Das Johannes-Evangelium (10) - Kapitel 4,1-38

Online seit dem 14.06.2018, Bibelstellen: Johannes 4,1-38

Aufzeichnungen aus der Betrachtung über

Johannes 4,1–38

Hückeswagen 2018

Vorbemerkungen zu Johannes 4

In Johannes 4 kommen wir zu einem Höhepunkt in diesem Evangelium. In Johannes 1 haben wir gesehen, wie der Herr Jesus suchende Seelen findet – aber hier in Johannes 4 haben wir keine suchende Seele, hier weckt der Herr Jesus erst einmal ein Bedürfnis, das vorher überhaupt nicht vorhanden war. In Johannes 2 haben wir gesehen, wie der Tempel, der Ort, an dem Gott Anbetung mit materiellen Opfern erwartet und gesucht hatte, von den Juden verdorben worden war, zu einer Räuberhöhle gemacht worden war – hier in Johannes 4 spricht der Herr Jesus von einer Anbetung des Vaters in Geist und Wahrheit. In Johannes 3 kommt ein hochgestellter Mann zu dem Herrn Jesus, auch er braucht die Gnade – hier in Johannes 4 kommt eine moralisch niedrig stehende, sündige Frau, und auch für sie ist diese Gnade da, und gerade sie wird zu diesem Höhepunkt der Anbetung geführt.

Zwischen den Kapiteln 3 und 4 dieses Evangeliums besteht sowohl eine Übereinstimmung als auch ein Gegensatz: In beiden Kapiteln ist von einer Gabe Gottes die Rede (Joh 3,16; 4,10), aber in beiden Kapiteln ist damit nicht das Gleiche gemeint. Die Gabe Gottes in Johannes 3 ist der Sohn; in Johannes 4 ist die Gabe Gottes nicht genau definiert, aber sie ist nicht der Sohn (Vers 10), denn der Sohn ist selbst der Geber. Der Sohn als die Gabe Gottes in Joh 3,16 dient dazu, das ewige Leben zu schenken. Die Gabe Gottes in Joh 4,10 stellt uns einfach Gott als den großen Geber vor, der uns nicht nur den Sohn als die größte Gabe gegeben hat, sondern auch in Ihm das ewige Leben, das in dem Heiligen Geist schon hier auf der Erde genossen werden kann.

Kapitel 3 zeigt uns in Verbindung mit der neuen Geburt, was die Notwendigkeit auf Seiten des Menschen ist. Auch ein hochstehender Mann wie Nikodemus brauchte diese neue Geburt. Und wenn Gott dann in Kapitel 4 Sein Herz öffnet und weit über das hinausgeht, was der Mensch nötig hat, dann zeigt Er uns auch in der Person, der Er diese Gabe schenkt, dass sie nicht auf Menschen wie z.B. Nikodemus beschränkt ist, die sich auf ihr scheinbar religiöses Leben etwas einbildeten. Diese in Unmoral lebende Frau ist ein Beweis dafür, dass jeder, der dieses neue Leben empfängt, diese Gabe Gottes bekommen kann, die einfach aus dem Herzen Gottes hervorkommt.

In Seinen Mitteilungen an die Menschen setzt der Herr Jesus andere Maßstäbe, als wir sie setzen würden. Wir hätten wohl die Mitteilungen dieser beiden Kapitel in umgekehrter Reihenfolge gegeben. Die Notwendigkeit der neuen Geburt und die Gabe des Herrn Jesus zum ewigen Leben hätten wir sicher eher einer armen verlorenen Sünderin in ihrem elenden Zustand vorgestellt; und demzufolge die Anbetung eher einem gelehrten Juden, einem Lehrer Israels. Aber Gott macht es genau umgekehrt. Er holt den großen Menschen von seinem Podest herunter und sagt ihm, dass er von neuem geboren werden müsse. Und Er zieht die Frau aus dem Schlamm ihrer Sünde und sagt ihr, dass sie eine Anbeterin Gottes werden kann. Was für göttliche Unterweisungen in dem Vergleich dieser Kapitel!

Kapitel 3 hatte uns gezeigt, dass ein Mensch – unabhängig von der Haushaltung, in der er lebt – nur dann in das Reich Gottes eingehen kann, wenn er von neuem geboren wird, durch Wasser und Geist geboren wird: d.h. durch die Anwendung des Wortes Gottes in der Kraft des Heiligen Geistes. Ob in der Zeit des Alten Testaments, ob in der jetzigen Zeit, oder ob in der Zukunft: auf keinem anderen Weg ist es möglich, in das Reich Gottes einzugehen. Aber darüber hinaus hat der Herr für solche, die in der jetzigen Zeit der Gnade leben, noch besondere Segensströme fließen lassen. Der große Geber-Gott gab Seinen Sohn, und jedem, der an Ihn glaubt ewiges Leben, Leben in Überfluss (Joh 3,16; 10,10). „Wer den Sohn hat, hat das Leben“ (1.Joh 5,12).

In Kapitel 4 finden wir dann, dass dieses neue Leben, das ewige Leben, einer Kraftquelle bedarf, und das ist der Heilige Geist. In der Kraft des in uns wohnenden Heiligen Geistes können wir den ganzen Genuss des ewigen Lebens erleben und wertschätzen. Ohne die Kraft des Heiligen Geistes könnte sich dieses neue Leben in uns nicht zu der ganzen Fülle, in der Gott es uns gegeben hat, entfalten. Und dieser Besitz des Heiligen Geistes ist gleichzeitig eine Voraussetzung für eine Anbetung in Geist und Wahrheit. Das ist der Höhepunkt dieser Linie.

In Kapitel 7 haben wir dann eine weitere Auswirkung. Dort wird in Vers 38 von dem lebendigen Wasser in uns gesprochen, das in horizontaler Richtung eine segensspendende Auswirkung hat für die Menschen, mit denen wir in Berührung kommen. Kapitel 4 und 7 zeigen uns auch die beiden Seiten des christlichen Priestertums (1.Petr 2,5+9): In Kapitel 4 sehen wir die heilige Priesterschaft, die geistliche Schlachtopfer darbringt mittels der Fontäne in uns, die ins ewige Leben quillt; und in Kapitel 7 haben wir das königliche Priestertum, das die Tugenden dessen verkündigt, der uns berufen hat aus der Finsternis in sein wunderbares Licht. Wir empfinden, dass wir uns in diesem Kapitel in heiliger Atmosphäre befinden, und wir wünschen, dass unser Nachdenken über diese von unserem Herrn entwickelten Wahrheiten tiefe Eindrücke von der Erhabenheit dieses Gegenstandes bei uns hinterlässt und unser praktisches Betragen mehr der Höhe dieser Gedanken entspricht!

Diese Begebenheit in Johannes 4 ist schon mal verglichen worden mit der Begebenheit von dem verlorenen Sohn in Lukas 15. Dort sehen wir, dass Gott in dem Herzen eines Menschen eine Umkehr bewirkt, so dass er zu dem Vater geführt wird. Und der Vater nimmt ihn mit offenen Armen auf und bringt ihn in die volle Freude des Hauses hinein. Johannes 4 geht wohl noch einen Schritt weiter. Wir sehen hier nicht, dass der Vater wartet und wirkt, sondern Er kommt selbst in der Person des Sohnes auf dieser Erde in die Umstände unseres Lebens hinein und offenbart Sein Herz an der Stelle, wo der Mensch in die größte Sünde gekommen ist. Und diesen Menschen führt Er dann nicht nur in die Freude Seines Hauses, sondern macht ihn zu einem Anbeter, der Gemeinschaft hat mit Ihm selbst und mit dem Sohn.

Diese Begebenheit von der Begegnung des Herrn mit der Frau an der Quelle Jakobs reicht bis Vers 42 des Kapitels. Es ist interessant zu sehen, dass sie eingerahmt wird von der Person Josephs (Vers 5), der in seinen Tagen Zaphnat-Pahneach genannt wurde (1.Mo 41,45); dieser Name bedeutet soviel wie Erhalter des Lebens oder Retter der Welt, und mit diesem Titel in Bezug auf den Herrn endet in Vers 42 diese Begebenheit. Drei Hauptpunkte finden wir darin:

  • der Heiland sucht verlorene Sünder (Vers 1–19)
  • der Vater sucht Anbeter (Vers 20–26)
  • der Herr sucht Arbeiter (Vers 27–42)

In den Versen 1–14 weckt der Herr Jesus in dem Herzen der Frau ein Bedürfnis, aber in den Versen 15–19 spricht er ihr Gewissen an, weil im Leben dieser Frau das bekannt und in Ordnung gebracht werden musste, was sie hinderte, weiterzukommen und zu einer Anbeterin werden zu können, wovon Er dann in den Versen 20–26 spricht.

In diesem Kapitel wird uns auch die Verhaltensweise des Herrn Jesus gegenüber Menschen beeindrucken. Es ist beispielgebend für uns, wie der Herr mit dieser Frau umgeht, wie Er sich um eine Seele kümmert.

„Als nun der Herr erkannte, dass die Pharisäer gehört hatten, dass Jesus mehr Jünger mache und taufe als Johannes (obwohl Jesus selbst nicht taufte, sondern seine Jünger), verließ er Judäa und zog wieder nach Galiläa.“ (Vers 1–3)

Vers 1 nimmt Bezug auf Joh 3,22 ff., wo wir gesehen hatten, dass der Herr Jesus nicht selbst in eigener Person getauft hatte, dass dieses Taufen aber doch unter Seiner Anweisung und Leitung geschah. Hierbei geht es im Übrigen überhaupt noch nicht um die christliche Taufe, auch wenn Christus selbst der Gegenstand der Taufe war. Die christliche Taufe hat mit dem Tod des Herrn zu tun, sie verbindet uns mit einem gestorbenen Christus. Hier ist es die Taufe, die mit einem lebenden Christus zu tun hat, eine Taufe auf dem Niveau von Johannes dem Täufer, die jetzt von den Jüngern des Herrn ausgeübt wurde.

Durch dieses Taufen war eine Streitfrage unter den Jüngern entstanden (Vers 25). die Reaktion von Johannes dem Täufer auf diese Streitfrage hatten die folgenden Verse in Johannes 3 gezeigt: „Er muss wachsen, ich aber abnehmen“ (Vers 30); er wollte in den Hintergrund treten und den Herrn vor die Blicke stellen.

Die ersten drei Verse von Johannes 4 zeigen uns jetzt die Reaktion des Herrn auf diese Streitfrage. Auch Er zeigt uns, dass Er unter keinen Umständen irgendeinen Anlass geben wollte, dass Außenstehende meinen könnten, es bestünde eine Art von Rivalität zwischen Ihm und Johannes dem Täufer. Deshalb verlässt Er diese Szene und geht. Er zieht sich zurück und verlässt Judäa und überlässt Johannes dem Täufer dieses Arbeitsfeld, damit weder Er noch Johannes der Täufer in die Lage käme, auf irgendeine Weise zu dem Anführer einer Auseinandersetzung gemacht zu werden. Es ist ein Ausdruck Seiner Gnade, dass Er hier nicht einen Anschein von Rivalität erwecken, nicht Anstoß geben möchte (Mt 17,27). Auch für uns ist es wichtig, dass wir immer wieder Rücksicht nehmen, damit nicht falsche Eindrücke entstehen.

Wir behalten dabei aber vor Augen, dass der Herr Jesus der Höchste war und ist und immer sein wird. Deshalb können wir in diesem Sinn nicht von Rivalität mit Menschen aus der Sicht des Herrn sprechen, Er ist und bleibt unvergleichlich. Aber aus Sicht der Menschen, hier der Pharisäer, wurden in dem Herrn Jesus und Johannes dem Täufer Rivalen gesehen: beide tauften, und der eine der Beiden taufte mehr.

Derr Herr erkennt hier eine Entwicklung, ohne dass man sie Ihm hätte sagen müssen. Das zeigt Seine Größe, Er kennt alle Gedanken und Ratschlüsse des Menschen, nichts ist vor Ihm verborgen, weil Er der Herzenskenner ist (1.Chron 28,9; Ps 94,11; Apg 15,8).

Der Herr ist in diesem Evangelium von Anfang an der Verworfene. Hier verlässt Er jetzt Judäa im Süden des Landes und geht in den Bereich Galiläas im Norden. Er unterwirft sich der Verwerfung durch die Juden und geht dahin, wo Er Aufnahme findet. Er ist hier auf der Reise, ist ein Fremdling. Die drei anderen Evangelien beginnen übrigens erst mit Seiner Wirksamkeit im ‚Galiläa der Nationen' (Mt 4,15; Jes 8,23–9,1).

„Er musste aber durch Samaria ziehen.“ (Vers 4)

Die Samariter waren ein Mischvolk, und die Juden verkehrten nicht mit ihnen (Vers 9). Durch die Bemerkung dieses Verses wird wieder deutlich, dass der Herr Jesus in diesem Johannes-Evangelium besonders als der Heiland der ganzen Welt vorgestellt wird (Joh 1,29; 3,16; 4,42), der die über die engen Grenzen Israels hinausgeht. Wenn Er in Mt 10,5 Seine Jünger aussendet, gibt Er ihnen dort die Anweisung, nicht auf einen Weg der Nationen zu gehen und auch nicht in eine Stadt Samarias. Das ist typisch für das Matthäus-Evangelium, wo wir den Messias, den König Israels vorgestellt finden, und das Missionsfeld dort sind eben die verlorenen Schafe des Hauses Israels.

Für einen Juden bedeutete es einen Makel, durch Samaria zu ziehen. Wenn man von Judäa im Süden nach Galiläa im Norden zog, führte der kürzeste Weg zwar durch Samaria, aber in der Regel ging kein Jude diesen Weg. Er verließ im Süden das Land und ging über den Jordan und zog auf der anderen Seite des Jordan hoch bis Galiläa, um dort wieder zurück über den Jordan in das Land zu kommen. Die Juden hatten eine Scheu davor, sich eins zu machen mit den Menschen aus Samaria. In den Augen der Juden war die Gegend Samarias regelrecht gebrandmarkt (vgl. Joh 8,48). Der Grund dafür lag in der historischen Vergangenheit des Volkes Gottes im Alten Testament. Als die assyrischen Könige die Bevölkerung des 10-stämmigen Nordreiches in die Gefangenschaft geführt hatten, wurden unter Esar-Haddon verschiedene Völker in dieses Land umgesiedelt (2.Kön 17,24–41), die unter Serubbabel sogar gegen das Volk Gottes gearbeitet hatten (Esra 4,9+10). Durch diese fremden Völker entstand ein gemischter Gottesdienst im Land. Der jüdische Gottesdienst wurde mit heidnischem Götzendienst vermischt – ein Gräuel für Gott! Der Berg Gerisim (der Berg des Segens [5.Mo 11,29; 27,12; Jos 8,33]) war der Ort, der in einer gewissen Rivalität zwischen dem samaritischen Gottesdienst und dem in Jerusalem stand (Vers 20+21).

Wenn der Herr jetzt hier in Samaria zu wirken beginnt, anerkennt Er damit nicht den Zustand Samarias und auch nicht das dort praktizierte System des gemischten Gottesdienstes. Aber Er ist souverän in der Auswahl des Wirkungsbereichs Seiner Gnade, und das bedeutet eben nicht, dass Er damit gleichzeitig die jeweils vorherrschenden Zustände für gut befindet. Was Er hier tut, ist auch beispielgebend für Seinen späteren Auftrag an Seine Jünger (Apg 1,8). Im weiteren Verlauf der Apostelgeschichte finden wir dann in Kapitel 8, „dass auch Samaria das Wort Gottes angenommen“ hatte (Vers 14). Das wunderbare Evangelium nimmt seinen Lauf, und hier in Johannes 4 haben wir ein frühes Licht von dessen späterer Erfüllung. Angedeutet finden wir das schon in dem Segen Jakobs über seinen Sohn Joseph in 1.Mo 49,22: „...die Schösslinge treiben über die Mauer“. Der Segen soll über die Mauer Israels hinausgehen (Eph 2,14).

Wir haben hier ein weiteres göttliches Muss in diesem Evangelium (Joh 3,7+14; 9,4), es ist ein Muss der Gnade Gottes! Der Herr muss durch Samaria ziehen. Dieses muss bedeutet nicht, dass der Herr eigentlich etwas anderes gewollt hätte und Er jetzt etwas tun musste, was Er ursprünglich nicht tun wollte. Er wollte sogar genau das tun, durch Samaria zu ziehen. Es war eine Notwendigkeit zur Ausübung göttlicher Liebe, die Ihn diesen Weg zu dieser Frau gehen ließ. Der Strom der Gnade Gottes wird umgeleitet nach Samaria.

„Er kommt nun in eine Stadt Samarias, genannt Sichar, nahe bei dem Feld, das Jakob seinem Sohn Joseph gab. Es war aber dort eine Quelle Jakobs.“ (Vers 5–6a)

Vielleicht ist bei diesem Vers an 1.Mo 48,22 zu denken, wo Jakob seinem Sohn Joseph einen Landstrich über das Teil seiner übrigen Söhne hinaus vermachte. Vielleicht deutet der Heilige Geist dadurch an, dass Er jetzt in diesem Kapitel einen Segen vorstellen möchte, der weit über das normale Maß hinausgeht. Einen Segen Gottes, den der Herr denjenigen geben möchte, für die Er gekommen war; nicht nur dem Volk der Juden, sondern der ganzen Welt.

Wenn wir auch im Alten Testament nichts davon lesen, dass Jakob je Brunnen gegraben hätte, so sagt der Heilige Geist hier doch, dass dieser Brunnen eine Quelle Jakobs war. Gott bestätigt hier im Neuen Testament eine Tatsache, von der wir im Alten Testament nichts lesen.

„Jesus nun, ermüdet von der Reise, setzte sich so an der Quelle nieder. Es war um die sechste Stunde.“ (Vers 6b)

Was für ein Gegensatz zu Vers 1! Dort hatten wir Seine göttliche Größe darin gesehen, dass Er alles erkannte, was in den Herzen der Menschen war. Hier sehen wir, dass Er bereit war, alles, was mit dem Mensch-Sein verbunden ist, auf Sich zu nehmen. Gibt es treffenderes Bild menschlicher Bedürfnisse, als müde und durstig zu sein? Und so setzte Er sich an der Quelle nieder, so, wie Er war (vgl. Mk 4,36) – ermüdet und durstig. Und doch war Er der Gleiche, von dem es in Jes 40,28 heißt, dass Er nicht ermüdet und nicht ermattet. Unser Herr war wirklich Mensch – aber zur gleichen Zeit war Er auch wahrhaftig Gott (vgl. Mk 4,38+39; Mt 21,18+19)! Und Er verzichtet darauf, Seine eigene göttliche Kraft in dieser Situation für sich selbst einzusetzen. Es wäre Ihm eine Kleinigkeit gewesen, Wasser aus dieser Quelle hervorkommen zu lassen, von dem Er hätte trinken können. Hatte Er nicht in Kapitel 2 ohne ein Wort zu sagen, aus Wasser Wein werden lassen? Aber Er verzichtet darauf, ein solches Wunder zu tun. Wir können mit unserem menschlichen Verstand nicht erfassen, dass in dieser einen Person Gott und Mensch vereinigt sind – aber wir beten Ihn dafür an!

Im Johannes-Evangelium haben wir nach übereinstimmender Auffassung der meisten Ausleger die römische Zeitrechnung mit zweimal 12 Stunden, die erste Tageshälfte begann um Mitternacht, die zweite um 12 Uhr mittags. Es kann deshalb davon ausgegangen werden, dass der Herr hier um 6 Uhr abends mit der Frau zusammentrifft, die zur üblichen Zeit ihr Wasser holen wollte. Der Herr hatte hier einen anstrengenden Fußweg von ungefähr 100 km hinter sich. Und Er kommt ermüdet von der Reise am Abend an diesem Brunnen an. Als wahrhaftiger Mensch litt Er unter den Strapazen des langen und beschwerlichen Weges.

„Da kommt eine Frau aus Samaria, um Wasser zu schöpfen. Jesus spricht zu ihr: Gib mir zu trinken!“ (Vers 7)

Jetzt treffen zwei Ausgestoßene aufeinander. Die Frau war ausgestoßen ihrer großen Sünde wegen, und auch der Herr war nicht gewollt und nicht anerkannt, aber Er war Seiner Heiligkeit wegen verworfen. Wir sehen hier auch die ganze Erniedrigung des ewigen Sohnes Gottes, der da müde und matt vor dieser Frau saß und um einen Trunk Wasser bat. Anbetungswürdiger Herr! Gott, der Höchste, hat sich so tief erniedrigt und zu den elendesten der Elenden herabgeneigt, so dass niemand sagen kann, dass es für ihn nicht gelten würde.

In Seiner Armut als Mensch hatte Er noch nicht einmal ein Gefäß, um sich selbst Wasser schöpfen zu können. Er hatte auch wirklichen Durst, Seine Bitte war echt gewesen. Hat Er eigentlich jemals von dieser Frau den erbetenen Schluck Wasser bekommen? Der Bericht in diesem Kapitel lässt das offen. Sicher hat der Herr noch einen weit tieferen Durst gehabt als den leiblichen Durst; wir singen in einem Lied davon, dass Ihm nach dem Heil verlorener Sünder gedürstet hat. Es war Sein tiefer Wunsch, dass die Gnade Gottes an dieser Seele zum Zuge käme, die selbst durstig war und diesen Durst ihrer Seele bis dahin nie gestillt bekommen hatte. Das prägt diese Begegnung an dem Brunnen Jakobs.

Noch am Kreuz lesen wir von dem Durst des Herrn Jesus nach den drei Stunden der Finsternis (Joh 19,28), und dort bekommt Er Essig und nimmt davon – damit die Schriften erfüllt würden (Ps 69,22).

„Gib mir zu trinken“ ist kein strenger Befehl, aber eine Aufforderung, eine Bitte des Herrn, so hat es diese Frau auch aufgenommen (Vers 9). Die Gnade Gottes wendet sich den Elenden nicht durch Forderungen zu. Was hatte das Herz dieser Frau geöffnet? Die Tatsache, dass Er mit einer Bitte zu ihr kam (vgl. 2.Kor 5,20), dass Er sie nicht verachtete, sondern sich ihr zuwandte. Er knüpft damit bei dem an, was diese Frau hatte, ihrem Wasserkrug. Und Er bittet sie um etwas, mit dem Ziel, weit Höheres geben zu können; für Ihn war das Geben seliger als das Nehmen (Apg 20,35).

Das Gespräch, dass jetzt hier beginnt und in Vers 26 endet, ist schon vom Aufbau her sehr lehrreich. Der Herr Jesus erreicht Sein Ziel mit sieben Äußerungen. Sieben ist die Zahl der Vollkommenheit, und wir haben hier sieben göttlich vollkommene Äußerungen des Herrn Jesus:

  • „Gib mir zu trinken“ (Vers 7)
  • „Wenn du die Gabe Gottes kenntest und wüsstest, wer es ist, der zu dir spricht: Gib mir zu trinken, so hättest du ihn gebeten, und er hätte dir lebendiges Wasser gegeben“ (Vers 10)
  • „Jeden, der von diesem Wasser trinkt, wird wieder dürsten; wer irgend aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, den wird nicht dürsten in Ewigkeit; sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, wird in ihm eine Quelle Wassers werden, das ins ewige Leben quillt“ (Vers 13+14)
  • „Geh hin, rufe deinen Mann und komm hierher“ (Vers 16)
  • „Du hast recht gesagt: Ich habe keinen Mann; denn fünf Männer hast du gehabt, und der, den du jetzt hast, ist nicht dein Mann; hierin hast du die Wahrheit gesagt“ (Vers 17+18)
  • „Frau, glaube mir, es kommt die Stunde, da ihr weder auf diesem Berg noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet. Ihr betet an und wisst nicht, was; wir beten an und wissen, was; denn das Heil ist aus den Juden. Es kommt aber die Stunde und ist jetzt, da die wahrhaftigen Anbeter den Vater in Geist und Wahrheit anbeten werden; denn auch der Vater sucht solche als seine Anbeter. Gott ist ein Geist, und die ihn anbeten, müssen in Geist und Wahrheit anbeten“. (Vers 21–24)
  • „Ich bin es, der mit dir redet“ (Vers 26)

Die Frau zeigt im Verlauf dieses Gesprächs Unverständnis und Ausweichmanöver, aber der Herr lässt sich nicht von Seinem Ziel abbringen. Er möchte nicht nur, dass diese Frau errettet wird, sondern dass sie eine Anbeterin wird. Es war Sein Ziel, dieser Frau die erhabene Wahrheit von der Anbetung in Geist und Wahrheit zu bringen, und alle ihre Fragen können Ihn davon überhaupt nicht abbringen. Er erklärt ihre Fragen gar nicht, sondern geht immer weiter und all Seine Äußerungen bauen vollkommen und zielgerichtet aufeinander auf. Wir brauchen manchmal stundenlang, um einander bestimmte Wahrheiten nahe zu bringen, auch im Evangelium, aber der Herr kommt mit diesen sieben Äußerungen zu Seinem Ziel.

Wir finden in dieser Begegnung und dem Gesprächsbeginn des Herrn auch viel wertvolle Hinweise und Anregungen für die persönliche Weitergabe des Evangeliums. Es ist immer allein das Wort Gottes, das das Gewissen zu erreichen vermag, nicht eigene logische Schlussfolgerungen. Außerdem Herr Jesus kommt zu einer Quelle, Er geht dahin, wo man erwarten kann, dass dort Menschen sind. Er hat dann auch Geduld, setzt sich und wartet. Er beginnt mit einer einfachen Bitte und baut dadurch ein Vertrauensverhältnis auf. Er hat kein Vorurteil, weder gegenüber den Samaritern mit ihrer falschen Religion als gegenüber dieser sündigen Frau, die am Rand der Gesellschaft stand.

Der, der hier um einen Trunk Wasser bittet, ist derselbe, der die Wasser in ein Tuch gebunden hat (Spr 30,4). Der allmächtige Gott, der auf dem Weg nach Samaria aus dem harten Boden eine Quelle hervorsprudeln lassen können, zeigt sich hier in Seiner Niedrigkeit als Mensch und bittet: „Gib mir zu trinken“.

(„Denn seine Jünger waren weggegangen in die Stadt, um Speise zu kaufen.“) (Vers 8)

Wir wissen nicht, ob der Herr die Jünger in die Stadt geschickt hatte, um Speise zu kaufen, oder ob sie von sich aus diesen Weg gegangen sind. Er war jedenfalls an dem Brunnen geblieben; Er wusste, dass diese Frau kommen würde, und Er wollte allein mit ihr reden können. Die Anwesenheit der Jünger, die selbst noch nicht viel von der Gnade Gottes den Elenden gegenüber verstanden hatten, wäre bei diesem seelsorgerlichen und sehr persönlichen Gespräch mit der Frau eher Hindernis als Hilfe gewesen. Es drängt sich aber auch der Eindruck auf, dass die Jünger mehr mit den irdischen Bedürfnissen und Notwendigkeiten beschäftigt waren, als mit den geistlichen, das sehen wir in dem Gespräch mit dem Herrn nach ihrer Rückkehr ab Vers 31.

„Die samaritische Frau spricht nun zu ihm: Wie bittest du, der du ein Jude bist, von mir zu trinken, die ich eine samaritische Frau bin? (Denn die Juden verkehren nicht mit den Samaritern)“. (Vers 9)

Woran erkannte diese Frau wohl auf Anhieb den Herrn Jesus als einen Juden? Offensichtlich muss Er ein äußeres Erkennungszeichen gehabt haben, was Ihn als Juden identifizierte. Die Juden hatten z.B. die Anweisung, eine Quaste aus blauem Purpur zu tragen (4.Mo 15,37–41); eine ständige Erinnerung, dass ihr irdischer Wandel himmlisch orientiert sein sollte, dass sie eine Lebensführung nach dem Maßstab Gottes zeigen sollten. Kann man uns auch als Christen erkennen? Sind wir in unserer nächsten Umgebung als Christen bekannt? Wir sollen den Herrn Jesus Christus anziehen (Röm 13,14), d.h. an uns soll etwas von Christus gesehen werden, wir sollen das Wort des Lebens nicht nur reden, sondern darstellen (Phil 2,15). Das bedeutet also, dass wir unseren Glauben authentisch leben sollen und als solche bekannt sein sollten.

Die Frau scheint zuerst ein wenig auf Abstand zu gehen, scheinbar will sie gar nicht mit Ihm ins Gespräch kommen. Die Juden verkehrten auch deshalb nicht mit den Samaritern, weil die Zwischenwand der Umzäunung durch das Gesetz (Eph 2,14+15) sie daran hinderte. Aber es war nicht nur die Überheblichkeit der Juden gegenüber den Samaritern, sondern es ging auch umgekehrt eine Feindschaft von den Samaritern zu den Juden aus (Lk 9,51–53).

„Jesus antwortete und sprach zu ihr: Wenn du die Gabe Gottes kenntest und wüsstest, wer es ist, der zu dir spricht: Gib mir zu trinken, so hättest du ihn gebeten, und er hätte dir lebendiges Wasser gegeben.“ (Vers 10)

In gewissem Sinn haben wir in diesem Vers einen Hinweis auf die drei Personen der Gottheit. Zuerst zeigt der Herr Jesus hier, dass Gott ein Geber ist; jede menschliche Religion sieht Gott als einen fordernden Gott. Als zweites offenbart Er etwas von Seiner eigenen Herrlichkeit und Größe. Und drittens zeigt Er die große Gabe des Heiligen Geistes, nicht als Person, sondern als Kraft Gottes.

Der Herr Jesus leitet Sein zweites Wort zu der Frau mit einem wenn ein, Er formuliert also einen Bedingungssatz, nennt eine Voraussetzung, die erfüllt sein müsste, damit die Folgerung Wirklichkeit würde. Hier liegt allerdings eine Konstruktion im griechischen Text vor, die deutlich macht, dass der Herr die Bedingung als nicht erfüllt ansieht. Er zeigt damit, dass Er wusste, dass diese Frau die Gabe Gottes nicht kannte. Und das zweite, das Er anspricht, nämlich ob sie wohl wüsste, wer da am Brunnen ihr gegenüber saß und um den Trunk Wasser bat, zeigt die einfache Wahrheit, dass man Kenntnis über Gott nur über die Person des Sohnes bekommen kann, über den Herrn Jesus. Und gerade das ist das große Problem für den natürlichen Menschen.

Der Herr Jesus spricht hier in bildhafter Ausdrucksweise und knüpft an das natürliche Wasser an, was der Frau natürlich nichts Unbekanntes war. Er gebraucht keine geistlichen Begriffe, die die Frau überhaupt nicht hätte verstehen können. Auch darin können wir von Ihm lernen. Wahrscheinlich dachte sie bei dem lebendigen Wasser an Wasser, das nicht aus einer Zisterne, sondern aus einer Quelle kommt. Lebendiges Wasser ist frisches Quellwasser, das von selbst springt; normales Wasser ist Zisternenwasser, aufgefangenes Regenwasser oder sonstiges abgestandenes Wasser.

Wasser hat ja im Wort Gottes mehrere geistliche Bedeutungen. Allgemein gesprochen ist es ein Bild vom Wort Gottes in seiner reinigenden Kraft (Joh 3,5; Eph 5,26). Das lebendige Wasser hier und in Joh 7,38+39 ist zweitens ein Bild von dem Heiligen Geist, in Joh 4 geht die Bedeutung vielleicht sogar noch weiter (siehe Vers 14). Eine dritte Bedeutung haben wir noch in Offb 22,17, wo es ein Bild von dem ist, was Gott uns schenkt, dem ewigen Leben.

Die Juden hatten die Quelle lebendigen Wassers verlassen (Jer 2,13; 17,13); und da dieses bevorrechtigte Volk Ihn nicht wollte, wendet Er sich in Seiner Gnade denen zu, die natürlicherweise kein Anrecht darauf hatten.

Was der Herr mit der Gabe Gottes in diesem Vers letztendlich meint, können wir nicht mit Bestimmtheit sagen. Er sagt es nicht konkret, und es scheint wirklich im Vordergrund zu stehen, dass Gott ganz allgemein als der Geber groß werden soll. Wir wollen es nicht beschränken auf die Person des Heiligen Geistes, sondern darin alles sehen, was Gott gibt. Gott gibt den Sohn (Joh 3,16), Gott gibt den Heiligen Geist (Joh 14,16), Gott gibt das ewige Leben (Tit 1,2); es ist der ganze Segen, der in der Person des Sohnes – der unaussprechlichen Gabe Gottes (2.Kor 9,15) – zu uns Menschen gekommen ist. Bruder Darby hat einmal gesagt, dass hier der gegenwärtige Genuss des ewigen Lebens in der Kraft des Heiligen Geistes gemeint sei. Das Zentrum davon ist der Herr Jesus. Es ist der ganze Reichtum, der nicht mit dieser armseligen Erde in Verbindung steht.

Mussten wir Gott bitten, dass Er uns den Geist Gottes gibt? Wenn ein Mensch zum Glauben kommt und durch Gott ewiges Leben geschenkt bekommt, dann ist Gott auch weiter der Geber und gibt uns von Sich aus den Heiligen Geist, ohne dass wir Ihn darum bitten müssten. Gott möchte, dass wir über diese Gabe nachdenken, um sie besser zu kennen: der Heilige Geist in Verbindung mit dem ewigen Leben.

„Die Frau spricht zu ihm: Herr, du hast kein Schöpfgefäß, und der Brunnen ist tief; woher hast du denn das lebendige Wasser? Du bist doch nicht größer als unser Vater Jakob, der uns den Brunnen gab, und er selbst trank daraus und seine Söhne und sein Vieh?“ (Vers 11+12)

In Joh 7,3+39 ist das lebendige Wasser eindeutig ein Bild von dem Heiligen Geist. Auch im Alten Testament finden wir schon einen Hinweis auf die Verbindung von Wasser und Heiligem Geist (Jes 44,3). Die Frau aber konnte noch überhaupt nicht verstehen, was der Herr Jesus mit diesen Worten meinte, weil sie noch keine Beziehung zu Gott hatte, und weil sie als Samariterin nicht das ganze Alte Testament sondern nur die fünf Bücher Mose anerkannte. Wir Gläubigen der Gnadenzeit können, belehrt durch den Geist Gottes, ein Verständnis von dem haben, was der Herr Jesus hier meint.

Die Frau dachte nur an das Wasser, das die irdischen Bedürfnisse des Körpers stillt; und sie sah in dem Herrn Jesus noch nicht einmal eine Person, die irgendwie an Jakob heranreichte. Es ist nicht sicher, welchen Brunnen die Frau genau meint. In 1.Mo 26,19 lesen wir von einem Brunnen lebendigen Wassers, den allerdings nicht Jakob, sondern die Knechte Isaaks gruben und der geografisch sich auch an einer ganz anderen Stelle viel weiter südlich von Samaria befand. Von Jakob selbst finden wir im Alten Testament überhaupt nicht berichtet, dass er einen Brunnen gegraben hätte. Nur der Heilige Geist hatte das in Vers 6 dieses Kapitels bestätigt.

Wenn diese Frau von Jakob als unserem Vater spricht, dann maßt sie sich etwas an, wozu sie eigentlich nicht berechtigt war. Sie stammte gar nicht aus Israel, sondern war eine Frau aus Samaria. Jakob war nicht ihr Vater, war nicht der Vater der Samariter. Was die Frau hier von Jakob und seinem Vieh hinzufügt, berichtet die Bibel nicht, basiert also nicht auf dem geschriebenen Wort Gottes. Diese Überlieferung war nicht wahr. Wir sehen darin, wie weit diese Tradition ging, und dass diese Frau in völliger Unkenntnis war.

Die Frau stellt mit ihren Worten einen Vergleich zwischen dem Herrn Jesus und einem Menschen an. Wir finden mehrere Situationen in Gottes Wort, wo der Herr Jesus bei solchen Vergleichen als der Größere, als der Bessere und Herrlichere bezeichnet wird. Der Heilige Geist wacht immer mit Eifersucht darüber, dass dann, wenn Vergleiche zwischen dem Herrn und Menschen angestellt werden, Er als der Größere vorgestellt wird (Mt 12,41+42; Joh 5,36; 8,53; Hebr 3,3). Haben wir auch solche Eindrücke von dem Herrn, haben wir auch viel über Ihn zu sagen (Hebr 5,11)?

Die Anspielung auf das fehlende Schöpfgefäß zeigt, was der natürliche Mensch meint, sich in religiöser Hinsicht durch eigene Anstrengung Glück, Erfolg und Lebenserfüllung erarbeiten zu können. Und der Vergleich mit Jakob zeigt, dass Religion, religiöse Anmaßung, Traditionsbewusstsein und Stolz ein Hindernis sind, Den zu erkennen, der Gott offenbart im Fleisch ist. Viele Menschen sind gefangen in menschlichen Traditionen und haben deshalb keinen Blick für den Sohn Gottes. Aber das Herz kommt erst zur Ruhe, wenn es in dem Sohn der Liebe des Vaters den ganzen Umfang des Lebens in seinem vollen Ausmaß erkennt und genießt.

„Jesus antwortete und sprach zu ihr: Jeden, der von diesem Wasser trinkt, wird wieder dürsten; wer irgend aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, den wird nicht dürsten in Ewigkeit; sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, wird in ihm eine Quelle Wassers werden, das ins ewige Leben quillt.“ (Vers 13+14)

Der Herr Jesus lässt sich durch den Einwand der Frau und durch ihr fehlendes Verständnis überhaupt nicht abbringen von Seiner Linie. Er gibt nicht auf und erklärt ihr weiter, dass Er gar nicht von dem sprechen wollte, was irdische Bedürfnisse nur vorübergehend stillt. Er hat weitaus mehr zu geben. Ist es nicht bei uns auch so, dass wir oft so beschäftigt und in Beschlag genommen sind von den irdischen Dingen, dass wir überhaupt nicht begreifen, welchen Segen es an himmlischen Dingen gibt? Dass wir die Person des Herrn Jesus nicht besser kennenlernen, weil wir in irdischen Dingen gefangen sind? Ähnlich ist es auch später bei den Jüngern, die als Glaubende doch eigentlich viel mehr Verständnis hätten haben müssen als diese sündige Frau. Aber auch sie dachten nur an die irdische Speise (Vers 33).

Die Erwiderung des Herrn beinhaltet drei wunderbare Punkte:

  • er wird nicht dürsten in Ewigkeit: er findet eine vollkommene Befriedigung in dem, was der Herr Jesus zu geben vermag, eine Befreiung von allen Begierden, Vergnügungen, Gebundenheiten, Sünden
  • es wird in ihm eine Quelle Wassers werden: es führt zur Gemeinschaft mit Gott, dem Geber; wir teilen die Gedanken Gottes über Seinen Sohn, und die Gedanken des Sohnes über den Vater; dieses Wasser hat seinen Ursprung nicht in uns, und darin liegt die Sicherheit für uns
  • die ins ewige Leben quillt: es führt zur Anbetung; dieser Ausdruck wird auch mit aufspringen übersetzt (Apg 3,8; 14,10), es wirkt wie eine Fontäne; dieses lebendige Wasser als unser gegenwärtiger Besitz quillt in die Heimat des ewigen Lebens, bis wir am Ziel sind, wo das ewige Leben zu Hause ist

Völlige Befreiung – innige Gemeinschaft – Anbetung; was für eine wunderbare Gabe! Kennen wir den gegenwärtigen Genuss, der damit in Verbindung steht? Findet alle Aktivität unseres Tuns seine Kraft in dieser Gemeinschaft?

Ist es nur der Heilige Geist, der den Durst der Seele stillt? Fängt das nicht schon eher an, wenn wir durch den Glauben an den Herrn Jesus den vollen Frieden unserer Seele finden? Das wird bewirkt durch das ewige Leben in uns. Vielleicht können wir es so ausdrücken, dass wir in der Gabe Gottes den Genuss des ewigen Lebens in der Kraft des Heiligen Geistes und in der Auswirkung der Anbetung verstehen können. Der Heilige Geist kommt nur in einen Menschen hinein, der schon das ewige Leben besitzt. Ein unermesslicher Segen, den wir nicht zu erfassen vermögen!

Der natürliche Durst wird durch Wasser gestillt. Wasser ist für unseren Körper lebensnotwendig und hat auch eine wunderbar belebende Wirkung auf unseren Körper. Aber die Menschen suchen auch Wasser für ihre Seelen. Auch das wird in dieser Welt angeboten, denken wir nur an die Philosophie, an die verschiedenen Religionen, auch an die verschiedenen Auslegungen der Bibel, die nicht schriftgemäß sind. Aber all das vermag das tiefe Verlangen der Seele nicht zu stillen – wer von diesem Wasser trinkt, wird wieder dürsten. Lassen wir uns davor warnen, solches Wasser zu suchen, das den Durst der Seele nicht stillen kann! Es mag interessant erscheinen, aber man gelangt da oft in eine Abhängigkeit von Systemen, die tiefe Not für die Seele bringen. Es gibt viel gefährliche Literatur, die aus dem Geist der Menschen hervorkommt, da müssen wir überaus vorsichtig sein und uns bewusst davon abwenden.

Seit dem Sündenfall ist der Mensch dadurch gekennzeichnet, dass er Durst hat nach etwas, was er nicht besitzt; dass er hinter etwas herläuft, was er nie zu fassen bekommt. Die edelste Form von diesem geistlichen Durst ist die menschliche Hoffnung. Darin tröstet sich der Mensch irgendwie, und hat doch nichts in der Hand, er dürstet weiter. Völliger Frieden bzw. Ruhe der Seele ist allein in dem Herrn Jesus zu finden.

Im Unterschied zu irdischem Wasser gibt es ein göttliches Wasser, lebendiges Wasser, das bewirkt, dass der, der davon trinkt, nicht dürsten wird in Ewigkeit. Gott hat nicht nur ewiges Leben gegeben, sondern in dem Gläubigen etwas völlig Neues bewirkt; er besitzt jetzt eine Kraftquelle, die so wirkt, dass er nie wieder Durst haben wird, jegliche Befriedigung ist damit verbunden. Gott, der Heilige Geist, gibt dem Leben in uns Kraft und Ziel und befähigt den Gläubigen, zur Ruhe zu kommen. Ist uns bewusst, wen Gott uns gegeben hat? Haben wir schon dafür gedankt, dass Gott, der Heilige Geist, uns geschenkt worden ist? Er ist eine Kraftquelle in uns, die in der Lage ist, jeglichen Anforderungen Gottes an den Menschen zu entsprechen (Röm 8,2). Der Heilige Geist ist eine Person der Gottheit, wird hier aber als Quelle der Kraft vorgestellt; nächst der Person des Herrn Jesus ist Er die größte Gabe, die Gott uns geschenkt hat.

Wir finden im Johannes-Evangelium sieben wertvolle Aussagen mit dieser stärksten Form der Verneinung zukünftigen Geschehens, es bedeutet immer soviel wie niemals nicht, nimmermehr, keinesfalls:

  • „Wer irgend aber von dem Wasser trinkt...den wird nicht dürsten in Ewigkeit“ (Joh 4,14)
  • „Wer zu mir kommt, wird nicht hungern“ (Joh 6,35)
  • „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen“ (Joh 6,37)
  • „Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis wandeln“ (Joh 8,12)
  • „Wenn jemand mein Wort bewahrt, so wird er den Tod nicht sehen in Ewigkeit“ (Joh 8,51)
  • „Wnd sie gehen nicht verloren in Ewigkeit“ (Joh 10,27+28)
  • „Jeder, der lebt und an mich glaubt, wird nicht sterben in Ewigkeit“ (Joh 11,26)

„Die Frau spricht zu ihm: Herr, gib mir dieses Wasser, damit mich nicht dürste und ich nicht mehr hierher komme, um zu schöpfen.“ (Vers 15)

Hier beginnt der zweite große Teil in der Unterredung des Herrn Jesus mit dieser Frau. Ihre Bitte macht deutlich, dass ihr Interesse geweckt worden ist, aber es macht auch deutlich, dass sie von dem, was der Herr Jesus vorgestellt hatte, noch nichts verstanden hatte. Sie denkt immer noch an den natürlichen, menschlichen Durst; sie will nicht mehr zu diesem Brunnen kommen müssen, um das Wasser zu schöpfen. Das treibt auch den natürlichen Menschen bis heute an: er möchte die natürlichen Bedürfnisse gestillt bekommen, ohne sich dafür anstrengen zu müssen.

Jesus spricht zu ihr: Geh hin, rufe deinen Mann und komm hierher!“ (Vers 16)

Der Herr lässt sich wieder überhaupt nicht beeinflussen durch das fehlende Verständnis der Frau und durch ihre Frage. Er sagt ihr nicht, dass Er gar nicht von diesem Wasser spricht, sondern Er geht einfach weiter bis Er zu Seinem Ziel mit dieser Frau kommt.

Und Er spricht jetzt ihr Gewissen an. Die Frage der Sünde in ihrem Leben muss angesprochen und geklärt werden. Und der Herr tut das auf eine göttlich vollkommene Weise. Er spricht das Problem in ihrem Leben treffsicher und punktgenau an – aber Er offenbart Gnade, denn Er verurteilt nicht. In dem „geh hin“ wird deutlich, dass die Sünde in ihrem Leben sie noch von Gott trennt; aber in dem „komm hierher“ zeigt Er, dass Er Gnade Gottes offenbaren möchte, dass Er ihr gern etwas schenken möchte. Ihre Sünde ist vor Gott offenbar, aber nicht zu ihrer Verdammnis. Elihu hatte einmal dem Hiob mit den Worten Hoffnung gemacht, dass sein Druck nicht schwer auf ihm lasten würde (Hiob 33,7). In der Überführung und Seelsorge ist das Ausüben von Druck kein zielführendes Mittel.

Die Worte des Herrn sind ein schönes Beispiel für die Worte aus Joh 1,17: „Das Gesetz wurde durch Mose gegeben, die Gnade und die Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden“. Das Gesetz hätte die Sünde und damit auch diese Frau verurteilt. Aber jetzt war der Herr Jesus gegenwärtig, und Er übt hier Gnade und hält gleichzeitig die Wahrheit aufrecht. Bei Ihm geht nie Gnade auf Kosten der Wahrheit, und genauso übt Er nicht Wahrheit aus, ohne die Gnade hochzuhalten. Beides ist bei Ihm in vollkommenem Gleichklang.

„Die Frau antwortete und sprach zu ihm: Ich habe keinen Mann.“ (Vers 17a)

Der Herr hatte die Frau mit den Worten aufgefordert: „Rufe deinen Mann“, und hatte damit von einer Beziehung gesprochen, wie sie nach den göttlichen Maßstäben richtig gewesen wäre. Die Antwort der Frau ist der Versuch einer Ausflucht. Aus dem, was sie erwidert, und aus dem, was der Herr ihr weiter darauf antwortet, kann man nicht schließen, dass sie fünfmal verheiratet gewesen war und jetzt mit einem Mann zusammenlebte, ohne verheiratet zu sein. Vom Grundtext her ist nicht klar zu sagen, ob hier von Ehemann oder ganz allgemein nur von Mann gesprochen wird. Es könnte genauso gut sein, dass sie mit keinem der sechs Männer verheiratet gewesen war. Gott hatte gesagt: ein Mann und eine Frau (1.Mo 2,24), und dass diese Frau hier sogar mit einem sechsten Mann in Beziehung stand, macht deutlich wie weit weg diese verworfene Frau von den Gedanken Gottes war. Wie immer auch diese verschiedenen Beziehungen zu den Männern geartet sein mochten, sie konnten vor dem Auge Gottes nicht standhalten.

„Die Frau antwortete und sprach zu ihm: Ich habe keinen Mann. Jesus spricht zu ihr: Du hast recht gesagt: Ich habe keinen Mann; denn fünf Männer hast du gehabt, und der, den du jetzt hast, ist nicht dein Mann; hierin hast du die Wahrheit gesagt.“ (Joh 4,17.18)

Diese Frau war in ihrem bisherigen Leben nur auf der Suche nach der Erfüllung ihrer fleischlichen Begierde gewesen. Ihr Leben zeigt bildhaft, dass der Mensch immer wieder das Gleiche tut und doch nie zur Befriedigung kommt. Paulus schreibt an Timotheus von solchen, die „mit Sünden beladen, von mancherlei Begierden getrieben werden, die allezeit lernen und niemals zur Erkenntnis der Wahrheit kommen können“ (2.Tim 3,6+7). Und in einem Lied singen wir: „Sie suchen, was sie nicht finden in Liebe und Ehre und Glück, und sie kommen beladen mit Sünden und unbefriedigt zurück“.

Erst in Vers 26 hat ihr Suchen in der Person des Herrn Jesus ein Ende gefunden, und dann kann sie auch ihren Wasserkrug, der bis dahin der zentrale Punkt ihres ganzen Denkens war, stehen lassen. Mit dieser scheinbar nebensächlichen Erwähnung in Vers 28 gibt Gott uns eine Belehrung auf moralischem Boden. Es ist der Hinweis darauf, dass dieses Suchen endlich ein Ende gefunden hatte. Es gibt viele Beispiele dafür, dass Menschen von Bindungen und Süchten frei werden können, ihren Krug stehen lassen können, wenn Gott in ihnen ein Werk tun konnte. Er wirkt immer vollkommene Befreiung.

Zweimal betont der Herr, dass die Frau mit dem, was sie geantwortet hatte, die Wahrheit gesagt hatte. Aber die ganze Wahrheit hatte sie doch nicht gesagt, hatte versucht zu verbergen und wollte sie nicht ans Licht bringen. Deshalb sagt Er ihr dann die ganze Wahrheit direkt auf den Kopf zu. Dadurch wird der Frau ihr wirklicher trauriger Zustand offenbart. Mit einem einzigen Satz macht Er ihr ganzes Leben offenbar. Vielleicht wusste kein anderer in der Stadt von diesem Zustand (vgl. Eph 5,12; Mk 4,22), aber vor den Augen des Herrn ist alles bloß und aufgedeckt (Hebr 4,13).

„Die Frau spricht zu ihm: Herr, ich sehe, dass du ein Prophet bist“. (Vers 19)

Durch die Worte des Herrn ist das Gewissen der Frau getroffen. Sie sieht sich in das Licht Gottes gestellt und erkennt ihren Zustand. Sie nennt den Herrn einen Propheten; damit ist hier nicht gemeint, dass Er jemand sei, der die Zukunft vorausgesagt hätte. Ein Prophet ist jemand, der mit Aussprüchen Gottes die Seelen der Hörer in das Licht Gottes stellt. Zweimal wird sowohl von Elia als auch von Elisa gesagt, dass sie solche waren, die vor dem Angesicht Gottes standen (1.Kön 17,1; 18,15; 2.Kön 3,14; 5,16). Die Frau sah sich in der Gegenwart eines Boten Gottes, der ihr direkt Worte aus der Gegenwart Gottes in ihr Gewissen redete.

Es ist eine Gefahr in unseren Tagen, dass das Wort Gottes nur zum Herzen der Hörer geredet wird und nicht zu ihrem Gewissen. Das ist zu wenig. Wenn das Gewissen nicht erreicht wird, kommen wir nicht in das Licht Gottes. Und nur dann erkennen wir die Notwendigkeit der Errettung, und dass es nur einen Weg gibt, auf dem wir errettet werden können. Wer nicht in Sündennot kommt, meint auch nicht, dass er einen Retter nötig hätte.

Was der Herr Jesus hier in Seiner Weisheit tut, das können wir nicht tun, weil wir nicht allwissend sind und den Lebenshintergrund der Menschen in der Regel nicht kennen. Aber Er ist uns doch ein Vorbild in dem, was Er tut: Er stellt der Frau ganz klar ihre Schuld vor Augen und macht sie sich dadurch ihrer Schuld bewusst. Wenn ein Mensch wirklich vor seine eigene Schuld gestellt wird, dann gibt es nur zwei Reaktionen: entweder er stellt sich der Schuld, dann wirkt Gott weiter, oder er wendet sich ab und geht (vgl. Joh 8,7–9). Leider erleben wir oft, dass man weggeht.

Das gilt übrigens auch für uns Gläubige! Wenn unser Gewissen in einer Sache in das Licht Gottes gestellt wird, ist das ein ganz entscheidender Punkt. Wenn ich dadurch zu einem Bekenntnis und einer Umkehr geführt werde, ist es gut. Aber wenn ich mein Gewissen verschließe und in dem fortfahre, worauf mich Gott durch ein prophetisches Wort aufmerksam gemacht hat, wird es außerordentlich gefährlich. Wir wollen deshalb achtsam sein, wenn Gott uns ein prophetisches Wort sagen lässt.

Diese Frau aber bleibt stehen, und wir können sicher sein, dass in diesem Augenblick der Geist Gottes in ihrem Herzen wirkte. Wir erkennen jetzt auch, wie wichtig die ersten Verse in dieser Unterredung waren. Warum ist die Frau nicht davongegangen? Weil sie den Herrn kennengelernt hatte als einen, der von Gnade geprägt ist, der sich ihr zugewendet hatte. Sie hatte empfunden, dass Er sie nicht richten wollte. Sie hatte Ihn nicht nur verstandesmäßig als Prophet bezeichnet, sondern sich vor Ihm offenbart gefühlt.

„Unsere Väter haben auf diesem Berg angebetet, und ihr sagt, dass in Jerusalem der Ort sei, wo man anbeten müsse.“ (Vers 20)

Die Frau versucht jetzt wieder, auszuweichen und das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken. Diese beiden Erfahrungen macht man oft in Gesprächen mit Verlorenen, dass einerseits Unverständnis vorhanden ist und andererseits man ausweichen möchte. Aber der Herr lässt sich wieder nicht von Seinem Ziel abbringen.

Wenn sie jetzt beginnt von Anbetung zu sprechen, nimmt sie sich selbst doch davon aus, denn sie spricht im Blick auf die Samariter von den Vätern. Ob sie vielleicht empfand, dass der persönliche Zustand ihres Lebens nicht passend war für die Anbetung Gottes? Aber sie sah in dem Herrn den Boten Gottes und stellt jetzt die Frage, welches denn der richtige Weg sei, um Gott in Anbetung zu nahen.

Mit dem Berg, den sie hier anführt, meint sie den Berg Gerisim. Auf diesem Berg sollte Josua den Segen über das Volk im verheißenen Land aussprechen (5.Mo 11,29; 27,12; Jos 8,33). Als dann in der späteren Geschichte des Volkes diese samaritische Mischreligion entstand, wählten sie sich zu ihrem Heiligtum den Berg Gerisim in der Nähe von Sichem. Mit ihren Worten macht die Frau deutlich, dass sie der Anbetung der Samariter eine höhere Bedeutung beimaß, als dem, was die Juden darüber sagten. Die Anbetung der Samariter ist nach ihren Worten absolut positiv, und was die Juden darüber so sagten, stellt sie in einen gewissen Gegensatz dazu. Damit distanziert sie sich in gewisser Hinsicht von der jüdischen Anbetung und fragt den Herrn, was denn nun das Richtige sei.

Die Anbetung der Juden im Alten Testament war von Gott gegeben worden. Gott hatte einen Bund mit einem Volk gemacht, dass Er zu Seinem Volk erklärt hatte, und hatte ihm Anweisungen über Anbetung gegeben hatte. Diese Anbetung war nicht geistlich, sondern materiell. Die von Gott angeordnete Anbetung der Israeliten bestand in Opfern, Schlachtopfern, bei denen das Volk die wahre Bedeutung in ihrer ganzen Tiefe überhaupt nicht verstehen konnte. Und es kommt noch hinzu, dass diese Opfer gar nicht der tiefste Gedanke Gottes waren. Ihm ging es auch damals um die Anbetung aus dem Herzen (vgl. Ps 141,2). David hatte offenbar verstanden, dass die materiellen Opfer zwar eine äußerliche Anordnung Gottes waren, aber nicht Sein tiefstes Sehnen befriedigten. Und durch gottesfürchtiges Sinnen darüber sind manche Gläubige des Alten Testaments zu der Erkenntnis gelangt, dass es Gott weit mehr um den Zustand der Herzen Seines Volkes in innerer Anbetung ging.

Jesus spricht zu ihr: Frau, glaube mir, es kommt die Stunde, da ihr weder auf diesem Berg noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet.“ (Vers 21)

Das einzige Hilfsmittel, wenn verschiedene Meinungen aufeinanderprallen, ist, allein dem zu vertrauen, was der Herr zu dieser oder jener Frage sagt. Das ist ganz besonders wichtig, wenn es – wie hier – um den Ort der Anbetung geht. Die Antwort auf unterschiedliche Meinungen im Blick auf den Ort der Anbetung ist immer, dem zu glauben, was der Herr darüber sagt. Er lässt eine aufrichtig suchende Seele nicht im Unklaren darüber. Als die Jünger den Ort für das Passah bereiten sollten, hatten sie den Herrn gefragt, wo Er das haben wollte (Mk 14,13). Sie sollten dem Mann mit dem Wasserkrug folgen, und der führte sie genau dorthin, wo der Herr es haben wollte. Das sind auch heute unsere göttlichen Führer in jeder Frage: das Wort des Herrn und die Leitung des Heiligen Geistes.

Der Herr Jesus ist allein derjenige, der kompetent ist, die Frage zur Anbetung zu beantworten. Er zeigt der Frau, dass weder der Berg Gerisim noch die Stadt Jerusalem der Ort der Anbetung sei, sondern dass es um die Anbetung einer Person geht – ein ganz neuer Inhalt. Die Feststellung der Frau ist eigentlich schon überholt. Mit einem einzigen Satz wischt der Herr Jesus die Jahrhunderte alte Religion der Samariter und auch die von Gott selbst verordnete Ordnung des jüdischen Gottesdienstes beiseite! Niemand anderes hätte das tun können oder tun dürfen, nur der Sohn Gottes selbst; und Er allein ist es auch, der jetzt diesen neuen Gegenstand der Anbetung des Vaters einführt.

Ihr betet an und wisst nicht, was; wir beten an und wissen, was; denn das Heil ist aus den Juden“. (Vers 22)

Der Herr sagt jetzt nicht wie die Frau vorher, dass nur die Väter der Samariter auf dem Berg Gerisim angebetet haben, sondern dass alle Samariter es auch jetzt noch tun. Diese Religion der Samariter war eine von Menschen ersonnene Religion, vermischt mit jüdischen Elementen. Religion in diesem Sinn meint ein System von Schritten, die der Mensch tun muss, um aus eigener Anstrengung zu Gott zu kommen – unabhängig davon, wer dieses System erdacht und eingerichtet hat. Was findet man nicht auch heute alles auf diesem Gebiet! Alles, was nicht das Wort Gottes zur Grundlage hat, ist menschliche Religion; alles außer dem Christentum ist menschliche Religion. Auch das Judentum heute ist eine menschliche Religion, obwohl sie zur Zeit des Alten Testaments die einzige göttliche Religion war (Apg 25,19). Gott hatte den Menschen Seines irdischen Volkes ein System gegeben, dass ihnen Leben und Segen schenken würde, wenn sie es erfüllten (3.Mo 18,4+5; 5.Mo 6,1–3). Dieses System, diese Religion war als einzige vollkommen, weil sie von Gott gegeben war. Und gerade diese Religion konnte der Mensch wegen seiner Sündhaftigkeit nicht halten und deshalb auf diesem Weg nicht zu Gott kommen.

Der Herr Jesus ist der, in dem allein das Heil zu finden ist. Paulus schreibt den Römern, dass aus dem irdischen Volk Gottes dem Fleisch nach der Christus ist (Röm 9,3–5). In diesem Sinn ist das Heil aus den Juden. Für die christliche Anbetung musste aber erst das Werk am Kreuz von Golgatha vollbracht werden. Wenn der Herr Jesus dieses Werk nicht vollbracht hätte, könnte es keine Anbetung in Geist und Wahrheit geben. Wie groß ist diese Person! In Ihm nimmt diese Stunde der christlichen Anbetung ihren Anfang, Er ist der Begründer dieser Anbetung. Wir Christen aus den Nationen sollen auch nie vergessen, dass das Heil aus den Juden ist, dass der, der das Heil bewirkt hat, aus dem Judentum stammt (2.Tim 2,8).

Es kommt aber die Stunde und ist jetzt, da die wahrhaftigen Anbeter den Vater in Geist und Wahrheit anbeten werden; denn auch der Vater sucht solche als seine Anbeter. Gott ist ein Geist, und die ihn anbeten, müssen in Geist und Wahrheit anbeten“. (Vers 23+24)

Jetzt führt der Herr die Frau zu einer Zeit, wo beides beiseitegesetzt sein wird, sowohl die menschliche Religion der Samariter als auch die von Gott verordnete Religion der Juden. Etwas völlig Neues würde kommen. Diese Stunde, von der Er hier spricht, ist keine Stunde von 60 Minuten, sondern eine Zeitepoche. Sie war zu dem Zeitpunkt dieses Gesprächs noch nicht gekommen. Wenn der Herr Jesus hier sagt, dass diese Stunde jetzt sei, so hatte sie damals zwar noch nicht direkt begonnen, aber ihr Fundament dadurch bekommen, dass Der, der sie einführte, schon anwesend war.

Anbetung in Geist und Wahrheit kann es erst geben nach dem vollbrachten Erlösungswerk und dem Herabkommen des Heiligen Geistes. Die Anbetung Gottes als Vater ist die einzige Tätigkeit, die wir als Gläubige hier auf der Erde beginnen und die in alle Ewigkeit fortdauern wird. Alles andere wird aufhören: Belehrung, Ermahnung, Konferenzen, Evangelisationen – alles wird es dann nicht mehr geben. Aber die Anbetung wird dann erst zu ihrer vollen Entfaltung kommen.

Wahrhaftige Anbeter sind wahre, wirkliche Anbeter. Das setzt voraus, dass ein Anbeter neues Leben hat, dass er sich der Vergebung seiner Sünden gewiss ist. Wir kennen heute christliche Zusammenkünfte, in denen wahre Gläubige mit ungläubigen Menschen zusammen Gott Anbetung bringen wollen. Aber wo solche Vermischung stattfindet, kann nicht unser Platz sein, denn Gott kann diese Art von Anbetung niemals anerkennen.

Es wird nicht oft von Gott gesagt, dass Er etwas sucht. „Der Sohn des Menschen ist gekommen, zu suchen und zu erretten, was verloren ist“ (Lk 19,10). Und unter denen, die errettet worden sind, sucht der Vater solche, die Ihn anbeten. Wie sieht das in der Realität aus? Satan hat nur ein Ziel: Ungläubige von Gott fern zu halten und Gläubige vom Vater fern zu halten. Das Bewusstsein der intimen Nähe des Kindes Gottes zum Vater findet seinen höchsten Ausdruck in der Anbetung des Vaters in Geist und Wahrheit – und genau das sucht der Teufel ständig zu verhindern und zu unterbinden.

Christliche Anbetung

Christliche Anbetung ist etwas ganz Erhabenes! Was bedeutet Anbetung? Anbetung ist die Antwort unserer Herzen auf eine Offenbarung Gottes. Wenn wir etwas erkennen von der Größe und Herrlichkeit des Herrn Jesus, ist die Reaktion unserer Herzen Anbetung. Und im Mittelpunkt unserer Anbetung steht eine Person. Gott offenbart sich mit dem Ziel, Anbetung zu empfangen. Anbetung ist das, was wir Gott über das sagen, was Er in Sich selbst ist und wir darüber erkannt haben. Wir beten Ihn an für das, was Er in Seinem tiefsten Wesen in Sich selbst ist. Wenn man anbeten will, muss man Gott kennen. Und deshalb konnte es, solange der Vater nicht offenbart war, auch keine Anbetung des Vaters geben in Geist und Wahrheit. Anbetung ist auch das, was wir Gott sagen über die Person Seines Sohnes, was wir an Ihm gefunden haben. Denn nur durch Ihn haben wir überhaupt Kenntnis von Gott als Vater, alles, was wir von Gott wissen, ist in dem Herrn Jesus zu sehen.

Anbetung in Geist und Wahrheit konnte im Alten Testament nicht geschehen, weil Gott noch nicht vollkommen offenbart war. In dem Sinn wie der Herr Jesus hier von Anbetung spricht, ist Gott nie im Alten Testament angesprochen worden. Niemand im Alten Testament wusste, was Gott in Seinem tiefsten Wesen als Vater bedeutete. Auch Engel beten Gott in diesem Sinn nie als Vater an. Auch in der Zeit nach der Entrückung der Versammlung wird Gott auf dieser Erde wieder angebetet werden, aber nicht in dem Sinn dieser Verse hier. Nur durch den Sohn auf der Erde wurde Gott als Vater offenbart (Mt 11,27); als der ewige Sohn, der im Schoß des Vaters ist (Joh 1,18), war Er der einzige, der das tun konnte. Er konnte zu Philippus sagen: „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen“ (Joh 14,9). Auf dieser Erde wird Gott als Vater nur jetzt in dieser wunderbaren Zeit der christlichen Haushaltung, in der wir leben, angebetet. Erst als der Herr das Erlösungswerk vollbracht hatte und nach Seiner Auferstehung Maria Magdalene den Auftrag an ihre Mitgläubigen gab: „Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater und meinem Gott und eurem Gott“, wurde offenbar, dass die Kinder Gottes einen Vater haben.

Vater ist das tiefste Wesen Gottes! Als Gott die Welt geschaffen hatte, trat Er als Schöpfer in Erscheinung; als Er sich mit Abraham beschäftigte, stellte Er sich ihm als der Allmächtige vor. Als Er mit Israel in Beziehung trat, offenbarte Er sich als Herr [Jehova, der ewig Seiende]. Alle diese verschiedenen Charaktereigenschaften bringen nur die unterschiedlichen Beziehungen Gottes zu Seinen Geschöpfen zum Ausdruck. Das, was Er war, kam darin nicht zum Ausdruck. Aber Gott als Vater hängt damit zusammen, dass es eine Drei-Einheit innerhalb der Gottheit mit ihren Beziehungen gibt. Und die Beziehung zwischen dem Vater und dem Sohn ist im Gegensatz zu dem Charakter Gottes als Schöpfer oder als Herr eine ewige Beziehung. Gott ist ewig Vater, und der Herr Jesus war vor Seiner Menschwerdung ewig Sohn. Und zwischen diesen beiden Personen der Gottheit kam in der Ewigkeit die Liebe Gottes in einer vollkommenen und ungestörten Art und Weise zur Entfaltung (Joh 17,24). Wahre Liebe ist auch in der Natur eine der höchsten Beziehungen, die es gibt; und innerhalb der völlig ebenbürtigen Personen der Gottheit bestand

Achim Zöfelt