Genau lesen (53) - Das Vaterunser

Online seit dem 24.11.2007, Bibelstellen: Matthäus 6,9-15; Lukas 11,2-4

Das so genannte Vaterunser wird oft gemeinsam von Christen aufgesagt. Ich möchte einmal im Blick auf diese Tradition einige Punkte zu bedenken geben:

  • Das Vaterunser wird im Zusammenhang mit einem persönlichen Gebet (siehe Matthäus 6,6) und nicht mit einem gemeinsamen, öffentlichen Gebet genannt.
  • In der Bergpredigt wendet sich der Herr in erster Linie an die Jünger, die aus dem Judentum kamen. Das darf man nicht außer Acht lassen. Typisch christliche Segnungen (Ewiges Leben, Heiliger Geist, Versammlung) werden nicht einmal erwähnt.
  • Mit dem vorigen Punkt eng verbunden ist der Gedanke, dass formale Gebete zu einem Christen nicht passen. Er betet in der Freiheit und Kraft des Heiligen Geistes. Das entspricht seiner Stellung!
  • Christen betet um das Kommen des Herrn Jesus (Offenbarung 22,20) und nicht (einfach) um das Kommen des Reiches
  • Der Herr hat in diesem Zusammenhang ausdrücklich darauf hingewiesen, dass man nicht gedankenlos beten soll (Matthäus 6,7). Doch wird das nicht die Folge sein, wenn man immer und immer wieder das Vaterunser gemeinsam aufsagt?
  • Es gibt zwei Versionen des Vaterunsers (Matthäus 6,9–15 und Lukas 11,2–4). Auch das spricht nicht dafür, dass man es gemeinsam aufsagen soll. Denn wenn die eine Hälfte sich an Lukas und die andere sich an Matthäus orientiert, dann gibt’s ein Durcheinander.
  • Das Gebet ist natürlich auch nicht für Ungläubige bestimmt, sondern für solche, die dem Herrn nachfolgen und den Vater im Himmel kennen. Das erweist sich auch manchmal als Problem bei dem gemeinsamen Aufsagen.

Natürlich ist das Vaterunser absolut vollkommen. So wie das ganze Wort Gottes vollkommen ist. Und doch müssen wir ja immer den Kontext beachten, wenn wir Passagen aus der Schrift in unser Leben hineinnehmen möchten.

Gerrid Setzer