dass seine Natur immer genauso verdorben wie die ihrer Vor-Formen bliebe. Selbst wenn das Unmögliche durch ein Wunder möglich würde, wäre das Ergebnis im-mer noch dasselbe: Fleisch! Nicht ein einziger Reiner kann aus einem Unreinen kommen (Hiob 14,4)! Es muss ein Werk außerhalb des Menschen geschehen, von oben her, von Gott. Der Herr Jesus ist nicht gekommen, um schlechte Menschen gut zu machen, sondern um tote Menschen lebendig zu machen!

„Jesus antwortete: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, so kann er nicht in das Reich Gottes eingehen.“ (Vers 5)

Der Vorgang der neuen Geburt wird hier in zwei Bestandteilen oder Komponenten gezeigt: aus Wasser und Geist geboren. In Joh 1,13 wird gesagt, dass der Gläubige aus Gott geboren ist; da sehen wir Gott als den tiefen Ur-sprung der neuen Geburt, sie ist ein Werk Gottes. Hier in unserem Vers wird gezeigt, dass der Heilige Geist von der Schöpfung bis zur Erlösung bei allem mitwirkt, was Gott wirkt. Es ist der Heilige Geist, der lebendig macht (Joh 6,63), indem Er das Wort Gottes benutzt, denn das Wort Gottes als solches vermag nicht Leben zu hervorzu-bringen.

Der Herr benutzt mit diesen Worten Symbole, die auch schon aus dem Alten Testament bekannt waren, die also auch für Nikodemus als Lehrer Israels (Vers 10) geläufig sein mussten. Wenn wir z.B. nach Hes 36,24–26 gehen, finden wir dort drei Dinge:
• „ich werde reines Wasser auf euch sprengen“ – analog die Geburt aus Wasser
• „ich werde ein neues Herz und einen neuen Geist in euer Inneres geben“ – analog die Geburt aus Geist
• „ich werde meinen Geist in euer Inneres legen“ (vgl. Hes 39,29) – analog als eine Vorerfüllung für die christliche Haushaltung die Taufe mit Heiligem Geist; das Wohnen des Heiligen Geistes als eine göttli-che Person in den Gläubigen ist eine ausschließlich christliche Wahrheit

Frage: Kann das Geboren-Werden aus Wasser verbunden werden mit der Ganzwaschung, dem Gebadet-Sein, wovon der Herr Jesus bei der Fußwaschung spricht (Joh 13,10)? Sind wir durch die Geburt aus Wasser abgewa-schen worden im Sinn von 1.Kor 6,11 oder Hebr 10,22?
Antwort: Das Wasser ist an dieser Stelle nicht ein Bild von dem Heiligen Geist, wie wir das vorhin in Joh 7,38 gesehen haben, sondern wie so oft in der Schrift ein Bild vom Wort Gottes in seiner reinigenden Wirkung. Die Jünger waren schon rein um des Wortes willen, dass der Herr Jesus zu ihnen geredet hatte (Joh 15,3). Das Wort Gottes wirkt als erstes auf Herz und Gewissen ein (Apg 15,9). Auch Petrus spricht im Zusammenhang mit der Wiedergeburt davon, davon, dass wir durch den Gehorsam gegen die Wahrheit unsere Seelen gereinigt haben (1.Petr 1,22+23), und Jakobus sagt, dass wir durch das Wort der Wahrheit gezeugt oder geboren worden sind (Jak 1,18). Das sind alles verschiedene Aspekte der gleichen Sache: in der neuen Geburt sind zwei Seiten zu sehen (vgl. die gleichen Elemente in Tit 3,5)
• die Reinigung durch das Wasser des Wortes Gottes als hauptsächlicher und erster Faktor bei der neuen Geburt; das Abwaschen ist das Allererste bei der neuen Geburt: das Wort Gottes wirkt auf das Gewissen und zeigt den sündigen Zustand und den Ausweg aus dieser Lage; das ist es aber nicht ausschließlich, sondern es wird begleitet durch
• eine vollständige Erneuerung durch den Heiligen Geist, die Vollendung der neuen Geburt, das geschieht durch die Heiligung des Geistes, von der Petrus in 1.Petr 1,2 in ganz praktischer Weise spricht: der Heili-ge Geist sondert uns von der Welt ab

Die Reinigung ist natürlich nicht eine äußerliche Reinigung, sondern die Reinigung von Herz und Gewissen; sie muss zuerst erfolgen, weil das, was durch Gott hervorgebracht wird, nicht in ein unreines Gefäß hineinkommt. Erst wird das Gefäß durch die Waschung mit Wasser durch das Wort grundsätzlich und einmalig gereinigt – das ist nicht die fortlaufende regelmäßige und wiederholte Reinigung, wie sie Eph 5,26 vorstellt. Eine alttestamentli-che Illustration von diesem Vorgang können wir bei Naaman sehen, der sich siebenmal im Jordan baden musste, und danach war sein Fleisch wie das Fleisch eines jungen Knaben (2.Kön 5,14).

Wir dürfen die Seite unserer Umkehr zu Gott nicht darauf beschränken, dass die Sünden abgewaschen werden. Leider ist in weiten Teilen der Christenheit nicht bekannt, dass das Alte von Gott beiseitegesetzt und etwas Neues geschaffen wurde. Durch die neue Geburt ist eine neue Natur entstanden, die allein befähigt ist, Gott zu dienen. Die Reinigung allein würde ja den verantwortlichen Menschen so lassen, wie er ist; aber durch die neue Geburt hat dieser Mensch jetzt auch eine neue Natur. Jeder von neuem geborene Mensch besitzt zwei Naturen: die alte Natur ist unverbesserlich und will Gott nie dienen, und die neue Natur will immer und ausschließlich das Gott Wohlgefällige tun. Das ist die grundlegende Belehrung des Neuen Testamentes über den christlichen Glauben in der Praxis.

In weiten Teilen der Christenheit ist aus diesen Worten des Herrn in Vers 5 in verdrehter Anwendung die Be-gründung für die Wassertaufe entnommen worden. Man meint, wenn man durch die Taufe mit Wasser von neuem geboren wird (vgl. auch Bibel-Übersetzungen zu Tit 3,5), kann man ja gar nicht früh genug einen Menschen tau-fen. Daraus ist die Praxis der Kindertaufe in großen christlichen Kirchen entstanden. Aber man hat dabei über-haupt nicht verstanden, dass es bei der christlichen Taufe um ein Bekenntnis des Gestorben-Seins geht (Röm 6,3+4), und der Herr hier von einer neuen Geburt spricht – zwei völlig entgegengesetzte Gedanken.

Ein weiterer großer Irrglaube auf christlichem Gebiet ist, dass die neue Geburt aus Geist gleichzusetzen sei mit dem Empfang des Heiligen Geistes. Man macht dabei keinen Unterschied zwischen der Wirkung des Heiligen Geistes an einer Person, um das neue Leben hervorzubringen, und dem Wohnen des Heiligen Geistes in einem Gläubigen. Der Heilige Geist wohnt als Person erst dann in einem Gläubigen, wenn dieser das ganze Evangelium des Heils im Glauben angenommen hat (Eph 1,13).

„Was aus dem Fleisch geboren ist, ist Fleisch, und was aus dem Geist geboren ist, ist Geist.“ (Vers 6)

Jetzt kennzeichnet der Herr Jesus die beiden Naturen und zeigt, dass eine Veränderung zum Guten oder zum Schlechten nicht denkbar ist. Alles, was aus dem Fleisch ist, ist sündig. Das ist die alte Natur, und was sie hervor-bringt, ist ebenso wertlos und böse – das Fleisch kann sich nicht veredeln oder verbessern. Dagegen ist es beglü-ckend, dass alles, was aus dem Geist ist, nicht degenerieren oder verfallen kann. Beides hat seine absolute Stabi-lität!

In der englischen Bibelübersetzung beispielsweise von Bruder Darby findet sich in dem zweiten Versteil eine Be-sonderheit: beim ersten Mal wird Geist groß geschrieben, und beim zweiten Mal wird es klein geschrieben. Wir lernen daraus, dass der erste Ausdruck nicht das Gleiche meint wie der zweite Ausdruck. Geist groß geschrieben ist die Person des Heiligen Geistes, Geist klein geschrieben meint den Charakter der Sache. Was aus dem Heiligen Geist geboren ist, ist dem Charakter nach geistlich.

Fleisch in diesem Vers ist also die alte, unverbesserliche, sündige Natur des Menschen, dessen Gesinnung Feind-schaft ist gegen Gott (Röm 8,7). Wir müssen von dieser Bedeutung des Ausdruckes Fleisch aber auch weitere Be-deutungen des Neuen Testamentes unterscheiden können. Wenn von dem Herrn Jesus in Joh 1,14 gesagt wurde, dass das Wort Fleisch wurde, dann ist da einfach Sein Mensch-Sein gemeint (auch Röm 9,5). In einer weiteren Beedeutung wird der Ausdruck Fleisch auch noch für die Schwachheit und Hinfälligkeit des Menschen gebraucht (z.B. 1.Petr 1,24).

„Verwundere dich nicht, dass ich dir sagte: Ihr müsst von neuem geboren werden.“ (Vers 7)

Unabhängig von allen Haushaltungen in der Geschichte der Menschheit muss derjenige, der in das Reich Gottes in der jeweiligen Form eingehen will, von neuem geboren werden. Hier scheint der Herr dem Nikodemus gegen-über jetzt besonders zu betonen, dass auch ihr, ihr Menschen aus dem Judentum, diese neue Geburt nötig haben. Ohne Neugeburt hat man keine Zukunft bei Gott.

Wir haben hier das erste der drei Muss in diesem Kapitel (auch Vers 14 und 30). Es ist ein heiliges Muss; der Sohn Gottes, der alle Dinge kennt, sagt, dass alle Menschen gleichermaßen – ob aus dem Volk der Juden oder aus den Nationen – von neuem geboren werden müssen. Das ist kein Befehl oder eine Aufforderung an den Men-schen, der er jetzt nachkommen müsste. Der Mensch kann das ja selbst gar nicht bewirken, sondern es ist einfach die göttliche Feststellung, dass es für jeden Menschen erforderlich ist, von neuem geboren zu werden. Dieses ers-te Muss bezieht sich also auf das Werk Gottes in uns, das zweite Muss in Vers 14 bezieht sich dann auf das Werk Gottes für uns.

„Der Wind weht, wo er will, und du hörst sein Sausen, aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er geht; so ist jeder, der aus dem Geist geboren ist.“ (Vers 8)

Bei der natürlichen Geburt eines Menschen kann man den Geburtsvorgang beobachten, und dann hört man den Schrei des neugeborenen Lebens. Wenn ein Mensch von neuem geboren wird, kann man den Geburtsvorgang nicht beobachten, aber die Äußerung oder Wirksamkeit des neugeborenen Lebens kann man wahrnehmen.

Wir können nicht erklären, wie das bei der neuen Geburt im Einzelnen vor sich geht. Der Herr Jesus beschreibt wohl dieses Geschehen bzw. ihre Auswirkung, aber wie es sich im Einzelnen in der Seele und dem Herzen und Gewissen eines Menschen, der aus der Finsternis zum Licht gebracht wird, vollzieht, bleibt letzten Endes für uns unergründlich. Dabei wird wieder deutlich, dass wir die neue Geburt unterscheiden müssen von der Bekehrung, obwohl beides ganz eng miteinander zusammenhängt. Die Bekehrung ist ein Akt des Willens des Menschen, der sich bewusst in Reue und Bekenntnis seiner Sünden zu Gott wendet. Diese Handlung ist aber nicht identisch mit der neuen Geburt, denn die ist ein Werk Gottes. Und doch können wir noch nicht einmal erklären, warum wir uns überhaupt bekehrt haben, denn selbst das wollten wir doch eigentlich gar nicht, wir waren auf unserem eigenwil-ligen Weg weg von Gott. Keiner von uns wollte sich bekehren! Dass wir es doch getan haben, kann nur durch die Wirksamkeit des Heiligen Geistes in uns geschehen sein. Dieses göttliche Wirken geschieht an jedem einzelnen Menschen höchstpersönlich.

Der Heilige Geist wirkt, wie Er will, Er wirkt souverän. Der Heilige Geist ist nicht nur irgendwie eine Kontrolle oder eine Kraft, Er ist eine Person der Gottheit, und Er wirkt auf die Art und Weise, wie Er es will. Aber diese Wirksamkeit des Geistes Gottes ist für den Menschen unfassbar. Jeder aus dem Geist Geborene ist für den Men-schen ein Rätsel. Deshalb sollten wir auch nicht versuchen, Dinge zu erklären, die sich unserer Erklärung entzie-hen. Die Geheimnisse Gottes sind uns nicht zum Verstehen gegeben, sondern zum Glauben.

Wind und Geist sind in der griechischen Sprache das gleiche Wort. Wir würden vielleicht meinen, die Schlussfol-gerung aus dem, was der Herr über den natürlichen Wind gesagt hat, müsste jetzt lauten: so ist es auch mit dem Heiligen Geist. Aber der Herr fährt eben nicht damit fort, das Wirken des Heiligen Geistes zu beschreiben, son-dern das Resultat Seines Wirkens, denn das Wirken selbst ist ein gewisses Geheimnis. Kein Mensch kann erklä-ren, wie das Resultat zustande gekommen ist, es ist ein wunderbares Wirken Gottes in der Seele eines Menschen, das wir nicht ergründen können (Pred 11,5).

„Nikodemus antwortete und sprach zu ihm: Wie kann dies geschehen? Jesus antwortete und sprach zu ihm: Du bist der Lehrer Israels und weißt das nicht?“ (Vers 9+10)

Wenn wir die ganze Unterredung zwischen Nikodemus und dem Herrn bis Vers 21 im Überblick sehen, fällt auf, dass der erste Teil der Unterredung ein Dialog ist, aber in dem zweiten Teil ab Vers 10 nur noch der Herr Jesus spricht. Nikodemus wird zum letzten Mal in Vers 9 erwähnt mit seiner Frage: „Wie kann dies geschehen“. In den folgenden Versen spricht der Herr Jesus zunächst Nikodemus noch persönlich an, aber ab Vers 13 sind Seine Worte nicht mehr direkt auf Nikodemus bezogen, sondern Er spricht dann sehr grundsätzlich. Diese äußere Zwei-teilung der Unterredung hat aber auch eine innere Einteilung in zwei Teile: Im ersten Teil spricht der Herr Jesus über die neue Geburt als Notwendigkeit für das Eingehen in das Reich Gottes; im zweiten Teil spricht Er über das ewige Leben. Dieser Unterschied wird angedeutet in Vers 12 mit den Ausdrücken das Irdische und das Himmli-sche.

Diese Frage von Nikodemus zeigt echtes Interesse an den Worten des Herrn, und sie ist geradezu der Beweis der Wahrheit von Vers 3: der natürliche Mensch ist nicht in der Lage, die göttlichen Dinge zu verstehen. Nikodemus hatte die Schriften des Alten Testaments studiert und auch gelehrt – aber er hatte sie nicht verstanden.

Wir haben bei Vers 5 gesehen, dass diese Wahrheit schon in Hesekiel 36 angedeutet wurde; der Herr knüpft an etwas Bekanntes an, was der Heilige Geist damals angedeutet hatte, was aber schon immer Gültigkeit hatte, und was der Herr hier jetzt zur vollen Entfaltung bringt. Wenn wir an Hiskia denken, so können wir aus Jes 38,16 si-cher sagen, dass dieser Mann neues Leben hatte, er wusste, dass sein Geist lebt. Er wusste es, ohne dass es ihm offenbart worden war, er hatte es im Glauben erfasst und für sich verwirklicht. Wer auf Gott vertraut, dem offen-bart Gott auch immer mehr und gibt weiteres Verständnis!

Das Volk der Juden als solches dagegen hat zur Zeit Johannes des Täufers und des Herrn Jesus sich geweigert, das auf sich anzuwenden und Buße zu tun. Es war ihnen objektiv bekannt, und doch waren sie willentlich in dem Stand von Unwissenden geblieben. Das zeigt die Blindheit der Menschen in dem jüdischen System. Entspricht eine solche Haltung nicht auch oft unserer eigenen Haltung dem Wort Gottes gegenüber? Wir kennen die Gedan-ken Gottes für unser Leben, wir haben alles in unseren Bibeln, aber ob wir es dann auch auf unser Herz und Ge-wissen anwenden, ist oftmals eine total andere Sache.

Nikodemus war der Lehrer Israels; die Betonung in diesen Worten des Herrn liegt nicht auf der Lehrer Israels, als wäre Nikodemus der Lehrer in Israel schlechthin, sondern du bist der Lehrer. Der Herr sagt ihm damit, dass er nicht Schüler sei sondern Lehrer, dass er das eigentlich hätte wissen sollen. Aber als Lehrer hatte Nikodemus komplett versagt.

„Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wir reden, was wir wissen, und bezeugen, was wir ge-sehen haben, und unser Zeugnis nehmt ihr nicht an.“ (Vers 11)

Das wir in diesem Vers kann sich nicht auf die Propheten des Alten Testaments beziehen, denn sie wussten und verstanden oftmals nicht, was sie reden sollten. Der Herr Jesus meint mit dem wir göttliche Personen; Er war hier auf der Erde und redete, und auch der Heilige Geist würde durch die Gläubigen reden. Mit einfachsten Worten werden hier ganz erhabene Herrlichkeiten der Person des Herrn gezeigt. Dieses Wir schließt Seine Gottheit mit ein. Wir sollen hier nicht nur die Wahrheit über die neue Geburt verstehen lernen, sondern die Person dessen, der da spricht! Er redete, was Er bei Seinem Vater, im Schoß der Gottheit, gehört hat (Joh 8,28). Das drücken wir in Lied 225 Vers 3 aus: „All Seine Worte, in Gnade und Wahrheit, hat Er bei Dir, Seinem Vater, gehört“.

Und diese göttlichen Personen redeten, was sie wussten. Das ist kein erlerntes oder angeeignetes Wissen, sondern ein den Personen der Gottheit innewohnendes absolut zuverlässiges und unfehlbares Wissen. Der Herr Jesus und der Heilige Geist redeten von den Dingen aus dem Himmel (Vers 32). Der Herr Jesus war in der Lage, überhaupt über himmlische Dinge sprechen zu können; und Er zeigt dann auch die Voraussetzung, die dafür nötig war, dass wir himmlische Dinge bekommen könnten – Sein Tod (Vers 14).

Der ewige Sohn, der im Schoß des Vaters ist, kam als Mensch auf diese Erde; und Er zeugte von dem, wo Er zu-hause war, wo Seine ewige Heimat voll Licht und Liebe und Herrlichkeit war. Er zeugte nicht von Offenbarungen oder Mitteilungen, die Er bekommen hatte, sondern Er war der Einzige, der direkt aus der Atmosphäre der Gott-heit heraus reden konnte. Er kam mit dem ganzen Ratschluss Gottes und hat diesen auf der Erde kundgetan. Gott hat zu uns geredet im Sohn (Hebr 1,2). Neben dem Heiligen Geist war der Herr Jesus von Ewigkeit her der einzige Zeuge, Er sprach aus Seiner direkten Kenntnis des Vaters heraus (Joh 17,25).

Wo finden wir das Zeugnis, von dem der Herr Jesus hier spricht? In der Heiligen Schrift, besonders im Neuen Testament und dort speziell in den Briefen. Wir haben ein Zeugnis! Das ist nicht irgendetwas Vages, von dem wir nicht genau wüssten, was das ist. Die Heilige Schrift gibt uns Auskunft darüber, was das Zeugnis des Herrn und auch das Zeugnis des Heiligen Geistes ist. Wir haben heute etwas Konkretes in der Hand: Sein heiliges Wort!

Es ist erschütternd, dass dieses Zeugnis des Herrn nicht angenommen wurde! Das ist hier ein klarer Hinweis auf die Verwerfung des Herrn als Sohn Gottes. Die Juden hatten das Zeugnis der Propheten nicht angenommen, ob-wohl diese Worte Gottes sprachen. Sie hatten auch das Zeugnis von Johannes dem Täufer nicht angenommen – aber jetzt wiesen sie das größte Zeugnis ab, das je auf dieser Erde ausgesprochen worden ist: nicht das Zeugnis eines Menschen, sondern ein göttliches Zeugnis. Was muss es den Herrn Jesus geschmerzt haben, dass dieses Zeugnis von den Juden nicht angenommen wurde. Das Fleisch (Vers 6) nimmt selbst das größte Zeugnis nicht an, das Zeugnis des Sohnes Gottes – und damit haben sie Gott selbst abgelehnt!

„Wenn ich euch das Irdische gesagt habe, und ihr glaubt nicht, wie werdet ihr glauben, wenn ich euch das Himmlische sage?“ (Vers 12)

Jetzt wechselt der Herr von dem wir in Vers 11 zu einem ich in diesem Vers. Wenn Gott sich offenbart, dann of-fenbart Er sich in dem Sohn. Wenn Gott redet, dann in dem Sohn. Der Sohn war als Gott vollkommen qualifiziert, von dem Himmlischen zu berichten, weil Er im Himmel ist (Vers 13); er konnte als Sohn des Menschen auf der Erde die himmlischen Dinge so darstellen, dass wir etwas davon erfassen können.

Das Irdische ist das Reich Gottes auf der Erde, der Ratschluss Gottes für diese Erde, so wie Nikodemus es ver-stand; die irdischen Segnungen, die Gott Seinem Volk gegeben hatte, konnten nur von solchen in Besitz genom-men werden, die durch Buße und durch den Empfang des neuen Lebens eine entsprechende Natur besaßen. Das hatte an sich noch nichts mit dem Kreuz zu tun, und das zeigt auch den Unterschied zwischen diesem neuen Le-ben und dem ewigen Leben, das uns geschenkt ist. Dieses ewige Leben bekommt nur der, der an den Sohn Gottes glaubt, der für ihn gestorben ist. Das wird in den folgenden Versen ausführlich vorgestellt: wer an den auf das Kreuz erhöhten Sohn des Menschen glaubt, wer an den von Gott gesandten eingeborenen Sohn glaubt, der geht nicht verloren, sondern hat ewiges Leben. Dieses ewige Leben konnten die alttestamentlichen Gläubigen nicht haben, weil sie den nicht kennen konnten, der dieses Leben gibt, den Sohn Jesus Christus, der der wahrhaftige Gott und das ewige Leben ist (1.Joh 5,20). Natürlich haben diese Gläubigen durch die neue Geburt ein Leben, das niemals endet, und auch ein Ungläubiger hat eine ewige Existenz, aber das ist alles vollkommen verschieden von dem Charakter des Lebens, das in der Person des Sohnes ist. Deshalb ist auch die Neugeburt, wie wir sie hier bei Nikodemus haben, keine typisch christliche Segnung. Es gibt in dieser christlichen Haushaltung nicht diese Pha-se, dass man an Gott glaubt ohne an den Herrn Jesus zu glauben. Wir sind durch den Glauben mit einem gestor-benen und auferweckten Christus mitauferweckt und mitlebendig gemacht worden (Eph 2,5+6), und damit sind alle Segnungen miteingeschlossen. Dieses ewige Leben werden wir völlig genießen, wenn wir bei Christus sind und Ihn sehen, wie Er ist (1.Joh 3,2), denn dort ist das ewige Leben zu Hause. Das wird in alle Ewigkeit unsere Glückseligkeit sein!

Bis dahin hatte der Herr Jesus auch bloß von dem irdischen Teil des Reiches gesprochen. Wir wissen, dass das Reich Gottes auch eine himmlische Seite hat, aber die Juden erwarteten das Reich in Macht und Herrlichkeit auf dieser Erde. In Mt 13,41–43 werden beide Seiten des Reiches nacheinander gezeigt: Vers 41+42 zeigen die Seite des Reiches des Sohnes des Menschen, das ist der irdische Teil des Reiches, der durch Gericht von Engeln gerei-nigt werden wird; und in Vers 43 spricht Er dann von dem Reich ihres Vaters, das ist der himmlische Bereich des Reiches, in den die Gerechten einmal gelangen werden. Bruder Darby hat einmal gesagt, durch diese Ausdrucks-weise: das Irdische und das Himmlische ergibt sich ein direkter Bezug auf das Reich in seinen beiden Teilen.

Der Herr Jesus hatte zu der Zeit, als Er auf der Erde war, noch nicht von diesem himmlischen Teil sprechen kön-nen, aber als das Werk vom Kreuz vollendet und der Geist Gottes auf die Erde gekommen war, konnten diese Dinge auch gezeigt werden (Eph 1,9+10; Kol 1,20). Der Herr Jesus soll nach den Gedanken Seines Vaters volle Autorität über die Dinge in den Himmeln und die Dinge auf der Erde haben. Für alles ist Er gestorben und hat Er Frieden gemacht. Und dadurch wird einmal alles wieder mit Gott versöhnt und in Übereinstimmung gebracht werden.

Das Himmlische sind die Segnungen der christlichen Haushaltung, die wir nur im Neuen Testament finden, das ewige Leben mit allem, was damit verbunden ist. Es ist hier der gleiche Ausdruck, wie er im Epheser-Brief fünf-mal für die himmlischen Örter benutzt wird (Eph 1,3; 1,20; 2,6; 3,10; 6,12; vgl. auch 1.Petr 1,4). Es geht dabei al-so nicht nur um den himmlischen Teil des Reiches, sondern auch um alle himmlischen Wahrheiten, die Segnun-gen des Zeitalters der Gnade, in dem wir leben. Das Reich ist nur ein untergeordneter Gedanke dabei, die Sub-stanz als solche ist weitaus größer, denn Eph 1, Kol 1 und Hebr 1 zeigen uns, dass es eine höhere Art von Seg-nung gibt.

Für das Eintreten in das Reich auf der Erde war der Tod des Herrn Jesus nicht zwingend vorgesehen, die neue Geburt gründet sich nicht auf das Werk von Golgatha, und Buße ist nicht unbedingt der Glaube an einen gestor-benen Heiland. Auch hatte kein alttestamentlicher Gläubiger das Bewusstsein ewiger Sündenvergebung, weil die Grundlage dazu noch fehlte. Sie besaßen neues Leben durch die neue Geburt, konnten aber noch nicht in der Gewissheit ruhen, dass ihre Sünden für immer gesühnt und vergeben sind. Der Herr Jesus war als lebender Mes-sias unter Seinem Volk und hätte Sein Reich aufgerichtet und sie in die Segnungen des Reiches eingeführt, wenn sie Ihn angenommen hätten – sie haben Ihn jedoch abgelehnt. Jede Segnung, die ein Mensch empfängt, gründet sich auf das Werk Christi. Die Vergebung der Sünden der alttestamentlich Gläubigen gewährte Gott in Seiner Nachsicht im Vorausblick auf das erst viel später geschehene Werk vom Kreuz (Röm 3,25+26). Das Kreuz ist der Mittelpunkt des Handelns Gottes; im Blick auf das Werk von Golgatha, das erst viel später vollbracht werden würde, konnte Gott schon zu Zeiten des Alten Testaments Sünden vergeben. Aber um die himmlischen Segnun-gen genießen zu können, war es unmöglich, nur mit einem auf der Erde lebenden Sohn Gottes in Verbindung zu sein – dazu musste Sein Tod stattfinden. Die himmlischen Segnungen sind nur über das Kreuz zu erlangen!

Die Neugeburt ist das Werk Gottes an einer Seele, das auch zur Zeit des Alten Testaments schon geschehen ist, lange bevor das Werk des Herrn am Kreuz von Golgatha vollbracht war. Und die Neugeburt hat auch an sich nichts mit der Vergebung der Sünden zu tun, die gründet sich allein auf das Werk des Herrn Jesus. Wir kommen bei diesen Erwägungen an einen Punkt, wo wir sagen müssen, dass wir den Ratschluss Gottes nicht ergründen können! Wir können heute in Seinem Wort nachlesen, was Er davon offenbart hat, und das übersteigt schon un-ser Verständnis.

„Und niemand ist hinaufgestiegen in den Himmel als nur der, der aus dem Himmel her-abgestiegen ist, der Sohn des Menschen, der im Himmel ist.“ (Vers 13)

Sind nicht auch Henoch und Elia in den Himmel hinaufgestiegen? Nun, sie sind lebendig entrückt worden, aber es bestehen doch große Unterschiede zu dem, was hier von dem Herrn Jesus gesagt wird. Henoch wurde entrückt (Hebr 11,5), und Elia wurde von Elisa genommen (2.Kön 2,10), beide haben nicht in eigener Kraft gehandelt – der Herr Jesus aber ist selbst in den Himmel hinaufgestiegen. Und Er ist Derselbe, der auch vorher herabgestiegen ist. Die Tatsache, dass Er der Sohn des Menschen ist, tastet Seine Gottheit nicht an, Er ist im Himmel. Wir stoßen hier wieder an Grenzen unseres Fassungsvermögens, wenn wir Ihn vor uns haben, der Gott und gleichzeitig Mensch in einer Person ist. Wir wollen diese beiden Seiten wohl unterscheiden, aber wir dürfen sie nie voneinander tren-nen!

Dieser Vers stellt uns eine vierfache Herrlichkeit des Herrn Jesus vor:
• Er ist hinaufgestiegen in den Himmel: diese Herrlichkeit wird Ihm hier schon zugeordnet, obwohl sie sich historisch noch gar nicht ereignet hatte; sie unterscheidet Ihn von jedem anderen Menschen, ob im Alten Testament oder im Neuen Testament – Menschen werden entrückt, aber Er ist hinaufgestiegen Kraft Sei-ner eigenen Herrlichkeit
• Er ist aus dem Himmel herabgestiegen: das führt uns zurück zu Joh 1,14; weil Er aus dem Himmel herab-gestiegen ist, konnte Er himmlische Dinge, das Himmlische verkündigen. Aber Er ist nicht nur dazu aus dem Himmel herabgestiegen, sondern auch, um hier auf der Erde zu sterben und dadurch Menschen die-ses Himmlische schenken zu können
• Er ist der Sohn des Menschen: der Herr Jesus ist ohne je aufzuhören, Gott zu sein, auf dieser Erde wahrer Mensch gewesen – Gott und Mensch in einer Person. Und Er wird immer Sohn des Menschen bleiben, und Er wird immer im Himmel sein, immer! Als der Herr Jesus aus dem Himmel herabstieg, war Er noch nicht Sohn des Menschen; Er war in Gestalt Gottes und machte sich selbst zu nichts (Phil 2,6+7) und ist dann erst als Er von einer Frau geboren wurde (Gal 4,4) in Gleichheit der Menschen geworden.
• Er ist im Himmel; war zu dem Zeitpunkt, als der Herr Jesus auf der Erde war, ein Mensch im Himmel? Wir sehen wieder, dass diese einzigartige Person nicht trennbar oder teilbar ist, es ist eine Person; derje-nige, der ewiger Gott ist, ist zugleich der Sohn des Menschen, hier auf der Erde und im Himmel. In dem Augenblick, wo Er sichtbar vor Nikodemus stand, war Er zugleich im Himmel. In diesem Sinn gebraucht der Herr Jesus auch wiederholt in diesem Evangelium die Worte wo ich bin (Joh 7,34+36; 12,26; 14,3; 17,24): Er ist zur gleichen Zeit dort in der Herrlichkeit, die Er nie verlassen hat.

Es ist erstaunlich, dass dieser Vers nicht damit beginnt, dass der Herr Jesus aus dem Himmel herabgestiegen ist, was ja chronologisch gesehen das Seinem Hinaufsteigen in den Himmel vorgegangene Ereignis gewesen ist. Ni-kodemus ist hierbei vielleicht an Spr 30,4 erinnert worden, wo wir schon eine gewisse Andeutung auf dieses Ge-schehen finden (vgl. auch Eph 4,8–10). In diesen Stellen finden wir immer die gleiche Reihenfolge, zuerst wird von dem Hinaufsteigen und dann erst von dem Herabsteigen gesprochen.

Der Herr Jesus spricht damit abstrakte Grundsätze aus, wie das häufig im Johannes-Evangelium der Fall ist. Das Hinaufsteigen in den Himmel geschah natürlich zeitlich gesehen später, aber Er will zeigen, dass Er nach voll-brachtem Werk hinaufgehen würde zu Seinem Vater. Und dieses Hinaufgehen zu Seinem Vater hat seine Grund-lage darin, dass Er zuvor herabgestiegen ist. Der Herr spricht hier über sich selbst und sagt prophetisch von sich etwas, was erst noch eintreten würde, wenn Er das Werk vollbracht haben würde.

In Joh 1,49–51 hatten wir schon gesehen, dass der Titel Sohn des Menschen etwas Größeres ist als der König Isra-els. König Israels war Er als Sohn Gottes, als der Gesalbte (Ps 2,6+7); und diese Seite gehörte zu dem Irdischen, von dem der Herr zu Nikodemus hier spricht. Die herrliche Seite Seiner Person als Sohn des Menschen beschreibt Seine umfassendere Stellung und gehört zu dem Himmlischen, was sie nicht verstehen konnten.

Gottes Liebe gegenüber den Verlorenen – der Weg zu ewigem Leben

Wir kommen jetzt zu einigen der bedeutendsten Verse des ganzen Wortes Gottes. Es sind Verse, die wir gut ken-nen, sie sprechen von der Liebe Gottes, die den Verlorenen nachgeht. Und diese Liebe Gottes erweist sich nicht nur denen gegenüber, die aus dem Volk der Juden waren, sondern sie richtet sich schrankenlos an die ganze Welt, an „jeden, der an ihn [den Herrn Jesus] glaubt“. Es gab einen gewaltigen Wechsel, einen Wendepunkt in dem Handeln Gottes mit Seinem irdischen Volk Israel und mit der ganzen Welt. Der Sohn Gottes war als Messias für Israel gekommen, der Sohn des Menschen ist zugunsten der ganzen Welt gekommen und auf das Kreuz erhöht worden. Seine tiefste Erniedrigung bestand darin, dass man Ihn auf das Kreuz erhöhte. Aber einmal wird sich vor diesem Sohn des Menschen jedes Knie beugen.

Die Verse 14+15 stehen vor dem Hintergrund, dass Gott Licht ist, Seine Heiligkeit und Gerechtigkeit verlangten diese Sühnung. Nur durch das Erhöht-Werden unseres Herrn auf das Kreuz, wo Gott Ihn zur Sünde machte (2.Kor 5,21), wo Er die Sünde im Fleisch verurteilte (Röm 8,3), konnte Sühnung geschehen. Und Vers 16 zeigt dann die wunderbare Seite des Wesens Gottes, dass Er Liebe ist.

„Und wie Mose in der Wüste die Schlange erhöhte, so muss der Sohn des Menschen er-höht werden, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern ewiges Leben habe.“ (Vers 14+15)

Zuerst spricht der Herr Jesus jetzt von den feurigen Schlangen, die einst unter dem Volk Israel bei denen zum To-de führten, die von ihnen gebissen wurden. Wir sehen in dem Bericht in 4.Mose 21,4–9, dass die von den Schlan-gen Gebissenen zu Gott schrien, und Gott erbarmte sich und gebot Mose, eine Schlange anzufertigen und auf eine Stange zu erhöhen. Mose fertigte eine Schlange aus Kupfer, und jeder, der gebissen worden war und auf diese kupferne Schlange hinschaute, wurde geheilt. Der Weg zur Rettung für die gebissenen Israeliten war also absolut einfach: die erhöhte Schlange war weithin sichtbar, man musste nicht zu ihr hingehen oder kriechen, man musste nur einen Blick auf sie werfen. Nichts Weiteres musste man tun, wenn man gerettet werden wollte; so leicht hatte Gott es für die Israeliten gemacht. So leicht ist es auch heute für jeden Menschen, nicht verloren zu gehen, son-dern ewiges Leben zu bekommen.

Dieses Bild der kupfernen Schlange zeigt also einerseits die Einfachheit, Rettung zu erlangen, aber es zeigt ande-rerseits auch die Ausschließlichkeit zur Rettung. Es gab keinen anderen Weg zur Rettung für den, der gebissen worden war. Es war wirkungslos, sich die Wunden auszusaugen oder sie zu verbinden oder Mose oder einen an-deren Menschen zur Hilfe zu rufen, es war sinnlos, die Schlange, die einen gebissen hatte, zu töten oder irgen-detwas anderes zu tun – es gab nur eine einzige Möglichkeit, am Leben zu bleiben – und das war der Blick auf die kupferne Schlange.

Diesen Vorgang aus dem Alten Testament nimmt der Herr Jesus zum Anlass und kommt auf sich selbst zu spre-chen. Dabei spricht Er jetzt von dem zweiten Muss in dieser Unterredung mit Nikodemus. In Vers 7 hatten wir bei dem ersten Muss gesehen, dass eine Notwendigkeit für jeden Menschen vorliegt, von neuem geboren zu werden. Bei diesem zweiten Muss steht jetzt eine andere Notwendigkeit vor uns: wenn der Herr Jesus der Retter werden sollte, musste das, was in der Schlange Moses vorgebildet war, an Ihm selbst vollzogen werden. Und der Herr Je-sus hat dieser Notwendigkeit entsprochen. Die kupferne Schlange wurde auf einen Stab erhöht, und das wurde auch mit dem Herrn Jesus getan. Das Kupfer ist ein Hinweis auf das Gericht, das an dem Herrn Jesus wegen unse-rer Sünden vollzogen wurde. Wenn Menschen errettet werden sollten, nicht nur von neuem geboren, sondern von Sünde und Schuld errettet werden sollten, dann musste Er kommen und ohne Sünde bleiben und am Kreuz ster-ben. Kein anderer als der Sohn des Menschen wäre in der Lage gewesen, dieses Werk zu vollbringen.

Derr Herr spricht von sich als dem Sohn des Menschen, der erhöht werden musste. Mit diesem Erhöhen ist Sein Kreuzestod gemeint (Joh 8,28; 12,32+33), der notwendig war, damit Menschen, die an Ihn glauben, nicht verlo-ren gehen, sondern ewiges Leben haben. Die Erhöhung des Herrn Jesus am Kreuz ging damit einher, dass Gott Seinen Sohn sandte als Sühnung für unsere Sünden (1.Joh

Achim Zöfelt