Genau lesen (03) – Zeitrechnung im Johannesevangelium

Online seit dem 30.01.2006, Bibelstellen: Johannes 4,6

„Es war um die sechste Stunde“ (Johannes 4,6)

Welcher Zeitpunkt ist mit der sechsten Stunde an dieser Stelle gemeint? War es zwölf Uhr mittags, wie man es so häufig hört?

Dieser Frage wollen wir gerne untersuchen und dabei auch gleichzeitig einige grundsätzliche Bemerkungen über die Stundenberechnung im Neuen Testament treffen, deren Kenntnis sicherlich von Nutzen sein kann.

Die jüdische Stundenberechnung

Nach jüdischem Verständnis dauerte ein Tag von Abend (Sonnenuntergang) bis zum nächsten Abend, mit der Unterteilung von abends sechs Uhr bis morgens sechs Uhr und von morgens sechs Uhr bis abends sechs Uhr; für die Nacht und den Tag wurden folglich jeweils zwölf Stunden gerechnet. Natürlich kann die Zeitangabe von sechs Uhr für den Sonnenuntergang, und damit für den Beginn des neuen Tages, nur einen Durchschnittswert darstellen, da der Zeitpunkt des Sonnenuntergangs von der jeweiligen Jahreszeit abhängig ist (in Palästina variiert die Zeitdauer des Tages zwischen zehn und vierzehn Stunden). Die Annahme dieser Uhrzeit für den Sonnenuntergang ist aber im Allgemeinen üblich und kommt den tatsächlichen Verhältnissen auch sehr nahe, so dass es aus Vereinfachungsgründen bestimmt sinnvoll ist, bei der Umrechnung der jüdischen Zeitangaben von dieser Grundlage auszugehen. Die dritte Stunde entspräche dann der neunten unseres Tages, die sechste Stunde unserer zwölften usw.

Stundenangaben im Johannesevangelium

Diese Methode findet grundsätzlich im Neuen Testament Verwendung. Eine Ausnahme bildet allerdings das Evangelium nach Johannes. Dieses Evangelium ist bekanntlich wesentlich später als die anderen Evangelien geschrieben worden. Möglicherweise wurde es als letztes Buch der Bibel von dem greisen Apostel Johannes verfasst. Jedenfalls fällt seine Entstehungszeit nach der Zerstörung Jerusalems durch die Römer und der Zerstreuung der Juden. Er lebte daher in einer Zeit, wo das Judentum schwand und die römische Herrschaft und Verwaltung einen sehr weitreichenden Einfluss hatte. Die Empfänger seines Evangeliums waren außerdem solche aus den Nationen, was man aus der Tatsache ersehen kann, dass er aramäische Namen übersetzt (Joh 1,38.41.42), jüdische Gewohnheiten erklärt (Joh 4,9) und selbst bei bekannten Orten eine genaue Definition hinzufügt (Joh 5,2). Für einen Juden wären diese Angaben wohl kaum nötig gewesen.

Aus den genannten Gründen lässt es sich gut nachvollziehen, dass Johannes die Zeitrechnung der Römer – die grundsätzlich unserer entspricht – benutzte, welche von Mitternacht zu Mitternacht zählten, unterteilt in zweimal zwölf Stunden[1] Die Zeitangabe in Joh 19,14 kann auch nur unter dieser Voraussetzung plausibel erklärt werden. Dort wird berichtet, dass das Verhör des Herrn vor Pilatus um die sechste Stunde stattfand. Die anderen Schreiber der Evangelien liefern hierzu allerdings scheinbar widersprüchliche Angaben, denn der Zeitpunkt der Kreuzigung wird dort auf die dritte Stunde (Mk 15,25) und die damit verbundene Finsternis zwischen die sechste und neunte Stunde (Mt 27,45; Mk 15,33; Lk 23,44) gelegt. Setzt man aber eine unterschiedliche Stundenrechnung voraus, verschwinden die Schwierigkeiten (es ist allerdings zu bedenken, dass Jesus bei Sonnenaufgang vor das Synedrium gestellt wurde, danach wurde er zu Pilatus geführt, dann zu Herodes, schließllich wieder zu Pilatus, der das Urteil um die sechste Stunde fällte; es ist kaum denkbar, dass es 6.00 Uhr war, weil dann zu wenig Zeit für die ganzen Verhandlungen bleibt.)

Wenn Johannes an dieser Stelle die römische Methode anwandte, dann liegt die Schlussfolgerung nahe, daß er bei den anderen Zeitangaben in seinem Evangelium ebenso verfahren ist.

Im Folgenden wollen wir dieser Vermutung im Einzelnen nachgehen und zum Schluss unser besonderes Augenmerk auf die Stelle in Joh 4 richten, welche ja der Ausgangspunkt dieses Artikels ist.

Joh 1,39. Die „zehnte Stunde“ kann am besten auf den Morgen bezogen werden (römische Zeitrechnung), denn es wird ausdrücklich erwähnt, dass die Jünger jenen Tag bei ihm blieben. Würde man, gemäß jüdischem Verständnis, von nachmittags vier Uhr ausgehen, so wäre der Hinweis auf den „jenen Tag“ nicht so passend, denn schließlich würde er in diesem Falle nur noch zwei Stunden gedauert haben.

Joh 4,52. Sollte die genannte siebte Stunde mittags ein Uhr entsprechen, dann hätte sich der königliche Beamte sicherlich noch auf den Weg von Kana (vgl. Joh 4,46) nach dem ungefähr sieben Stunden entfernten Kapernaum (vgl. Joh 4,47) gemacht. In diesem Falle hätten seine Knechte ihn noch an demselben Tage getroffen und nicht davon sprechen können, dass seinen Sohn das Fieber gestern zur siebten Stunde verlassen hat. Es ist deshalb davon auszugehen, dass der Herr die Heilung des Knaben abends um sieben verkündigte. Aufgrund der hereinbrechenden Dunkelheit machte sich der Vater aber möglicherweise nicht mehr auf den weiten Weg, sondern wartete bis zum nächsten Tag. An diesem traf er unterwegs seine Knechte, welche ihm die frohe Botschaft ausrichteten, dass sein Kind am Vortag genesen war.

Erwähnt werden muss auch Joh 11,9: „Sind der Stunden des Tages nicht zwölf?“ Diese Angabe scheint sich eher  mit dem jüdischen Zeitverständnis zu decken, welche ja vom Abend bis zum Morgen und vom orgen bis zu Abend rechneten. Allerdings muss hier beachtet werden, dass Johannes diese Zeitangabe nicht als Berichterstatter trifft, sondern lediglich die Worte des Herrn Jesus wiedergibt. Abgesehen davon geht es an dieser Stelle doch hauptsächlich darum, den Tag im Gegensatz zur Nacht darzustellen, unabhängig von der Methode der Zeitermittlung.

Und William Kelly schreibt: „Das hilft auch bei der Erklärung der andernfalls sonderbaren Botschaft der Frau des Pilatus (Mt 27,19), worin sie sagt: ,Viel habe ich heute im Traum gelitten.‘ Für Procula als Römerin rechnete der Tag von Mitternacht zu Mitternacht, anscheinend wohl auch bei den Stundenangaben im gesamten Johannesevangelium, nicht jedoch bei den Synoptikern.“

Die sechste Stunde aus Joh 4,6

Schließlich verbleibt noch Joh 4,6. Viele nehmen an, wie schon zu Beginn erwähnt, dass die Frau zu der ungewöhnlichen Mittagszeit zum Wasserschöpfen gekommen ist, da sie aufgrund ihrer Sittenlosigkeit (Joh 4,18) von der Gesellschaft ausgegrenzt wurde und deshalb den Kontakt mit den anderen Frauen vermeiden wollte.

Doch die weitere Beschreibung dieses Ereignisses gibt keinerlei Veranlassung zu dieser Annahme. Sie verkehrt völlig frei mit den Bewohnern ihrer Stadt (Joh 4,29), ihrem Zeugnis wird sogar großes Vertrauen entgegengebracht (Joh 4,39.42).

Ferner müssen wir bedenken, dass der Mittag eine sehr ungewöhnliche Zeit war, um Einkäufe zu tätigen (Joh 4,8). Nebenbei sei noch bemerkt, dass das Mittagessen bei den Juden ohnehineine eher untergeordnete Bedeutung (vgl. 1. Kön 17,6) hatte; ihre Hauptmahlzeit bildete das Abendessen, welches nach getaner Arbeit eingenommen wurde (vgl. Lk 17,7).

Geht man hingegen von sechs Uhr abends (theoretisch möglich wäre auch, dass es sechs Uhr morgens war), gemäß der römischen Zeitrechnung, aus, so kann man alle Handlungen sehr gut in diesem Zeitrahmen unterbringen:

Die Frau ging zur üblichen Zeit zum Wasserschöpfen (1. Mo 24,11), Jesus setzt sich nach einer langen Tageswanderung ermüdet an der Quelle nieder, während seine Jünger zur gewöhnlichen Zeit für die Hauptmahlzeit Speise kauften.

Als Ergebnis können wir also folgende Aussage treffen:

Der Apostel Johannes wählt im Gegensatz zu den anderen neutestamentlichen Schreibern bei der Stundenberechnung die römische und nicht die jüdische Methode. Alle Zeitangaben in seinem Evangelium können besser in Übereinstimmung mit der römischen Berechnungsart gebracht werden, bei der Stelle in Joh 19,14 ist dies sogar eine zwingende Notwendigkeit. Das gilt nicht zuletzt auch für Joh 4,6.

___________________________________________________________________________

Grundsätzlicher Hinweis: Was die Stundenberechnung der Römer betrifft, gibt es unterschiedliche Ansichten. Nachfolgend einige Originalquellen mit Übersetzungen.

Honoratus, In Vergilii Aeneidos Libros 5.738.1

dies est plenus, qui habet horas viginti quattuor. nam et nox pars diei est. dicimus autem diem a parte meliore: unde et usus est,  ut sine commemoratione noctis numerum dicamus dierum. hic autem   dies secundum Aegyptios inchoat ab occasu solis, secundum Persas    ab ortu solis, secundum Etruscos et Athenienses a sexta hora diei,   secundum Romanos a media nocte.

„Ein Tag ist vollständig, der 24 Stunden hat. Denn auch die Nacht ist Teil des Tages. Besser zählt man aber den Tag schon ab dem Teil. Daher ist es Brauch, dass man ohne Nachdenken den Anteil der Nacht zu den Tagen zählt. So aber beginnt der Tag nach den Ägyptern vom Sonnenuntergang an, nach den Persern von Sonnenaufgang an, nach den Etruskern und Athenern von der sechsten Stunde des Tages an, nach den Römern von Mitternacht an.


Plinius, Naturalis Historia 2.188.1
Ipsum diem alii aliter observavere: Babylonii inter duos solis exortus, Athenienses inter duos   occasus, Vmbri a meridie ad meridiem, vulgus omne a   luce ad tenebras, sacerdotes Romani et qui diem finiere   civilem, item Aegyptii et Hipparchus a media nocte in  mediam.

„Den Tag selbst hat man auf die ein oder andere Art bestimmt. Die Babylonier zwischen zwei Sonnenaufgängen, die Athener zwischen zwei Sonnenuntergängen, die Umbrer von Mittag zu Mittag, das ganze Mischvolk von Morgen bis zum Abend, die römischen Priester und die den bürgerlichen Tag festlegen, genauso die Ägypter und Hipparchus: von Mitternacht zu Mitternacht“

Aulus Gellius, Noctes Atticae 3.3.1.

Populum autem Romanum ita, uti Varro dixit, dies  7.1 singulos adnumerare a media nocte ad mediam proximam   multis argumentis ostenditur. Sacra sunt Romana partim  8.1  diurna, alia nocturna; sed ea, quae inter noctem fiunt,   diebus addicuntur, non noctibus; quae igitur sex posteriori-  9.1  bus noctis horis fiunt, eo die fieri dicuntur, qui pr oximus   eam noctem inlucescit. Ad hoc ritus quoque et mos auspi-  10.1  candi ea ndem esse obseruationem docet: nam magistratus,   quando uno die eis auspicandum est et id, super quo auspicauerunt, agendum, post mediam noctem auspicantur et   post meridialem solem agunt, auspicatique esse et egisse  5  eodem die dicuntur. Praeterea tribuni plebei, quos nullum  11.1  diem abesse Roma licet, cum post mediam noctem proficiscuntur et post primam facem ante mediam sequentem   reuertuntur, non uidentur afuisse unum diem, quoniam ante   horam noctis sextam regressi parte aliqua illius in urbe  5  Roma sunt.   quoque Mucium iureconsultum dicere solitum legi  12.1  non esse usurpatam mulierem, quae, cum Kalendis Ianuariis   apud uirum matrimonii causa esse coepisset, ante diem IV.   Kalendas Ianuarias sequentes usurpatum isset: non enim  13.1  posse impleri trinoctium, quod abesse a uiro usurpandi   causa ex duodecim tabulis deberet, quoniam tertiae noctis   posteriores sex horae alterius anni essent, qui inciperet ex  Kalendis.

Varro's Bemerkung, dass das römische Volk unter dem Begriff „Tag“ die Zeit von einer Mitternacht zur andern gezählt habe, ist durch tatsächliche Beweise vielfach belegt. 8. Bei den Römern finden Opferverrichtungen teils bei Nacht teils bei Tage statt. Die Opfer aber, welche während der Nacht verrichtet wurden, zählte man nicht zur Nacht, sondern allemal zum folgenden Tag; 9. Fällt also die Opferfeierlichkeit auf die sechs späteren Nachtstunden (nach Mitternacht), so gehören sie zu dem folgenden, d.h. zum nach dieser Nacht anbrechenden Tag. 10. Dieser fest angenommene Zeitmaßstab findet seine klare Bestätigung auch noch in den feierlichen Gebräuchen bei Auspizien. Denn wenn z. B. Magistratspersonen eine eintägige Vogelschau vorzunehmen und die betreffenden Beobachtungen während dieser Frist anzustellen hatten, so begannen sie mit ihrem Werke nach Mitternacht und beendeten es oft erst nach der Mittagszeit, solange die Sonne noch hoch oben am Himmel steht: trotzdem aber wurde angenommen, dass sie ihre Beobachtungen im Zeitraum ein und desselben Tages begonnen und vollendet hätten. 11. Außerdem: Wenn die Volkstribunen, die einen ganzen Tag lang nicht aus Rom weg sein dürfen, nach Mitternacht die Stadt verlassen und nach dem ersten Anzünden der Lampen am folgenden Tag, aber vor Mitternacht, als nicht mehr als einen Tag abwesend gerechnet  werden, weil sie keinen ganzen Tag abwesend waren, da sie vor der Vollendung der sechsten Stunde der Nacht zurückkehrten und für einen Teil dieses Tages in der Stadt Rom waren.  12 Ich habe gelesen, dass Quintus Mucius, der Jurist, auch sagte, dass keine Frau ihre Ehelosigkeit bekam, die nach einer ehelichen Beziehung mit einem Mann an dem Tag, der Kalenden genannt wird (Anfang Januar), diese wieder beendet hatte, um sich zu trennen. Deswegen nicht, da die Frist am vierten Tage vor den Kalenden des folgenden Januar, für die von den zwölf Gesetzen vorgeschriebene Dauer von drei Nächten, die eine Frau von ihrem Mann zur Erlangung der Unabhängigkeit , noch nicht vollendet waren. Denn die letzten sechs Stunden der dritten Nacht zählten zum nächsten Jahr, das am ersten Januar begann.

Plutarchus Aetia Romana et Graeca (263d-304f)

Hier nur die Übersetzung:

Warum rechnet man den Beginn des Tages ab Mitternacht? Liegt es daran, dass der römische Staat ursprünglich auf einer militärischen Organisation basierte und die meisten Angelegenheiten, die für Feldzüge von Nutzen sind, schon nachts angefangen werden? Oder machte man den Sonnenaufgang zum Beginn der Aktivität und die Nacht zum Beginn der Vorbereitung? Denn Männer sollten vorbereitet sein, wenn sie handeln, und nicht ihre Vorbereitungen erst während der Handlung machen, wie Myson, der eine Korngabel im Winter bildete, soll Chilon der Weise bemerkt haben. Oder, gerade als die Mittagszeit für die meisten Menschen das Ende ihrer öffentlichen oder seriösen Geschäfte war, schien es ebenso gut, Mitternacht den Anfang zu machen? Ein gewichtiges Zeugnis dafür ist die Tatsache, dass ein römischer Beamter nach Mittag keine Verträge oder Vereinbarungen trifft. Ist es etwa unmöglich, Anfang und Ende des Tages mit Sonnenuntergang und Sonnenaufgang gleichzusetzen? Denn wenn wir der Methode folgen, mit der die meisten Menschen ihre Einteilungen durch ihre Wahrnehmungen ausdrücken, den ersten Blick der Sonne über den Horizont als den Beginn des Tages und das Abschneiden ihrer letzten Strahlen als den Beginn der Nacht berechnen, haben wir keine Tagundnachtgleiche; aber die Nacht, die dem Tag am nächsten kommt, wird um den Durchmesser der Sonne weniger sein als an diesem Tag. Aber dann kommt wieder die Lösung, die die Mathematiker auf diese Anomalie anwenden, indem sie festlegen, dass der Augenblick, wo die Sonnenmitte den Horizont berührt, die Grenze zwischen Tag und Nacht ist. Das ist eine Verkennung der Realität; denn das Resultat wäre, dass, wenn noch viel Licht über der Erde ist und die Sonne auf uns scheint, wir dann nicht sagen könnten, dass es noch Tag ist, sondern sagen müssten, dass es sei schon Nacht. Da also der Beginn von Tag und Nacht bei den Aufgängen und Sonnenuntergängen wegen der erwähnten Irrationalitäten schwer zu bestimmen ist, bleibt der Zenit oder der Tiefpunkt der Sonne als Anfang übrig. Das Zweite ist besser; denn von Mittag an ist der Weg der Sonne von uns weg zu seinem Tiefpunkt, aber von Mitternacht an ist ihr Lauf zu uns zu seinem Höhepunkt.


Fußnoten:

  1. Wir haben natürlich die 24-Stundenzählung, während die Römer mit 2x12 Stunden gerechnet haben. Aber unsere Berechnung fängt, wie bei den Römern auch, um Mitternacht an. Heutzutage wird minutengenau abgerechnet. Damals orientierte man sich an der Dunkelheit und am Tageslicht. Die dunkle Phase wurde in 12 Abschnitte eingeteilt und die helle Phase auch. Da die Tage im Jahr nicht alle gleich lang sind, sind somit auch die „Stunden“ unterschiedlich lang gewesen, man spricht deshalb hier auch von Temporalstunden.

Gerrid Setzer